45. Kalenderwoche (2.–8. November 2020)

 

Andromedagalaxie Waldmantel
 Nigerdelta Kannenpflanzen
UV-sehende Vögel Großer Panda  Tanz

 

 

Montag

Andromedagalaxie

 

Bei dunkler Nacht und guter Sicht erkennt man ein schwach leuchtendes, kleines, längliches Lichtfleckchen im Sternbild der Andromeda. Es handelt sich dabei um den berühmten Andromedanebel. Die Bezeichnung stammt noch aus einer Zeit, als man dieses matte Lichtfleckchen als nebelhaftes Gebilde ansah. Inzwischen weiß man, dass die Andromedagalaxie, genauer: die Galaxie M 31, ein gewaltiges linsenförmiges Sternensystem mit einer Billion Sonnen ist, deren Licht zweieinhalb Millionen Jahre zu uns unterwegs ist, das entspricht einer Distanz von 23,65 Trillionen Kilometern. Das Licht, das wir heute sehen, verließ die Sonnen der Andromedagalaxie zur Morgendämmerung der Menschheit. Die Andromedamilchstraße ist das fernste Objekt, das noch mit bloßen Augen zu sehen ist. Trotz der unvorstellbaren Distanz sprechen die Astronomen von unserer Nachbarmilchstraße. Andere Galaxien vergleichbarer Größe sind noch viel weiter entfernt.

Unsere Nachbargalaxie Andromeda von der Erde aus fotografiert, man sieht den Widerschein von ca. 1 Billion Sternen. Einzeln sichtbare Sterne gehören zu unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße; größere Objekte sind ferne Galaxien. Die Andromeda-Galaxie ähnelt der Milchstraße. Unser Sonnensystem befindet sich in einem der äußeren Spiralarme. Die Milchstraße selbst können wir nicht von Ferne sehen, wir sitzen ja mittendrin.
So faszinierend schön würden wir den Himmel über uns sehen, wenn unsere Augen auf geringste Lichtreize reagieren könnten. Doch noch nicht einmal die sensibelsten Fotosensoren können das. Deshalb addiert man in der Astrofotografie mittels einer Bildsoftware die Lichtimpulse zahlloser Aufnahmen des gleichen Objekts übereinander, was dann ein derart deutliches Bild ergibt. 
Mit bloßen Augen sieht man ja nur einen ganz kleinen Lichtkleks: das unmittelbare Zentrum der Galaxie. Aber: „In Wirklichkeit erstreckt sie sich über ein Gebiet von 180 Bogenminuten, das ist die sechsfache Ausdehnung des Vollmondes!“  So ein Riesending würden wir also am Himmel sehen, nur eben ist es für uns zu lichtschwach. Da fällt einem Matthias Claudius ein: „weil unsre Augen sie nicht sehn…“ (Klaus Simon)

 

Dienstag

Waldmantel

 

Schützend wie ein Mantel hüllt der Gebüschsaum den Wald ein – und deshalb heißt er auch so: Der Waldmantel ist Bindeglied zwischen dem schattigen, kühlen und feuchten Wald und der offenen, Sonne und Wind ausgesetzten Flur. In dieser Übergangszone zwischen Wald und Offenland kommen auf kleinstem Raum mannigfaltige Lebensräume und deshalb auch viele Tier- und Pflanzenarten vor.
Vom Krautsaum bis ins Kronendach herrscht reges Leben. Verschiedene Wildbienen und Schmetterlinge laben sich an blühenden Kräutern und Sträuchern. Blatt-, Lauf- und Rüsselkäfer gehen auf Jagd oder fressen an Blättern. Spinnen weben hier ihre tödlichen Fallen. Insekten und Spinnentiere, die für Nahrungssuche und Eiablage verschiedene Lebensräume brauchen, nutzen den Waldmantel gleichzeitig als Nahrungs- und Brutplatz. Auch für Vögel ist der Tisch reich gedeckt: Sie fangen Insekten oder picken im Herbst an den vielen Früchten der Sträucher. Eidechsen und Blindschleichen finden hier einen sonnigen Platz, Deckung und Unterschlupf.
Für den Wald selbst und seine Bewohner hat der Waldmantel wichtige Schutzfunktionen. Er bremst den Wind ab und schützt damit die Bäume vor Windwurf. Zu starke Sonnenstrahlung, Lärm und Luftschadstoffe hält er zurück.
Alljährlich im Herbst setzt eine regelrechte „Wanderung“ zu den Waldsäumen ein. Nicht nur Igel oder Blindschleiche beziehen hier ihr Winterquartier, sondern auch viele Käferarten wechseln von benachbarten Äckern und Wiesen zum schützenden Waldrand, um hier zu überwintern.

 

Mittwoch

Nigerdelta

 

Das Nigerdelta ist das Mündungsdelta des Nigers in Nigeria. Seine Fläche beträgt ungefähr 70.000 Quadratkilometer, seine Breite über 200 Kilometer. Das Nigerdelta zählt zu den größten Feuchtgebieten der Erde. Das verzweigte Flusssystem beherbergt die größten Mangrovenwälder des afrikanischen Kontinents. Sie belegen eine Fläche von ca. 11.134 Quadratkilometern entlang des Küstensaums und dehnen sich bis weit ins Hinterland aus. Das Nigerdelta beherbergt zahlreiche vom Aussterben bedrohte Tierarten wie das Sumpfkrokodil, den Manati und das Zwergflusspferd. 31 Millionen Menschen leben in dem Mündungsgebiet des drittgrößten Flusses Afrikas.

Aus 5000 Bohrquellen und 7000 Kilometern Rohrleitungen werden im Nigerdelta pro Tag mehr als zwei Millionen Fass Öl gefördert. Beteiligte Unternehmen sind Shell, Chevron, ExxonMobil und Total, die teils in Joint Ventures mit dem nigerianischen Staat agieren. Durch Pipelines bzw. durch die Erdölförderung wird die Umwelt enorm verschmutzt. Im Jahr 2013 führten die genannten Missstände zur „Nominierung“ des Deltas unter den „Top 10 der am stärksten verseuchten Gebiete der Erde“ durch das Blacksmith Institute. Wie Amnesty International und das Zentrum für Umwelt, Menschenrechte und Entwicklung (CEHRD) in einem am 3. November 2015 veröffentlichten Bericht mitteilten, habe der Mineralöl-Gigant Shell die Öffentlichkeit vorsätzlich mit der Behauptung getäuscht, vier stark verschmutzte Gebiete im nigerianischen Nigerdelta gesäubert zu haben; die Kontaminierung im größten Ölfördergebiet Afrikas sei noch immer mit bloßem Auge zu sehen.

Am 10. November 1995 wurden Ken Saro-Wiwa und acht weitere Angeklagte gehängt. Saro-Wiwa entstammte den Ogoni, einem indigenen Volk im Nigerdelta. Saro-Wiwa hatte sich als Bürgerrechtler in seiner Heimat für Umweltschutz und Menschenrechte eingesetzt. Im Jahr 1989 gründete er die Organisation Movement for the Survival of the Ogoni People (MOSOP; „Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes“). Ziele von MOSOP waren unter anderem die Sanierung der durch die Erdölförderung geschädigten Gebiete sowie die Beteiligung der Bevölkerung an den Einnahmen aus der Erdölförderung. Diese Ziele sollten ohne den Einsatz jeglicher Gewalt erreicht werden. Saro-Wiwa wurde während seiner Zeit in MOSOP mehrmals durch die nigerianische Militärregierung verhaftet und oft ohne einen Prozess monatelang festgehalten. Im Mai 1994 schließlich wurden er und acht weitere Mitglieder von MOSOP ein weiteres Mal verhaftet, diesmal mit der Begründung, sie hätten Anstiftung zum Mord begangen. Nach über einem Jahr Haft kam es zu einem spektakulären Schauprozess vor einem eigens einberufenen Tribunal. Der Prozess gipfelte am 30. Oktober 1995 in der Verurteilung Saro-Wiwas und seiner acht Mitstreiter zum Tode. Kritiker warfen der in Nigeria engagierten Royal-Dutch-Shell-Gruppe eine Mitschuld am Tode des Schriftstellers und Ogoni-Führers sowie acht seiner Mitstreiter vor. Außerdem wird dem Unternehmen vorgeworfen, die Umwelt im Niger-Delta verwüstet und die Lebensgrundlagen der dort lebenden Menschen erheblich beeinträchtigt zu haben. Am 9. Juni 2009 verglich sich der Konzern außergerichtlich mit den Hinterbliebenen von Ken Saro-Wiwa und den anderen acht Hingerichteten und zahlte 15,5 Millionen US-Dollar, um nicht vor einem US-Bezirksgericht wegen Menschenrechtsverletzungen angeklagt zu werden. Einer Studie des Umweltprogramms der Vereinten Natonen (Unep) zufolge würde eine umfassende Sanierung des Ogonilandes 25 bis 30 Jahre in Anspruch nehmen und bis zu einer Milliarde Dollar kosten.
Anmesty International kritisiert den Umgang des Ölkonzerns mit dem Problem der Ölverschmutzungen in der Region und wirft ihm eine Taktik der „Verschleierung und Desinformation“ vor, was deren Ausmaß betrifft.

Am 26. Januar 2017 hat ein britisches Gericht Sammelklagen von mehr als 40.000 Bewohnern des nigerianischen Nigerdeltas gegen den Ölkonzern Shell wegen Umweltverschmutzung abgewiesen. Der High Court folgte der Argumentation des britisch-niederländischen Konzerns, wonach der Fall vor einem Gericht in Nigeria verhandelt werden sollte.

 

Donnerstag

Kannenpflanzen und Wollfledermäuse

 

Zielsicher steuert eine Hardwicke-Wollfledermaus eine Kannenpflanze der Gattung Nepenthes an. Der Kontakt im Wald auf der südostasiatischen Insel Borneo ist für beide Seiten fruchtbar: Die Fledermaus findet im Hohlraum der Pflanze ein ideales Schlafplätzchen. Die Kannenpflanze, die auf nährstoffarmen Böden wächst, profitiert vom nährstoffreichen Kot der Fledertiere.

Wie sehr Tier und Pflanze aufeinander eingestellt sind, hat kürzlich ein internationales Wissenschaftlerteam der Universitäten Erlangen-Nürnberg, Greifswald und Brunei herausgefunden. Denn bisher war nicht klar, wie die Fledermäuse die seltenen Kannenpflanzen im dichten Bewuchs der Sumpfwälder Borneos überhaupt finden. In verschiedenen Versuchen fanden die Wissenschaftler heraus, dass eine bestimmte Struktur an der Rückwand der Kannenpflanze die Ultraschall-Rufe der Fledermäuse, die diese zur Orientierung nutzen, verstärkt zurückwirft. Der Echo-Reflektor hilft so den Tieren beim Finden ihres Quartiers. Ohne diesen Trick funktioniert das gedeihliche Zusammenleben offenbar nicht: Kannenpflanzen, bei denen die Forscher den Schall-Reflektor verändert hatten, wurden von den Fledermäusen nicht mehr als Unterkunft gewählt.

 

Freitag

UV-sehende Vögel

 

Vögel sehen die Welt in einem völlig anderen Licht, als sie der Mensch wahrnimmt. Nach den Entdeckungen von Prof. Dr. Dietrich Burkhardt haben nämlich einige Vogelarten die Fähigkeit, auch im ultravioletten Bereich des Farbenspektrums zu sehen. Während der Mensch seine Umwelt in den drei Grundfarben Rot, Grün und Blau erblickt, sind es bei Vögeln, wie der chinesischen Nachtigall, vier Grundfarben: die drei genannten und Ultraviolett. Natürlich sind noch nicht alle der etwa 8000 Vogelarten untersucht, aber für 30 Arten ist das UV-Sehen schon bewiesen…

Für Menschen ist es schwer, sich vorzustellen, wie ein UV-sehender Vogel seine Umwelt wahrnimmt. Der Mensch hat ein Farbdreieck, für die Vögel muss man von einer Farbpyramide sprechen, einem Tetraeder. Da jede der Grundfarben mit den anderen mischbar ist und danach eine völlig andere Farbe ergibt, haben UV-sehende Vögel eine unbeschreibliche Farbenpracht zur Verfügung.

 

Samstag

Großer Panda

 

Der Große Panda, oft auch einfach als Pandabär bezeichnet, ist eine Säugetierart aus der Familie der Bären. Als Symbol des World Wide Fund for Nature (WWF) und manchmal auch des Artenschutzes allgemein hat er trotz seines sehr beschränkten Verbreitungsgebiets weltweite Bekanntheit erlangt. Große Pandas erreichen eine Kopfrumpflänge von 120 bis 150 Zentimetern, der Schwanz ist wie bei allen Bären nur ein Stummel von rund zwölf Zentimetern Länge. Das Gewicht erwachsener Tiere variiert von 75 bis 160 Kilogramm. Große Pandas entsprechen in ihrem Körperbau weitgehend den anderen Bären, stechen jedoch durch ihre kontrastreiche schwarz-weiße Färbung hervor. Pandas sind in der ganzen Bärenfamilie die einzigen, die sich fast ausschließlich vegetarisch ernähren. Um satt zu werden, vertilgen ausgewachsene Pandas täglich rund 35 Kilogramm Bambus.

Einst bewohnte der Panda den größten Teil Chinas sowie den Norden von Myanmar und von Vietnam. Durch großflächige Rodungen der Bambuswälder verloren sie nicht nur die Hauptnahrungsquelle, sondern auch einen Großteil ihrer natürlichen Rückzugsgebiete. Heute hat der Große Panda weltweit nur noch einen Überlebensraum: die grünen Bambuswälder in der Westregion Chinas. Im Jahre 1992 begann die chinesische Regierung ein nationales Schutzprogramm für den Großen Panda. Es entstanden 40 Reservate mit einer Fläche von 10.400 Quadratkilometern, in denen etwas mehr als die Hälfte der Tiere in freier Wildbahn leben. Das Verbreitungsgebiet der Großen Pandas umfasst gebirgige Gegenden auf den Territorien der chinesischen Provinzen Sichuan, Gansu und Shaanxi. Das Habitat der Pandas sind subtropische Berghänge mit dichter Bewaldung. Hier leben sie im Sommer in Höhen von 2700 bis 4000 Metern, im Winter wandern sie in tiefergelegene, oft rund 800 Meter hohe Gebiete ab. Das Klima in ihrem Lebensraum ist generell feucht und niederschlagsreich, die Sommer sind kühl und die Winter kalt. Auf Anordnung der Staatlichen Chinesischen Forstbehörde sind die Provinzen Sichuan, Gansu und Shaanxi seit 2011 verpflichtet, alle zehn Jahre eine Zählung der in freier Wildbahn lebenden Pandabestände durchzuführen („Panda Census“). Bei der letzten Zählung (Anfang 2015) wurden 1864 Exemplare gezählt – zehn Jahre vorher waren es noch 1596.

 

Sonntag

Tanz – „Tanzen ist Leben“

 

„Tanzen ist viel älter, als es schriftliche Aufzeichnungen über menschliche Kulturen gibt. Es ist ein Nebenprodukt des aufrechten Gangs früher Hominiden und steckt in unseren Genen. Wahrscheinlich ist es in der Evolution so erfolgreich gewesen, weil es geholfen hat, die kognitiven Funktionen zu verbessern. Vielleicht hat sich die Menschheit nur durch den Tanz so weit entwickelt.“

„Sich zu Musik zu bewegen, sei es nach Tanzschritten oder frei, wirkt entspannend und ist eine Wohltat für die Seele. Tanzen hilft vielen Menschen, mit ihrem Alltagstress besser umzugehen. Denn auch wenn man alleine tanzt, gibt einem die Bewegung im Rhythmus eine fast schon familiäre Geborgenheit. Paartänze und Volkstänze fordern mehr den Geist, weil die Bewegungen ja geplant sind, anders als beim freien Tanzen.“

„Während der argentinischen Militärdiktatur war der Tango verboten, heute verbieten die Islamisten, wo sie an der Macht sind, Musik und Tanz. Aber solche Gesellschaften verharren im Stillstand – und langfristig hat sich noch keine Herrschaft durchgesetzt, die den Tanz verboten hat. Tanzen ist Leben.“

Gunter Kreutz, Musikkognitionsforscher und Professor an der Universität Oldenburg, in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau (30.4./1.5.2013)

„Tanzen heißt, das Leben zu nehmen, wie es kommt. Aber etwas Eigenes, das Beste, daraus zu machen. Und auch nach Umwegen oder Schicksalsschlägen wieder hineinzufinden, in deinen eigenen Takt.“ (Aus: Tanja Toplak-Páll, Lass dich mitreißen! Wer tanzt, hat mehr vom Leben, in: „Magazin am Wochenende“ der Nürnberger Nachrichten vom 19./20. August 2017)


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