23. Kalenderwoche (5.–11. Juni 2023)

12. Juni: Welttag gegen Kinderarbeit
9. Dezember: Welttag der arbeitenden Kinder

 

Ausbeuterische Kinderarbeit 

 

Als Kind verheizt, dann ausrangiert
Das finden wir barbarisch. Schlimm
Mit fast geschenkten Gütern aber
Machen arme Länder uns erst reich

Ist uns ein Kind neu geboren
Anfang, Geheimnis und Quelle
Nie da gewesen auf dem Planeten
Erwarten wir etwas von ihm?

Gut aufgestellt ist das System
Fast fertig ist die Welt trotz Krisen
Der Nachwuchs ist schon fest verplant
Soll weiterführen, was wir haben

Das reiche Land will reicher werden
Verlegt die Arbeit in die Schule
Konkurrenz und Druck ertragen
Arbeit heißt hier Leistung bringen

Ist das Kind eine offene Welt
Können wir etwas Neues erwarten
Dürfen dann nicht die Quelle verstopfen
Die einen Zuwachs an Leben verspricht

Hans Bischlager

(Hans Bischlager, Entschieden wird im Untergrund. Politische Gedichte, Hamburg 2017, S. 39)

 

„[…] in der Erkenntnis, dass das Kind zur vollen und harmonischen Entfaltung seiner Persönlichkeit in einer Familie und umgeben von Glück, Liebe und Verständnis aufwachsen soll […]“ (aus der Präambel der UN-Kinderrechtskonvention vom 20. November 1989)

„Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes an, vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt und nicht zu einer Arbeit herangezogen zu werden, die Gefahren mit sich bringen, die Erziehung des Kindes behindern oder die Gesundheit des Kindes oder seine körperliche, geistige, seelische, sittliche oder soziale Entwicklung schädigen könnte.“ (Artikel 32 Absatz 1 der UN-Kinderrechtskonvention vom 20. November 1989)

Die Armut muss bekämpft werden, die Kinderarbeit erst nötig macht.

 

INFORMATIONEN

 

Kinderarbeit ist nach Definition der ILO Arbeit, die ein Kind davon abhält, Kind zu sein, sowie Arbeit, die es seiner Entwicklungsmöglichkeiten und seiner Würde beraubt. Generell gilt bei der ILO 15 Jahre als Einstiegsalter für Arbeit, jüngere Kinder zwischen 13 und 15 Jahren dürfen leichte Arbeiten verrichten, sofern diese sie nicht von Bildung fernhalten. Die Vereinten Nationen zählen laut der ILO-Konvention 182 zu den „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“: Sklaverei und sklavenähnliche Abhängigkeiten, Zwangsarbeit einschließlich des Einsatzes von Kindersoldat*innen, Kinderprostitution und Kinderpornografie, kriminelle Tätigkeiten wie den Missbrauch von Kindern als Drogenkuriere sowie andere Formen der Arbeit, die die Sicherheit und Gesundheit der Kinder gefährden.

Einem zum Welttag gegen Kinderarbeit am 12. Juni 2021 veröffentlichten Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen Unicef zufolge ist die Zahl der Kinder in Kinderarbeit weltweit auf 160 Millionen gestiegen – das ist eine Zunahme um 8,4 Millionen Kinder in den letzten vier Jahren. Zwischen 2000 und 2016 war die Zahl der Mädchen und Jungen in Kinderarbeit noch um 94 Millionen gesunken. Die Zahl der jungen Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren in Kinderarbeit ist deutlich angestiegen, sodass diese Altersgruppe nun weltweit etwas mehr als die Hälfte der von Kinderarbeit betroffenen Kinder stellt. Die Zahl der Kinder im Alter von fünf bis 17 Jahren, die besonders gefährliche Arbeit verrichten – also Tätigkeiten, die ihre Sicherheit, körperliche oder seelische Gesundheit bedrohen – ist seit 2016 um 6,5 Millionen auf 79 Millionen gestiegen. Der Bericht „Child Labour: 2020 Global Estimates, trends and the road forward“ (Kinderarbeit: Globale Schätzungen, Trends und der Weg in die Zukunft) ist der erste gemeinsame ILO-Unicef-Bericht mit den neuesten Zahlen zur weltweiten Kinderarbeit.

Der zum Welttag gegen Kinderarbeit am 12. Juni 2019 vom Kinderhilfswerk Terre des Hommes veröffentlichten internationalen Studie zur Kinderarbeit zufolge arbeiten derzeit weltweit noch immer rund 150 Millionen Kinder, davon 72 Millionen unter extrem ausbeuterischen Bedingungen, zum Beispiel als Arbeitssklaven im Bergbau und in Steinbrüchen, auf pestizidverseuchten Baumwollfeldern oder als Dienstmädchen. Diese Kinder tragen häufig schwere körperliche und seelische Schäden davon, können nicht zur Schule gehen und haben praktisch nie Zeit zum Spielen.

Die am 16. November 2017 verabschiedete Abschlusserklärung der vierten Weltkonferenz zur nachhaltigen Beseitigung der Kinderarbeit in Buenos Aires bedauerte in ihrer Abschlusserklärung, dass das für 2016 anvisierte Ziel der Abschaffung der schwersten Formen der Kinderarbeit nicht erreicht worden sei. Organisator des Treffens war die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Laut ihren Angaben arbeiten weltweit 152 Millionen Mädchen und Jungen. Mehr als 70 Prozent von ihnen seien in der Landwirtschaft tätig, 42 Prozent arbeiten unter gefährlichen Bedingungen. Die beispiellose Migrationswelle der vergangenen Jahre und die Ausbreitung der Krisenherde hätten außerdem die Zahl der Kinderarbeit ausgesetzten Mädchen und Jungen vielerorts vervielfacht. In Afrika sei die Zahl der arbeitenden Kinder in den vergangenen Jahren entgegen der allgemeinen Tendenz gestiegen. Lateinamerika sei die Region, die am stärksten die Kinderarbeit abgebaut habe.

Anlässlich der fünften ILO-Weltkonferenz zur Beseitigung von Kinderarbeit vom 15. bis 20. Mai 2022 veröffentlichte Terre des Hommes den Kinderarbeitsreport 2022. Der Bericht untersucht, wie sich die Lebensbedingungen von Kindern durch COVID-19 verändert haben und welche Maßnahmen für einen gerechten gesellschaftlichen Wiederaufbau aus der Sicht der Betroffenen erforderlich sind.

Laut einem am 15. Juni 2021 erschienenen Report der Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeiten weltweit rund 18 Millionen Kinder im „informellen“ Müllsektor in den Ländern des globalen Südens, zu dem auch die Elektroschrott-Entsorgung gehört. Die Chemikalien und Gase, mit denen sie dabei in Kontakt kommen, sind eine große Gesundheitsgefahr.

Terre des Hommes hat anlässlich des Welttags gegen ausbeuterische Kinderarbeit am 12. Juni 2015 einen Report veröffentlicht, der den Blick auf die Mädchen und Jungen lenkt, die in der Thai Shrimp-Industrie täglich über zehn Stunden lang Garnelen für den Weltmarkt schälen.

Die schwerwiegendsten Verletzungen der Kinderrechte ereignen sich im Bergbau. Das Kinderhilfswerk Terre des Hommes dokumentiert in seiner Studie Glück auf? Die Auswirkungen des Bergbaus auf Kinder. Unicef hat im Jahr 2014 geschätzt, dass in den Kobaltminen im Süden der Demokratischen Republik Kongo rund 40.000 Minderjährige beschäftigt sind. Die Kinder arbeiten bis zu zwölf Stunden täglich für einen Lohn von ein bis zwei US-Dollar.

Anlässlich des Internationalen Tags gegen Kinderarbeit 2021 macht Terre des Hommes auf Kinderarbeit bei der Gewinnung von Rohstoffen aufmerksam, insbesondere auf die Gewinnung des Minerals Mica, das wegen seiner isolierenden Eigenschaften in Computern, Handys, Autoteilen und Haushaltsgeräten gebraucht wird. In Indien und Madagaskar schürfen rund 30.000 Mädchen und Jungen unter härtesten Bedingungen diesen Mineralstoff. Im Juni 2022 veröffentlichte Terre des Hommes die Recherche „Hinter dem schönen Schein – Ausbeutung von Kindern beim Mica-Abbau in Indien“.

Nach der von Oxfam in Auftrag gegebenen und am 26. Februar 2013 veröffentlichten Studie Behind the Brands (über die Politik der zehn größten Lebensmittelkonzerne) bezieht der Konzern Unilever acht Prozent seiner Vanille für Eiscreme aus Madagaskar, wo ein Drittel aller Kinder zwischen zwölf und 17 Jahren in der Vanilleproduktion arbeite.

Laut einer am 18. März 2016 veröffentlichten Untersuchung der Christlichen Initiative Romero arbeiten über zwei Millionen Kinder im Kakao-Anbau in Westafrika. Wie Wissenschaftler der Universität Chicago im Oktober 2020 im Auftrag des US-Arbeitsministeriums ermittelten, arbeiteten in der Elfenbeinküste und in Ghana, den beiden wichtigsten Kakao produzierenden Ländern, seinerzeit 1,5 Millionen Kinder. Vgl. dazu auch Atlas der Versklavung. Daten und Fakten über Zwangsarbeit und Ausbeutung, Rosa-Luxemburg-Stiftung 2021, S. 28f.

Amnesty International hat die Arbeitsbedingungen auf Palmöl-Plantagen des Agrarkonzerns Wilmar, des weltweit größten Palmöl-Produzenten, in Indonesien untersucht. Für ihren am 30. November 2016 veröffentlichten Bericht „The great palm oil scandal. Labour abuses behind big brand names“ hat Amnesty International nach eigenen Angaben von 120 Arbeiterinnen und Arbeitern, die auf Palmplantagen von zwei Wilmar-Tochterunternehmen und drei Lieferanten des Unternehmens arbeiten, erfahren dass Kinder schwerste körperliche Arbeit verrichten, Arbeiter sich mit dem eingesetzten Pflanzenschutzmittel vergiften, Überstunden bei Androhung von Lohnkürzungen erzwungen werden, die Beschäftigen unter Mindestlohnniveau bezahlt werden und nicht zu erreichende Ziele erfüllen müssen.

Die anhaltende Wirtschafts- und Schuldenkrise im Süden Europas nötigt immer mehr Eltern dazu, ihre Kinder arbeiten zu schicken. Wie der Menschenrechtskommissar des Europarats in Straßburg, Nils Muiznieks, bei der Präsentation eines Positionspapiers über Kinderarbeit am 20.8.2013 erläuterte, seien vor allem Länder betroffen, in denen rigide Sparmaßnahmen angeordnet wurden, namentlich Zypern, Griechenland, Italien und Portugal. Zwar gälte europaweit ein Verbot von Kinderarbeit, die betroffenen Staaten sorgten aber nicht dafür, dass dieses durchgesetzt würde.

In Deutschland ist Kinderarbeit verboten. Es gibt strenge Arbeitsschutzbestimmungen für Kinder. So darf man mit 14 höchstens drei Stunden täglich arbeiten, die Arbeit muss leicht sein, und die Schule darf nicht zu kurz kommen. Unter diesen Bedingungen arbeiten hier zu Lande rund 400.000 Kinder. Sie jobben neben der Schule, um sich Wünsche zu erfüllen. Einige, aus ärmeren Familien, müssen auch zum Familienunterhalt beitragen.

Weitere Informationen stellt etwa die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) bereit.

Literatur:

 

ENGAGEMENT

 

  • Gemäß der am 25. September 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Nachhaltigkeitszielen gilt es, „bis 2025 jeder Form von Kinderarbeit ein Ende zu setzen“ (8.7).
  • Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) kämpft seit vielen Jahren für die weltweite Abschaffung von Kinderarbeit. Das International Programme on the Elimination of Child Labour (Internationales Programm zur Abschaffung von Kinderarbeit, Ipec), das von Norbert Blüm Anfang der 90er Jahre angeregte Sonderprogramm der ILO und größtes Einzelprogramm, ist in etwa 80 Ländern aktiv. Am 1. Juni 1999 wurde die ILO-Konvention 182 beschlossen, ein Übereinkommen über das Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit. Bislang (September 2013) haben 182 Staaten die Konvention ratifiziert, 163 Staaten haben sie unterzeichnet. Das Übereinkommen, das am 19. November 2000 in Kraft getreten ist, verbietet die schlimmsten Formen der Kinderarbeit nicht, sondern fordert „eine innerstaatliche Politik zu verfolgen, die dazu bestimmt ist, die tatsächliche Abschaffung der Kinderarbeit sicherzustellen“. So hat beispielsweise Brasilien in den vergangenen Jahren soziale Zuschüsse für Familien an die Bedingung geknüpft, dass die Kinder die Schule besuchen. Das hat die Kinderarbeit in dem Land massiv reduziert. Ähnliche Erfolge sind in einigen Teilen Indiens beobachtet worden, nachdem dort Bildung gezielt gefördert wurde.
  • Am 19. September 2001 wurde das Harkin-Engel-Protokoll unterzeichnet, ein internationales Abkommen, das darauf abzielt, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit und Zwangsarbeit beim Kakaoanbau bis zum Jahr 2005 zu beenden.
  • Am 14. Mai 2019 verabschiedete der niederländische Senat in einer als historisch gewerteten Abstimmung ein Gesetz zu unternehmerischen Sorgfaltspflichten im Kampf gegen Kinderarbeit. Es verpflichtet Unternehmen, die Produkte an niederländische Konsument*innen verkaufen, zur Prüfung von Kinderarbeitsrisiken in ihren Lieferketten. Bei einem begründeten Verdacht hat das betreffende Unternehmen in einem Aktionsplan darzulegen, wie es dem Problem beikommen will.
  • Unicef.
  • Kinder in Bolivien können sich in einer Gewerkschaft organisieren: Seit mehr als 20 Jahren setzt sich die Union der arbeitenden Kinder und Jugendlichen Boliviens (UNATSBO) für die Rechte von Kinderarbeitern und Kinderarbeiterinnen ein. Unter dem sozialistischen Präsidenten Evo Morales, der von 2006 bis 2019 regierte, sollte Kinderarbeit zunächst verboten werden – entsprechend der ILO-Konvention 138, die Bolivien unterzeichnet hat. Die Minderjährigen stellten sich gegen ein grundsätzliches Arbeitsverbot. Schließlich ist am 6. August 2014 ein Gesetz in Kraft getreten, das Kindern ab zehn Jahren unter klar definierten, würdigen Bedingungen erlaubt, einer außerhäuslichen Tätigkeit nachzugehen. Die ILO sah das anders. »Kinderarbeit hindert Kinder daran, Bildung und Fertigkeiten zu erwerben, die sie zum Erlangen von menschenwürdiger Arbeit als Erwachsene benötigen«, hieß es. Zudem bestehe bei einer Erlaubnis der Kinderarbeit das Risiko, dass Minderjährige für gefährliche Tätigkeiten eingesetzt würden. Der internationale Druck wuchs. Als die USA mit Zollverschärfungen drohten, gab die Regierung nach. 2018 hob das Parlament das Gesetz auf und verbot die Kinderarbeit.
  • Gewerkschaften von Kindern und Jugendlichen kämpfen auch in Afrika (Dachverband „African Movement of Working Children and Youth“) und in Lateinamerika („Movimiento Latinoamericano y del Caribe de Niñas, Niños y Adolescentes Trabajadores“) für ihre Rechte und für menschenwürdige Arbeitsbedingungen.
  • Die Kampagne „Aktiv gegen Kinderarbeit“ informiert die Menschen in Deutschland und insbesondere die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verantwortlich Handelnden über ihren möglichen Beitrag zur Überwindung der menschenverachtenden ausbeuterischen Kinderarbeit.
  • Terre des Hommes (tdh).
  • Am 12. Juni 2013, dem Internationalen Tag gegen Kinderarbeit, startete die Kampagne „Make Chocolate Fair!“, eine internationale Initiative, die sich aus mehreren Organisationen in 16 europäischen Ländern zusammensetzt. Sie setzt sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen von Kakaobäuerinnen und -bauern ein und fordert das Ende ausbeuterischer Kinderarbeit. Inkota ist eine von vier Hauptträgerorganisationen und übernimmt die Koordination der Kampagne in Deutschland.

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