28. Kalenderwoche (6.–12. Juli 2020)

 

Wolken  Gestein  Victoriasee  Wegwarte  Libellen  Gepard  Singen

 

 

Montag

Wolken

 

Eine Wolke ist eine Ansammlung von sehr feinen Wassertröpfchen (Nebel) oder Eiskristallen in der Atmosphäre. Die Wassertröpfchen bilden sich um Kondensationskerne herum, wenn die relative Feuchtigkeit der Luft 100 Prozent geringfügig (um höchstens ein Prozent) übersteigt.
Wolken mit unterschiedlichsten Erscheinungsformen sind ein wesentlicher Bestandteil des Wettergeschehens, des Wasserkreislaufs und des Klimas.

Wasser, in kleinste Teilchen oder in Eiskristalle zerstäubt, erscheint uns in Verbindung mit Licht und Wind als Wolken.
Wolken gehören zur Erde. In ihnen löst sich die Schwere der Materie auf, sie werden zu sprechenden Formen, die die Fantasie anregen.
Wolken verbinden uns aber auch mit dem Himmel.
Der leere Raum des Himmels, in dem sich der Blick verliert, in dem es keine Entfernungen, keine Grenze gibt, wird erst durch die wandernden Wolken sichtbar, begrenzt, verändert, er wird zur Fortsetzung der Erde.
So wie die fliegenden Vögel über uns in dem ungeheuren Raum Entfernungen und Zwischenräume schaffen, so lassen uns die Wolken in der Ferne die Unendlichkeit irdisch erscheinen.
Wind lässt auch die leichten, hellen Wolken über den Himmel fliegen. Die Wolken fangen das Licht ein und geben es im Tageslauf in vielen Farbnuancen wieder, als helles, zartes Rot am Morgen, als Weiß, Gelb, Grau am Tage und als goldenes Rot am Abend.
Wolken sind uns Gleichnis für die Schönheit, für die Veränderlichkeit, die Vergänglichkeit, manchmal für die Schwere, aber auch für die Heiterkeit des Lebens.

Bernd F. K. Bunk, „Hermann Hesse gedenkend“ (2009)

 

Dienstag

Gestein

 

Das Element Erde verdankt seine Festigkeit den Steinen. Sie sind aus der Glut des Magmas erstarrt, durch Druck und Hitze umgeformt oder aus dem Kreislauf der Verwitterung abgelagert worden. Auch die Steine unterliegen dem Kreislauf des Werdens und Vergehens. Ständig steigt aus dem flüssigen Erdkern Material nach oben, erstarrt, verwittert, setzt sich ab, gerät unter Druck, wird wieder verflüssigt…und so weiter.

Granit ist vielleicht das bekannteste aller Gesteine. Es entsteht mehrere Kilometer tief in  der Erdkruste. Dort kristallisiert flüssiges Magma zu den in Gestalt und Färbung unterschiedlichen Mineralen, die dem Gestein das charakteristische grobkörnige Gefüge verleihen.

US-Forscher haben kürzlich festgestellt, dass in Gestein große Mengen Stickstoff gebunden sind, die durch Verwitterung freigesetzt werden (bisher ging man davon aus, dass das Element, das ständig in Ökosystemen der Erdoberfläche – etwa in Pflanzen und Böden – eingelagert wird, aus der Atmosphäre stammt; sie besteht zu 78 Prozent aus Stickstoff). Ihrer Studie zufolge, die am 6. April 2018 in der Fachzeitschrift Science erschien, setzt Verwitterung pro Jahr weltweit zwischen 19 und 31 Millionen Tonnen Stickstoff frei. Damit würde bis zu 26 Prozent der Stickstoffmenge, die in vorindustrieller Zeit zirkulierte, aus Gestein stammen, schreiben sie. Heute wären es – wegen hoher Stickstoffemissionen durch Verkehr und Industrie – bis zu 16 Prozent. „Unsere Studie zeigt, dass Stickstoffverwitterung eine weltweit bedeutende Quelle von Nährstoffen für Böden und Ökosysteme ist“, wird Houlton in einer Mitteilung seiner Universität zitiert.

Der Steinhaufen – Kleiner Lebensraum von großer Bedeutung: Über Jahrhunderte hinweg haben Menschen mühsam Steine aus Äckern und Weinbergen gelesen und aufgehäuft. Ein Steinhaufe oder Steinriegel bietet mit seinen unterschiedlich großen Hohlräumen und Ritzen einen wertvollen Lebensraum und Schutz für viele Tiere.

 

Mittwoch

Victoriasee

 

Der Victoriasee liegt in Ostafrika und ist Teil der Staaten Tansania, Uganda und Kenia. Er der größte See in Afrika und nach dem Kaspischen Meer und dem Oberen See (der größte der fünf Großen Seen Nordamerikas) der drittgrößte See überhaupt und der zweitgrößte Süßwassersee der Welt. Er umfasst 69.000 Quadratkilometer und hat damit in etwa die Größe Bayerns.

Erdgeschichtlich betrachtet ist der Victoriasee mit einer Million Jahren ein recht junger See. Für Evolutionsbiologen gewährt er aber einzigartige Einblicke in die Evolutionsgeschichte eines Ökosystems, denn der See weist einen erstaunlichen Artenreichtum auf: Neben dem Flusspferd leben mehr als 550 Fischarten in dem Gewässer, darunter mehr als 500 Buntbarscharten. Zum Vergleich: In Europa gibt es gerade einmal ca. 200 Süßwasserfischarten. Der Artenreichtum an Buntbarschen hat sich seit dem letzten Austrocknen des Sees vor 100.000 Jahren entwickelt. Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass sich diese 500 Arten aus nur wenigen Exemplaren entwickelt haben. Jede Fischart hat sich an die Lebensbedingungen des jeweiligen Bereichs im See angepasst.

Die gezielte Ansiedlung des kommerziell gut verwertbaren, aber gebietsfremden Nilbarschs in den 1960ern führte zwar aufgrund seiner rasanten Vermehrung zu dem erwarteten Aufschwung der exportorientierten Fischindustrie, endete allerdings in einem unerwarteten Desaster, da der Nilbarsch für das Aussterben eines Großteils der Buntbarscharten mitverantwortlich war und die einheimische Trockenfischindustrie ruinierte. Die Hintergründe dieser Entwicklung thematisiert der Film „Darwin’s Nightmare“. Ein weiteres Problem ist die ebenfalls nicht natürlich im Victoriasee vorkommende Wasserhyazinthe, die heute weite Flächen überwuchert.

Der ostafrikanische Malawisee bietet die größte Anzahl an endemischen Fischen der Welt: 90 Prozent der fast 1000 Arten im See sind nur hier zu finden. Allerdings sind die Bestände in Folge von Überfischung dramatisch geschrumpft.

 

Donnerstag

Wegwarte

 

Der Dichter Novalis machte die Suche nach der blauen Blume zum Sehnsuchtssymbol der Romantik. Wer die Verkörperung der Wunderblume im realen Leben finden will, der muss kein Wandervogel sein, aber genau hinsehen: Die kleinen lichtblauen Zungenblüten der am Wegesrand wachsenden Wegwarte öffnen sich nur bei Sonne für ein paar Stunden, vor allem im Morgenlicht. Von Juni bis zum ersten Frost zeigt Cichorium intybus an Weg- und Straßenrändern ihre großen, leuchtend himmelblauen Blütenköpfe. Sie öffnen sich frühmorgens im Sonnenlicht und schließen sich bereits am frühen Nachmittag. Eher unansehnlich wirken dann die oft von Straßenstaub bedeckten, bis ein Meter hohen Pflanzengestalten mit ihren sperrig verästelten Stängeln. Aber am nächsten sonnigen Morgen entfaltet der Korbblütler aufs Neue seine prachtvollen Blütenstände. Die Wegwarte bietet Bienen, Schmetterlingen und anderen Tieren Nahrung. Auch für den Menschen ist sie nutzbar. Berühmt wurde sie als Kaffee-Ersatz, eine zu Beginn des 18. Jahrhunderts entdeckte Verwendung.

 

Freitag

Libellen – silberne Sonnenvögel, fliegende Edelsteine

 

Im Juli schlüpfen viele der heimischen Libellenarten. Dazu verlassen die unscheinbaren Larven ihr jahrelanges Unterwasserleben im Teich und verwandeln sich an einem Schilfhalm in den rasend schnellen und wunderschönen „fliegenden Edelstein“ – sie schillern in metallischen Farben und sind echte Flugakrobaten.

Libellen sind faszinierende Lebewesen, und das schon seit mehr als 300 Millionen Jahren. Als lebende Fossilien schwirren sie heute noch in fast unveränderter Form durch die Lüfte. Versteinerungen aus Urzeiten, wie zum Beispiel in den Kalkplatten aus Solnhofen bei Eichstätt, beweisen dies eindrucksvoll. Libellen waren damals zwar wesentlich größer, doch ihre wichtigsten Markenzeichen sind gleich geblieben: ein filigraner Körperbau, sechs Beine und zwei hauchzarte Flügelpaare, die sie getrennt voneinander bewegen können. Diese Fähigkeit macht sie zu einzigartigen Flugkünstlern unter den Insekten: Sie können in der Luft „stehen“, abrupte Kehrtwenden ausführen und sogar rückwärts fliegen. Ingenieure haben das Flugprinzip des Hubschraubers bei den Libellen abgeschaut. Einige Libellenarten erreichen Fluggeschwindigkeiten von bis zu 50 Stundenkilometern, steigen auf 2.000 Meter Flughöhe auf oder überqueren den Atlantik.

„Wenn aber ein Tier ganz und gar Poesie ist, als ein Wesen sich darstellt, scheinbar völlig unirdischer Art, wie aus Sonnenschein und Wellenfunkel entstanden, schnell wie ein Gedanke und flüchtiger denn ein Traum, dann versagt der Mensch: er weiß nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen…
Mag ihr Leib auch in Edelerz und Karfunkelstein gekleidet sein, mögen ihre Flügel auch schimmern, als wären sie aus Tautropfen und Sonnenschein gewebt, ist ihr Flug auch herrlicher als der der Schwalben und vornehmer als der der Falter, er denkt nicht daran, ihr mit bewundernden Augen nachzusehen…“
(Hermann Löns, Wasserjungfern, zitiert aus: Natur + Umwelt BN-Magazin, Sonderausgabe Naturschutz 2001, 54)

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen (Libellenkundler) haben die Speer-Azurjungfer zur Libelle des Jahres 2020 ernannt.

 

Samstag

Gepard

 

Typisch für Geparden ist das goldgelbe Fell mit schwarzer Fleckzeichnung sowie der schmale, hochbeinige Körperbau, der an Windhunde erinnert. Obwohl die Tiere eine Kopf-Rumpf-Länge von 150 Zentimetern plus 70 Zentimeter Schwanz erreichen können und ihre Schulterhöhe 80 Zentimeter betragen kann, bringen es die Raubtiere nur auf ein Gewicht von etwa 60 Kilogramm.  Geparde sind die schnellsten Landtiere der Erde: Der für Katzen einzigartige Körperbau ermöglicht es ihnen, in drei Sekunden eine Geschwindigkeit von circa 95 Kilometer pro Stunde zu erreichen.

Einst war der Gepard über fast ganz Afrika mit Ausnahme der zentralafrikanischen Waldgebiete verbreitet, außerdem waren Vorderasien, die indische Halbinsel und Teile Zentralasiens besiedelt, heute ist er die am stärksten gefährdete Raubkatze Afrikas. Forscher der Zoologischen Gesellschaft in London (ZSL) und der Naturschutz-Gesellschaft WCS berichteten im Dezember 2016 im Fachblatt „Proceedings“ der US-nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS), dass nur noch knapp 7100 Tiere auf gerade einmal neun Prozent der ursprünglichen Verbreitungsfläche existieren. Bei der letzten großen Erhebung vor 40 Jahren wurden mit weltweit 14.000 Exemplaren noch fast doppelt so viele Geparden wie heute gezählt. Nach früheren Schätzungen gab es Anfang des 20. Jahrhunderts noch rund 100.000 Geparden.

In Asien sind Geparde schon so gut wie ausgestorben, nur im Norden des Iran existiert noch eine kleine Restpopulation; die Naturschutzorganisation WWF geht dort von höchstens 100 Tieren aus. Früher war der Gepard auch bis in die Sahara weit verbreitet, heute leben im Norden und Westen des afrikanischen Kontinents nur noch wenige Tiere. Der Asiatische und der Nordwestafrikanische Gepard gelten deshalb als vom Aussterben bedroht. Aber auch im südlichen Afrika, ihrer „Hochburg“ (WWF), reduziert sich der Bestand an Geparden rapide und viel stärker als gedacht. Zu diesem erschreckenden Ergebnis ist ein internationales Forscherteam gekommen, das die Gepardenpopulation im südlichen Afrika neu bewertet hat. Demnach sei die derzeitige Einschätzung „veraltet“, der Bestand müsse „drastisch nach unten korrigiert werden“, erklären die Wissenschaftler, die ihre von der „National Geographic Society’s Big Cat Initiative“ (USA) und der Schweizer Messerli-Stiftung geförderte Studie in der Zeitschrift „PeerJ“ veröffentlicht haben.

 

Sonntag

Singen

 

„Das Glück ist ja ein Gesamtpaket aus sehr verschiedenen persönlichen und kulturellen Faktoren – körperliche und seelische Gesundheit, Kontakt und Rituale, das Gefühl der eigenen Würde und Selbstwirksamkeit. Und zu all diesen Faktoren kann das Singen in positiver Weise beitragen. Singen ist zunächst ein körperlicher Vorgang, es verändert Atmung, Haltung, versetzt in einen vitalen physischen Zustand. Es fördert und festigt aber auch die sozialen Beziehungen: Man kann nicht zusammen singen, ohne aufeinander zu hören. Damit entsteht eine achtsame Atmosphäre, wo Menschen besser miteinander umgehen. Das Glück, das wir beim Singen empfinden, ist aber kein schneller euphorischer Kick wie bei einem Lottogewinn. Wenn Sänger von der Chorprobe kommen, erleben sie eher ein stilles, nachhaltiges Glück: die Erfahrung von Gelöstheit, freigesetzter Energie.“ (Antwort des Musikwissenschaftlers Gunter Kreutz auf die Frage, ob und wie Singen glücklich mache, in: Publik-Forum Nr. 11/2015)

„Singen ist die eigentliche Muttersprache aller Menschen.“ (Yehudi Menuhin, 1916–1999, US-amerikanischer, später schweizerischer und britischer Geiger, Bratschist und Dirigent)


RSS