Kapitel 23

 

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

Folgerungen, Konkretionen, Vertiefungen:

„Imagine no possessions“. Für eine Welt ohne Reichtum

 

Nicht nur Armut, auch Reichtum muss ein Thema der politischen Debatte sein.

Aus: „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit. Wort des Rates der
Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz
zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland“ von 1997 [Ziffer 24]).

Wer reich ist, steckt im Vergleich zum Normalbürger in völlig anderen
Zusammenhängen. Es gibt Sorgen, die ein Reicher einfach nicht kennt.
Vor allem kann er sich jederzeit seine Wünsche erfüllen,
das heißt es gibt fast keine Grenzen für ihn. Auch auf andere muss er
kaum Rücksicht nehmen, weil die Menschen sich nach ihm oder ihr zu richten haben.
Man kann rücksichtslos und asozial seine Ziele verfolgen und sich zumindest einbilden,
auf niemanden angewiesen zu sein. Das ist strukturell pervers.

Aus: „Bordzeitung“ zur Sonderausstellung Reichtum – mehr als genug
vom 6. Juli bis 10. November 2013 im Deutschen Hygiene-Museum Dresden

 

Der Reichtum zerstört das Leben des Reichen. Wer sich mehr nimmt, als er braucht, verliert im selben Moment genau das, was das Leben ausmacht: Teil der Welt zu sein. Wer reich ist, trennt sich von der Welt. Er will sich von ihr unabhängig machen. Sie ist käuflich, sie ist zur Ware geworden, die – scheinbar – jederzeit verfügbar ist. Die Versuche, sich eine eigene Welt zu bauen, lassen die wahren Quellen des Lebens versiegen. Nur durch das Nicht-mehr-als-Genug kann die Weltverbundenheit lebendig bleiben.

Aber das Reichsein hat auch noch eine andere Seite: Es verletzt, ja zerstört die physische Existenz sehr vieler Menschen, ja es bedroht und beschädigt die Welt selbst, die Garantin des guten Lebens schlechthin. Pendant des Zuviel auf der einen Seite ist das Zuwenig auf der anderen, das Mangelernährung und Hunger im Gefolge hat. Eine Eigentumsordnung, die gigantische Privatvermögen zulässt, muss letztlich militärisch abgesichert und im Angriffsfall verteidigt werden. Waffengewalt und Kriege sind ihre unerlässlichen Komponenten. Und nichts ist mehr für die von Menschen verursachte Klimaveränderung verantwortlich, dieser größten Bedrohung der Menschheit schlechthin, als der Lebensstil der Reichen. Schließlich und endlich beruht unsere Wirtschaftsordnung, die alles, was unsere Welt lebenswert macht, in den Abgrund zu reißen droht, auf dem Anspruch der Reichen, ihr Vermögen nicht nur zu sichern, sondern es immer noch weiter zu vermehren.

 

Zunächst ein paar Zahlen:

 

Aus dem am 14. Juni 2022 veröffentlichten neuen World Wealth Report (WWR) des Beratungsunternehmens Capgemini geht hervor, dass 22,5 Millionen Menschen auf der Erde im Jahr 2021 über ein investierbares, also für keinerlei persönliche Bedürfnisse oder notwendige Anschaffungen benötigtes Vermögen von mindestens einer Million US-Dollar verfügten. Das Gesamtvermögen dieser Personengruppe summierte sich auf 86 Billionen (eine Zahl mit zwölf Nullen) US-Dollar, das sind etwa 82 Billionen Euro. In Deutschland gehörten 1.633.000 Menschen dieser Personengruppe an. Dem anlässlich der virtuellen „Davos Agenda“ des Weltwirtschaftsforums am 17. Januar 2022 von der internationalen Entwicklungsorganisation Oxfam veröffentlichten Bericht „Gewaltige Ungleichheit“ zufolge beträgt das Gesamtvermögen der aktuell 2.755 Milliardär*innen 13,8 Billionen Dollar. Die zehn reichsten Personen in Deutschland verfügten danach über ein Gesamtvermögen von etwa 256 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2016 überstieg Oxfam zufolge das Vermögen der acht reichsten Milliardäre dasjenige der gesamten ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung. Am 10. März 2021 ist das Vermögen des US-Investors Warren Buffet laut dem US-Magazin „Forbes“ auf 100,3 Milliarden US-Dollar (84 Milliarden Euro) gestiegen und liegt damit erstmals über der 100-Milliarden-Dollar-Marke. Damit war Buffet seinerzeit der fünftreichste Mensch der Welt. An erster Stelle standen Amazon-Chef Jeff Bezos (seinerzeit rund 180 Milliarden Dollar), es folgen Tesla-Chef Elon Musk (rund 165 Milliarden), Bernard Arnault und seine Familie vom Luxusgüterkonzern LVMH (159 Milliarden) sowie Microsoft-Gründer Bill Gates (125 Milliarden).

Doch der Skandal ist nicht nur der Reichtum als solcher, sondern die Art und Weise, wie er entstanden ist und immer weiter anschwillt. Damit das Kapital wachsen, damit es für ihre Eigentümer Profit abwerfen kann, worauf sie ganz selbstverständlich Anspruch erheben und was die Staaten zu garantieren haben, wird die Welt zur Ware, zum Privateigentum. Nicht nur börsennotierte Industriekonzerne dienen letztlich der Renditeerwartung ihrer Eigentümer, auch Bildungseinrichtungen, Sozialunternehmen und absolut lebensnotwenige Güter werden der Menschengemeinschaft enteignet und zum Privatbesitz der Reichen: Schulen und Universitäten, Arztpraxen, Versorgungszentren und Pflegeeinrichtungen, Energieversorgung- und Wohnungsunternehmen, Pharma- und Lebensmittelkonzerne, in den USA selbst die Gefängnisse, Nahrungsmittel, in manchen Ländern sogar das Wasser – ja die Erde selbst: Anders als sonstige Finanzprodukte lässt sich Boden nicht vermehren, und genau dies verspricht einen hohen und kontinuierlich steigenden Marktwert. Dies wird solange der Fall sein, die Privatisierung der Erde wird solange voranschreiten, bis die Erde wieder allen Menschen gehört, sämtliche Besitztitel ungültig werden und sie denen zur Verfügung steht, die sie bearbeiten und bewohnen und solange sie dies tun. – Übrigens: Das Eigenschaftswort „privat“ ist von dem lateinischen Tätigkeitswort privare abgeleitet, auf Deutsch: „berauben“.

 

Menschen hungern und verhungern, weil sie nicht über die finanziellen Mittel verfügen, um sich ausreichend ernähren zu können

 

Dem am 6. Juli 2022 in New York vorgestellten UN-Ernährungsbericht zufolge waren im Jahr 2021 zwischen 702 Millionen und 828 Millionen Menschen chronisch unterernährt. Der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte stellte 1999 zum Menschenrecht auf Nahrung klar: „Im Grunde liegt die Wurzel des Problems von Hunger und Mangelernährung nicht in einem Mangel an Nahrungsmitteln, sondern im mangelnden Zugang großer Teile der Weltbevölkerung zu den verfügbaren Nahrungsmitteln, der unter anderem auf Armut zurückzuführen ist.“ Zur Verdeutlichung ein Zitat aus dem Amnesty-Journal 4/2022: „In Afghanistan sind Lebensmittel eigentlich ausreichend verfügbar. Wegen der Wirtschaftskrise fehlen vielen Menschen schlicht die finanziellen Mittel, um Nahrungsmittel zu kaufen. Vor allem Grundnahrungsmittel wie Reis und Öl sind teurer geworden.“ (S. 36) Doch nicht nur die Nahrungsmittel, auch die finanziellen Mittel sind durchaus vorhanden. Nur befinden sie sich nicht in den Händen derer, deren Leben und Überleben davon abhängen.

 

Reichtum muss immer mit Gewalt abgesichert und verteidigt werden

 

Abgesehen von der der Profitmaximierung inhärenten Gewalt in Form gnadenloser Ausbeutung von Mensch und Natur muss Reichtum immer auch militärisch, das heißt mit Waffengewalt geschützt und verteidigt werden. Diesen ursächlichen Zusammenhang von Reichtum und Krieg verdeutlicht anschaulich, klar und vollkommen wahr die sogenannte Dreigefährtenlegende, eine auch heute noch wichtige Quelle für das Leben des Franz von Assisi, weil sie von allen Biografien des Heiligen gerade in ihrer Nüchternheit als die authentischste gelten kann: „Der Bischof von Assisi, den Franziskus öfter um Rat fragte, nahm ihn stets gütig auf. Doch sagte er gerne: ‚Euer Leben erscheint mir hart, und nichts Irdisches zu besitzen, ist schwer.‘ Darauf Franz: ‚Herr, wollten wir etwas besitzen, dann müssten wir auch Waffen zu unserer Verteidigung haben. Daher kommen ja die Streitigkeiten und Kämpfe alle und verhindern die Liebe. Aus diesem Grund wollen wir nichts besitzen.‘“ Thomas Gebauer, von 1996 bis 2018 Geschäftsführer der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation „medico international“, bringt es in einem Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 4. April 2022 mit diesen Worten auf den Punkt: „Solange die Welt von Ungleichheiten geprägt ist, werden Kriege geführt und neue Waffen entwickelt werden.“ Wenn alle Menschen genug zum Leben hätten – nicht weniger, aber auch nicht mehr – und alle dafür Sorge trügen, dass dies stets der Fall ist und immer so bleibt, dann wären keine Waffen mehr nötig, um die Ungleichheit zu schützen und zu zementieren.

 

Der Lebensstil der Reichen hauptverantwortlich ist für die Klimaveränderung

 

Laut einem am 21. September 2020 von der Entwicklungsorganisation Oxfam veröffentlichten Bericht sind die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung (630 Millionen Menschen) für über die Hälfte (52 Prozent) der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, die zwischen 1990 und 2015 ausgestoßen wurden. Allein das reichste 1 Prozent schädigte das Klima danach sogar doppelt so stark wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung: Es verantwortete 15 Prozent der Gesamtemissionen, die ärmere Hälfte hingegen nur rund sieben Prozent. Die reichsten zehn Prozent der deutschen Bevölkerung, zu denen 8,3 Millionen Menschen zählen, sind für 26 Prozent der (deutschen) CO2-Emissionen verantwortlich, die seit 1990 in die Luft geblasen wurden. Nur etwas mehr (29 Prozent) hat die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung verbraucht, die fünf Mal so viele Menschen umfasst (41,5 Millionen Menschen). „Mit einem einzigen Weltraumflug verursacht ein Milliardär mehr Emissionen, als jemand aus der ärmsten Milliarde Menschen in einem ganzen Leben zusammenbringt“, sagte Nafkote Dabi, Klimaexpertin der Entwicklungsorganisation Oxfam, am 5. November 2021 bei der Vorstellung einer Oxfam-Studie auf der Weltklimakonferenz in Glasgow. Danach wird das reichste Prozent der Menschheit bis 2030 für 16 Prozent der weltweiten Gesamtemissionen verantwortlich sein. Ihre Pro-Kopf-Emissionen würden dann den für das 1,5-Grad-Ziel verträglichen Wert um das 30-Fache übersteigen. Im Gegensatz dazu werden die Pro-Kopf-Emissionen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung im Jahr 2030 deutlich unter der angestrebten 1,5-Grad-Grenze für die globale Erwärmung bleiben. Klimaverträglich darf jeder Mensch auf der Erde nicht mehr als 2500 Kilogramm Kohlendioxid pro Jahr erzeugen. Den Daten der EDGAR (Emissions Database for Global Atmospheric Research)-Datenbank zufolge lagen die durchschnittlichen Emissionen der Einwohner*innen von 65 der insgesamt aufgeführten 187 Länder im Jahr 2015 im zum Teil deutlich unter diesem Wert (keines davon liegt in Europa oder Nordamerika), in neun Ländern betrugen sie dagegen mehr als das Zehnfache. Der gesamte afrikanische Kontinent ist lediglich für 4,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich.

 

Die Grundmechanismen unseres Wirtschaftssystems dienen ausschließlich den Interessen der Reichen

 

Sie bestimmen die Eigentums- und Machtverhältnisse. Produziert wird nicht, was lebensnotwenig ist, sondern was möglichst hohen Profit abwirft. Alle großen Konzerne sind Aktiengesellschaften, die letztlich allein die Renditeerwartungen ihrer Anleger zu erfüllen haben. Über allem anderen steht der Anspruch der Reichen, ihr Kapital, das heißt: ihren Überfluss, sicher und gewinnbringend anzulegen. Und so schwillt der Reichtum – auf die Weltgesellschaft bezogen: einiger weniger – immer und immer mehr an und vererbt sich von einer Generation auf die nächste. Ungleichheit und Gewalt nehmen zu, unsere Welt wird zur Wüste.

Imagine no possessions, „Stell dir vor, es gäbe keinen Besitz“, I wonder if you can, „Ich frage mich, ob du das kannst“ – aber ist es denn wirklich so schwer? Warum sollte es unmöglich sein, dass wir alle, alle Weltbürger*innen gemeinsam, uns auf diesen Konsens verständigten: Es darf nicht sein, dass auch nur ein Mensch auf dieser Erde zu wenig für ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben zur Verfügung hat, und genauso wenig darf es – und muss es! – sein, dass jemand mehr besitzt, als er braucht. „Für eine gerechte Welt. Ohne Armut.“ Dieses Motto der hier mehrmals zitierten Entwicklungsorganisation Oxfam wäre unbedingt durch die Worte „Und ohne Reichtum“ zu ergänzen. Ja, eine solche Welt würde unser eigenes Lebensglück vervielfachen! Das ist es doch, was wir uns alle wünschen: nicht Reichtum einiger weniger auf Kosten aller anderen und einer intakten Welt – und zum unendlichen Schaden der Reichen selbst –, sondern genug für alle. Dies aber darf keine bloße Imagination, nur eine schöne Idee bleiben. Wir könnten mit einer solchen Existenzweise sofort beginnen. Und das heißt auch, die öffentliche Meinung dahingehend zu beeinflussen, dass der Reichtum nicht weiterhin idealisiert, sondern endlich skandalisiert wird – ein nicht ganz einfaches Unterfangen, denn auch die Meinungsbildung wird ganz entscheidend von den Vermögenden gesteuert: Viele große Zeitungen, Fernsehgesellschaften, Medienkonzerne, vor allem auch die sogenannten sozialen Medien, gehören reichen Privatpersonen.

Noch ein Hinweis zum Schluss: Informationen zur Thematik finden Sie auf dieser Website in der Rubrik „Verletzungen der Welt“ unter der Überschrift „Reichtum, Armut, Ungleichheit“ sowie – wöchentlich aktualisiert – unter der Überschrift „Der Skandal des Reichtums“.

Claus Petersen


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