14. Kalenderwoche (30. März – 5. April 2020)

 

„Sommerzeit“
 Schneeschmelze  Victoriafälle  Die innere Uhr der Bäume  Kreuzotter  Elefanten  Innere Uhr

 

 

Montag

„Sommerzeit“

 

Unsere „innere Uhr“ mit dem Sonnenlicht als ihrem wichtigsten „Zeitgeber“ ist auf die jahreszeitlich bedingte Varianz des Tag-Nacht-Wechsels abgestimmt und hilft uns, uns optimal in unserer Welt zurechtzufinden. Der Lauf der Zeit ist also vorgegeben. Unser Lebensrhythmus ist auf ihn eingestellt. Unsere Uhren, die die Zeit weniger messen als versinnbildlichen, helfen uns dabei, uns an ihm zu orientieren. Mittag, 12 Uhr, ist immer dann, wenn die Sonne – zumindest annähernd – im Zenit steht. Es gibt nur eine Zeit. Man kann an ihr nicht „drehen“. Wer es dennoch tut, offenbart seine Weltentfremdung, den Verlust seiner Weltverbundenheit. Immer mehr Menschen wollen sich diesem Diktat nicht mehr beugen, weil sie es nicht mehr „können“.

Die „Winterzeit“ ist die Normalzeit. Diese orientiert sich am weltweiten Standard, dass das Sonnenlicht den mittleren Teil des Tages erhellt, von leichten Abweichungen im Osten (etwas früher) und Westen (später) einer Zeitzone abgesehen.

 

Dienstag

Schneeschmelze

 

„Anfangs taute der Schnee von innen, still und verborgen. Als die Hälfte der gigantischen Arbeit getan war, wurde es unmöglich, sie länger zu verbergen. Das Wunder drang nach außen. Unter der eingesunkenen Schneedecke rieselte das Wasser hervor und erhob seine Stimme. Das undurchdringliche Waldesdickicht zuckte zusammen. Alles in ihm erwachte.
Das Wasser hatte seine Fesseln abgeworfen. Es stürzte die Hänge hinunter, staute sich, floss in die Weite. Bald erfüllte es das Dickicht mit Rauschen, Rauch und Dampf. Durch den Wald schlängelten sich wahre Ströme, vom Schnee gebremst und in ihrer Bewegung gehemmt, flossen zischend über ebene Stellen, dann wieder abwärts, zersprühten zu Wasserstaub. Die Erde konnte die Nässe nicht mehr aufnehmen. Das Wasser, das aus schwindelnden Höhen, beinahe aus den Wolken, herunterkam, wurde vom Wurzelwerk der jahrhundertealten Tannen aufgesaugt, an deren Fuß sich trocknender weißbrauner Schaum ballte. Wie Bierschaum auf den Lippen von Trinkern.
Der Frühling stieg dem Himmel zu Kopf wie ein Rausch…“

Aus: Boris Pasternak, Doktor Schiwago (1957)

 

Mittwoch

Victoriafälle

 

Mosi-Oa-Tunya, „der rauchende Donner“ – so werden sie von den Einheimischen Kololo genannt, die Victoriafälle an der Grenze zwischen Sambia und Zimbabwe, diese größten und eindrucksvollsten Wasserfälle Afrikas. Der Name verweist auf den Wasser-Sprühnebel, der von den Fällen in bis zu 300 Meter Höhe aufsteigt und noch in bis zu 30 Kilometer Entfernung zu sehen ist. In unmittelbarer Umgebung der Victoriafälle gibt es sogar einen Regenwald, der seine Existenz nur der Feuchtigkeit dieses Sprühnebels zu verdanken hat. Dieser entsteht, weil sich die Wassermassen des Sambesi auf einer Breite von 1708 Metern in eine quer zum Flusslauf liegende, 110 Meter tiefe und kaum mehr als 50 Meter weite Schlucht mit steilen Felswänden aus Basalt ergießen – während der Regenzeit etwa eine Million Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Damit sind die Victoriafälle der breiteste durchgehende Wasserfall der Erde.

Der erste Europäer, der die Victoriafälle (am 3. August 1855) mit eigenen Augen sah, war der schottische Missionar und Afrikareisende David Livingstone. „Niemand kann sich die Schönheit dieses Anblicks vorstellen“, schrieb er an die Royal Geographic Society in London. Zu Ehren der damaligen britischen Königin Victoria nannte er sie Victoria Falls.

Seit 1989 gehören die Victoriafälle zum Weltnaturerbe der Unesco.

 

Donnerstag

Die innere Uhr der Bäume

 

Endlich Frühling! Waldbäume wie Rotbuche oder Eiche wissen, wann sie ihre Blätter austreiben können. Eine innere Uhr schützt sie vor zu frühem Sprießen – beispielsweise bei zufällig warmem Februar- und Märzwetter. Eine Rotbuche hat einen sehr genauen astronomischen Kalender geerbt, der ihr sagt, ab welchem Kalenderdatum die Gefahr vorüber ist, dass ihr zarter Austrieb erfriert. Diese innere Uhr der Waldbäume ist genetisch verankert. Waldbäume haben über viele Jahrtausende evolutiv „gelernt“, keinen „Falschmeldungen“ bzw. Kapriolen des Wetters zu erliegen. Ein wärmeres Klima bringt sie daher im Frühjahr aus dem Takt. Im Boden regt sich alles und Nährstoffe werden von Mikroorganismen bereitgestellt, aber der Baum „weiß“, dass die Zeit ist noch nicht reif ist, und deshalb wartet er. Es dauert viele Baumgenerationen, bis Bäume sich einen neuen inneren Kalender zulegen.

Bäume haben mit Hilfe ihrer inneren Uhr darüber hinaus ein ausgeklügeltes internes System zur Wasserversorgung. Nach Sonnenuntergang werden die Spaltöffnungen der Blätter weitgehend geschlossen – auch, um Wasserverluste zu vermeiden. Doch bereits vor Sonnenaufgang – also noch in der Nacht – öffnen sich die Spaltöffnungen der Blätter wieder und treiben dadurch den Wassertransport aus dem Boden an. Bäume berechnen mit Hilfe ihres internen Weckers den Zeitpunkt des Sonnenaufgangs im Voraus. So können sie sich optimal vorbereiten, um bereits mit den ersten Sonnenstrahlen Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufzunehmen und eine effiziente Photosynthese zu betreiben.

 

Freitag

Kreuzotter

 

Jetzt sind die wärmeliebenden Kreuzottern aus der langen Winterruhe erwacht. Die als stark gefährdet eingestuften Schlangen lieben sonnige Plätze an Wegrändern, Waldschneisen und Heidelandschaften. Wer sie beim Wandern überrascht, hat Glück, denn schon bei der kleinsten Erschütterung suchen die Tiere das Weite. Am besten kann man die scheuen Reptilien noch im Frühling beobachten, da sie sich gerne in der Nähe ihres Winterquartiers auf Felsen, Baumwurzeln oder Sandflächen sonnen. Im Sommer führen sie bei höheren Temperaturen ein verstecktes Leben und sind nur selten zu sehen.

Es gibt in Europa keine andere Schlangenart, die so variabel ist wie die Kreuzotter. Die bis zu 70 Zentimeter lange Viper kann einfarbig schwarz, rötlich, gelbbraun oder sandfarben sein. Auch das namensgebende Zickzackband auf dem Rücken kann mehr oder weniger ausgeprägt oder sogar zu einzelnen Bändern aufgelöst sein. Manchmal verschwindet es ganz. Kreuzottern erkennt man an der senkrecht geschlitzten Pupille. Ihre Jungen werden bleistiftlang geboren – sie schlüpfen bereits im Mutterleib aus den Eiern.

 

Samstag

Elefanten

 

Elefanten kooperieren miteinander, wenn sie ein gemeinsames Ziel verfolgen: Sie können lernen, mit einem Artgenossen zusammenzuarbeiten, wenn sie mit einer Aufgabe konfrontiert sind, die sich nur mit Hilfe eines anderen lösen lässt. Dabei warten sie auch auf den Partner, wenn der erst etwas verspätet zu Hilfe eilt. Wenn sie dagegen merken, dass die Unterstützung auch nicht weiter helfen würde, versuchen die Tiere erst gar nicht, das Problem in Angriff zu nehmen. Das konnte ein US-amerikanisch-thailändisches Forscherteam in einer Studie mit Asiatischen Elefanten zeigen. Die Wissenschaftler betonen, dass das kooperative Verhalten der Elefanten mit dem von Schimpansen vergleichbar sei und ein weiteres Indiz dafür ist, dass die sanften Riesen zu den intelligentesten Tieren überhaupt gehören.

Asiatische Elefanten können ihren Rüssel als Gebläse einsetzen, um Nahrung in Reichweite zu holen. Es handele sich dabei um ein gezieltes Verhalten, über das vermutlich ausschließlich Elefanten verfügen, schreiben japanische Forscher im Fachjournal Animal Cognition. Zwar sei bekannt, dass die Dickhäuter mitunter Stöcke oder Wasser nutzten, um an Nahrung zu kommen – der Einsatz von Luft durch den Rüssel sei aber bislang nicht nachgewiesen worden. Die Tiere konnten der Studie zufolge die Stärke des Blasens regulieren. Sie bliesen umso länger, je weiter die Nahrung entfernt war. Dieses zielgerichtete Handeln hätten die Tiere sogar „feinregulieren“ können, um die Blätter möglichst bequem zu fressen. – Die größte Population an wilden Elefanten in Indien, etwa 5600 Tiere, lebt in Assam. In Thailand sind Elefanten das Nationaltier und leben in einigen Regionen frei. Durch Abholzung von Wäldern und Wilderei sank ihre Zahl seit 1850 von 100.000 auf derzeit (2019) noch etwa 2700. Laos hieß früher Lane Xang, das „Land der Millionen Elefanten“. Heute existieren in dem Land nur noch knapp 400 wildlebende Elefanten. Der Sumatra-Elefant ist eine der drei derzeit anerkannten Unterarten des Asiatischen Elefanten. Er ist endemisch auf der indonesischen Insel Sumatra beheimatet und wird auf der Roten Liste der IUCN als vom Aussterben bedroht eingestuft. Nach Angaben der Tierschutzorganisation WWF gibt es inzwischen nur noch zwischen 2400 und 2800 Individuen.

Afrikanische Elefanten sind die größten derzeit lebenden Landsäugetiere. Sie sind das Symbol für charismatische Großtiere und erfüllen wichtige Funktionen für die Ökosysteme von Savannen und Wäldern. Afrikanische Elefanten können etwa 70 Jahre alt werden. Geführt werden die Herden, die aus etwa zehn Weibchen und deren Nachwuchs bestehen, von eine älteren, erfahrenen Leitkuh. Sie kennt die Wege zu Wasserstellen oder guten Futterplätzen und schlichtet Streit. Männliche Elefanten ziehen meist getrennt von den Herden umher. Vor der Ankunft der Europäer vor gut 150 Jahren gab es in Afrika mehr als 20 Millionen Elefanten, heute sind es weniger als 500.000. Der erste, von 2014 bis 2016 durchgeführte fast afrikaweite Elefanten-Zensus hat gezeigt, dass statt der geschätzten 400.000 bis 600.000 Tiere nur noch gut 350.000 Afrikanische Elefanten in 18 Staaten des Kontinents leben. Grund für den dramatischen Rückgang – allein zwischen 2007 und 2014 um fast ein Drittel – ist vor allem Wilderei. Alle 15 Minuten wird laut International Fund for Animal Welfare (IFAW) ein Elefant wegen seines Elfenbeins getötet – 27.000 in einem Jahr. Der WWF schätzt, dass jährlich in Afrika an die 50.000 der insgesamt etwa 500.000 Elefanten, des Afrikanischen Elefanten und des kleineren, zur Gattung des Afrikanischen Elefanten gehörenden Waldelefanten, illegal getötet werden. Allerdings geht die Elefanten-Wilderei seit 2017 deutlich zurück, berichtet ein internationales Forscherteam von der Universität Freiburg im Fachblatt Nature Communications. Hauptgrund sei die gesunkene Nachfrage nach Elfenbein in Asien. Mit geschätzt 130.000 Tieren lebt fast ein Drittel aller afrikanischen Elefanten in Botswana. In diesem Land nahm ihre Zahl – entgegen dem Trend auf dem übrigen Kontinent – seit den 1990er Jahren um mehr als die Hälfte zu. Rund die Hälfte aller Waldelefanten lebt in Gabun.

Laut einer im Oktober 2020 im Wissenschaftsjournal „Plos One“ veröffentlichten Studie lassen Rodungen für Kakao-Plantagen und Getreidefelder in der westafrikanischen Elfenbeinküste die Lebensräume und damit auch die Bestände der Waldelefanten schwinden. Die meisten der 25 Schutzgebiete seien in Kakaoplantagen umgewandelt worden. Anfang der 1990er Jahre hatte die Gesamtzahl der Wald- und Savannen-Elefanten bei knapp 360 Tieren gelegen – heute dürften es noch 220 Tiere sein, die überwiegend im Tai-Nationalpark leben.

 

Sonntag

Innere Uhr

 

Als erster Wissenschaftler hat im 18. Jahrhundert der französische Geophysiker Jean Jacques d’Ortous de Mairan die innere Uhr untersucht. Seine Studienobjekte waren Mimosen. Er bemerkt, dass sich die Blätter der Pflanze immer schlossen, wenn es dunkel wurde. Daraufhin steckte er sie in einen Kasten und beobachtete, dass die Pflanze auch ohne die Tag-Nacht-Informationen des Lichts ihre Blätter öffnete und schloss. Er folgerte daraus, dass Pflanzen einen inneren Zeitgeber haben müssen. Erst sehr viel später, um 1950, stellten Forscher in den USA und Deutschland in einer ganzen Reihe von Versuchen in Dunkelheit fest, dass nicht nur Pflanzen, sondern auch Tiere und Menschen eine Art inneren Rhythmus besitzen. Der Molekularbiologe Seymour Benzer machte sich in den 1970er Jahren schließlich als erster daran, bei Fruchtfliegen nach Genen zu suchen, die den biologischen Rhythmus steuern.

„Ob Darm, Leber oder Hormonsystem, alle Gewebe haben einen Rhythmus von etwa 24 Stunden. Dirigiert wird das Ganze von zwei winzigen Zellhäufchen im Vorderhirn. Eine genauere Vorstellung bekommen wir, wenn wir uns zwei Linien denken: Die eine führt von einer Schläfe zur anderen, die zweite von der Nasenwurzel zum Hinterkopf. Am Kreuzungspunkt liegt der Suprachiasmatische Nukleus, abgekürzt: SCN. Das ist der Taktgeber, der die vielen Rhythmen im Körper koordiniert – die eigentliche innere Uhr. Sie bringt uns in Einklang mit den großen Rhythmen der Natur, mit dem Wechsel von Tag und Nacht, Helligkeit und Dunkelheit.“ (Russell G. Forster, Chronobiologe)

Unsere innere Uhr steuert – im Zusammenspiel mit dem Licht – einen Großteil der Körperprozesse. Sie beeinflusst neben dem Schlaf-Wach-Zustand auch Körpertemperatur, Blutdruck und Immunsystem. Man weiß heute, dass praktisch alle Zellen in unserem Körper eine innere Uhr haben. Es gibt keinen physiologischen Prozess, der nicht von der inneren Uhr beeinflusst wird. So steigt das Hormon Melatonin, das uns müde werden lässt, am Abend an und fällt morgens wieder ab. „Mittag“ empfinden wir dann, wenn die Sonne im Zenit steht – völlig unabhängig von der geltenden Uhrzeit. Unsere innere Uhr wird jedoch in der heutigen Zeit immer häufiger ignoriert. Rund 20 Prozent der Menschen arbeiten etwa nachts oder in Schichtarbeit – die Konsequenzen sind körperliche und auch psychische Beschwerden.

Das Fachmagazin „Science“ widmete der inneren Uhr in seiner Ausgabe vom 25. November 2016 einen Themenschwerpunkt.

 


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