Kapitel 33

 

 

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

 

 

Folgerungen, Konkretionen, Vertiefungen:

Epochenwechsel! Zeitenwende!

 

  • Mit dem Basilëiozän endet das Kapitalozän.

  • Die beglückende Existenzweise der Verbundenheit mit der Welt überwindet ihre entfremdende Objektivierung.

  • Ein erfülltes Leben tritt an die Stelle von Orientierungslosigkeit und Leere.

 

So sehr die beiden Varianten des im vorangehenden Kapitel behandelten Jesusworts auch voneinander abweichen und darüber hinaus die Bedeutung mancher Begriffe nicht eindeutig geklärt werden kann, stimmen sie gleichwohl darin überein, dass hier zwei vollkommen unterschiedliche Zeiträume, ja Weltzeitalter einander gegenübergestellt werden. Mehr noch: Als ob überhaupt alles Bisherige zu seinem Ende gekommen ist und etwas grundsätzlich Neues, etwas kategorial Anderes begonnen hat.

Mag das auch völlig übertrieben klingen, ja mag es auch so erscheinen, als ob hier einer jeden Bezug zur Realität verloren hat – dies ist jedenfalls klar: So wie es jetzt ist, kann und darf es nicht mehr weitergehen mit uns und unserer Welt. Wir steuern nicht nur auf eine Katastrophe zu, sondern verlieren jetzt schon den Boden unter unseren Füßen – manche durch den steigenden Meeresspiegel im ganz wörtlichen Sinn, und noch viel mehr sind es, die durch die Renditeorientierung der Anteilseigner*innen mächtiger Konzerne die Lebensgrundlagen in ihrer Heimat verlieren, zur Flucht gezwungen sind oder im Elend dahinvegetieren. Für die Reichen und Mächtigen verkommt die Welt zur Ware: Immer größere Ländereien bringen sie in ihren Besitz, die Meere haben sie zu ihrer Müllkippe gemacht und den die Erde umgebenden Weltraum gleich noch dazu. Gigantische militärische Machtapparate mit ihrem gleichwohl immer noch weiter anwachsenden Potenzial, deren Aufrechterhaltung und „Optimierung“ wiederum riesige Summen verschlingen, stabilisieren das Unrecht, sichern es ab und vertiefen die Gräben. Das Kapitalozän, das Erdzeitalter, in dem das Geld regiert, hat das ganze Weltklima vergiftet – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Wir brauchen einen Neuanfang, aber wir müssen nicht ganz von vorne beginnen. Eine andere Existenzweise ist möglich. Immer wieder ist sie gelebt worden und wird sie gelebt. Den Worten Jesu zufolge ist sie von einer gar nicht zu überschätzenden globalen Relevanz, ist sie und nur sie dem Menschen gemäß, ist sie und allein sie in der Lage, ihm das zu vermitteln, was man „Seligkeit“ nennen könnte, richtiges, erfülltes, gutes Leben.

Hier und jetzt kann dieses Leben gelebt werden, hier und jetzt ist dieses Lebensgefühl erfahrbar, nicht erst in einer gerechten und friedlichen Welt. Nicht vom Zustand der Welt hängt es ab, sondern vom Zugang zu ihr, von der Erneuerung unserer Existenz durch ihre Öffnung zur Welt, dadurch, dass wir sie nicht als einen Fremdkörper wahrnehmen, als das Medium unserer Existenz selbst. In ihr „leben, weben und sind wir“, wie es in anderem Zusammenhang in der Übersetzung der sogenannten Areopagrede des Paulus in Apostelgeschichte 17,28 durch Martin Luther so poetisch heißt. Es ist, wie schon mehrfach betont, die Art und Weise, in der Kinder von Anfang an mit der Welt kooperieren. Aber nicht nur sie sind dazu in der Lage. In der nicht erst mit den sogenannten Hochkulturen beginnenden Geschichte der Menschheit scheint dies auch bei den Erwachsenen noch für eine sehr lange Zeit gang und gäbe gewesen zu sein. So fielen in einer Radiosendung am 12. Oktober 2022 in Bayern 2 über „Afrikas Ubuntu“ (vgl. Kapitel 2) Sätze wie diese:

„Ubuntu“ lässt sich am ehesten mit „Menschlichkeit“ übersetzen und ist als Ideal des „rechten Lebens“ in den traditionellen Dörfern über das ganze südliche Afrika verbreitet. (…) Es ist ein Lebensgefühl, nach dem jeder strebt. Wer „Ubuntu“ hat, lebt verbunden und für andere – und hat sich selbst verwirklicht. (…) Es ist eine Philosophie des „Wir“. (…) In dieser Haltung wird die soziale Gemeinschaft, ja die Gesellschaft zur Familie, der Mitmensch wird zum Bruder, zur Schwester. Statt das Individuum zum Objekt, zum Zahnrad im Uhrwerk der Gesellschaft zu degradieren und zu kontrollieren, steht hier der „gute Mensch“ mit seinen Gefühlen im Mittelpunkt. (…) Europas Denken baut auf den Mythos der Individualität und Unabhängigkeit. Afrika preist dagegen die Gemeinschaft und gegenseitige Abhängigkeit. (…) Aus Descartes isolierendem „Ich denke, also bin ich“ wird dann eher „Ich nehme teil, also bin ich“. (…) Ubuntu ist so etwas wie ein gemeinsames Dach über den Religionen und steht damit eigentlich darüber. (…) Es ist wertvoll, es ist wie ein Windhauch. In dem Moment, in dem du versuchst, es festzuhalten oder es zu kontrollieren oder zur Ware machst, verschwindet es. So soll es wohl sein. Ubuntu kann weder verkauft noch kontrolliert werden. Denn es ist eine Sache des Herzens.

So verstanden, als „Sache des Herzens“, letztlich als das Charakteristikum der menschlichen Existenzweise schlechthin, bezieht sich das, was im subsaharischen Afrika mit „Ubuntu“ oder ähnlichen verwandten Begriffen bezeichnet wird, selbstverständlich nicht nur auf das menschliche Miteinander, sondern auf die gesamte Mitwelt, in der sich unsere Existenz vollzieht. Dieser Mitweltbezug macht sie ja gerade aus, kennzeichnet sie, gestaltet sie. Eben dieses Zusammenspiel ist es, aus dem sie sich ergibt. Nichts darf dieses Zusammenspiel stören, behindern, sich zwischen uns und unsere Mitwelt schieben, auch keine Gottheit. Niemals darf sie zum Objekt werden – weder durch uns noch durch eine himmlische Macht, von der angenommen wird, dass sie sie geschaffen hätte. In diesem Zusammenhang sei an eine höchst bedeutsame Bemerkung aus dem Mund des deutsch-brasilianischer Politikers und Umweltaktivisten José Lutzenberger (1926–2002) erinnert:

„Vor vier- oder fünftausend Jahren ist etwas ganz Schlimmes passiert; es wurde ein metaphysisches Konzept in die Welt gesetzt, das es vorher nicht gab: das Konzept des transzendentalen, über und außerhalb der Natur stehenden Schöpfers. Akzeptiere ich einen über der Natur stehenden Schöpfer, dann habe ich in dem Moment die Natur entsakralisiert. Für die ‚Primitiven‘ aber ist die Natur heilig. (…) Für die Juden, die Christen, die Mohammedaner ist die Welt eingeteilt in Gott, Mensch und Erde. Die Menschen stehen zwischen Natur und Gott – aber über der Natur. Die Erde ist Objekt.“ (Frankfurter Rundschau vom 8. Juni 1989, S. 15)

Auf die Geschichte der Menschheit bezogen, ist dieses Konzept relativ modern, also keineswegs schon immer vorgegeben und unabänderlich. Es ist sicher kein Zufall, dass in den bisher behandelten Jesusworten die „Theologie“, die Gottesfrage, keine Rolle gespielt hat. Nicht um ein neues Gottesbild war es Jesus zu tun, sondern um einen völlig neuen Blick auf das, was seinerzeit mit dem Begriff „Reich Gottes“ bezeichnet worden ist. Für ihn war es keine von Gott erst herbeizuführende neue Welt, kein „neuer Himmel“ und keine „neue Erde“, sondern eine neue Existenzweise, die sich nicht abgetrennt von der Welt, sondern gerade im Zusammenhang mit ihr vollzieht.

Die „Seligkeit“, die daraus resultiert, dieses wahre, echte, gute, dieses richtige Leben könnte man wohl auch eine Erfahrung des „Göttlichen“ nennen, den Vollzug einer solchen Existenz als „Religion“ bezeichnen. Denn, nicht zu vergessen: Wie besonders Jesu Reaktion auf die Fastenfrage lehrt, wurde Jesus durchaus und sicher nicht ohne Grund als homo religiosus wahrgenommen. Er dürfte sich als ein solcher verstanden haben. Aber es ist eine „erdverbundene“ Welt-Religion, wie aus dem Gleichnis von der von selbst fruchtbringenden Erde hervorging: Das „Wunder“, das „er weiß selbst nicht wie“, die Erfahrung, dass sich so manches entwickelt, was zwar mit uns in Zusammenhang steht, aber nicht von uns bewirkt worden ist, führt er nicht auf Gott zurück, sondern auf die Erde („Von selbst bringt die Erde Frucht…“). Darf man nicht vermuten, dass uns allen solche unerklärlichen, aber ganz reale Erfahrungen „blühen“ – wenn uns tatsächlich das weltverbundene Leben wieder selbstverständlich geworden ist? In jedem Fall wird es ein erfülltes Leben sein, wenn wir zu „Erdmatrioten“ werden, um noch einmal den „Hoheitstitel“ aufzugreifen, den Kurt Marti für Jesus gefunden hat (vgl. den letzten Absatz in Kapitel 17), wenn wir für uns und gleichzeitig für die Erde sorgen, was letztlich ein und dasselbe ist.

Hier und jetzt kann die neue Zeit beginnen, für jeden Menschen dieser Erde. Sie beginnt nicht erst, wenn alle mitmachen, sondern wenn wir die Hinwendung zur Welt beziehungsweise die Umkehr zu ihr vollziehen. Und schnell werden wir dessen gewahr werden, dass wir nicht die einzigen sind, dass wir nicht alleine sind: Von allem außermenschlichen Leben einmal abgesehen, für das diese „Existenzweise“ ganz natürlich ist, sind es schon einmal die Kinder und viele Menschen besonders im Globalen Süden, die den Weg der Industrialisierung und der mit ihr verbundenen Ausbeutung der Erde und großer Teile der Menschheit auf der Basis einer objektivierenden „aufgeklärten“ Wissenschaft nicht eingeschlagen haben und bis heute nicht wirklich mitgegangen sind.

Und es ist immerhin die Jesusbewegung vor 2000 Jahren! Sind nicht allein die Worte, die uns von dem Spiritus rector dieser Initiative überliefert sind, ein ungemein starker Impuls? Daraus aber folgt jetzt und hier, nach so vielen Jahrhunderten, angelehnt an das Jesuswort:

Die Christologie und die Kreuzestheologie, ja Theologie überhaupt –
bis zur Wiederentdeckung der Jesusbotschaft!
Von da an geht es um die Welt und unsere Verbundenheit mit ihr!

Und ähnliches gilt für den globalisierten Kapitalismus: Wie treffend charakterisiert Karl Marx mit dem berühmten Wort aus seinem Hauptwerk „Das Kapital“ das Kapitalozän, also das bislang noch von der kapitalistischen Produktionsweise bestimmte Erdzeitalter: „Akkumuliert, Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten!“ (Marx-Engels-Werke [MEW], Bd. 23, S. 621) Jetzt aber könnte endlich die wahre Welt-Zeit anbrechen (das „Basilëiozän“, das Zeitalter der basilëia, des „Reiches Gottes“), in der wir einander mit all dem versorgen, was für ein gutes Leben nötig ist, der Äon, in dem niemand mehr im Elend lebt und in dem niemand mehr reich sein möchte. Es könnte auf unserer Erde eine Epoche einsetzen, in der sich trotz der Klimaveränderung mit all ihren katastrophalen Folgen, die bereits in vollem Gange ist, gleichwohl gutes, richtiges und gerade jetzt weltverbundenes Leben in weltweiter, weit über die Menschenwelt hinausgehender Solidarität tatsächlich vollzieht.

Claus Petersen


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