Kapitel 7

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

 

 

„Reich Gottes“: nicht Zukunft, sondern Gegenwart, nicht in uns, sondern um uns

 

Das Reich Gottes ist da, es ist Gegenwart. Mit dieser – so behaupteten sie – auf Jesus zurückgehenden Botschaft wandten sich diejenigen, die selbst von ihr aufs höchste beeindruckt, bewegt, ja durch sie wie verwandelt worden sein müssen, an ihre Mitmenschen. Bevor wir darangehen zu überprüfen, ob die Zusammenfassung der Botschaft Jesu in Markus 1,15 dessen eigenen Worten entspricht, sollten wir zunächst noch einen Blick auf den zentralen Begriff dieses, angenommen, jesuanischen Evangeliums werfen: „Reich Gottes“.

Dieser Ausdruck steht hier für eine zur Zeit Jesu äußerst virulente, aber keineswegs erst in seiner Zeit aufgekommene Hoffnung, ja Erwartung: dass Gott – endlich! – seine Macht und Herrschaft zur Geltung bringen möge. Zwar gilt er schon längst als Herr der Völker (so heißt es in Psalm 22,29: „Denn Jahwes ist das Reich“ – das hier verwendete hebräische Wort entspricht dem griechischen basiléia und wird in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der sogenannten Septuaginta, auch entsprechend wiedergegeben – „und er herrscht über die Völker“), doch nun werde seine Herrschaft für alle sichtbar in Erscheinung treten. Der bislang älteste Beleg dieser Reich-Gottes-Erwartung findet sich in einem Anhang an das alttestamentliche Buch Obadja (Vers 19–21), der vermutlich aus dem 5. Jahrhundert vor der Zeitenwende stammt. Dort wird dem Volk Israel ein erheblicher Gebietszuwachs verheißen, und abschließend heißt es: „Und Jahwes wird die Königsherrschaft sein“ (in der Septuaginta ebenfalls mit basiléia übersetzt). Und für Johannes den Täufer, einem Zeitgenossen Jesu, stand das Kommen Gottes unmittelbar bevor, ja seine Herrschaft war bereits im Begriff, mit Gewalt hereinzubrechen: „Die Axt ist den Bäumen schon an die Wurzel gelegt. Darum: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Matthäus 3,10 / Lukas 3,9). In solch drastischen Worten kündigte er die sich nun sehr bald wie ein reinigendes Gewitter vollziehende Gottesherrschaft an.

Völlig anders klingt das Evangelium, die gute Nachricht in Markus 1,15: Das Reich Gottes ist da, es steht nicht bevor, sondern es ist Gegenwart. Wie ist das zu verstehen? Hat sich denn irgendetwas geändert? Ist die Welt nicht dieselbe geblieben? Man brauchte und braucht sich doch nur umzuschauen. Oder haben wir etwas übersehen? Um diese Welt aber geht es, dafür steht ja eben das Wort „Reich“ oder „Königsherrschaft“. Eine durch einen göttlichen Eingriff verwandelte Welt ist ganz offensichtlich nicht gemeint. Jesus muss unter diesem „Reich“, wenn sich denn herausstellt, dass es sich hier wirklich um den Kern seiner Botschaft handelt, etwas anderes verstanden haben. Wir werden das Wort deshalb von jetzt an in Anführungszeichen setzen…
…zusammen mit dem von ihm abhängigen und es in außergewöhnlicher Weise charakterisierenden Genitiv „Gottes“. Von einer göttlichen Person, die zum Weltgericht erschienen wäre und ihre Herrschaft aufgerichtet hätte, ist hier nicht die Rede. Was diese ganz besondere Qualifizierung des „Reiches“ bedeuten könnte, muss zunächst offenbleiben. Nur so viel vorerst: Die Worte in Markus 1,15 setzen voraus und knüpfen an das an, was alle Leserinnen und Leser beziehungsweise alle Hörerinnen und Hörer grundsätzlich mit dem Terminus „Reich Gottes“ verbanden, nämlich – noch ganz allgemein formuliert – so etwas wie das Größte, das sie sich vorstellen konnten, von dem sie aber offensichtlich glaubten, dass sie es nicht oder jedenfalls noch nicht und wenn doch, dann nur durch ein zukünftiges, sich aber vielleicht schon sehr bald vollziehendes göttliches Eingreifen erlangen könnten: Leben, wirkliches, richtiges Leben, Glück, Zufriedenheit. Diesem Vorverständnis wird das jesuanische Evangelium grundsätzlich direkt entsprechen, nur – und eben dies ist so großartig: Es ist jetzt keine Verheißung mehr, kein Versprechen, keine Hoffnung, sondern Gegenwart!

Eine Möglichkeit, das „Reich Gottes“ als gegenwärtig zu verstehen, ohne ein göttliches Eingreifen ins Weltgeschehen voraussetzen zu müssen, scheidet allerdings aus, nämlich damit eine individuelle, rein geistig-spirituelle Erfahrung zu verbinden – sie wäre zur Zeit Jesu völlig undenkbar gewesen. In dieser Weise hat zum Beispiel die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts Markus 1,15 interpretiert. Inspiriert durch die Worte „Das „Reich Gottes ist inwendig in euch“, wie Martin Luther Lukas 17,21b übersetzte (erst seit der revidierten Lutherbibel von 1956 heißt es richtig: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“, wir werden noch darauf zurückkommen) verstand etwa Adolf von Harnack das „Reich Gottes“ als „innerlich wirkende Kraft“ (Das Wesen des Christentums, 1900, Vierte Vorlesung). „Das Reich Gottes kommt, indem es zu den einzelnen kommt, Einzug in ihre Seele hält, und sie es ergreifen. Das Reich Gottes ist (…) die Herrschaft des heiligen Gottes in den einzelnen Herzen“ (ebd., Dritte Vorlesung; Hervorhebung im Original). Ganz sicher bezieht sich der Terminus „Reich Gottes“ nicht auf unsere je individuelle Innenwelt, sondern auf die Welt um uns, auf die Welt, in der wir leben.

„Reich Gottes“: nicht Zukunft, sondern Gegenwart, nicht in uns, sondern um uns – dies kennzeichnet laut Markus 1,15 das basileiologische Evangelium Jesu. Ob dies tatsächlich zutrifft, werden wir jetzt überprüfen. Wir werden nach Texten Ausschau halten, die Jesus zugeschrieben werden und entweder wortwörtlich vom „Reich Gottes“ handeln, und zwar als einer nicht mehr zukünftigen, sondern präsentischen Größe, oder indirekt insofern, als es um ein gutes, richtiges Leben im Hier und Heute geht. Vielleicht erschließt sich uns und konkretisiert sich dabei eine in Vergessenheit geratene, aber eventuell hochaktuelle Möglichkeit, richtig zu leben, und zwar hier und jetzt.

Claus Petersen


RSS