39. Kalenderwoche (21.–27. September 2020)

11. September: Tag der Wohnungslosen
5. Oktober 2020: Welttag des Wohn- und Siedlungswesens (Habitat-Tag)

 

Unzureichende bzw. überdimensionierte Wohnverhältnisse

 

Wehe dem, der sich sein Haus mit Ungerechtigkeit erbaut,
seine Obergemächer mit Unrecht;
der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt,
ihm seinen Lohn nicht gibt;
der denkt: „Ich baue mir ein ausgedehntes Haus
und weite Obergemächer!“;
der Fenster daran ausbricht
und es mit roter Farbe streicht.
(Jeremia, Prophet, 7. Jahrhundert v. Chr. / Jeremia 22,13-14; Übersetzung: Georg Fohrer)

„Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“
Parole des von Georg Büchner verfassten, im Juli 1834 gedruckten Hessischen Landboten, einer Flugschrift, die die hessische Landbevölkerung zur Revolution gegen die Unterdrückung aufrief
. [Die Parole war ein Kampfruf der französischen Revolutionsarmee («Guerre aux palais! Paix aux chaumières!»), der auf den jakobinischen Schriftsteller Nicolas de Chamfort zurückgeht.]

„In Marinaleda (ein Dorf mit 2800 Einwohnern im Süden Andalusiens, das dem Neoliberalismus keinen Zutritt gewährt; C.P.) verliert kein einziger Mensch seine Wohnung, da das Dorf und die Genossenschaft Wohnraum für alle bezahlbar machen. […] Die Häuser erwecken Neid in ganz Spanien, denn sie sind das beste Gegenbeispiel für all jene, die behaupten, dass der Antikapitalismus Utopie ist. Marinaleda stellt jedem Dorfbewohner ein Grundstück zur Verfügung, gratis. Über ein Programm der andalusischen Regierung wird das Baumaterial bezuschusst, Architekt und Maurer bezahlt die Dorfgemeinschaft. Die restlichen Kosten betragen ca 50.000 Euro, 100.000 Euro weniger als in den übrigen Gemeinden. Um diesen Betrag abzuzahlen müssen die Dorfbewohner jeden Monat 15 Euro entrichten. Durch diesen niedrigen Betrag wird sichergestellt, dass kein Mensch in Marinaleda in Armut leben muss und dass die Häuser nicht verkauft, sondern nur vererbt werden. In Marinaleda gilt eine Weisheit, die der Rest der Welt vergessen zu haben scheint: ‚Wohnen ist ein Menschenrecht und keine Ware, mit der Handel betrieben werden kann.'“ (Aus: Jules Jamal El-Khatib, Das Wunder von Marinaleda Vollbeschäftigung im sozialistischen Dorf, erschienen am 2. März 2012 in der Internetzeitung „Die Freiheitsliebe“).

TECHO PARA TODOS („Ein Dach für jeden“), Aufschrift auf dem Plakat einer Demonstrantin 2016 in Madrid.

„Seit die Städte zur Beute der globalen Spekulation geworden sind, steht Wohnen nicht mehr für die Idee eines lebensgeschichtlich bedeutsamen Zuhauses, sondern allein noch für die exorbitanten Renditeerwartungen von Investoren.“ (Thomas Gebauer, Geschäftsführer der sozialmedizinischen Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international, in: medico-rundschreiben 03/16, S. 5)

„Wohnungslosigkeit ist die extremste Form von Ausgrenzung, deswegen muss das Recht auf eine Wohnung im Mittelpunkt der Anstrengungen stehen“, fordert Werena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BagW); zitiert aus: Straßenkreuzer. Das Sozialmagazin, Oktober 2017, Seite 6

Jeder Mensch hat das Recht auf einen Lebensstandard, der Gesundheit und Wohl für sich selbst und die eigene Familie gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust der eigenen Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände.
Artikel 25, Abs. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen

Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden auf einen angemessenen Lebensstandard für sich und seine Familie an, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung und Unterbringung, sowie auf eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Vertragsstaaten unternehmen geeignete Schritte, um die Verwirklichung dieses Rechts zu gewährleisten, und erkennen zu diesem Zweck die entscheidende Bedeutung einer internationalen, auf freier Zustimmung beruhenden Zusammenarbeit an.
Artikel 11, Abs. 1 des UN-Sozialpakts

(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig.
Aus Artikel 14 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland

„Das Recht auf Wohnen muss im Grundgesetz verankert und praktisch umgesetzt werden. […] Der Artikel 13, Absatz 1 des Grundgesetzes: Die Wohnung ist unverletzlich. Muss ergänzt werden: Jeder Mensch hat das Recht auf eine Wohnung.“ (Aus dem am 27. Juli 2018 auf dem Plenum des Wohnungslosentreffens 2018 in Freistatt, Niedersachsen, beschlossenen „Fünf-Punkte-Programms“)

„Jeder Mensch braucht eine Wohnung“
Motto der Herbstsammlung der Diakonie Bayern vom 15. bis 21. Oktober 2018 für die Wohnungslosenhilfe

„Die Reichen wohnen, wo sie wollen, die Armen, wo sie müssen.“ (Hartmut Häußermann, 1943–2011, deutscher Soziologe und Stadtforscher)

 

INFORMATIONEN

 

„In der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, in der wir leben, ist auch das Wohnen eine Ware und unterliegt der Logik des Marktes und der Profitmaximierung. Die Folgen dieser Logik erleben wir immer deutlicher in unseren Städten: teure Großprojekte, ‚gated communities‘ und Konsumzwang auf der einen, Verdrängung Wohnungsloser, Ansiedlung von Migrant_innen in Heimen an der Peripherie und steigende Mieten, die sich immer weniger Menschen leisten können, auf der anderen Seite. Städte verwandeln sich in Unternehmen mit eigenem Marketing, das helfen soll, ein investitionsfreundliches Klima zu schaffen. In Zeiten der Finanzkrise verschärft sich die Situation noch weiter: Immobilien gelten als sichere Investition, die Rede ist vom ‚Betongold‘ als hohe Rendite versprechender Geldanlage.“ (Julia Lis, Wem gehört die Stadt?, in: Rundbrief 40 des Instituts für Theologie und Politik  vom Dezember 2013, S. 6)

 

UNZUREICHENDE WOHNVERHÄLTNISSE

Wenn wir die ganze Menschheit auf ein Dorf von 100 Einwohnern reduzieren und auf die Proportionen aller bestehenden Völker achten würden, so hätten 80 Personen keine ausreichenden Wohnverhältnisse. (Quelle: Google-Stichwort: Wenn die Welt ein Dorf wäre)

Nach Schätzungen der UN lebt immer noch jeder vierte Mensch in schlechten und gesundheitsgefährdenden Verhältnissen. Allein die Zahl der Slumbewohner ist in den vergangenen zehn Jahren noch einmal um 55 Millionen auf 827,6 Millionen Menschen gestiegen. Durch Armut und Arbeitslosigkeit, aber auch durch verheerende Naturkatastrophen leben immer mehr Menschen in beengten und menschenunwürdigen Wohnverhältnissen und sind Krankheiten ausgesetzt.

Nach Schätzungen von Unicef wachsen weltweit mittlerweile rund eine Milliarde Kinder und Jugendliche in Städten auf – das ist fast die Hälfte aller Kinder. Jedes Dritte von ihnen lebt in einem überbevölkerten Slum. Diese Kinder haben meist keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen, Elektrizität, Gesundheitsversorgung oder Schulen. Dies ist Ergebnis des Unicef-Berichts Zur Situation der Kinder in der Welt 2012.
Weltweit leben etwa 150 Millionen Kinder auf der Straße, schätzen die Vereinten Nationen. Genau Zahlen darüber fehlen. Die meisten Straßenkinder leben vermutlich in Indien: elf Millionen, Tendenz steigend. (Quellen: Unesco, Homelessworldcup, Childline India)
In einer Studie aus dem Jahr 2017 geht das Deutsche Jugendinstitut e.V. davon aus, dass in Deutschland an die 300 Kinder unter 14 Jahren und geschätzte 6000 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren auf der Straße leben. Im Alter zwischen 18 und 20 Jahren kommen noch einmal über 12.000 junge Menschen dazu. Da das Alter des Großteils dieser jungen Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben, über 14 Jahren liegt. spricht man hierzulande allerdings eher von Straßenjugendlichen.

Im Winter 2015/2016 waren in New York 57.000 wohnsitzlose Menschen in den städtischen Unterkünften untergebracht, um die 4000 Menschen leben nach offiziellen Schätzungen auf der Straße, so viele wie seit den Zeiten der großen Depression in den 30er Jahren nicht mehr.

Im landesweiten Vergleich ist Los Angeles die „amerikanische Hauptstadt der Obdachlosen“ (Eric Garcetti, Oberbürgermeister von Los Angeles). Wie die Obdachlosenhilfe am 31.Mai 2017 mitteilte, leben in Los Angeles knapp 58.000 Menschen auf der Straße (23 Prozent mehr als 2016).

Laut dem neuesten Bericht der European Federation of National Organisations working with the Homeless (Feantsa), der europäischen Dachorganisation der Wohnungslosenhilfe, vom 21. März 2017 ist die Zahl der Wohnungslosen in den letzten Jahren in fast allen EU-Ländern gestiegen; nur in Finnland sank sie um zehn Prozent. 2012 ging die EU von europaweit 4,1 Millionen Menschen ohne festen Wohnsitz aus.

In Großbritannien sind laut einem Bericht der britischen Obdachlosenorganisation Crisis derzeit (August 2017) schätzungsweise 236.000 Menschen, darunter 50.000 Kinder, von Obdachlosigkeit betroffen. Davon schlafen rund 9100 Menschen auf der Straße. Bis 2026 könnte sich diese Zahl auf 16.000 Menschen erhöhen. Als Hauptfaktoren für diese Entwicklung sieht die Organisation eine wachsende Armut sowie mangelnden erschwinglichen Wohnraum.

In Paris leben mehr als 3500 Obdachlose. Dies hat eine großangelegte Zählung durch Freiwillige ergeben, wie die Stadtverwaltung am 11. Februar 2020 mitteilte. Die Dunkelziffer dürfte nach Angaben von Hilfsorganisationen aber deutlich höher sein.

Laut einer am 11. November 2019 veröffentlichten Mitteilung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) waren im Jahr 2018 ca. 678.000 Menschen (Jahresgesamtzahl) in Deutschland ohne Wohnung. Gegenüber 2017 bedeutet dies einen Anstieg um 4,2 Prozent. Dabei stieg die Zahl der wohnungslosen Menschen ohne Einbezug wohnungsloser anerkannter Geflüchteter um 1,2 Prozent auf 237.000. Die Zahl der wohnungslosen anerkannten Geflüchteten, die etwa in Gemeinschaftsunterkünften oder dezentraler Unterbringung lebten, stieg um 5,9 Prozent auf 441.000. Der Studie zufolge lebten 2018 etwa 41.000 Menschen als Obdachlose ohne jegliche Unterkunft auf der Straße.

Seit 2014 ist die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland um 90 Prozent gestiegen. Bundesweit sind es etwa 680 000, allein in Berlin fast ein Viertel Familien mit Kindern (Quelle: Zuhause gesucht. Wohnungslose Familien in Deutschland).

Freiwillige haben in Berlin insgesamt 1976 Obdachlose gezählt, wie Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am 7. Februar 2020 erklärte. Die Dunkelziffer dürfte nach Angaben von Hilfsorganisationen aber deutlich höher sein.

In Deutschland geht die relative hohe Belastung der einkommensschwachen Haushalte durch Miete und Nebenkosten mit relativ bescheidenen Wohnverhältnissen Hand in Hand. Je niedriger das Haushaltsnetto, desto älter, kleiner und schlechter ausgestattet sind im Schnitt die Wohnungen. Das geht aus der im September 2017 veröffentlichten Untersuchung Wohnverhältnisse in Deutschland – eine Analyse der sozialen Lage in 77 Großstädten. Bericht aus dem Forschungsprojekt „Sozialer Wohnversorgungsbedarf“ der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Während Gutverdiener im Schnitt 52,5 Quadratmeter pro Person zur Verfügung haben, sind es in armutsgefährdeten Haushalten nicht einmal 37 Quadratmeter. Noch krasser fallen die Unterschiede zwischen dem untersten und dem obersten Zehntel der Einkommensverteilung aus: Erstere müssen mit  23 Quadratmetern pro Person auskommen, letztere erfreuen sich einer beinahe dreimal so großen Fläche von 65 Quadratmetern. Unter dem Strich haben 830.000 Haushalte weniger als 20 Quadratmeter pro Person zur Verfügung und leben laut Studie damit in prekären Wohnverhältnissen.

Wie das Statistische Bundesamt am 14. Januar 2019 mitteilte, lebten im Jahr 2017 sieben Prozent der Bevölkerung in Deutschland in einer überbelegten Wohnung, das heißt, der Haushalt verfügte über zu wenige Zimmer im Verhältnis zur Personenzahl. Vergleichsdaten der EU-Statistikbehörde Eurostat zeigen, dass in den Nachbarländern der Wohnraummangel im Jahr 2017 zum Teil noch deutlich größer war. So lebten zum Beispiel in Polen 41 Prozent der Bevölkerung in einer überbelegten Wohnung. In Österreich waren es 15 Prozent und in Frankreich acht Prozent der Bevölkerung. Im EU-Schnitt liegt die Überbelegungsquote bei 16 Prozent.

Wie aus Zahlen des Europäischen Statistikamts Eurostat hervorgeht, die von der Linken-Bundestagsfraktion ausgewertet wurden, lebten im Jahr 2017 in Deutschland 21,2 Prozent der Menschen mit einem Einkommen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in einer zu feuchten Wohnung. Bei Menschen mit höherem Einkommen waren es 10,8 Prozent.

Die genaue Zahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland ist unbekannt. Es gibt zwei aktuelle Schätzungen zu jeweils einem Stichtag in 2018. Die eine geht von zwischen 313.000 und 337.000 wohnungslosen Menschen aus, die andere von 542.000. Wohnungslos heißt, dass diese Men­schen keine mietvertraglich abgesicherte Wohnung oder kein Wohneigentum haben.

Das Menschenrecht auf Wohnen, wie es im UN-Sozialpakt formuliert ist, zielt darauf ab, dass der Staat allen Menschen in seinem Land eine ange­messene Unterkunft ermöglicht. Das kann er zum Beispiel gewährleisten durch eine soziale Woh­nungsbaupolitik, den gesetzlichen Mieterschutz, Sozialleistungen oder auch durch die kurzfristige Notunterbringung. Die derzeitige Rechtsprechung in Deutschland hält für die ordnungs­rechtliche Unterbringung sehr einfache, minimale Wohn- und Versorgungsstandards für ausreichend. Dies kollidiert bei länger andauernder Unterbringung mit den menschenrechtlichen Anforderungen an angemessenes Wohnen, die auch für die ordnungsrechtliche Unterbringung wohnungsloser Menschen in Deutschland gelten. Minimalstandards sind somit grund- und menschenrechtlich nicht ausreichend.

Aus der Kurzfassung des zum 10. Dezember 2019 veröffentlichten Menschenrechtsberichts 2019 des Deutschen Instituts für Menschenrechte (ein Schwerpunkt ist in diesem Jahr die Situation der Wohnungslosen)

 

Literatur:

Film:

  • „Push – Für das Grundrecht auf Wohnen“ (Regie: Fredrik Gertten); Kinostart: 6. Juni 2019

Weitere Medien:

  • Misereor-Ausstellung „Daheim auf 2 qm – Vom Leben im Käfig“

 

ÜBERDIMENSIONIERTE WOHNVERHÄLTNISSE

Zwei Drittel aller Wohngebäude in Deutschland sind inzwischen Einfamilienhäuser, inklusive der Zweifamilienhäuser sind es sogar 83 Prozent. (Publik-Forum Nr. 6/2019)
Laut einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 16. April 2019 besaßen Anfang 2018 31 Prozent der privaten Haushalte in Deutschland Anfang 2018 Einfamilienhäuser. Damit war das Einfamilienhaus weiterhin die häufigste Form des Immobilienbesitzes.

Derzeit (Februar 2019) wird die Villa „L’Echauguette“ (Erkertürmchen) in Monaco für 110 Millionen Euro zum Verkauf angeboten. Sie steht auf einem Felsvorsprung und gehörte einst der Familie von Francois Blanc, dem Gründer der berühmten Spielbank Monte-Carlo. Die Wohnfläche von 700 Quadratmetern erstreckt sich auf sechs Stockwerke, umgeben von 550 Quadratmetern Grundstück samt Swimmingpool.

Das größte und teuerste Einfamilienhaus der Welt steht in Mumbai in Indien: Im teuersten Viertel der Metropole ließ sich der indische Petro-Milliardär Mukesh Ambani die Rekord-Residenz „Antilia“ errichten, ein vertikaler Glaspalast, oder, wie seine Frau Nita in Vanity Fair sagte, „ein modernes Haus mit einem indischen Herzen“. Auf 173 Metern Höhe verteilen sich 27 Stockwerke, fünf allein für den Fuhrpark. Mit seiner Frau und drei Kindern lebt Mukesh Ambani auf 37.000 Quadratmetern – das ist mehr als die Fläche des Versailler Schlosses. Das Chicagoer Architekturbüro Perkins und Will mixte Futurismus mit Anklängen an die legendären „Hängenden Garten Babylons“. 2010 wurde das Gebäude pompös eingeweiht. Es soll mehr als eine Milliarde Dollar (752 Millionen Euro) gekostet haben. Vom Wohnturm aus schweift der Blick über das Arabische Meer und Mumbais ausgedehnte Elendsviertel. Tycoon Ratan Tata, einer der Ehrengäste, bezeichnete das Gebäude einmal als „Stoff, aus dem Revolutionen“ entstehen.

Der Biotechnologie-Industrielle Cyrus Poonawalla hat das sogenannte Lincoln House in Mumbai für umgerechnet 100 Millionen Euro gekauft. Er werde mit seiner Familie in den Palast direkt am Meer einziehen, sagte Poonawalla im September 2015 der indischen Zeitung „Times of India“.

Prinzessin Latifa Bin Fahd bin Abdulasis al Saud, eine der Töchter des verstorbenen Königs Fahd von Saudi-Arabien, hat für 57,5 Millionen Schweizer Franken (fast 47 Millionen Euro) ein mehr als 18.000 Quadratmeter großes Luxusanwesen in Genf gekauft. (Nürnberger Nachrichten vom 3.9.2013)

Dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch gehört mit der an der französischen Riviera gelegenen Villa La Leopolda im Wert von einer halben Milliarde Dollar eines der teuersten und luxuriösesten Häuser der Welt. (Michail Ryklin, Russische Exzesse. Metamorphosen des Luxus – von den Zaren zu den Oligarchen, in: Lettre International 100, Frühjahr 2013, 73–76.74)

Vgl. zu dieser Thematik auch den Artikel „Kreiert Bauen Armut? Was Mietendeckel mit Versailles zu tun haben“ von Günther Moewes in der Frankfurter Rundschau vom 14. November 2019.

Weitere Beispiele finden Sie hier.

 

ENGAGEMENT

 

  • Das Menschenrecht auf Wohnen ist im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte und in der Europäischen Sozialcharta verankert. Es beinhaltet erstens die hinreichende Verfügbarkeit von Wohnraum, zweitens einen diskriminierungsfreien und bezahlbaren Zugang zu Wohnraum und drittens eine menschenwürdige Wohnqualität. Darüber hinaus garantiert es den Schutz vor willkürlichen Zwangsräumungen, Vertreibungen etc.
  • Das Programm der Vereinten Nationen für menschliche SiedlungenUN-HABITAT (United Nations Human Settlements Programme, auch Weltsiedlungsgipfel) ist das Wohn- und Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen.
    Nach dem ersten Weltsiedlungsgipfel (HABITAT I) 1976 in Vancouver (Kanada) wurde 1978 das Zentrum der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen/HABITAT (United Nations Centre for Human Settlements, UNCHS/HABITAT) gegründet und 2002 in das Programm für menschliche Siedlungen (United Nations Programme for Human Settlements, UN-HABITAT) überführt. UN-HABITAT ist die zentrale Organisation des UN-Systems im Bereich Stadtentwicklung, Siedlungswesen und Wohnungsversorgung in Entwicklungs- und Transformationsländern. Die Organisation hat ihren Sitz in Nairobi (Kenia).
    Die auf der zweiten United Nations Conference on Human Settlements (HABITAT II) 1996 in Istanbul beschlossene HABITAT-Agenda und die Deklaration von Istanbul fixieren das internationale Ziel, gemeinsam eine Welt zu schaffen, in der einem jeden ein würdevolles, gesundes, glückliches und hoffnungsvolles Leben in einem sicheren Zuhause ermöglicht wird.
    Der dritte UN-Siedlungsgipfel wird vom 17. bis 20. Oktober 2016 in Quito (Ecuador) stattfinden (Titel: „Third United Nations Conference on Housing and Sustainable Urban Development“).
  • Die Europäische Bürgerinitiative „Housing for all will eine Million Unterschriften sammeln, um in Europa bessere rechtliche Rahmenbedingungen für bezahlbares und soziales Wohnen zu erreichen.
  • In Großbritannien soll es ab 2027 keine Obdachlosen mehr geben. Laut den am 13. August 2018 vorgestellten Plänen der britischen Regierung sollen zu diesem Zweck umgerechnet mehr als 110 Millionen Euro investiert werden. Neben Hilfestellungen bei mentalen Problemen, der Finanzierung von Wohnraum und Suchthilfe soll vor allem der Einsatz von „Navigatoren“ dafür sorgen, dass Obdachlosigkeit gar nicht erst entsteht. 2017 schliefen laut Schätzungen jede Nacht 4750 Menschen in England auf der Straße.
  • Habitat for Humanity, eine internationale christliche Non-Profit-Organisation, möchte armen Familien in aller Welt sichere und angemessene Unterkünfte zu verschaffen; ihre Vision: „Eine Welt, in der jeder einen angemessenen Platz zum Leben hat! “.
  • Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG) fordert eine „Nationale Strategie zur Überwindung von Wohnungsnot und Armut“.
  • Eines der Hauptziele der Feantsa-Kampagne „Be Fair, Europe – Stand Up for Homeless People“ besteht darin, die EU dazu zu bringen, seriöse statistische Daten zur Obdachlosigkeit in Europa zu erheben.
  • Beim „Housing first“-Modell, das der Psychologe Sam Tsemberis Ende der 1990er Jahre in den USA entwickelt hat, wird Wohnungslosen bedingungslos Wohnraum zur Verfügung gestellt mit der Option, Hilfsangebote bei Bedarf in Anspruch zu nehmen. Das Konzept beruht auf der Annahme, dass eine obdachlose Person oder Familie als Erstes eine Unterkunft braucht, um sich zu stabilisieren. Erst dann können sie andere Probleme angehen. Im Idealfall werden solche Wohnungen von den Wohnungsbaugesellschaften von Anfang an mit eingeplant. So sehen in Finnland, dem einzigen Land in der EU, das die Obdachlosenzahl verringern konnte, Neubauten von vornherein Wohnungen für Obdachlose vor.
  • „Die in ihrer modernen Form Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Wohnungs(bau)genossenschaften, wesentlich vom liberalen Politiker Hermann Schulze-Delitzsch gefördert, folgen dem Gedanken, dass Wohnen ein Grundrecht ist, das den Marktgesetzen entzogen sein soll. Nicht die Renditeerwartungen einzelner Hausbesitzer oder Anleger und auch nicht die mitunter preistreibenden und Mieter vertreibenden Regeln von Angebot und Nachfrage bestimmen hier die Wohnungspreise, sondern betriebswirtschaftlicher Nutzen und soziale Vertretbarkeit. Hier werden Überschüsse nicht privat abgeschöpft, sondern gemeinsam investiert. Das ist gar nicht besonders links, sondern nur vernünftig. Dass aber die Linke diese Sache nicht nur fordert, sondern selber in die Hand nimmt, ist ein schönes Beispiel guter, weil konkreter Politik.“ (Holger Schmale in: Frankfurter Rundschau vom 17.4.2012)

Die Ökumenische Initiative Reich Gottes – jetzt! erinnert an die Botschaft Jesu von der Gegenwart des Reiches Gottes, von der Heiligkeit der Welt, in die wir eingebunden sind. Diese Weltverbundenheit befreit unmittelbar zu einem Lebensstil der Einfachheit, des Genug, des „Soviel du brauchst“.


RSS