Kapitel 8

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

 

 

„Wer Hochzeit feiert, der kann doch nicht fasten!“

Die Ablehnung des Fastens (Markus 2,19a*)

Das erste der 21 Jesusworte

 

Das Sternchen (*) nach einer Bibelstelle bedeutet, dass es sich nicht um den gesamten angegebenen Text handelt.

Starten wir also nun mit unserer Suche nach Jesusworten, in denen das „Reich Gottes“ nicht mehr Zukunft, sondern Gegenwart ist, oder – etwas allgemeiner gesagt – die das gute, richtige Leben, und zwar hier und jetzt, thematisieren. Wir wenden uns zunächst dem Markusevangelium zu, dem ältesten Evangelium des Neuen Testaments. Den ersten Text, der dieses Kriterium erfüllt, den 15. Vers im 1. Kapitel, haben wir ja bereits behandelt, aber festgestellt, dass es sich hier kaum um ein „echtes“ Jesuswort handelt, sondern um eine Jesus in den ersten Jahren nach seinem Tod nachträglich zugeschriebene Zusammenfassung seiner Botschaft.

Wenn wir die Durchsicht des Markusevangeliums fortsetzen, lassen uns als nächstes die Verse 18 bis 20 des 2. Kapitels hellhörig werden. Sie lauten: „Die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten. Leute kamen und sagten zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, aber deine Jünger fasten nicht? Jesus sprach zu ihnen: Wer Hochzeit feiert, der kann doch, während der Bräutigam bei ihnen ist, nicht fasten! Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. Es werden aber Tage kommen, an denen der Bräutigam von ihnen genommen sein wird; dann werden sie fasten, an jenem Tag.“

Zwar scheint es so, als beträfe die kritische Anfrage, auf die Jesus hier reagiert, lediglich seine Jünger, aber natürlich richtet sie sich im Grunde an ihn selbst. Er und seine Leute fasten nicht. Das Fasten, also der zeitlich begrenzte völlige oder teilweise Verzicht auf Nahrung, ist ein in vielen Religionen und auch im Judentum verbreiteter sogenannter Selbstminderungsritus. Er kann ein Ausdruck von Trauer sein oder ein Akt der Selbstdemütigung, mit dem man eine Schuld büßen oder einem bestimmten Anliegen vor Gott Nachdruck verleihen will. Während also die Frommen seiner Zeit gefastet haben und dies aus religiösen Gründen für wertvoll und verpflichtend hielten, galt dies nicht für Jesus und seine Leute, und zwar offensichtlich ebenfalls aus religiösen Gründen. Seine Zeitgenossen müssen Jesus als homo religiosus, als einen Menschen, der ein religiöses Anliegen vertritt, wahrgenommen haben, sonst hätten sie ihn kaum auf das Fasten angesprochen.

Allerdings fällt auf, dass die Antwort Jesu so, wie sie uns hier entgegentritt, sehr ausführlich, ja umständlich formuliert ist. Sie erweckt geradezu den Eindruck, als bezöge sie sich weniger auf den Tatbestand, dass Jesus beziehungsweise seine Jünger nicht fasten, als vielmehr darauf, dass in späterer Zeit, nämlich in den frühen christlichen Gemeinden, im Gegensatz zur Praxis Jesu das Fasten offensichtlich durchaus üblich war. Man war deshalb bestrebt, dieses Verhalten nachträglich durch Jesu eigene Worte zu legitimieren, der sich hier gleich drei Mal als „Bräutigam“ bezeichnet, ein aus dem Bild der Hochzeitsfeier abgeleiteter sogenannter Hoheitstitel, der ähnlich wie „Christus“ oder „Herr“ seine gottähnliche Stellung betont, die ihm erlaubt, die zukünftige Entwicklung bereits vorherzusehen. Auf das ursprünglich als anstößig oder gar provokativ empfundene Verhalten Jesu und seiner Leute beziehen sich ausschließlich die folgenden Worte, die deshalb aller Wahrscheinlichkeit nach allein auf Jesus selbst zurückgehen:

 

Wer Hochzeit feiert, der kann doch nicht fasten.

 

Wortwörtlich übersetzt, müsste es heißen: „Können denn die Söhne des Brautgemachs fasten?“ Mit den „Söhnen des Brautgemachs“ wurden diejenigen Personen der Hochzeitsgesellschaft bezeichnet, die dem Bräutigam am nächsten standen und für die Ausführung des Festzeremoniells unentbehrlich waren. Sie sind näher am Geschehen und intensiver an ihm beteiligt als die übrigen Gäste. Die übliche Wiedergabe des griechischen Ausdrucks mit „Hochzeitsgäste“ ist also zu schwach. Wahrscheinlich möchte Jesus mit diesem „Bild im Bilde“ keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass diejenigen, die ganz bewusst nicht fasten, sich nicht etwa als Zaungäste des „Hochzeitsfestes“ verstehen, sondern deshalb nicht fasten können, weil sie das „Hochzeitsfest“ begehen.

„Wer Hochzeit feiert, der kann doch nicht fasten!“ Mit diesen klaren, geradezu feierlichen Worten also reagierte Jesus auf die an ihn gerichtete Anfrage. Hier und jetzt gilt es, das Leben wirklich zu leben, ja es zu feiern, sagt er damit, es keinesfalls durch Konventionen oder fremdbestimmte Zwänge in irgendeiner Weise herabzumindern, mit Leib und Seele am Leben teilzuhaben. Hier und jetzt findet es statt, und es besteht keinerlei Grund, sich ihm in irgendeiner Weise zu entziehen, etwa indem man für eine gewisse Zeit auf Nahrung verzichtet. Eben deshalb hat Jesus nicht gefastet. (Die Notiz in Kapitel 4,2 des Matthäusevangeliums, demzufolge Jesus in der Wüste vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet habe, entbehrt, wie auch der ganze Zusammenhang des Aufenthalts und der Versuchungen Jesu in der Wüste, jeglicher historischen Grundlage. Sie zeigt aber auch, welch ein falsches, irreführendes Bild man schon in frühester Zeit von Jesus zu malen begann.)

Das Leben ist ein Fest, heißt das. So soll es sein, zumindest immer wieder. Dazu leben wir, um es als ein Fest zu genießen. Dass dies damals viele Menschen anders sahen (und auch heute anders sehen), kann man nachempfinden. Andererseits: Könnte, ja müsste es nicht genau so sein? Was hält uns eigentlich davon ab, das Leben hochzuschätzen und zu feiern wie eine Hochzeit? Selbst auferlegte, noch dazu religiös begründete Einschränkungen wie etwa das Fasten sollten uns jedenfalls nicht daran hindern. Mehr noch: Wenn Jesus hier das Leben mit einem Hochzeitsfest vergleicht, dann ist für ihn doch wohl keine Steigerung mehr möglich. Dann ist keine Form von „mehr Leben“ noch denkbar und auch nötig. Die Erwartung einer „besseren Zukunft“, wie auch immer man sie sich vorstellen mag, wird damit hinfällig. Immer bestünde ihre Funktion ja darin, die Gegenwart prinzipiell abzuwerten, da sie ja noch überboten werden kann und wird. Gerade dies aber schließt das Bild des Hochzeitsfestes für das Leben hier und jetzt völlig aus. So bringt die Antwort Jesu geradezu überdeutlich genau das zum Ausdruck, wonach wir Ausschau halten wollten. Wenn diese „Feier der Hochzeit“ hier und jetzt ein Äquivalent ist für das, was Jesus mit der Teilhabe am „Reiches Gottes“ meint, dann ist dieses schönste und größte Fest nicht mehr ein Versprechen, nicht mehr eine Verheißung, sondern es will hier und jetzt erlebt und gefeiert werden. Das ist die neue, das ist die ganz andere „Religion“ jenes Jesus von Nazaret.

Was aber geschieht bereits im Neuen Testament? Ja, das Jesuswort ist noch auffindbar, auch „Matthäus“ und „Lukas“ haben es nicht getilgt. Doch sowohl im Markusevangelium als auch dort ist es derart massiv erweitert worden (Matthäus und Lukas haben lediglich die Worte „Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten“ nicht übernommen), dass es nicht nur völlig in den Hintergrund tritt, sondern seines Kerns beraubt wird: Zwar war es (noch) nicht möglich, das Bild des Hochzeitsfestes ganz zu tilgen, und ebenso wenig, es in eine Zukunfts- oder Jenseitserwartung zu transformieren. Stattdessen begrenzte man es auf die Lebenszeit des „Bräutigams“ und schloss es damit in eine – aus der Warte der nachjesuanischen Verfasser dieser Zusätze – in eine vergangene Epoche ein und schnitt es von der Gegenwart kategorisch ab.

Man kann hier sehr gut beobachten, mit welcher Energie die Botschaft Jesu vom jetzt zu feiernden Hochzeitsfest (beziehungsweise von der Gegenwart des „Reiches Gottes“) an den Rand gedrängt und durch das „christologische Evangelium“ so gut wie ersetzt wird. Indem man noch vor dem Abschluss des begonnenen Satzes die Worte „während der Bräutigam bei ihnen ist“ einfügte – die Übersetzung folgt hier wortwörtlich dem griechischen Urtext – fährt man Jesus gleichsam ins Wort, bevor er ausgeredet hat. Seine eigene Antwort wird umgebogen, noch während er spricht – ein einmaliger Vorgang selbst im Neuen Testament. Das Bild von der Hochzeitsfeier ist gleichsam noch gar nicht zu Ende gemalt, da wird aus ihm bereits ein weiteres, aber ganz anderes Bild herausgesponnen: Jesus als (himmlischer) Bräutigam seiner Gemeinde (man vergleiche die nachjesuanische Erzählung von den auf den Bräutigam wartenden Jungfrauen in Matthäus 25,1–13). Und diese Einschränkung wird dann noch einmal ausdrücklich wiederholt: „Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten“, und angeblich stellt dann Jesus schließlich selbst noch fest: „Es werden aber Tage kommen, an denen der Bräutigam von ihnen genommen sein wird; dann werden sie fasten, an jenem Tag.“

Gerade aber wegen jener später vorgenommenen Einschränkungen, ja letztlich ihres Widerrufs ist kaum zu bezweifeln, dass die Worte „Wer Hochzeit feiert, der kann doch nicht fasten“ mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Jesus selbst zurückgehen. Zwar wird beides, Original und Verfälschung, Jesus selbst zugeschrieben – ein äußerst problematischer und alles andere als einmaliger Vorgang im Neuen Testament. Aber immerhin: Das Original ist noch erkennbar. Man sah sich, trotz der Probleme, die man damit hatte, noch nicht in der Lage, es vollkommen beiseitezuschieben. Es ist noch nicht, wie später im Johannesevangelium, dem jüngsten der vier neutestamentlichen Evangelien, völlig belanglos geworden. Dort taucht es, wie auch alle übrigen authentischen Jesusworte, gar nicht mehr auf.

Die nachträglichen Erweiterungen machen auch verständlich, weshalb sich bereits die Fastenfrage selbst nicht mehr auf das Verhalten Jesu selbst, sondern auf das seiner Jünger bezieht. Die „Leute“, die Jesus ansprechen, repräsentieren hier bereits die christliche Gemeinde, die – wie angeblich auch die Jünger nach der Hinrichtung Jesu – das Ritual des Fastens durchaus praktizieren. So wie hier verhält es sich auch bei vielen anderen Jesusworten, mit denen wir uns noch befassen werden: Der Zusammenhang, in den sie oftmals eingebettet sind, ist wohl immer erst nachträglich konstruiert worden und enthält keine historischen Erinnerungen mehr.

Das Hochzeitsfest, von dem Jesus spricht, bezieht sich weder auf ihn als den „Bräutigam“ noch ist es auf seine Lebenszeit begrenzt, sondern es betrifft das Leben hier und jetzt. Damit ist Markus 2,19a* ein erster Beleg dafür, dass unsere Arbeitshypothese zutreffen könnte. Jesus wertet dieses Leben hier und jetzt in beinahe unüberbietbarer Weise auf, indem er es mit einem Hochzeitsfest vergleicht. Dieses Fest mitzufeiern hieße dann eventuell nichts anderes, als am „Reich Gottes“ teilzuhaben – hier und jetzt. „Hochzeitsfest“ und „Reich Gottes“ wären Metaphern, Bilder für das richtige Leben, das sich ereignet, wenn man mit anderen, wenn man mit der Welt verbunden ist.

Das Bild vom Hochzeitsfest verwandelt die Negation (des Fastens) zugleich in eine Position: nämlich stattdessen miteinander zu essen und zu trinken, wie es nun einmal zu einem Fest gehört. Das aber heißt: Nicht das Fasten ist für Jesus und seine Leute ein religiöser Akt, sondern – das Essen und Trinken! Dies scheint geradezu ein besonderes Kennzeichen der „Jesus-Gruppe“ gewesen zu sein. Wie die Logienquelle überliefert, eine in den ersten Jahrzehnten nach Jesu Tod entstandene, nicht mehr erhaltene, aber rekonstruierbare Schrift, aus der „Matthäus“ und „Lukas“ neben dem Markusevangelium als weitere Quelle schöpften (vgl. Exkurs 4: Die Zwei-Quellen-Theorie), hat man Jesus einen „Fresser und Weinsäufer“ genannt (Matthäus 11,19 / Lukas 7,34), so auffällig und anstößig hat man sein Verhalten empfunden – eine abschätzige Kennzeichnung, die sicher nicht erst in nachjesuanischer Zeit aufgekommen, sondern tatsächlich in dieser Weise laut geworden ist. Man soll das Leben feiern und genießen – das gemeinsame Essen und Trinken bringt es zum Ausdruck.

Claus Petersen


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