19. Kalenderwoche (9.–15. Mai 2022)

 

Unser Mond Lebensraum Watt
Lebensraum Korallenriff I
Ein Wald im Wald Vogelzug Koboldmaki Empathie

 

 

Montag

Unser Mond

 

Unser Mond ist im Durchschnitt 384.000 Kilometer von der Erde entfernt, wie man seit der Platzierung eines Laser-Reflektors auf dem Mond Apollo-11-Mission im Jahr 1969 weiß (vorher konnte die Entfernung allenfalls geschätzt werden). Die Distanz schwankt leicht, weil sich der Mond in einer elliptischen Bahn um die Erde bewegt. Er umkreist sie in durchschnittlich 27 Tagen, sieben Stunden und 43,7 Minuten. Der Durchmesser des Trabanten beträgt 3476 Kilometer. Damit ist er wesentlich kleiner als die Erde mit einem Durchmesser von 12.756 Kilometern. Auf der Oberfläche herrschen extreme Temperaturen, wobei es zwischen der Tag- und der Nachtseite erhebliche Unterschiede gibt. Mit der Sonne im Zenit steigt sie auf etwa 130 Grad Celsius, in der Nacht fällt sie auf circa minus 160 Grad. Es gibt keine Atmosphäre, die Strahlenbelastung aus dem Weltraum ist hoch. Der Zustand aus der Zeit der Entstehung des Sonnensystems vor 4,5 Milliarden Jahren hat sich auf der Oberfläche weitgehend konserviert.

Ohne den Mond, der genau zur richtigen Zeit entstanden war, hätte sich auf unserer Erde niemals höheres Leben, eventuell nicht einmal Einzeller bilden können: Erst der Mond stabilisierte die Erdachse und verhinderte dadurch extreme Klimaschwankungen. Und wahrscheinlich schufen erst die durch den Mond ausgelösten Gezeiten die idealen Voraussetzungen für die Entstehung der ersten Biomoleküle.

Eine neue Analyse von Gesteinsproben der „Apollo 14“-Mission habe ergeben, dass sich der Mond bereits innerhalb der ersten 60 Millionen Jahr nach der Geburt unseres Sonnensystems geformt habe, berichteten Forscher im Januar 2017 im Fachblatt „Science Advances“. Das ist 40 bis 140 Millionen Jahre früher als in den meisten bisherigen Annahmen.

Die Entstehungsgeschichte des Erdtrabanten ist bis heute ungeklärt. Als wahrscheinlichstes Szenario gilt derzeit der gigantische Einschlag eines einzigen Himmelskörpers von der Größe des heutigen Planeten Mars. Dieses Ereignis könnte das Baumaterial für den Mond mit einem Schlag in die Erdumlaufbahn katapultiert haben. Einer neuen, 2016 veröffentlichten Untersuchung zufolge handelte es sich um eine gigantische kosmische Kollision, bei der große Teile der Proto-Erde mit aufgeschmolzen wurden. Die Trümmerwolke, aus der schließlich der Mond kondensiert ist, sei dabei rund 500-mal größer gewesen als die Erde. Im Januar 2017 berichteten Wissenschaftler im britischen Fachblatt „Nature Geoscience“, dass der Mond möglicherweise auch das Produkt zahlreicher großer Asteroideneinschläge auf der jungen Erde sein könne. Schon etwa 20 große Treffer könnten demnach genug Material aus der Erde herausgeschleudert haben, um über einige Millionen Jahre Stück für Stück den Mond zu bilden. Die Planetengeophysiker um Maxime Maurice vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) haben mit einem neuen numerischen Modell rekonstruiert, dass der Mond vor 4,425 Milliarden Jahren entstanden ist, als ein marsgroßer Protoplanet mit der jungen Erde kollidierte. Sie berichteten darüber am 10. Juli 2020 im Wissenschaftsmagazin Science Advances. Die bisherigen Annahmen für die Entstehung des Mondes gingen von 4,51 Milliarden Jahren aus, also 85 Millionen Jahre früher als jetzt berechnet. Jahr für Jahr entfernt sich der Mond um 3,8 Zentimeter von der Erde.

Auf dem Mond, der staubtrocken wirkt, gibt es Wasser. Vor allem am Südpol des Mondes hat man Wasser in Form von Eis entdeckt. Wie zwei Wissenschaftlerteams im Oktober 2020 im Fachmagazin „Nature Astronomy“ berichten, konnten jetzt erstmals eindeutige Signale von Wassermolekülen in den südlichen Breitengraden des Mondes nachgewiesen werden, also von Wasser in flüssiger Form, wie wir es täglich trinken.

Dass ein Vollmond in Horizontnähe besonders groß erscheint, liegt an der sogenannten Mondtäuschung oder dem „Horizont-Problem“. Der US-Astronom Bob Berman spricht von „einer der mächtigsten optischen Sinnestäuschungen in der Natur“.

„Mondhof“ heißt der farbige Kranz aus Lichtringen, der manchmal um den Mond herum zu sehen ist. Er entsteht durch die Feuchtigkeit in der Atmosphäre. Der innerste der Lichtringe (Aureole) ist meist bläulich bis weißlich und wird von einem gelblichen umschlossen, den dann wiederum ein rötlicher umrandet. Diese Abfolge kann sich mehrfach wiederholen. Die Kränze entstehen durch die Beugung des Lichts an den Wassertropfen oder Eiskristallen in den Wolken. Durch die Umlenkung der Lichtstrahlen kommt es zu Überlagerungen, also Interferenzen, die dann farbige Ringe hervorbringen.

Etwa zwei, drei Tage nach Neumond ist die beste Gelegenheit, den sogenannten Erdschein, auch aschgraues Mondlicht genannt, zu beobachten. Die Atmosphäre unseres Planeten wirft ungefähr 30 Prozent des auftreffenden Sonnenlichts ins Weltall zurück. Das von der Erde reflektierte Sonnenlicht gelangt zum Mond, wo es dessen dunkle Nachtseite in ein fahles Licht taucht und dabei die Oberflächenstrukturen sichtbar macht.

Detaillierte Informationen zum Sternenhimmel im Mai 2022 finden Sie zum Beispiel hier.

 

Dienstag

Lebensraum Watt

 

Das Wattenmeer der Nordsee ist eines der größten küstennahen und gezeitenabhängigen Feuchtgebiete der Erde. Es ist weitgehend in seinem ursprünglichen Zustand erhalten. Das Ökosystem Wattenmeer umfasst verschiedene Lebensräume. Zwei Drittel des gesamten Wattenmeeres nimmt das eigentliche Watt ein, das im Wechsel von Ebbe und Flut trockenfällt und wieder überflutet wird. Aber auch Salzwiesen, Dünen, Strände und weitere Lebensraumtypen sind Teile des Mosaiks, das die einzigartige Vielfalt des Wattenmeeres prägt. Das Wattenmeer der Nordsee ist das vogelreichste Gebiet Europas und mit seinen rund 10.000 Tierarten, Pflanzen und Kleinstlebewesen Deutschlands bedeutendster Naturraum. Kein anderes Gebiet der Erde hat eine größere zusammenhängende Sand- und Schlickfläche. Es gilt als Drehscheibe für Zugvögel im Ostatlantik: Jedes Jahr rasten hier zehn bis zwölf Millionen Zugvögel und machen einen Zwischenstopp auf dem Weg von Südafrika nach Nordsibirien und Kanada. Damit gehört das Wattenmeer zu den bedeutendsten Rastgebieten für Zugvögel in Europa. Brutvögel sind an der Nordseeküste ebenso zu finden wie Wattwürmer, Kegelrobben und Schweinswale. Die Möglichkeit, dieses Gebiet bei Ebbe zu Fuß zu durchwaten, hat dem Wattenmeer seinen Namen gegeben.

Am 26. Juni 2009 erhielten die Nationalparks Niedersächsisches und Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer sowie das niederländische Wattenmeer-Schutzgebiet den Titel „Weltnaturerbe Wattenmeer“. Im Jahr 2011 kam der Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer hinzu. Im Jahr 2014 hat die Unesco das Weltnaturerbe Wattenmeer erweitert. Nun gehören auch der dänische Teil des Wattenmeers und zusätzliche niedersächsische Offshore-Gebiete dazu. Das grenzüberschreitende Wattenmeer erstreckt sich auf 11.500 Quadratkilometern. Das Areal gilt als weltweit größtes zusammenhängendes Watt-Inselgebiet.

Miesmuscheln gelten als Minikläranlagen der Wattenmeere. Die Tiere, die sich meist in riesigen Muschelbänken mit Zehntausenden Individuen zusammentun, filtern in ihrem Leben bis zu 1,7 Millionen Liter Meerwasser und sind damit extrem wichtig für das Ökosystem. Pro Stunde pumpt sie bis zu drei Liter Wasser durch ihre Kiemen und reinigt es so von pflanzlichem und tierischem Plankton, das sie verspeist.

 

Mittwoch

Lebensraum Korallenriff I – Regenwälder der Meere, farbenprächtigste Ökosysteme der Erde

 

Korallen sind keine Pflanzen, wie oft angenommen wird, sondern kleine Weichtiere. Sie geben Kalziumkarbonat ab und bilden auf diese Weise ein schützendes Skelett um sich, das stetig wächst. Durch eine Symbiose mit Algen, die in ihrem Gewebe leben, können sie beeindruckende Farben annehmen. Die Algen versorgen die Korallen mit Sauerstoff und Energie, die sie durch Photosynthese erzeugen. Im Gegenzug liefert die Koralle der Alge Stoffwechselabfälle und düngt sie damit. Korallen kommen ausschließlich im Meer vor. Im Hinblick auf die Wuchsform unterscheidet man zwischen Weichkorallen und Steinkorallen, wobei letztere durch Einlagerungen von Kalk Skelette bilden, durch die Korallenbänke oder ein Korallenriff entstehen, da totes Skelettmaterial fortwährend von lebendigem Gewebe überwuchert wird. Die Einzelskelette sind in der Regel pflanzenartig verzweigt und an den Zweigenden, den Wachstumsspitzen, befinden sich oft farbenprächtige Polypen, die darüber hinaus den Eindruck vermitteln, Korallen seien unterseeische Blütenpflanzen. Korallen sind eine einzigartige Spezies auf der Welt und unterscheiden sich von jedem anderen Organismus, weil sie sich auf unterschiedliche Arten fortpflanzen können, sexuell und asexuell. Bei der ungeschlechtlichen Vermehrung lösen sich Fragmente vom Riff und siedeln sich ein Stück entfernt wieder am Felsen an, wo sie eine neue Kolonie bilden.

Schon Charles Darwin, Begründer der Evolutionstheorie, war fasziniert von den Bauwerken aus Kalk-Skeletten. Sie „nehmen sicherlich eine hohe Stellung unter den wunderschönen Gegenständen der Welt ein“, schrieb der Forscher.

Korallenriffe gelten als die größten Lebensräume der Welt. Sie bedecken 600.000 Quadratkilometer in den Meeren und zählen zu den artenreichsten (daher werden sie auch „Regenwald der Meere“ genannt) und am dichtesten besiedelten Ökosystemen der Erde. Sie beherbergen bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten, etwa ein Viertel aller Meerestierarten findet hier ihren Lebensraum. Überdies „fungieren sie als Unterwasser-Wellenbrecher, sodass nur ein winziger Teil der Wellenenergie die Küste erreicht“, erklärt Michael Beck von der US-Umweltorganisation ‚Nature Conservancy‘. Wie stark die Wirkung ist, hat Beck in einer Studie ausgerechnet: Korallenriffe reduzieren die Energie von Flutwellen um bis zu 97 Prozent und deren Höhe um bis zu 70 Prozent.

Riffbildende Korallen aus tropischen Korallenriffen können nur bei Wassertemperaturen überleben, die 20 Grad Celsius nur sehr selten unterschreiten. Aus diesen Gründen beschränken sich tropische Korallenriffe auf einen Bereich ungefähr zwischen 30° nördlicher und 30° südlicher Breite. Die größte Bedrohung dieser Riffe stellt die Klimaveränderung dar. Wird eine bestimmte Temperaturschwelle überschritten, droht ein Absterben eines Großteils dieser wichtigen Ökosysteme. Schon für die inzwischen praktisch unvermeidliche Erwärmung um 1,5 Grad erwartet der Weltklimarat IPCC, dass 70 bis 90 Prozent der Korallen verloren gehen, bei zwei Grad wären es danach sogar 99 Prozent. Das heißt: Nur noch angepasste Restbestände könnten sich halten.

Korallenriffe gelten als äußerst empfindliche Ökosysteme, bei denen jede Veränderung unvorhersehbare Schäden anrichten kann. Korallen können beispielsweise nur in einem klaren, sonnendurchfluteten Gewässer mit sehr eingeschränktem Temperaturbereich (etwa zwischen 18 und 30 Grad Celsius) wachsen und überleben. Eine Erhöhung der Wassertemperatur führt unweigerlich zum Absterben der sogenannten Zooxanthellen, dem lebensnotwendigen Algenbewuchs der Korallen. Dieser ist auf symbiotischer Basis nicht nur für die Versorgung mit Nährstoffen, sondern auch für die Farbgebung der Koralle zuständig. Doch wenn die Temperatur des Wassers steigt, produzieren die Algen einen Stoff, der giftig für die Korallen ist. Also stoßen sie die Algen ab, um sich selbst zu schützen. Der Korallenstock verbleicht, und das weiße Kalkgerüst wird sichtbar. Hält dieser Zustand über längere Zeit an, weil die Algen etwa wegen hoher Wassertemperaturen nicht mehr nachwachsen, gehen die Korallen an Nährstoffmangel zugrunde.

Wie ernst die Situation der Korallenriffe schon heute ist, zeigte eine im Oktober 2021 veröffentlichte Studie. Diese analysierte die Gesundheit von Korallenriffen und kam zu dem Schluss, dass 14 Prozent der Riffe weltweit in weniger als einem Jahrzehnt verloren gegangen sind. Die meisten Korallen waren dabei Bleichereignissen zum Opfer gefallen.

Die meisten großen Korallenriffe der Welt werden künftig regelmäßig eine Korallenbleiche erleiden, warnte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) am 5. Januar 2017 in Sydney (Australien). Sollte sich der Treibhausgasausstoß ungehindert fortsetzen, könne sich das Ausbleichen sogar jedes Jahr wiederholen). Global gesehen ist das Risiko einer Korallenbleiche zwischen 1980 und 2016 jedes Jahr um knapp vier Prozent gestiegen, das Risiko einer schwerwiegenden Bleiche sogar um 4,3 Prozent, schreiben Forscher von der James Cook University in Townsville (Australien) im Fachmagazin «Science« vom 5. Januar 2018. – Der steigende Säuregehalt in den Weltmeeren wird zu einer immer größeren Gefahr für die kalkhaltigen Korallenriffe. Insgesamt bildeten sie schon heute deutlich weniger Kalk als vor der Industrialisierung, schreiben Forscher aus den USA und Australien zu Modellrechnungen, die sie am 22. Februar 2018 im Fachjournal «Science» vorstellen. Etwa 2050 könne das Meer so sauer sein, dass die Mehrzahl der kalkhaltigen Bodensedimente in der Nähe der Korallenstöcke damit beginnen, sich aufzulösen. Vier der 22 analysierten Riffe lebten bereits unter diesen Bedingungen. Grund für den steigenden Säuregehalt ist das klimaschädliche Kohlendioxid in der Luft, das sich im Wasser löst.

Japans größtes Korallenriff ist in Folge von Ausbleichung weitgehend abgestorben. Wie „Tokyo Shimbun“ im Januar 2017 berichtete, sind etwa 70 Prozent der Korallen in der zur südlichsten Inselprovinz Okinawa zählenden Region Sekiseishoko betroffen. Vor allem wegen steigender Wassertemperaturen habe sich die Ausbleichung der Korallenstöcke beschleunigt.

„Wenn wir in die tropischen und subtropischen Meere eindringen, begegnen wir den Korallenbänken, denen die gleiche Bedeutung der Urwälder der Erde zukommt, denn sie beherbergen etwa eine Million Arten, darunter Fische, Krabben, Mollusken, Schwämme, Algen und andere. Viele der Korallenbänke der Welt sind heute schon steril oder befinden sich in einem fortwährenden Stadium des Niedergangs: ‚Wer hat die wunderbare Meereswelt in leb- und farblose Unterwasser-Friedhöfe verwandelt?‘ [Konferenz der Katholischen Bischöfe der Philippinen, Hirtenbrief What is Happening to our Beautiful Land? vom 29. Januar 1988].“ (Papst Franziskus, Laudato si‘. Enzyklika. Gelobt seist du, mein Herr, 2015, Nr. 41)

Jedes Jahr treffen sich Wissenschaftler*innen zu einem Internationalen Korallenriff-Symposion (ICRS), zuletzt vom 4. bis 8. Juli 2022 in Bremen.

 

Donnerstag

Ein Wald im Wald

 

Fast hundert Meter über dem Erdboden gedeiht in den Kronen alter Mammutbäume ein zweiter Wald. Auf breiten Ästen oder in Astgabeln sammelt sich Erde an, aus der Sträucher, Farne und sogar kleine Bäume sprießen, manche so groß, dass sie selber Zapfen tragen. Das Erdreich entsteht aus verrottenden Blättern und Rindenstücken. Es ist der Nährboden eines Ökosystems, das Wissenschaftler erst vor gut 20 Jahren entdeckten.

 

Freitag

Vogelzug

 

Schätzungsweise 50 Milliarden Vögel sind weltweit zwischen Brut- und Winterregion unterwegs, zwei Drittel davon ziehen nachts. Jede Vogelart hat ihren ganz persönlichen Zugrhythmus, also eine innere Uhr, die genau vorschreibt, wann es Zeit für die jeweilige Reise ist.
Zugvögel wählen ihre Flugrouten nicht unbedingt nach der kürzesten Strecke, sondern vor allem nach den besten Windströmungen. Auf diese Weise sparen sie – trotz deutlich größerer Distanz – mehr als ein Viertel ihrer Reisezeit. Das haben Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell berechnet. Nutzen Vögel die Route mit optimalen Windverhältnissen, sparen sie etwa ein Viertel der Reisezeit ein. Die Folge: Die Tiere überleben die Reise eher, pflanzen sich eher fort – und können ihr Wissen über die optimale Flugroute möglicherweise von einer Generation zur nächsten weitergeben.
Wie sich Zugvögel überhaupt orientieren, ist noch nicht abschließend geklärt. Experten vermuten, dass sie das Magnetfeld der Erde nutzen.

Die Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea) gilt als der Zugvogel mit der längsten Zugstrecke überhaupt, da sie in der Nordpolarregion brütet und in den Südpolarregionen überwintert. Küstenseeschwalben bewältigen jährlich eine Strecke von bis zu 80.000 Kilometern – das entspricht dem doppelten Umfang der Erde. Noch beeindruckender ist die Flugleistung, wenn man sie auf die Lebensdauer der Vögel hochrechnet: Nicht einmal 200 Gramm wiegend, bringt es eine Küstenseeschwalbe im Laufe ihres etwa 30 Jahre währenden Lebens auf fast 2,4 Millionen Flugkilometer. Die langen Strapazen der Wanderungen überwindet sie mittels eines „Schlafs im Fluge“: Während die eine Gehirnhälfte schläft, navigiert und steuert die andere den Flug.
Das Gefieder der Küstenseeschwalbe ist weiß bis hellgrau gefärbt. Im Prachtkleid ist der Schnabel der Küstenseeschwalbe einheitlich rot gefärbt. Beim sogenannten Stoßtauchen wird die Wasseroberfläche von den Vögeln zunächst in einem langsamen Suchflug sorgfältig abgesucht. Hat die Küstenseeschwalbe eine Beute entdeckt, kippt sie mit halbgeschlossenen Flügeln plötzlich in die Senkrechte ab und stößt im steilen Winkel nach unten. Der Vogel verschwindet beim Eintauchen vollständig im Wasser, kommt aber nach kurzer Zeit mit den Flügeln zuerst wieder hervor. Küstenseeschwalben verteidigen ihre Jungen aufopferungsvoll. Sie fliegen jedem Eindringling entgegen und empfangen ihn mit heftigen Schnabelhieben. Selbst auf Menschen fliegen sie im Sturzflug zu.

Wenn Störche, Gänse oder Kraniche gen Süden ziehen oder von ihren langen Reisen zurückkehren, fliegen sie oft in auffälligen Staffel- oder V-Formationen zusammen. Biologen der Humboldt-Universität zu Berlin haben nachgewiesen, dass dieses Verhalten nicht nur Energie spart, sondern auch die Kooperation der Tiere fördert. Der Grund für diese besonderen Formationen: Hinter den Flügeln eines Vogels entsteht beim Flug eine sogenannte Luftwalze mit einem Aufwind. Ein nachkommender Vogel kann diesen Aufwind nutzen und muss so weniger mit den Flügeln schlagen, was Energie spart.
Um zu verstehen, wie die Zugvögel das Problem lösen, dass nicht alle Vögel in einer Formation in gleicher Weise profitieren können, begleiteten die Forscher für ihre Studie junge Waldrappe. Alle Vögel der Gruppe bekamen kleine GPS-Datensammler auf den Rücken gebunden. Es zeigte sich, dass sie sich abwechseln und darauf achten, dass jeder genau gleich viel Zeit sowohl in der unvorteilhaften Führungsposition als auch in der energiesparenden Folgeposition verbringt.

  • Film „Nomaden der Lüfte – Das Geheimnis der Zugvögel“ (Regisseure: Jacques Perrin, Jacques Cluzaud, Michel Debats), 2001

14. Mai und 8. Oktober 2022: Weltzugvogeltag

 

Samstag

Koboldmaki

 

Der kleinste Primat der Welt hat nicht nur ein extrem sensibles Gehör. Er kann auch in außerordentlich hohen Frequenzen kommunizieren. Der im Regenwald Südostasiens lebende Philippinen-Koboldmaki verständigt sich mit extrem hohen Ultraschalllauten. Seine Rufe erreichen Frequenzen von mehr als 70 Kilohertz – das ist weit oberhalb der menschlichen Hörgrenze, die bei rund 20 Kilohertz liegt. Hören kann der etwa rattengroße Primat sogar noch Töne bis zu 91 Kilohertz. Diese Werte seien unter den höchsten, die jemals bei einem Landtier gemessen wurden und ein extremes Beispiel für Ultraschall-Kommunikation, berichteten US-amerikanische Forscher im Jahr 2012 im Fachmagazin „Biology Letters“. Nur sehr wenige Säugetiere können reine Ultraschallsignale senden und empfangen, darunter Wale, Katzen sowie ein paar Fledermäuse und Nagetiere. So können nur wenige ihrer Feinde zuhören, wenn sich die Makis verständigen. Unter den Primaten gebe es zwar einige, deren Rufe neben hörbaren Frequenzen auch einen Ultraschallanteil enthalten. Eine reine Ultraschall-Kommunikation habe man aber zuvor bei einem Primaten noch nicht gefunden. Der Philippinen-Koboldmaki sei damit bisher einzigartig unter den Primaten.

 

Sonntag

Empathie

 

Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden.

Hühner sind zu einer rudimentären Form von Empathie fähig, haben britische Forscher entdeckt: Ist ihr Küken gestresst, reagiert die Glucke mit Herzrasen und anderen Anzeichen für eine Stressreaktion. Offenbar merkt die Mutter sofort, dass mit dem Nachwuchs etwas nicht stimmt, folgern die Wissenschaftler. Damit erfüllen Hühner die Grundvoraussetzung für Empathie: Die emotionale Verfassung des Kükens beeinflusst die Mutter, die daraufhin ähnliche Verhaltensweisen aktiviert. Alle anderen Formen des Einfühlungsvermögens scheinen auf diesem emotionalen Verständnis zwischen Mutter und Kind aufzubauen.

In der Nacht gab es ein schreckliches Gewitter über dem Dorf. Es blitzte und donnerte und regnete in Strömen. Alle im Haus wurden wach.
Ich sprang aus meinem Bett und wollte mich an Opa kuscheln. Da dachte ich plötzlich an die armen Küken. Sie hatten ja kein Dach über dem Kopf.
Obwohl ich Angst hatte, lief ich nach unten, um sie alle in den Stall zu bringen.
Als es wieder einmal blitzte, sah ich: Die Küken waren gar nicht da. Nur ihre Mutter, die Henne, stand im strömenden Regen, aufgeplustert und ganz nass.
Ich lief sofort zu Oma und Opa und rief laut. „Oma; Opa, die Küken sind weg. Nicht ein einziges ist mehr da.“
Oma kam sofort angelaufen. Sie hatte eine Petroleumlampe in der Hand.
Es stimmte, was ich gesagt hatte: Die Küken waren nicht da, nur die Henne. Eine ganz aufgeplusterte Henne.
Sie bewegte sich nicht vom Fleck. Obwohl es so schrecklich regnete, blitzte und donnerte.
Und dann… dann merkten wir plötzlich, warum sie sich nicht bewegte. Stellt euch vor: Alle Küken waren unter die Henne gekrochen. Alle zehn kuschelten sich unter ihre Flügel.
Ich konnte es kaum glauben. Und Oma erst recht nicht. Dass eine Henne eine so liebevolle Mutter sein kann – das hätten wir nicht einmal im Traum gedacht.

(Aus: Dimiter Inkiow, Mein Opa, sein Esel und ich, Erika Klopp Verlag, Berlin 1990, S. 48–50)

Zweiter Sonntag im Mai: Muttertag


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