Gewalt gegen Frauen: Information

 

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat WELTWEIT mehr als jede dritte Frau (35 Prozent) in ihrem Leben bereits sexuelle, physische oder psychische Gewalt innerhalb oder außerhalb von Partnerschaften erlebt. Besonders häufig seien Übergriffe in großen Teilen Asiens und im Nahen Osten. Dort sind zwischen 37 und 38 Prozent aller Frauen betroffen, in Europa, den USA und anderen Wohlstandsregionen gut 23 Prozent. Die WHO kritisierte das Fehlen von Normen in vielen Gesellschaften, die eine Ächtung der Gewalt gegen Frauen zum Ziel haben. In einigen Gesellschaften gehöre Gewalt gegen Frauen sogar zum sozialen Regelwerk. Einer Studie der Vereinten Nationen zufolge leben über 603 Millionen Frauen in Ländern, in denen häusliche Gewalt kein Verbrechen ist. Laut Amnesty International ist sexuelle Gewalt gegen Frauen die häufigste Menschenrechtsverletzung überhaupt.

Wie aus dem jüngsten, im November 2021 veröffentlichten Bericht des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in Wien hervorgeht, wurden von 81.000 geschätzten weiblichen Tötungsopfern im Jahr 2020 47.000 von einem Partner oder Verwandten umgebracht. Demnach kam alle elf Minuten eine Frau oder ein Mädchen gewaltsam im privaten Umfeld zu Tode.

Rund 20 Prozent der weiblichen Flüchtlinge seien von sexuellem Zwang, Übergriffen und Vergewaltigungen betroffen, erklärte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, am 26. November 2021 in Genf und rief zu einem besseren Schutz von Mädchen und Frauen vor sexualisierter Gewalt auf. Infolge der Pandemie habe sich ihre Lage noch verschlimmert. Wegen Schulschließungen hätten etwa Mädchen Schutzräume verloren.

Im Zentrum des am 14. April 2021 veröffentlichten UNFPA-Weltbevölkerungsberichts 2021 „Mein Körper gehört mir: Das Recht auf Autonomie und Selbstbestimmung einfordern“ steht das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und Unversehrtheit von Mädchen und Frauen.

Wie eine neue, Anfang März 2014 veröffentlichten Studie der europäischen Grundrechteagentur (FRA) zeigt, hat jede dritte der in der EUROPÄISCHEN UNION lebenden Frauen seit ihrer Jugend schon körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt – in absoluten Zahlen sind das 62 Millionen. Fünf Prozent davon seien vergewaltigt worden.

Nach Angaben von Terre des Femmes erleidet in DEUTSCHLAND jede vierte Frau im Alter von 26 bis 85 Jahren mindestens einmal körperliche und/oder sexuelle Übergriffe durch einen Beziehungspartner. Wie die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) berichtet, suchen rund 20.000 Frauen und fast genauso viele Kinder jedes Jahr Zuflucht in einem der bundesweit 350 Frauenhäuser.

Laut der am 24. November 2022 in Berlin vorgestellten jüngsten Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) waren im Jahr 2021 in Deutschland 115.342 Frauen von Partnerschaftsgewalt betroffen. Durchschnittlich an jedem dritten Tag wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet.

Wie aus einem am 15. Juli 2021 veröffentlichten Schattenberichts an ein Expertengremium des Europarats (Grevio), das die Einhaltung der Istanbul-Konvention überwacht, zur Umsetzung der Istanbul-Konvention in Bezug auf geflüchtete Frauen und Mädchen in Deutschland hervorgeht, der von Pro Asyl, Flüchtlingsräten und der Universität Göttingen erstellt wurde, hat Deutschland die Istanbul-Konvention nur mangelhaft umgesetzt. Weibliche Asylsuchende und ihre geschlechtsspezifischen Fluchtgründe werden kaum in den Blick genommen.

Das Bundesfamilienministerium veröffentlichte im Jahr 2005 die umfassende Studie Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland, auf die bis heute in vielen Untersuchungen und Berichten Bezug genommen wird. Es handelt sich um die erste repräsentative Befragung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland.

Die Zwangsverheiratung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung, in Deutschland mittlerweile sogar ein eigener Straftatbestand, dennoch wird sie auch hier tausendfach praktiziert. Junge Frauen und Männer, in der Regel aus streng religiösen, muslimischen Familien werden – oft unter Androhung von Gewalt – zur Ehe gezwungen. Viele dieser Ehen werden in den Herkunftsländern der Betroffenen geschlossen. Dem Tatbestand der schweren Nötigung folgen somit noch die Freiheitsberaubung und Verschleppung. Der UN-Bevölkerungsfonds (United Nations Population Fund UNFPA) hat in seinem Bericht von 2012 Marrying too young. End child marriage darauf hingewiesen, dass ein Drittel der Mädchen in Entwicklungsländern (außer China) verheiratet sein werden, bevor sie 18 Jahre alt sind. Eines von neun Mädchen wird sogar noch nicht einmal 15 Jahre alt sein. Einer Schätzung des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen zufolge sollen im nächsten Jahrzehnt jährlich 14,2 Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet werden. Das sind täglich 39.000 Mädchen, die dadurch in ihren Rechten beschnitten werden, wie sie in der UN-Kinderrechtskonvention festgehalten sind. Wegen des starken Bevölkerungswachstums in Afrika werden dort nach einem am 26. November 2015 veröffentlichten Unicef-Bericht immer mehr Mädchen schon als Kinder zwangsverheiratet. Wenn der Trend anhalte, werde sich die Zahl der zu Ehen gezwungenen Minderjährigen bis 2050 von derzeit 125 Millionen auf 310 Millionen mehr als verdoppeln. Laut einem am 7. Juni 2019 veröffentlichten Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef ist der Anteil der Frauen, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet waren, im vergangenen Jahrzehnt von 25 auf 21 Prozent gefallen. Insgesamt gebe es rund 765 Millionen minderjährig verheiratete Eheleute. Davon seien etwa 650 Millionen Mädchen. Etwa 115 Millionen der heute 20 bis 24 Jahre alten Männer seien bei ihrer Hochzeit Kinder gewesen. Etwa ein Fünftel (23 Millionen) sei damals 15 Jahre oder jünger gewesen. Laut dem am 30. Juni 2020 veröffentlichten Weltbevölkerungsbericht der Vereinten Nationen wird jedes fünfte Mädchen weltweit vor seinem 15. Lebensjahr verheiratet, 33.000 Kinder an jedem Tag.

Laut einer Mitteilung der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ vom 24. November 2020 wurden in Deutschland trotz des „Gesetzes zur Bekämpfung von Kinderehen“, das seit 2017 ein Mindestalter von 18 Jahren zur Schließung einer Ehe festlegt, innerhalb der letzten drei Jahre offiziell 1.232 Frühehen registriert. Die meisten Früh- und Zwangsverheiratungen fänden jedoch im Rahmen von religiösen und traditionellen Zeremonien statt, die statistisch nicht offiziell erfasst werden.

„Ehrenmorde“ liegen dann vor, wenn ein Familienmitglied aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus getötet werden soll, um der Familienehre gerecht zu werden. Durchgängige Ursachen sind die starre Verwurzelung in vormodernen agrarischen Wirtschafts- und Sozialstrukturen und das damit verbundene extrem patriarchalische Familienverständnis. Das Verständnis der Rolle der Frau ist in diesen Familienstrukturen teilweise mit Unterdrückung und extremer Reglementierung verbunden.  Für das Jahr 2000 erfassten die UN etwa 5000 „Ehrenmorde“ weltweit, wobei jede offizielle Zahl wohl nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Die tatsächliche Zahl liegt weit höher, Schätzungen reichen 10.000 bis 100.000 solcher Morde. Denn nur die wenigsten Fälle kommen vor Gericht. Für Deutschland hat das Bundeskriminalamt für den Zeitraum von 1996 bis 2005 55 Fälle von Ehrenmord erfasst.

Literatur:

Nach Angaben der Stiftung für Säure-Überlebende in Indien gibt es jährlich Hunderte Säureattacken. Meistens sind die Opfer Frauen, die wegen ausgeschlagener Heiratsanträge, fehlender Mitgift oder dem Verdacht der Untreue von ihren Freunden oder den eigenen Ehemännern angegriffen werden. Die Bewegung „Stop Acid Attacks“ („Stoppt die Säureattentate“) schätzt, dass in Indien mindestens 1000 Frauen im Jahr von Männern mit Säure überschüttet werden.  Ebenso viele sind es in Pakistan. Dessen Menschenrechtskommission registrierte 2013 ebenfalls knapp 1000 Fälle. Kolumbien ist nach Angaben des Internet-Portals Feminicidio.net, gemessen an der Zahl der Einwohnerinnen, das Land mit den meisten Säureattacken. In dem von Drogengewalt und Guerillakrieg gezeichneten südamerikanischen Land ist die Zahl von Säureangriffen auf Frauen in den vergangenen Jahren stark gestiegen. In Bangladesch wurden seit 2002 mehr als 3000 Frauen mit Säure getötet oder entstellt, berichtete die Organisation Acid Survivors Foundation (ASF) im August 2013.

Literatur:

  • Ann-Christine Woehrl, Laura Salm-Reifferscheidt, Un/Sichtbar In/Visible, Lammerhuber Verlag, Wien 2014

Film:

  • Sharmeen Obaid-Chinoy, A Girl in the River – The Price of Forgiveness

Vergewaltigung im Krieg ist nicht nur eine besonders perverse Form der Kriegführung, sondern eine erschreckende, traumatisierende Alltagserfahrung von Frauen in vielen Ländern weltweit. Der Gynäkologe Denis Mukwege aus der Demokratischen Republik Kongo, der im Jahr 2013 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wird, hat sein Leben dem Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigung als Kriegsmittel gewidmet. „Diejenigen, die diese Verbrechen begehen, zerstören das Leben in seinem Ursprung“, betont Mukwege. Oft könnten die Opfer keine Kinder mehr bekommen, würden mit Aids infiziert, ihre Ehemänner würden gedemütigt. „So zerstören die Verbrecher das soziale Gefüge ihrer Feinde, ohne die Frau selbst zu töten.“

 

Vgl. auch 34. Kalenderwoche: Moderne Formen der Sklaverei: Leibeigenschaft, Zwangsarbeit, Menschenhandel

 


RSS