Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes

Basiskurs Basileiologie

 

„…dass sich das irdische Leben schwenke in den Himmel“ – das wiederentdeckte Heil ist für Thomas Müntzer (1489–1525) Gegenwart.

 

Die „treffliche, unüberwindliche, zukünftige Reformation“, die Thomas Müntzer nicht nur vorschwebte, sondern die er erwartete, ja vor Augen sah, bezog sich nicht nur auf die Veränderung des Einzelnen noch lediglich auf die Veränderung der Kirche, sondern auf die ganze Gesellschaft. Gemeint war für ihn damit die Aufrichtung des Reiches Gottes, ein Prozess, der im Gange und irreversibel war. Wie ist Müntzer, und zwar aus dem Glauben heraus, zum Revolutionär geworden? Wie können die Maßstäbe des Reiches Gottes für Menschen handlungsleitend werden? Was geschieht da genau? Was ereignet sich dabei im Menschen? Thomas Müntzer hat sich darüber grundlegende Gedanken gemacht. Er bekennt, dass er sich mit besonderem Fleiß von Jugend auf um den Glauben bemüht habe, genauer darum, „wie der heilige, unüberwindliche Christenglaube gegründet wäre“. Wie kommt ein Mensch zu einer solchen Daseinshaltung, von der ihn dann nichts mehr, auch die Folter nicht, abbringen kann, weil sie seine ganze Existenz, seine Identität ausmacht und bestimmt?

Alles entscheidend ist für Thomas Müntzer die „Ankunft des Glaubens“ im Abgrund der Seele des Menschen, also in seinem tiefsten Inneren, im Zentrum seines Menschseins. Dadurch gelangt er in denjenigen Zustand zurück, in der er sich vor seinem Sündenfall befand. Dieser ist für Müntzer kein „historisches“, kein vergangenes, sondern ein biografisches Ereignis. Folge seines Sündenfalls ist die „Kreaturenfurcht“, also die Furcht vor der weltlichen, aber auch vor der geistlichen Obrigkeit. Aber dabei muss es nicht bleiben. Der Mensch kann in die „in Gott und die Kreaturen gesetzte Ordnung“, also eine Ordnung, wie sie Gott und Kreatur ursprünglich umschließt oder miteinander verbindet, zurückkehren. Diese Wiederherstellung ist allein das Werk Gottes. Aber es geschieht auch wirklich und ist nicht nur Zuspruch: Der Mensch wird in das ursprüngliche Verhältnis „zu Gott und zu den Kreaturen“ wieder eingesetzt, er kann voll und ganz des Reiches Gottes teilhaftig sein – hier und jetzt (Müntzer spricht vom „Evangelium regni“, also vom Evangelium des Reiches Gottes). Der Mensch wird tatsächlich verwandelt. Er hört das Evangelium nicht nur, er erfährt es an sich selbst. Die „Kreaturenfucht“ ist überwunden, er wird das dem Reich Gottes nicht Gemäße jetzt nicht mehr tun, er kann es nicht mehr tun.

Diese Verwandlung ist für Thomas Müntzer allerdings nur durch Leiden möglich. Zunächst muss die eigene Ohnmacht und Gottverlassenheit erfahren werden. Um zum wahren Glauben zu gelangen, muss zuerst die Hölle durchlebt werden. Das Leid war für Thomas Müntzer also keine Konsequenz des Glaubens, wie Luther meinte, sondern eine notwendige Durchgangsstufe im Prozess, der zum Glauben führte. Dieses selbst erfahrene Leid entspricht dem Leid, das Jesus erfahren hat. Im Leid wird dem Menschen das Heil zugeeignet. Das Leid begleitet den Prozess des „Glaubenseinzugs“ im Menschen und in der Welt. Es ist sozusagen Ausdruck des sich tatsächlich vollziehenden Herrschaftswechsels. Es ist unvermeidlich, es ist Ausdruck der Ernsthaftigkeit, aber eben auch der alles erschütternden Dynamik und Tragweite des ganzen Prozesses.

Das Reich Gottes ist mithin Gegenwart, wenn Menschen sich einer existenziell tiefgehenden Läuterung unterzogen und sich dem göttlichen Geist geöffnet haben: „Dann kommt der Herr und regiert und stößt die Tyrannen zu Boden“. Dieser Herrschaftswechsel in der Seele des Menschen wird eines Tages den ganzen „Umkreis der Erde“ erfassen und mit einem Regiment ausstatten, das „von keinem Pulversack mehr umgestoßen werden kann“. Seine Auslegung des Magnifikat, in dem es heißt: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“, fasst Müntzer mit den Worten zusammen: „…auf dass sich das irdische Leben schwenke in den Himmel“. Es vollzieht sich tatsächlich ein Herrschaftswechsel – im Menschen, dann aber auch unweigerlich in der Welt. Die Empörung der Menschen erwächst jetzt nicht aus der „Kreaturenfurcht“, sondern sie ergibt sich durch den Herrschaftswechsel, der sich in seiner Seele vollzogen hat. Dem Umbruch im Inneren entspricht der politische und soziale Umbruch im Äußeren. Die Veränderung im Inneren des Menschen und die Veränderung der äußeren Welt ist somit im Grunde ein und derselbe Akt. Der revolutionäre Umsturz ist religiös geboten.

Quelle dieser Ausführungen ist die im Jahr 2015 im Verlag C.H.Beck erschienene Monografie „Thomas Müntzer. Revolutionär am Ende der Zeiten. Eine Biographie“ von Hans-Jürgen Goertz


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