29. Kalenderwoche (13.–19. Juli 2020)

 

Pluto  Trockenrasen  Totes Meer  Weizen  Ameisen  Giraffe  Mitgefühl

 

 

Montag

Pluto

 

Pluto ist mit einem Durchmesser von 2373 Kilometern nicht einmal halb so groß wie Merkur und etwa um ein Drittel kleiner als der Erdenmond (3500 Kilometer). Der Zwergplanet ist etwa 30-mal so weit von der Erde entfernt wie die Sonne. Vier Stunden und zehn Minuten ist sein Licht zu uns unterwegs. Der etwa minus 230 Grad kalte Pluto ist eine Art Eiszwerg, wie sie zu Zigtausenden bei der Entstehung des Sonnensystems übrig geblieben sind und seitdem den sogenannten Kuipergürtel bilden, wobei die Entdeckung des Pluto am 18. Febraur 1930 der erste Hinweis darauf war, dass das Sonnensystem einen Fundus gefrorener Himmelkörper besitzt, die bei der Entstehung der Planeten übrig geblieben sind. In etwa sechseinhalb Tagen dreht sich Pluto um sich selbst. Für einen Sonnenumlauf benötigt der zu knapp einem Drittel aus gefrorenem Wasser bestehende Zwergplanet 248 Erdenjahre. Seine Umlaufbahn ist exzentrisch: Sie ist zwischen 4,4 und 7,3 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt. Im Eiskern des Pluto vermuten Forscher einen Ozean. Bislang sind fünf Monde des Winzlings bekannt: Charon, Styx, Nix, Kerberos und Hydra. Charon ist mit 1212 Kilometer Durchmesser) halb so groß wie Pluto selbst, die vier kleinen Monde sind maximal 50 Kilometer groß.

In der Planeten-Definition der Internationalen Astronomischen Union (IAU) von 2006 wird festgelegt, dass ein Planet im Sonnensystem ein Himmelskörper ist, der die Sonne umkreist, genügend Masse hat, um nahezu rund zu sein, und die Nachbarschaft in seiner Umlaufbahn von anderen Himmelsköpern gereinigt hat. Das bedeutet: In der Nähe des Planeten dürfen sich nur noch Himmelskörper befinden, die unter dem Einfluss der Schwerkraft des Planeten stehen. Letzteres war der Punkt, der dazu führte, dass Pluto seinerzeit der Planetenstatus aberkannt wurde.

 

Dienstag

Trockenrasen

 

Trockenrasen sind besondere Biotope, die sich an trockenen, nährstoffarmen Standorten ausbilden. Diese liegen oft auf südlich exponierten Hängen mit guten Drainagebedingungen. Aber auch kiesig-sandige Flachlandböden mit gutem Sickervermögen begünstigen die Entwicklung von Trockenrasen. Das meist schon spärliche Niederschlagsangebot wird schnell abgeführt bzw. verdunstet. Wegen des Wasser- und Nährstoffmangels siedeln sich auf Trockenrasen Pflanzenarten an, die eine hohe Trockenheitsresistenz besitzen. Diese Arten könnten zwar auch an besser versorgten Standorten existieren, unterliegen dort aber anderen Pflanzen wegen ihrer nur geringen Konkurrenzkraft. Die genannten Bedingungen machen den Trockenrasen zum Rückzugsgebiet gefährdeter Tier- und Pflanzenarten. Viele Arten der Roten Liste existieren hier. Abhängig von den Standortfaktoren und der vorangegangenen Nutzung wachsen die Trockenrasen bei ausbleibender Pflege mehr oder weniger zögerlich oder rasch mit Schlehen, Rosen-, Weißdornarten oder Birken, Zitterpappeln, Kiefern und anderen Pioniergehölzen zu. Die meisten Trockenrasen müssen also durch direkte oder indirekte Einwirkung des Menschen entstanden sein. Um den Trockenrasen zu schützen und seine Weiterentwicklung zum Gehölz zu verhindern, müssen die Flächen regelmäßig gepflegt werden. Zu den Pflegemaßnahmen zählen extensive Beweidung (Beweidung durch Schafe und Ziegen) und Entbuschungsmaßnahmen (Entkusselung).

 

Mittwoch

Totes Meer

 

Das Tote Meer in Israel bildet einen abflusslosen und rund 800 Quadratkilometer großen Salzsee, der als Endsee in einer Senke liegt. Diese ist Teil des Jordangrabens, der die nördliche Fortsetzung des Großen Afrikanischen Grabenbruchs darstellt. Seine Wasseroberfläche wird häufig mit Werten um 396 Meter unter dem Meeresspiegel angegeben; tatsächlich liegt der Wasserspiegel bei einer fortschreitenden Austrocknung bereits etwa 420 Meter unter dem Meeresspiegel. Jedes Jahr fällt der Wasserspiegel um einen weiteren Meter. Das Ufer des Sees bildet damit den am tiefsten gelegenen nicht von Wasser oder Eis bedeckten Bereich der Erde, das Tote Meer ist der am tiefsten gelegene See der Erde. Sein Salzgehalt ist mit 34 Prozent zehnmal höher als im Ozean.

Ein Wissenschaftlerteam hat im Jahr 2011 bei Tauchgängen auf dem Grund des Toten Meeres Süßwasserquellen entdeckt. Sie ermöglichen eine vielfältige Lebenswelt im sonst eher lebensfeindlichen Salzwasser des Sees. Vermutet hatte man solche Quellen dort schon länger, doch erst jetzt habe man nachweisen können, dass sie existieren, berichtete das an dem Projekt beteiligte Max-Planck-Institut (MPI) für Marine Mikrobiologie in Bremen. In unmittelbarer Umgebung der Süßwasserquellen stießen die Wissenschaftler zudem auf artenreiche Bakterienmatten, die große Bereiche des Seebodens bedecken. Die Mikroben gehören zur Gruppe der Archaeen.

In den letzten 30 Jahren hat das Tote Meer ein Drittel seiner Wasseroberfläche verloren: Zum einen ist der Jordan, aus dem das Tote Meer hauptsächlich gespeist wird, nur noch ein Rinnsal, da sein Flusswasser zu 98 Prozent von den Anrainerstaaten Israel, Jordanien, dem Westjordanland, Syrien und dem Libanon abgezweigt wird – für Landwirtschaft und private Haushalte; zum anderen lassen israelische und jordanische Industrieanlagen auf beiden Uferseiten Wasser aus dem Toten Meer in riesigen Becken verdunsten, um Mineralien aus dem Toten Meer zu gewinnen. Unter diesen Umständen dürfte das Tote Meer in fünfzig Jahren komplett ausgetrocknet sein.

 

Donnerstag

Weizen

 

Der Weizen stammt aus dem Vorderen Orient und ist nach der Gerste die zweitälteste Getreideart. Die ältesten Nacktweizenfunde stammen aus der Zeit zwischen 7800 und 5200 v. Chr. Die ersten angebauten Weizenarten waren Einkorn und Emmer. Mit seiner Ausbreitung nach Nordafrika und Europa gewann er grundlegende Bedeutung. Der heutige Saatweizen ging aus der Kreuzung mehrerer Getreide- und Wildgrasarten hervor.

Die Samen des wilden Weizens bohren sich mit ihren beiden Ährenborsten (Grannen) trickreich in die Erde, berichteten Potsdamer Forscher im Jahr 2007 in der Zeitschrift Science. Die langen Anhänge sorgen zunächst dafür, dass der Samen mit dem Korn voran auf dem Boden landet. Steckt es dann in der Erde, verwandeln sich die Grannen in einen Bohrer. Als Antrieb des Bio-Bohrers dient die Luftfeuchtigkeit: Während des meist trockenen Tages verlieren auch die Grannen Feuchtigkeit und biegen sich dabei nach außen – wie ein immer breiter werdender Buchstabe V. In der feuchten Nachtluft biegen sie sich zurück. Diese Bewegungen schieben das Korn in die Erde.

 

Freitag

Ameisen

 

Auf der ganzen Welt gibt es ungefähr zehn Billiarden (10.000.000.000.000.000) Ameisen. Unter Insektenforschern hält sich das Gerücht, dass alle Ameisen auf der Erde zusammen etwa so viel wiegen wie alle Menschen. Der Vergleich mag er exakt stimmen oder nicht verdeutlicht, wie viele dieser Winzlinge auf dem Planeten wuseln. Doch nicht nur bezüglich ihrer Gesamtmasse werden diese Insekten oft unterschätzt, sondern auch hinsichtlich ihrer Rolle für die Ökosysteme, in deren Stoff- und Energiefluss sie oft eine Schlüsselrolle einnehmen. Die mehr als 100 hiesigen Ameisenarten erfüllen in ihren Lebensräumen unterschiedliche Funktionen. Manche räuberischen Spezies fressen etwa Raupen und Spinnen, andere dienen als Beute. Ihre Larven werden etwa von Wildschweinen oder Spechten gefressen. Und viele Ameisen verbreiten Samen von Pflanzen wie etwa Buschwindröschen. Ameisen, die unterirdische Nester haben, spielen bei der Bodenaufbereitung eine wichtige Rolle. In bestimmten Gegenden wälzen sie mehr Boden um als Regenwürmer.

Wüstenameisen finden im Rückwärtsgang ihren Weg genauso sicher wie in der Vorwärtsbewegung. Das schreiben Biologen der Universität Ulm 2016 im „Journal of Experimental Biology“. Sie hatten die Tiere in Tunesien untersucht und festgestellt, dass sie sich nicht an Duftstoffen wie viele andere Insekten orientieren. Stattdessen nehmen sie die Landschaft visuell wahr und nutzen unter anderem den Stand der Sonne. Die Ameisen können nach Angaben der Forscher das Zehnfache ihres Eigengewichts mit Hilfe ihrer Mundwerkzeuge transportieren. Mit der Beute geht es auf direktem Weg zurück zu ihrem Bau. Transportieren die Tiere besonders schwere Last, laufen sie rückwärts.

Überraschenderweise berichtete das Bundesamt für Naturschutz (BfN) in seinem ersten Artenschutz-Report vom Mai 2015, dass die Populationen von 99 der hierzulande insgesamt 108 Ameisenarten schrumpfen. 56 Arten gelten als bestandsgefährdet, eine als ausgestorben. Ihre Lebensräume gehen zunehmend verloren.

Ameisen gibt es bereits seit 100 Millionen Jahren, und wir kennen heute 9500 verschiedene Arten. Es gibt nur eine Gattung Mensch – ihre Entwicklung begann vor über zwei Millionen Jahren. Viele Wissenschaftler meinen, die Ameisen werden länger auf der Erde leben als die Menschen.

  • Susanne Foitzik, Olaf Fritsche, Weltmacht auf sechs Beinen. Das verborgene Leben der Ameisen, Rowohlt Verlag, Hamburg 2019

 

Samstag

Giraffe

 

Mit einer Höhe von bis zu sechs Metern sind Giraffen die längsten Säugetiere der Welt. Allein ihr Hals kann zwischen zwei und drei Metern lang werden. Durch diesen Größenvorteil haben sie so gut wie keine Nahrungskonkurrenten. Die bis zu 1000 Kilogramm schweren Tiere ernähren sich vorwiegend von Blättern, Knospen und Trieben. Aufgrund ihres markanten Aussehens gelten sie als eines der Symbole Afrikas. Vor einigen Millionen Jahren lebten Giraffen in ganz Europa, Asien und Afrika. Die Vorfahren der Giraffe hatten kurze Hälse, wie das verwandte Okapi noch heute. Erst im Laufe der Evolution, wo lange Hälse in der Steppe bei der Nahrungsaufnahme von immer größerem Vorteil waren, bildete sich der extrem lange Hals heraus. Sie gehören nicht, wie bislang angenommen, einer einzigen Art an, sondern sind genetisch in vier unterschiedliche Spezies aufgeteilt (Süd-Giraffe, Massai-Giraffe, Netz-Giraffe und Nord-Giraffe).

In sieben Staaten sind die nur in Afrika vorkommenden Paarhufer bereits ausgestorben. Von der Nubischen Giraffe im Sudan und in Äthiopien gibt es nur noch wenige hundert Exemplare. Größere Giraffenpopulationen leben nur nur noch in Ost- und im südlichen Afrika. Wie die Weltnaturschutzunion (IUCN) am 7. Dezember 2016 auf der UN-Artenschutzkonferenz im mexikanischen Cancún mitteilte, geht die Zahl der Giraffen stark zurück. In den vergangenen 30 Jahren sei die Population um knapp 40 Prozent gesunken von seinerzeit noch rund 160.000 Tieren auf  inzwischen nur noch gut 97.000. Hauptgrund dafür ist der Verlust des Lebensraums: 50 Prozent der Erdoberfläche sind inzwischen vom Menschen in Beschlag genommen, fast zehn Prozent mehr als noch vor 25 Jahren. Auf der neuen Roten Liste rückte die Giraffe von der Kategorie „ungefährdet“ auf „gefährdet“. Von der Westafrikanischen Giraffe, einer Unterart der Nord-Giraffe, existieren nur noch 400 wildlebende Tiere (allesamt in einer kleinen Region in Niger).

 

Sonntag

Mitgefühl

 

Mit allen Sinnen mit-fühlen. Mit den Augen, mit den Ohren, mit dem Verstand und mit dem Herzen. Mitgefühl braucht Zeit und Geduld zum Schauen, zum Fühlen und zum Verstehen. Mitgefühl ist Anteilnahme. Wer mitfühlt, nimmt mit einem anderen am gleichen Übel teil. Mitgefühl erfordert die ganze humane Aufmerksamkeit und Teilnahme. Mitgefühl ist Liebe, die mitgeht und zugleich Distanz wahrt. Wer das Leiden, den Schmerz, das Mitleiden in sein Leben nicht integrieren will, wird auch niemals wissen, was echte Liebe ist, und »unter derart eingeschränkten Bedingungen«, so der Psychoanalytiker Arno Gruen, »verkümmern viele mögliche Ausprägungen des Menschseins.« In der Kindheit werden die Weichen für ein voll entfaltetes oder verkümmertes Menschsein gestellt. Hier passieren die Fehler, die dann unbewusst von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Auswirkungen sind verhängnisvoll, so Arno Gruen weiter: »Wenn du keinen Schmerz erlebst, wenn du weder den eigenen Schmerz noch den Schmerz im Anderen erleben kannst, dann hast du keine inneren Hindernisse. Menschen, die kein Mitgefühl haben, die keine Sensitivität haben für das Befinden anderer Menschen, für deren Schmerz, die sind am erfolgreichsten, denn ihnen steht nichts im Wege, keine Skrupel, kein schlechtes Gewissen, kein Scham- und Schuldgefühl. Sie können andere einfach beiseite schieben. Sie lernen ganz früh, über die Gefühle anderer hinwegzuschreiten, denn diese sind gar nicht wichtig. Wichtig ist, stets der oder die Beste zu sein, sich rücksichtslos zu nehmen, was man will.«

»Mein Ort ist, wo Augen mich ansehen, wo sich die Augen treffen, entstehe ich«, schrieb Hilde Domin in einem Gedicht. Wenn der Mensch ein Antlitz erhält, wenn er zu einem Du wird, dann wird er im Auge des anderen zum Mit-Menschen. Und es wird schwerer sein, ihn zu missachten, an ihm vorbeizugehen, wenn er hungert. Und es verlangt viel Verrat an sich selbst und dem andern, wegzuschauen, wenn er leidet und misshandelt wird. Das Gute, das ein Mensch dem Menschen tut, das kehrt zu ihm selbst zurück. Mitgefühl tut gut. Auch der eigenen Seele, sagt der Gießener Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Horst-Eberhard Richter: »Man fühlt sich ja mit sich selbst besser, man fühlt sich mehr mit sich im Reinen, wenn man gute Gefühle entwickelt, man hat mehr Genugtuung, wenn man sich beobachtet in einem sozial positiven Verhalten, wenn man hilft, auf andere eingeht, andere fördert, das ist das, was einen stärkt.«

(Quelle: Doris Weber, Mein Ort ist, wo Augen mich ansehen, in: Publik-Forum Nr. 6/2008)


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