24. Kalenderwoche (8.–14. Juni 2020)

 

Saturn  See  Baikalsee  Wiese  Leuchttiere  Axolotl  Warten

 

 

Montag

Saturn – „Herr der Ringe“

 

Der Saturn ist der fernste Planet, der mit bloßen Augen zu sehen ist. Er ist zehnmal weiter von der Sonne entfernt als die Erde. Fast 30 Jahre ist der ringgeschmückte Koloss unterwegs, um einmal die Sonne zu umrunden. Mit 120.536 Kilometern Äquatordurchmesser ist er, nach Jupiter, der zweitgrößte Planet unseres Sonnensystems. Der Saturn rotiert sehr schnell: Ein Tag dauert nur zehn Stunden und vierzig Minuten. Infolge der schnellen Drehung ist die Saturnkugel von allen Planeten unseres Sonnensystems am stärksten abgeplattet.

Sein beeindruckender Ring wurde kurz nach Erfindung des Fernrohrs entdeckt. Raumsondenaufnahmen zeigen, dass er sich aus Hunderten einzelner Ringe zusammensetzt. Die Saturnringe bestehen aus Abermilliarden Gesteinsbrocken mit einem Durchmesser von bis zu zehn Metern. Die Ringe reichen zwar viele hunderttausend Kilometer ins All, sind aber nur 400 bis 500 Meter dünn. Nicht nur Saturn, auch dessen zweitgrößter Mond Rhea ist von einem Ring umgeben, nämlich einer aus Staub und Gesteinsbrocken bestehenden Scheibe mit einem Durchmesser von mehreren tausend Kilometern. Es ist das erste Ringsystem, das jemals um einen Mond gefunden wurde. Ein Blick in die Tiefe des Alls mit dem Weltraumteleskop „Spitzer“ hat neue Erkenntnisse über unser Planetensystem gebracht: Der Saturn hat noch einen weiteren, bislang unbekannten Ring. Der hauchzarte Staubring ist der größte in unserem Sonnensystem. Sein Durchmesser beträgt etwa 26 Millionen Kilometer. Wäre er von der Erde aus zu sehen, würde er doppelt so groß erscheinen wie der Vollmond. Der beeindruckende Ring des Saturns kann bereits mit einem Fernrohr ab etwa dreißigfacher Vergrößerung gesehen werden. Aber nur mit einem größeren Teleskop kann man bei etwa 200-facher Vergrößerung die volle Pracht des ringgeschmückten Planeten genießen.

Mit einem guten Fernglas ist neben Saturn sein Riesenmond Titan zu entdecken. Mit 5150 Kilometer Durchmesser ist er der zweitgrößte Mond in unserem Sonnensystem. Er übertrifft noch den Planeten Merkur an Größe. Nur der Jupitermond ist noch ein wenig größer. Eine dichte Atmosphäre aus Stickstoff und Methan umhüllt die Titankugel, auf deren Oberfläche es mit minus 180 Grad Celsius empfindlich kalt ist. Saturn und seine mehr als fünf Dutzend Monde und Möndchen erhalten denn auch nur ein Neunhundertstel der Sonnenwärme, die die Erde empfängt.

Unter dem dicken Eispanzer des Saturnmonds Enceladus schwappt ein globaler Ozean. Das schließen Forscher aus Beobachtungen der Raumsonde „Cassini“. Demnach taumelt der Mond leicht auf seiner Bahn um den Ringplaneten. Diese Bewegung sei zwar nur klein, aber dennoch zu groß für einen durchgehend festen Himmelskörper, heißt es in einer Mitteilung der Cornell-Universität in Ithaca (US-Bundesstaat New York) vom 15. September 2015. Dass sich unter der Oberfläche von Enceladus flüssiges Wasser befindet, hatten Forscher bereits im Jahr zuvor erkannt, waren jedoch davon ausgegangen, dass es sich lediglich unter dem Südpol und angrenzenden Regionen befindet. Enceladus ist annähernd kugelförmig und hat einen Durchmesser von etwa 500 Kilometer. Er ist nicht der einzige Mond, bei dem Belege für einen unterirdischen Ozean gefunden wurden. Auch unter dem Eis der Jupitermonde Ganymed, Europa und Kallisto sowie im Saturnmond Titan und weiteren Eismonden vermuten Astronomen verborgene Meere.

Offenbar verfügt der Saturn-Mond Enceladus über die Voraussetzung für Leben: Die Nasa-Raumsonde „Cassini“ entdeckte laut einer am 13. April 2017 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten Studie Wasserstoff-Moleküle, die aus Rissen in der Oberfläche des Mondes kamen. Laut den Wissenschaftlern ist dies ein Hinweis auf die Erzeugung von Energie – eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung von Leben.

 

Dienstag

Ökosystem See

 

Ein See ist ein Stillgewässer mit oder ohne Zu- und Abfluss durch Fließgewässer, das vollständig von einer Landfläche umgeben ist. In einem See kommt es regelmäßig zu einer teilweisen oder vollständigen Durchmischung des Wasserkörpers, wobei Sauerstoff und Nährstoffe über den durchmischten Bereich gleichmäßig verteilt werden. Die Antriebskräfte für die Zirkulationen sind Wind und Dichteunterschiede: Kaltes, also dichteres Wasser sinkt nach unten, warmes, also weniger dichtes, steigt auf.

Die Bruttoprimärproduktion aller Seen weltweit ist auf 0,65 Petagramm Kohlenstoff pro Jahr abgeschätzt worden (1 Petagramm = 1 Milliarde Tonnen). Das ist im Verhältnis zur gesamten Bruttoprimärproduktion von 100 bis 150 Petagramm Kohlenstoff pro Jahr nicht viel. Seen sind darüber hinaus offensichtlich Netto-Quellen, und nicht etwa Senken, von Kohlendioxid. Gleichzeitig werden erhebliche Mengen Kohlenstoff in Seensedimenten festgelegt und so dem Kohlenstoffkreislauf entzogen. Dieser scheinbare Widerspruch löst sich auf durch den erheblichen Zustrom von Biomasse aus terrestrischen Ökosystemen in Seen hinein. In Seen, die von Karbonatgesteinen umgeben sind, spielt auch der Einstrom in Form von gelöstem (Hydrogen-)Carbonat eine große Rolle, die diejenige der seeneigenen Atmung (Respiration) sogar übersteigen kann. Seen sind eben nur bei idealisierter Betrachtung isolierte Ökosysteme, in der Realität sind sie mit den terrestrischen Systemen eng gekoppelt und verwoben. Auch der organische Kohlenstoffzustrom in Seen erfolgt weit überwiegend in gelöster Form, nur ganz untergeordnet in fester. Die globale Nettoemission von Seen wird auf 0,53 Petagramm Kohlenstoff pro Jahr abgeschätzt. Das ist auch global betrachtet ein signifikanter Wert, der erstaunt, wenn man bedenkt, dass weniger als drei Prozent der kontinentalen Fläche von Seen eingenommen wird; der Wert ist mehr als halb so hoch wie der Nettoexport von Kohlendioxid in die Ozeane. (Quelle: Wikipedia)

Der Tonle Sap (Aussprache: [tunleː saːp], etwa: Großer See) im Zentrum Kambodschas ist der größte See Südostasiens und gilt als fischreichstes Binnengewässer der Erde: Über 200 Fischarten, 13 Schildkröten- und 23 Schlangenarten sind hier heimisch.

Der See Genezaret im Norden Israels ist der am tiefsten gelegene Süßwassersee der Erde (ca. 200 Meter unter dem Meeresspiegel).

„Seen sind die Augen der Erde – mit jedem lebendigen See retten wir eine Welt“, sagte Credo Mutwa, der spirituelle Führer der südafrikanischen Zulus, anlässlich einer internationalen Living Lakes-Konferenz.

Anlässlich des Weltwassertages am 22. März ernennen die internationale Umweltstiftung Global Nature Fund (GNF) und das Netzwerk Lebendige Seen Deutschland (NLSD) den Lebendigen See des Jahres. Anlässlich des Welttags der Feuchtgebiete am 2. Februar ernennt die internationale Umweltstiftung Global Nature Fund (GNF) den Bedrohten See des Jahres.

 

Mittwoch

Baikalsee – „Heiliges Meer“ Sibiriens

 

Der Baikalsee im Süden Sibiriens ist mehr als 1600 Meter tief und mehr als 25 Millionen Jahren alt. Er ist damit der tiefste und älteste Süßwassersee der Erde. Er ist so riesig, dass ein Jahr lang alle Flüsse und Ströme auf der Welt zusammenfließen müssten, um seine Wassermenge zu ergeben. Im sibirischen Winter friert er bis zu einen Meter dick zu. Durch seine Größe gleicht er einem Meer, dessen Tiere und Pflanzen vieles über die Evolution des Lebens auf der Erde verraten. Er macht ein Fünftel der nicht gefrorenen Süßwasserreserven der Welt aus und bietet rund 1500 nur dort vorkommenden Pflanzen- und Tierarten eine ökologische Nische. Zu den Geheimnissen des „Heiligen Meeres“ von Sibirien zählt auch die Baikalrobbe. Bis heute weiß niemand, wie ihre Vorfahren aus dem nördlichen Eismeer in den See gelangten und wie sie sich vom Leben im Salzwasser auf ein Leben im Süßwasser umstellen konnten. Den Russen gilt der Baikalsee wegen seiner legendären Schönheit und Unberührtheit als nationales Heiligtum.

„Der Baikalsee hat diese überwältigenden durchschimmernden Eisplatten unter Wasser, die es in der Arktis oder Antarktis nicht gibt. Es war unglaublich schön – eine Unterwasserlandschaft, die anders aussah als alles, was es sonst auf der Welt gibt.“ (Brownlow, Produzent der BBC-Fernsehdokumentation „Planet Erde“, zitiert aus: mobil 10/2006, 57f.)

1996 wurde die Baikal-Region von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt.

 

Donnerstag

Die Wiese – einer der farbenprächtigsten Lebensräume der Welt

 

Das, was wir „Wiese“ nennen, ist mehr als eine unbewaldete, unverbuschte Fläche. Die Wiese ist ein Ökosystem – und zwar ein weitgehend unbekanntes. Während die meisten eine Buche von einer Eiche unterscheiden können, kennt kaum ein Mensch den Bärwurz, der steinigen Untergrund mag, das Gefleckte Knabenkraut, das auf feuchten und mageren Böden vorkommt, die Teufelskralle, die trocken warme Wiesen bevorzugt, und den Wiesenknopf, der nur auf lehmigen Böden gut gedeiht. Und obwohl die meisten Menschen sich nicht in der Wiese auskennen, so sind wir doch ihre Urheber: Denn Wiesen sind nicht „Natur pur“; sie sind eine Kulturlandschaft, die heute nur durch den Menschen überlebt. Nirgendwo sonst leben mehr Insektenarten, nirgendwo sonst herrscht eine solche Farbenpracht. Und gleichzeitig ist kein heimischer Lebensraum so sehr bedroht: Etwa ein Drittel Deutschlands war einst von blühenden Wiesen bedeckt. Heute sind es noch klägliche zwei Prozent.

Nicht nur im April und Mai ist die Wiese ein Meer aus leuchtenden Farben und filigranen Formen, dem tropischen Korallenriff durchaus ebenbürtig: sie ist ein Paradies für unzählige Tiere. Manche leben unterirdisch, andere im Dickicht der Halme und einige in der bunten „Wipfelregion“. Doch dieser farbenprächtigste Lebensraum der Welt ist permanent bedroht: Der Wald versucht immer wieder aufs Neue, auf die offenen Flächen vorzudringen, setzt der Wiese mit hunderttausenden Baumsamen zu. Sie landen auf fruchtbarem Boden und beginnen zu keimen. Der Schatten der kleinen Sprösslinge ist das Todesurteil für die bunten Wiesenblumen. Doch die Wiese hatte in der Vergangenheit starke Verbündete – so hielten große Pflanzenfresser wie Wisent und Auerochse, Tarpan und Nashorn über Jahrhunderte die kleinen Bäume kurz. Blumen, Gräsern und Kräutern macht die rabiate Behandlung nichts aus, sie brauchen sogar die regelmäßige „Verstümmelung“. Wiesenpflanzen können im Gegensatz zu Baumsamen aus der Basis neu austreiben.

Seit die Großtierherden Europas weitestgehend verschwunden sind, hängt der Lebensraum Wiese ganz vom Menschen ab. Weidevieh und regelmäßiges Mähen sorgen dafür, dass die bunte Blumenwiese noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts weit verbreitet war. Erst mit Einzug der industrialisierten Landwirtschaft wurden aus den farbenprächtigen, aber nährstoffarmen Bauernwiesen durch Gülledüngung intensiv bewirtschaftete, monochrome Grasäcker. Hochleistungssorten überwucherten die Blütenpflanzen, allenfalls der Stickstoff liebende Löwenzahn taucht die „grünen Wüsten“ in ein sattes Dottergelb. Gehört die Blütenpracht der Bauernwiese von einst endgültig der Vergangenheit an? Extensive Beweidung und Bewirtschaftung zeigen, dass es auch in der Zukunft noch eine Chance für die Wiese gibt – einen der buntesten Lebensräume der Welt.

Die Wiese, an der ich jeden Nachmittag auf dem Heimweg vorbeikomme, hat ihr Sommerkleid angelegt. Ich zögere nur einen Moment, dann halte ich an, steige vom Rad und lege mich einfach hinein, liege auf dem Rücken in der blühenden Wiese, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Die Sonne liegt warm auf meinen geschlossenen Augenlidern. Ich tauche ein in diese Wärme, in das Gesumm und Gezirpe der Insekten im Gras, in den Duft von Blumen und Kräutern. Ich bin ein Teil dieser Wiese, ein Teil des Sommers. Wenn ich in den tiefblauen Himmel blinzle, möchte ich jubeln. Es ist das Glück des Augenblicks, in dem man ganz bei sich selbst ist, und in stiller Übereinstimmung mit dem, was im Moment geschieht. Es ist das Glück, im Hier und Jetzt einfach zu sein. (Hannah Valentin, Ein Tag voller Lebenslust, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2002, o. S.)

Die Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen, kurz Loki-Schmidt-Stiftung, hat den Fieberklee zur Blume des Jahres 2020 gewählt. Blume des Jahres 2021 ist der Große Wiesenknopf.

Literatur: Jan Haft, Die Wiese. Lockruf in eine geheimnisvolle Welt, Penguin Verlag, München 2019

 

Freitag

Leuchttiere

 

Vor Millionen von Jahren hat die Natur Hunderte Lebewesen geschaffen, die aus eigener Kraft leuchten konnten. Biolumineszenz heißt das Phänomen, das Glühwürmchen und Leuchtkäfer zum Funkeln bringt. Nur ein Prozent aller Landbewohner kann aus eigener Kraft leuchten, bei den Lebewesen in der Tiefsee sind es jedoch fast 90 Prozent. Die Leuchtfähigkeit dient verschiedenen Zwecken wie dem Abschrecken von Feinden, dem Anlocken von Beute oder potenzieller Geschlechtspartner.

Leuchtkäfer oder auch Glühwürmchen senden ihre Leuchtsignale in den meisten Fällen aus, damit männliche und weibliche Tiere zur Paarung zueinanderfinden. Bei manchen Arten besitzen nur die Weibchen Leuchtorgane, bei anderen beide Geschlechter. Die Signale selbst sind ganz unterschiedlich. Manche Arten blinken, andere senden Dauerlicht aus. Die Signale sind arttypisch und unterscheiden sich in Länge und Rhythmus. Alle Leuchtkäferarten strahlen ihre Signale nur bei Nacht aus. Die Signale sind nicht hell genug, um auch bei Tag Partner anlocken zu können. Die Leuchtperiode der Leuchtkäfer in Mitteleuropa liegt in der Regel zwischen Juni und Juli und hängt von der Witterung und der Art des Leuchtkäfers ab.

Umweltzerstörung, Lichtverschmutzung und Pestizide sind nach Einschätzung von Experten die größten Bedrohungen für Leuchtkäfer-Populationen weltweit. Der Verlust der Lebensräume sei die gravierendste Gefahr für diese auch Glühwürmchen genannten Insekten, berichtet ein Team um Sara Lewis von der Tufts University (US-Staat Massachusetts) im Fachmagazin „Bioscience“. Andere Gefahren sind demnach Wasserverschmutzung und der Klimawandel. Für dieTiere sei es zu warm und zu trocken.

Besonders verbreitet ist Lumineszenz unter Meeresbewohnern, vor allem in der Tiefsee (bis zu 90 Prozent der Tiefseeorganismen), aber auch in Küstengewässern (etwa fünf Prozent). Das sogenannte Meeresleuchten wird durch Plankton hervorgerufen, zum Beispiel von einzelligen Dinoflagellaten, die auf Strömungsveränderungen mit der Aussendung von Licht reagieren. Meeresleuchten lässt sich an zahlreichen Küsten beobachten.

 

Samstag

Axolotl

 

Der Axolotl ist ein mexikanischer Schwanzlurch, der nur im Xochimilco-See und im benachbarten Chalco-See innerhalb eines vulkanischen Beckens bei Mexiko-Stadt in Mittelamerika vorkommt. Die Bezeichnung stammt aus der aztekischen Sprache Nahuatl und bedeutet etwa „Wassermonster“. Das skurril anmutende Tier hat weit auseinanderstehende Augen. Von seinem Kopf ragen seitlich jeweils drei Kiemenäste wie kleine Bürsten ab. Die gut 20 Zentimeter lange Salamander-Art kann milchweiß, olivgrün oder auch tintenschwarz sein.

Die kleinen Querzahnmolche verfügen über eine erstaunliche Regenerationsfähigkeit. Verlieren die Tiere ein Bein oder ein Stück vom Schwanz, wächst es nach, ohne dass auch nur eine kleine Narbe zurückbleibt. Selbst Schäden an inneren Organen wie Herz, Gehirn oder Wirbelsäule heilen beim Axolotl folgenlos. Viele Abläufe dieses erstaunlichen Heilungsprozesses sind mittlerweile bekannt, aber im Detail ist er noch immer nicht verstanden.

Einer im Jahr 2014 erfolgten Untersuchung der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (Unam) zufolge ist der Axolotl inzwischen vom Aussterben bedroht. Hintergrund ist demnach die Verschmutzung seines Lebensraums in den Feuchtgebieten südlich von Mexiko-Stadt. In den Gewässern von Xochimilco finden sich heute pro Quadratkilometer nur noch 0,3 Axolotls, verglichen mit 1000 Exemplaren 1996. Verantwortlich seien die Abwässer der nahegelegenen Metropole, die Pestizide auf den Feldern sowie die Abfälle der Touristen, die jede Woche zu Tausenden über die Kanäle schippern. Mittlerweile ist der Chalco-See fast ausgetrocknet und der Xochimilco-See zu einem zerfaserten Kanalsystem mit künstlichen Inseln verkommen. Bei einer im Jahr 2015 durchgeführten Zählung wurde in freier Natur kein einziges Exemplar des Axolotls mehr gesichtet.

 

Sonntag

Warten

 

Ob beim Anstellen an Supermarktkassen, an Bushaltestellen, auf Bahnhöfen, im Wartezimmer von Ärzten, in den Stuben von Ämtern – das Warten stirbt aus. Jedenfalls das Warten im Sinne von Nichtstun ohne Ablenkung durch Surfen, Chatten, Spielen. Viele können es sich schon gar nicht mehr vorstellen: gegen die Wand starren. In den Himmel schauen. Andere Leute beobachten. Ausharren und sich in Geduld üben. Aber ist das Ende der Langeweile wirklich eine Erlösung? (Christoph Drießen)

Das Stehen in einer Schlange oder auf Bahnsteigen „macht (…) deutlich, dass das Warten wesentlich ist für die Erfahrung des Zusammenseins, für die zaghafte Möglichkeit von Gemeinschaft. Es ist eine Zeit, in der es Begegnungen geben kann. In die Ärgernisse und Frustrationen der demütigen und kunstlosen Würde des Wartens, das Sich-Übens in Geduld als Achtung vor den anderen, mischt sich die stillschweigende Akzeptanz der geteilten Zeit. Die aufgeschobene, unproduktive Zeit des Wartens, bis man an die Reihe kommt, ist untrennbar verbunden mit jeder Form von Gegenseitigkeit und Kooperation.“
(Jonathan Crary, 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus. Aus dem Englischen von Thomas Laugstien, Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2014, 103)

„Es gibt noch einen anderen, für die weiße Welt befremdlich scheinenden Teil im Dadirri: das Abwarten. Unsere Kultur, die Kultur der australischen Ureinwohner, hat uns gelehrt, ruhig zu sein und abzuwarten. Wir versuchen nicht, Dinge zu beschleunigen. Wir lassen alles seinen natürlichen Gang gehen – wie die Jahreszeiten. Wir beobachten den Mond in jeder seiner Phasen. Wir warten auf den Regen, damit er unsere Flüsse fülle und die durstige Erde bewässere, wie auf unseren Gemälden. Wir leben im Rhythmus des Landes. Wenn die Dämmerung anbricht, bereiten wir uns auf die Nacht vor. Morgens stehen wir mit der Sonne auf. Wir schauen uns bei unseren Streifzügen immer wieder die Früchte des Waldes an; doch wir warten, bis sie reif sind; erst dann ernten wir sie. Wir warten auf unsere Jugendlichen, die heranwachsen, Schritt für Schritt, sichtbar in ihren Initiationszeremonien. Wenn ein Verwandter stirbt, so trauern wir eine lange Zeit. Unser Schmerz gehört uns, und wir gestatten ihm, langsam zu heilen.“
(Aus: Miriam Rose Ungunmerr-Baumann, Dadirri – ein Hören, das heilt. Die Heiligkeit des Landes, das Abwarten in der Stille und der geduldige Kampf um Achtung und Respekt, in: Publik-Forum Nr. 3 vom 10.2.1995, 24f.)


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