Kapitel 22

 

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

 

 

„Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr…“

Reichtum: das Ausschlusskriterium schlechthin (Markus 10,25)

Das achte der 21 Jesusworte

 

Kindern spricht Jesus das „Reich Gottes“ bedingungslos zu, den Reichen spricht er es kategorisch ab:

 

Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr,
als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt.

 

Es ist noch unmöglicher als unmöglich. Allein schon die Vorstellung, dass sich das größte seinerzeit im Vorderen Orient bekannte Tier durch die winzig kleine Öffnung, wie sie ein Nadelöhr darstellt, zwängen könnte, ist ganz und gar absurd. Aber sogar damit noch nicht genug. Die Schärfe wird hier noch einmal zusätzlich auf die äußerste Spitze getrieben: Leichter noch ist es für ein Kamel, durch ein Nadelöhr zu schlüpfen, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt. Es ist völlig ausgeschlossen.

Für viele ist dieses Wort geradezu unerträglich. So wurden immer wieder Versuche unternommen, es zu entschärfen. So wurde in zwei relativ jungen Bibelhandschriften (aus dem 11. und aus dem 13. Jahrhundert nach der Zeitenwende) aus kámälon („Kamel“) durch die Veränderung eines einzigen Buchstabens kámilon („Seil“). Damit hätte der Reiche wenigstens noch eine minimale Chance. Auch die durch nichts begründete Vermutung, „Nadelöhr“ sei der Name eines engen, niedrigen Tors der Stadtmauer von Jerusalem gewesen, möchte den Eindruck vermitteln, dass die Lage eines Reichen doch nicht vollkommen aussichtslos ist.

Allerdings werden Jesus bereits im Neuen Testament selbst Worte in den Mund gelegt, mit denen er sein Wort praktisch wieder zurücknimmt. Die Reaktion auf die klare Aussage Jesu besteht hier nicht etwa in Einsicht, vielleicht Bestürzung, aber dann doch umso nachhaltiger Zustimmung, sondern in Abwehr und Relativierung. „Wer kann dann gerettet werden?“, fragen sich die Jünger nach der Darstellung des „Markus“ unmittelbar nach diesem Jesuswort (Vers 26). Diese Worte beziehen sich auf einen größeren Erzählzusammenhang, nämlich auf den negativen Ausgang einer Legende, die im Markusevangelium dem Jesuswort vom Kamel und dem Nadelöhr vorangeht (Vers 17–22). Sie erzählt, dass Jesus von einem reichen Mann gefragt wird, was er tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen. Am Ende ihres Gesprächs fordert Jesus ihn auf, all seine Güter zu verkaufen und den Armen zu geben, um damit einen Schatz im Himmel zu haben. Dazu sieht der Reiche sich jedoch nicht in der Lage und geht betrübt davon. Anschließend wendet sich Jesus jener Legende zufolge gleich zweimal an seine entsetzten Jünger, und zwar zunächst mit den Worten: „Wie schwer ist es für die, die Reichtümer besitzen, ins Reich Gottes zu kommen!“ (Vers 23) und dann noch einmal grundsätzlicher: „Wie schwer ist es, ins Reich Gottes zu kommen!“ (Vers 24) Damit setzt er – angeblich – den „Gewinn des ewigen Lebens“ mit dem „Eingehen ins Reich Gottes“ gleich. Und genau so verstehen die Jünger in ihrer entsetzten Rückfrage auch das Jesuswort vom Kamel und dem Nadelöhr. Wieder – ähnlich wie bei seinem Wort zur Fastenfrage – relativiert der Jesus des Markusevangeliums gleichsam selbst seine eben erst formulierte unmissverständlich klare Aussage, ja hebt sie letztlich wieder auf. Jesus, so viel ist ja schon längst klar geworden, meint mit dem „Reich Gottes“ gerade nicht die Zukunft, schon gar nicht den Himmel, das Jenseits, will nicht etwa sagen, dass ein Reicher nicht in den Himmel kommt, sondern dass er hier und jetzt sein Leben verfehlt. Und schließlich wird ihm -das ist schon beinahe der Gipfel – auch noch der die Jünger vollkommen beruhigende und vielzitierte Satz in den Mund gelegt: „Bei den Menschen ist es unmöglich, nicht aber bei Gott, denn alles ist möglich bei Gott.“ (Vers 27) Damit ist sein Wort über die Unvereinbarkeit von Reichtum und „Reich Gottes“ endgültig ausgehebelt und „aus der Welt geschafft“.

Kann man es also einfach vergessen? Ist Reichtum denn nicht eine völlig selbstverständliche Realität in unserer Welt, ist er es nicht von jeher gewesen? Und mehr noch: Ist er nicht der Traum fast jedes Menschen?Wenn ich einmal reich wär‘. O je wi di wi di wi di wi di wi di wi di dum…“. Wessen Ohr hätten diese Worte mit ihrer betörenden Melodie aus dem Musical „Anatevka“ nicht auch schon geschmeichelt? Man hat den Eindruck, dieser Traum sei völlig normal. Zweimal in der Woche präsentiert sogar die „Tagesschau“ die Lottozahlen. Die Sendung „Wer wird Millionär?“ erfreut sich beständigen Interesses. Wohlstand und Luxus – der Weltraumtourismus als letzter Schrei – scheinen das größte Glück zu sein, das die Welt zu bieten hat.

Unser ganzes Wirtschaftssystem ist darauf ausgerichtet – nicht etwa den Verelendeten ein würdiges oder zumindest erträglicheres Leben zu ermöglichen, sondern – den Reichtum der Reichen immer noch weiter zu vermehren. Es lebt vom Vermögen der Reichen, die die oftmals Riesensummen des Geldes, das sie gar nicht brauchen, „investieren“, das heißt, es Unternehmen zur Verfügung stellen, damit sie damit „arbeiten“. Sie bieten dieses Geld jenen Konzernen jedoch nicht gratis an, etwa, um damit etwas Gutes zu bewirken. Sie fordern auch nicht irgendwann die geliehene Summe, eventuell mit geringen Abschlägen, wieder zurück. Ganz im Gegenteil: Sie erwarten, dass sich ihr Kapital noch weiter vermehrt, sie fordern eine möglichst hohe Rendite. Finanzinvestoren wie Blackrock – der größte und einflussreichste weltweit – unterstützen sie dabei. Jener global agierende US-Finanzinvestor verspricht laut Werner Rügemer, der 2021 das Buch „Blackrock & Co. Auf den Spuren einer unbekannten Weltmacht“ veröffentlichte, einen durchschnittlichen Profit von sechs bis zwölf Prozent im Jahr. Doch es sind nicht die Spezialisten bei Blackrock, es sind nicht die Investmentbanker, die den Reichen die Taschen füllen. Es sind in erster Linie diejenigen unserer Mitmenschen, denen kaum das Nötigste zum Leben bleibt, es ist unser ganzes Ökosystem, das letztlich dieses Profitstrebens wegen zugrunde gerichtet wird.

Den höchsten Preis aber, so Jesus, bezahlen die Reichen selbst: Sie verfehlen ihr Leben vollkommen! Wer reich ist, lebt grundverkehrt. Das echte, das richtige Leben ist ihm prinzipiell verschlossen. Der Reichtum ist für Jesus das Ausschlusskriterium schlechthin. Der Reiche befindet sich auf einem fatalen Irrweg. Aber weshalb?

So viel hat sich ja inzwischen schon ergeben: Am „Reich Gottes“, also an der richtigen, erfüllenden, wahren Existenzweise haben diejenigen teil – ich erinnere an die Kinder –, die mit ihrer Mitwelt kooperieren, die mit ihr im Einklang sind, die mit ihr in einer ihre ganze Existenz betreffenden selbstverständlichen, ununterbrochenen Beziehung stehen. Sie ist nicht rein gedanklicher oder gefühlsmäßiger Natur, sondern äußert sich sehr konkret: Zum Beispiel nimmt man dann in der Welt den Platz ein, den man braucht, darf nicht in einem Slum hausen müssen, wird aber auch nicht in einem Schloss und vielleicht auch nicht in einer Villa wohnen. Und man entnimmt der Welt nicht mehr, als man braucht, hat dies aber auch immer zur Verfügung. Und genau so ist die Welt ja eingerichtet: Wir sind aus ihr hervorgegangen, und wenn wir in diesem Weltbezug verbleiben, können wir davon ausgehen, dass sie uns jederzeit all das bereitstellt, wessen wir bedürfen. Wir bleiben lebendig, und die Welt bleibt eine Quelle des Lebens für alle. Es ist so wie mit der Luft, die uns in jedem Augenblick, vom ersten bis zum letzten Tag, das Leben schenkt, wie mit dem Land und wie mit dem Wasser, diesen „commons“ (abgeleitet von dem lateinischen communis, „gemeinsam“), diesen Gemeingütern: Sie stehen uns zur Verfügung, uns und allen, man darf sie nicht privatisieren. Man kann die Welt nicht an sich raffen. Man kann das Leben nicht kaufen, sonst vertrocknet es, es geht zu Bruch, weil jedes Zuviel den Weltbezug zerstört und das Leben damit von seiner Quelle trennt.

Insofern ist vollkommen klar, dass wohl nichts anderes die lebens-notwenige Weltverbundenheit so vollkommen zerstört wie der Reichtum. Wer mehr für sich beansprucht als nötig, verliert den Bezug zu dem großen Zusammenhang, erhebt sich über ihn, versucht, sich von ihm zu emanzipieren – und gibt damit alles preis, was das gute Leben gerade ausmacht: bedürftig zu bleiben und immer neu zu erleben, dass das, was man braucht, tatsächlich zur Verfügung steht. So, nur so, bleibt unsere Weltbeziehung intakt und lebendig, und nur durch sie wird uns die Fülle des Lebens zuteil. Gut leben oder viel haben – ein Drittes gibt es nicht, das eine schließt das andere aus.

Das Jesuswort ist also nicht nur ein sehr harter Satz, der sich in seiner drastischen Bildhaftigkeit für alle Zeit der Menschheit eingeprägt haben sollte. Es ist vor allem ein äußerst wichtiges, hilfreiches, weises Wort. Es will uns dringend und unüberhörbar vor einer gravierenden, die Wahrhaftigkeit und Echtheit des eigenen Lebens unterminierenden und gleichzeitig weltzerstörerischen Fehleinschätzung bewahren. Es ist wie ein Stoppschild, wie eine rote Ampel, wie ein unüberhörbares Warnsignal. Es kommt keineswegs von ungefähr, dass uns die Thematik des Jesusworts vom Kamel und dem Nadelöhr auch in anderen Jesusworten wieder begegnen wird. Für das richtige, das wahre, das gute Leben, also für die Teilhabe am „Reich Gottes“, ist sie offensichtlich von fundamentaler Bedeutung. Unweigerlich verschlossen bleibt es all denen, die die Welt berauben. Ihr Reichtum ist ein untrügliches Zeichen ihrer Weltentfremdung, die für sie selbst, für ihre Mitmenschen und nicht zuletzt für die ganze Welt nicht ohne Folgen bleibt. Man kann diese Menschen – ihretwegen, der andern wegen und der Welt wegen – nicht einfach gewähren lassen. Sie zerstören nicht nur ihr eigenes Leben, sie verletzen darüber hinaus die Welt und gefährden die Existenz allen Lebens auf ihr.

Bevor wir im nächsten Kapitel darauf noch einmal ausführlich zurückkommen, ist hier nur noch dies festzuhalten und kräftig zu unterstreichen: Auch um dieses geradezu lebensentscheidende Jesuswort wirklich „hören“ zu können, ist es unbedingt und unter allen Umständen erforderlich, es von seinem abschwächenden Kontext völlig zu lösen, der es zu verhüllen versucht und fast unsichtbar macht. Nur so werden wir der guten Botschaft, des „Evangeliums“ gewahr, das es uns in so markanten, bildhaft-einprägsamen und zeitlos gültigen Worten verkündigt.

Claus Petersen

 


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