Die Jesusbotschaft – Urgrund des Neuen Testaments

„Wir wünschen uns eine Reform der Kirchen auf der Basis der Reich-Gottes-Botschaft des Jesus von Nazaret.“ So lautet der erste und grundlegende Satz des Positionspapiers der Ökumenischen Initiative Reich Gottes – jetzt! Die erste und grundlegende Frage, die sich hier stellt und die uns auch immer wieder gestellt wird, lautet: Was wissen wir denn eigentlich wirklich sicher von Jesus – abgesehen von der Tatsache, dass er tatsächlich einmal gelebt hat? Anders als etwa Paulus, von dessen Briefen zumindest Abschriften vorliegen, hat er ja keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Alles, was wir von ihm in Erfahrung bringen oder in Erfahrung zu bringen meinen, steht uns immer nur aus zweiter Hand zur Verfügung. Wichtigste Quelle sind die – biblischen und außerbiblischen („apokryphen“) – Evangelien, in der Regel biografisch angelegte literarische Werke, die u.a. auch Worte oder Reden enthalten, die Jesus zugesprochen werden.

Nun ist völlig unstrittig, dass dabei in sehr vielen Fällen traditionelle Motive und Themen erst nachträglich auf Jesus bezogen und die allermeisten Worte ihm erst im Nachhinein in den Mund gelegt worden sind. Wenn es also einerseits von vornherein ausgeschlossen ist, alle vier Evangelien gleichsam als historische Quellen wortwörtlich zu nehmen – dies verbietet sich schon allein deshalb, weil sie in keiner Weise harmonisierbar sind –, so könnte andererseits tatsächlich die Schlussfolgerung nahe liegen, die Botschaft Jesu verlöre sich im Grunde ins Ungewisse, sei letztlich Chimäre und Fiktion (diese These vertritt vor allem der emeritierte Neuendettelsauer Neutestamentler Wolfgang Stegemann) und ohne jede Kontur, so dass uns nur mehr die nachjesuanisch-paulinische Theologie, das paulinische Evangelium von Kreuz und Auferstehung als Basis kirchlicher Lehre zur Verfügung stünde.

Doch dieser Eindruck trügt, einer solchen Schlussfolgerung gilt es entschieden zu widersprechen. Die Botschaft Jesu, das jesuanische Evangelium, ist erkennbar, ist identifizierbar, glücklicherweise sind wir in der Lage, es aus der Überlieferung des Neuen Testaments herauszufiltern. Wir verdanken diese Möglichkeit der historisch-kritischen Bibelwissenschaft, deren Entwicklung durch die reformatorische Theologie nicht nur angestoßen, sondern deren Ergebnisse zur Basis der Bibelinterpretation überhaupt erhoben worden sind. Grundlage kirchlicher Lehre sollte fortan die Bibel selber und nur die Bibel sein (sola scriptura) im Sinn der ursprünglichen Aussageabsicht ihrer Texte, nicht aber ein späteres, unter anderem auch durch die kirchliche Lehre festgelegtes Verständnis derselben. Aus dieser Grundsatzentscheidung ergab sich als selbstverständliche und unmittelbare Folge, dass die Bibel als ein geschichtlich gewordenes Buch zu verstehen ist und mit Hilfe literaturwissenschaftlicher Methoden die Prozesse aufzudecken und zu erhellen sind, die zur Entwicklung des neutestamentlichen Kanons und seiner Bestandteile geführt haben. Die Ergebnisse sind natürlich von erheblichem Einfluss auf das Verständnis der jeweiligen Texte. Mehr noch: Oftmals ist es darüber hinaus auch möglich, die Entwicklung einzelner Textelemente besonders in den ersten drei Evangelien zu rekonstruieren, also im Idealfall in gleichsam archäologischer Weise eine Schicht nach der anderen abzutragen, bis schließlich derjenige Text erkennbar wird, der als ältester am Beginn der Texttradition gestanden hatte. Maßstab für unseren Ansatz ist genau dieser Urgrund der neutestamentlichen Überlieferung, nämlich die sich auf ihm abzeichnende Botschaft Jesu von Nazaret von der Gegenwart des Reiches Gottes.

Diese allerdings steht in einer nicht aufhebbaren Spannung zur Aussageabsicht des Neuen Testaments als ganzem. Sein Kanon umfasst 27 in griechischer Sprache abgefasste Bücher, wie es der 39. Osterfestbrief des Athanasius im Jahr 367 n. Chr. endgültig festgelegt hat und seither allgemein anerkannt ist. Die ältesten sieben und damit die relativ meisten Schriften des Neuen Testaments gehen auf den Apostel Paulus zurück, nämlich die Briefe an die Römer, die beiden Briefe an die Korinther, die Briefe an die Galater, an die Philipper, an die Thessalonicher sowie an Philemon. Weitere Schriften geben sich zwar als Paulusbriefe aus, schmücken sich jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach samt und sonders zu Unrecht mit der Autorität des Apostels, nämlich die Briefe an die Epheser, an die Kolosser, ein zweiter Brief an die Thessalonischer, die beiden Briefe an Timotheus sowie der Brief an Titus. Sie stammen allesamt erst aus nachpaulinischer Zeit. Ähnliches gilt für die sogenannten katholischen Briefe des Neuen Testaments, d.h. für die beiden Petrus- und die drei Johannesbriefe sowie den Jakobus- und den Judasbrief. Auch diese sind in Wahrheit anonyme Schriften, weder haben Jünger (Petrus, Johannes) noch Brüder Jesu (Jakobus, Judas; vgl. Markus 6,3) sie geschrieben. Auch der Hebräerbrief stammt aus relativ später Zeit, ebenso die Offenbarung des Johannes; auch dieser Johannes ist keinesfalls ein Jesusjünger. Gleiches aber gilt auch für die vier Evangelien des Neuen Testaments und für die Apostelgeschichte; auch ihre Verfasser sind uns in Wahrheit unbekannt.

Für alle Schriften des Neuen Testaments aber gilt, dass sie sich auf ein und dieselbe Person beziehen: auf Jesus, allerdings immer auf ihn als den Christus, als den Gottessohn. Immer ist er selbst der Gegenstand des Glaubens. Dies gilt explizit auch für die vier Evangelien des Matthäus, des Markus, des Lukas und des Johannes. Alles, was sie von Jesus erzählen, und auch die Worte, die er selbst in ihnen spricht bzw. die sie ihm in den Mund legen, ist ihrem christologischen Konzept, also ihrer Lehre, ihrer Predigt, ihrem „Kerygma“ von Jesus als dem Christus und Gottessohn ein- und untergeordnet. Immer ist dieser selbst „Gegenstand“ des Glaubens, das durch sein Sterben am Kreuz und durch seine Auferstehung bewirkte bzw. bestätigte Heil, seine am Ende der Zeit erwartete Wiederkunft. Rudolf Bultmann ist also durchaus zuzustimmen, wenn er seine „Theologie des Neuen Testaments“ mit der Feststellung beginnt: „Die Verkündigung Jesu gehört zu den Voraussetzungen der Theologie des NT und ist nicht ein Teil dieser selbst.“ Dies gilt zumindest dann, wenn man von der Endgestalt des Neuen Testaments, dem Neuen Testament als abgeschlossenem Buch, als Kanon, ausgeht. Von dieser Perspektive aus gesehen, ist es nicht verwunderlich, dass weder das sogenannte Apostolische noch das Glaubenbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel die Botschaft Jesu auch nur mit einem Wort erwähnen. Nie geht es um ein Glauben wie, vielmehr immer um den Glauben an Jesus als den Herrn und Christus.

Sollte nun allerdings mit Hilfe der historisch-kritischen Bibelwissenachaft unabweisbar – und davon sind wir, wie schon gesagt und wie gleich des Näheren gezeigt werden wird, überzeugt –, im Kanon des Neuen Testaments selber ein eigenständiges Evangelium erkennbar werden, das sich mit der Gesamtkonzeption des neutestamentlichen Kanons bzw. mit der „Theologie des Neuen Testamentes“ nicht vereinbaren lässt, und sollte sich des weiteren herausstellen, dass dieses Evangelium nicht nur in zeitlicher Hinsicht als das älteste zu gelten hat, sondern darüber hinaus auch noch als dasjenige Evangelium angesehen werden müssen, das mit größter Wahrscheinlichkeit Jesus von Nazaret selbst, auf den sich ja auch alle anderen neutestamentlichen Texte beziehen (wenn auch nicht wirklich auf seine irdische Existenz und seine eigene Botschaft), verkündet hat, dann stellten sich sofort und ebenso unabweisbar sehr grundsätzliche theologische, liturgische, ekklesiologische Fragen, deren Bearbeitung die Gestalt dessen, was als „Christentum“ in Erscheinung getreten ist und bis in die Gegenwart hineinwirkt, völlig verändern könnte, ja unserer Meinung nach geradezu verwandeln, transformieren würde, ja müsste.

Versuchen wir nun also, uns bei unserer Spurensuche der im Neuen Testament vermuteten, der in ihm möglicherweise eingeschlossenen, in ihm schlummernden Jesusbotschaft gewissermaßen vom Rande her zu nähern. Wir greifen dabei auf nicht (oder kaum) mehr bestrittene Ergebnisse der neutestamentlichen Bibelwissenschaft zurück. Jesusworte überliefern im Neuen Testament – methodisch schließen wir außerbiblische Quellen, etwa das Thomasevangelium, hier aus – (fast) ausschließlich die vier Evangelien Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Letzteres weicht von den übrigen dreien in so starkem Maße ab, vertritt einen ganz eigenständigen theologischen Ansatz und ist das mit Abstand jüngste dieser vier Evangelien, dass es als Quelle für die Rekonstruktion der Jesusbotschaft nicht in Frage kommt. Kein einziges, vom Verfasser dieses Evangeliums Jesus in den Mund gelegte Wort geht tatsächlich auf den historischen Jesus zurück (auch nicht die berühmten „Ich-bin-Worte“, ebenso wenig das vielzitierte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“).

Bleiben die ersten drei Evangelien, die man auch Synoptiker nennt, weil man sie „zusammen betrachten“, sie miteinander vergleichen kann. Sie weisen viele Gemeinsamkeiten auf, müssen also in einem bestimmten Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen. Durchgesetzt hat sich die These, dass das Markusevangelium als das älteste schriftlich erhaltene Evangelium anzusehen ist. Fast alle Texte dieses Evangeliums begegnen, allerdings meist in etwas veränderter Form, auch bei Matthäus und bei Lukas. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass es sowohl dem Verfasser des Matthäus- als auch dem Verfasser des Lukasevangeliums, als sie jeweils ihr Evangelium konzipierten, vorgelegen haben muss. Darüber hinaus aber schöpften beide offensichtlich noch aus einem weiteren Evangelium, denn beide, sowohl das Matthäus- als auch das Lukasevangelium, enthalten Texte, die nur diesen beiden Evangelisten gemeinsam sind, bei Markus aber fehlen. So kann es, auch wenn es schriftlich nicht mehr erhalten ist, aus den Texten nachträglich rekonstruiert werden. Da es sich dabei fast ausschließlich um Worte Jesu handelt, hat sich in der Wissenschaft für dieses Evangelium die Bezeichnung Spruch- oder Logienquelle durchgesetzt, die Abkürzung lautet: Q für Quelle. Darüber hinaus verwendeten sowohl Matthäus als auch Lukas noch weitere Überlieferungen, die jeweils nur in ihrem Evangelium vorkommen. Man bezeichnet diese Texte als (matthäisches oder lukanisches) Sondergut.

Was die Rekonstruktion der Jesusbotschaft angeht, ergibt sich daraus vor allem Folgendes: Wenn sich eine bestimmte Überlieferung sowohl im Markusevangelium als auch bei Matthäus oder Lukas findet, ist immer anzunehmen, dass der Markustext der ursprünglichere ist, Veränderungen also auf das Konto des Matthäus bzw. des Lukas gehen dürften. Das heißt zum Beispiel, dass von den Worten, die Jesus am Kreuz ausgerufen haben soll, von vornherein diejenigen, die über das markinische „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ hinausgehen, wohl spätere Interpretationen der Kreuzigung Jesu wiedergeben – was allerdings noch lange nicht bedeutet, dass das verbleibende markinische Wort tatsächlich von Jesus selber stammt.

In all den Fällen, in denen nur Matthäus und Lukas ein bestimmtes Jesuswort überliefern, ist wiederum aller Wahrscheinlichkeit nach der kürzere Text der ältere – aber auch damit durchaus noch nicht automatisch tatsächlich jesuanisch. So enthalten sowohl das Matthäus- als auch das Lukasevangelium die sogenannten Seligpreisungen, Lukas allerdings in einer sehr viel kürzeren Fassung. Das heißt, dass zumindest alle Seligpreisungen, die über die Seligpreisung der Armen, der Hungernden und der Dürstenden hinausgehen, kaum von Jesus selber stammen. Ähnliches gilt zum Beispiel vom Vaterunser: Ein höheres Alter als dem längeren Matthäustext dürfte der kürzeren Lukasversion zuzusprechen sein, so dass höchst fragwürdig ist, eben jenes als das Gebet zu bezeichnen, „das Jesus uns zu beten gelehrt hat“, wie in vielen Gottesdiensten zu hören ist. Auch in diesem Fall sei allerdings darauf hingewiesen, dass damit die jesuanische Urheberschaft zumindest der lukanischen Version noch keineswegs gesichert ist.

Nun bleiben jedoch, auch abgesehen vom gesamten Johannesevangelium und von allen offensichtlich sekundären Erweiterungen, also unzutreffenderweise Jesus in den Mund gelegten Worten, immer noch eine Vielzahl von Sätzen übrig, die Jesus in den synoptischen Evangelium zugesprochen werden. Nachdem im Zuge der eben aufgezeigten Wachstumsprozesse unübersehbar deutlich geworden ist, wie sehr die Jesusüberlieferung gleichsam gewuchert ist, ist nicht auszuschließen, ja eher sehr wahrscheinlich, dass auch dieser „Restbestand“ keineswegs in Gänze bereits die Botschaft des geschichtlichen Jesus von Nazaret selber repräsentiert.

Studiert man nun jedoch gleichsam Satz für Satz der ersten drei Evangelien, macht man eine höchst erstaunliche Entdeckung: Selten, aber immer wieder stößt man bei der Lektüre auf Texte, die sich dem christologischen Gesamtkonzept, das auch diese drei Evangelien verfolgen, nicht ein- und unterordnen lassen. Nicht um die Person Jesu selbst geht es hier, auch nicht um sein späteres Geschick, also seine Passion und Kreuzigung, sondern um die, griechisch, basileia tou theou (bzw., bei Matthäus: die basileia tōn ouranōn), um das Reich Gottes (bzw. das Reich der Himmel). Und zwar, noch einmal höchst auffällig, wird in all diesen Worten von der basileia nicht als einer zukünftigen Größe gesprochen, sondern von ihrer Gegenwart. Ja, auf diesem Aspekt scheint sogar das ganze Gewicht der Sätze, die allesamt Jesus selbst zugesprochen werden, zu liegen. Sie alle kreisen um die – im Kontext nicht nur der zeitgenössischen Literatur, sondern auch des gesamten übrigen Neuen Testaments ganz ungewöhnliche – Grundaussage, dass das Reich Gottes da ist, dass es Gegenwart ist.

Ist es nicht mehr als wahrscheinlich, dass es genau diese Worte sind, die mit einem sehr hohen Maß an Wahrscheinlichkeit Jesus selber zugesprochen werden können, ja müssen? Und wenn man andererseits das Wort vom neuen Wein heranzieht, der nicht in die alten Schläuche gefüllt werden darf, bzw. von dem neuen Stoff, der sich nicht eignet, um mit ihm ein altes Gewand zu flicken, dessen jesuanische Herkunft kaum zu bezweifeln ist, ist kaum mehr zu bestreiten, dass es sich bei diesen (wenigen) Worten tatsächlich um echte Jesusworte handelt, sogenannte ipsissima verba Jesu. Bei Anwendung strenger Kriterien, aber gleichzeitig abgedeckt durch die Ergebnisse der exegetischen Arbeit zahlreicher anerkannter Neutestamentler, ist ihre jesuanische Urheberschaft kaum ernsthaft zu bestreiten.

Diese im nächsten Kapitel aufgeführten und kurz erläuterten 21 Jesusworte aber dokumentieren eindeutig und in hinreichender Klarheit, dass Jesus und nur er eine Botschaft vertrat, die vor ihm noch niemand in dieser Weise formuliert hat, nämlich dass das Reich Gottes nicht Zukunft ist, sondern Gegenwart. Allerdings wird sich schnell zeigen und ist im Grunde schon jetzt, nach den obigen Ausführungen, hinreichend erkennbar, dass dieses jesuanische Evangelium vom gegenwärtigen Reich Gottes das Neue Testament gleichsam von innen aufsprengt. Oder, etwas anders gesagt: Wenn wir diese Worte freigelegt haben, so dass sie wieder blühen können, überranken und verdrängen sie mit ihrer die Welt in ihrer Wahrheit erfassenden, umfangenden und heilenden Botschaft, wie es bei standortgerechten Pflanzen immer der Fall ist, alles andere.

Autor: Claus Petersen


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