Kapitel 21

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

 

 

Folgerungen, Konkretionen, Vertiefungen:

Die Kinder – unsere Lehrmeister*innen

 

Wenn wir uns der Gewalt gegen uns selbst widersetzen, müssen wir uns umso mehr
der Gewalt gegen unsere Kinder widersetzen. Wir müssen unsere Kinder wertschätzen,
sie als ebenbürtig statt als minderwertig ansehen. Kinder haben die Niederlagen
und Konventionen, die im Erwachsenwerden unsere Beziehungen
zu anderen prägen, noch nicht verinnerlicht und erkennen sofort,
was falsch, was unecht ist. Erst durch jahrelange Konditionierung
lernen wir, uns zu verstecken und zu verstellen. Wir können also vieles von ihnen lernen.

Silvia Federici, Jenseits unserer Haut. Körper als umkämpfter Ort im Kapitalismus.
Aus dem amerikanischen Englisch von Margarita Ruppel, Münster 2020 (2. Auflage 2022), S. 49

 

Ein Europäer will mit Kindern eines afrikanischen Dorfes ein Wettrennen veranstalten
und verspricht dem Kind, das als erstes am Ziel ankommt, eine Tüte Bonbons.
Aber es gab kein Gewinnerkind, denn alle Kinder fassten sich an den Händen
und liefen gemeinsam los und kamen auch gemeinsam am Zielpunkt an.
Da konnte der Europäer nur noch mit dem Kopf schütteln.
Er hatte afrikanische Lebensweise nicht verstanden.

 

Wieder ein völlig neuer Gedanke bei Jesus, hervorgerufen durch seine vielleicht nicht ganz, aber in der damaligen wie auch in unserer Zeit doch sehr neuen Welt-Religion: Nicht wir sind die Lehrer*innen oder gar die Erzieher*innen der Kinder, nein, sie sind unsere Lehrmeister*innen! Sie zeigen uns, was das heißt: nicht eingekapselt nur für sich und abgekapselt von der Welt um uns her dahinzuleben, als Subjekte, denen die übrige Welt quasi als Ressource zur Verfügung steht und wie ein fremdes Objekt behandelt wird, sondern als Menschen, für die eine derartige Trennungslinie einfach nicht existiert. Kinder möchten, von allem Anfang an, mit ihrer Welt im Einklang sein. Dafür nun einige Beispiele:

 

Erstes Beispiel: Teilen

Beginnen wir mit einer eine Beobachtung, die der US-amerikanische Wissenschaftler Jared Diamond in seiner Begegnung mit traditionellen Gesellschaften, etwa in Neuguinea, bei Kindern gemacht hat: „In vielen geschäftlichen Transaktionen bemühen wir uns darum, den eigenen Gewinn zu maximieren, und dabei kümmern wir uns nicht um die Gefühle der Person auf der anderen Seite des Tisches, der wir einen Verlust zufügen konnten. Selbst Kinderspiele sind in den Vereinigten Staaten in der Regel Wettbewerbe mit Gewinnern und Verlierern. In der traditionellen Gesellschaft Neuguineas ist das anders. Hier geht es im Spiel der Kinder nicht um Gewinnen und Verlieren, sondern um Kooperation.“ In diesem Zusammenhang referiert er ein eindrückliches Erlebnis der Anthropologin Jane Goddall: Diese „beobachtete (…) eine Gruppe von Kindern aus dem Volk der Kaulong in Neubritannien, denen sie eine Bananenstaude gegeben hatte, so dass jedes Kind eine Banane bekommen konnte. Die Kinder spielten weiter ihr Spiel. Statt eines Wettbewerbes, in dem jedes Kind sich um die größte Banane bemühte, schnitten die Kinder ihre Bananen jeweils in zwei gleiche Hälften, aßen die eine, boten die andere Hälfte einem anderen Kind an und erhielten von diesem im Gegenzug ebenfalls eine halbe Banane. Dann schnitt jedes Kind diese noch nicht verzehrte halbe Banane wiederum in zwei gleich große Stücke, aß eines der so entstandenen Viertel, bot das andere Viertel einem weiteren Kind an, und erhielt von diesem wiederum im Gegenzug eine viertel Banane. Das Spiel durchlief vier oder fünf Zyklen: Der Bananenrest wurde in Achtel und dann in Sechzehntel geteilt, und schließlich aß jedes Kind das Stückchen, das ein Zweiunddreißigstel der ursprünglichen Banane darstellte; das andere Zweiunddreißigstel gab es an ein anderes Kind weiter, und schließlich aß es das letzte Zweiund­dreißigstel eine anderen Banane von wiederum einem anderen Kind. Das ganze Ritual war Teil einer Übung, durch die Kinder in Neuguinea lernen, zu teilen und nicht den eigenen Vorteil zu suchen.“ (Jared Diamond, Vermächtnis. Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2012, 110) Kinder etwa von Missionaren, die in solchen Gesellschaften aufgewachsen sind, hätten, Jared Diamond zufolge, nach ihrer Rückkehr „vor allem ein Problem: Sie müssen mit der egoistisch-individualistischen Art im Westen zurechtkommen und die Vorliebe für Kooperation und Teilen, die sie bei den Kindern in Neuguinea gelernt haben, ablegen. Sie berichten, wie sie sich dafür schämen, wenn sie sich im Spiel Konkurrenz machen und gewinnen wollen, wenn sie in der Schule nach hervorragenden Leistungen streben, oder wenn sie sich einen Vorteil oder eine Gelegenheit verschaffen wollen, die ihre Kameraden nicht haben.“ (Ebd. S. 111)

 

Zweites Beispiel: Nicht gewinnen (und nicht verlieren) wollen

Eine egoistische Konkurrenzgesellschaft ist Kindern völlig fremd. Bekanntlich können sie nicht verlieren – und möchten auch nicht gewinnen. Mir wurde von einem Mädchen erzählt, das im Kindergarten mit seiner etwas jüngeren Freundin „Memory“ gespielt hat und es nicht ertragen konnte, dass es immer erheblich mehr Kartenpaare aufdeckte als seine Freundin. Sie wollte sie nicht besiegen, ihre Freundin sollte nicht verlieren. Kurz entschlossen entwickelte sie eine neue Spielregel: Wer ein zusammengehörendes Kartenpaar aufdeckt, behält jeweils nur eine der beiden Karten für sich und überreicht die andere der Partnerin. Jetzt haben beide immer einen gleich hohen Kartenstapel vor sich liegen. Aus einem Konkurrenzspiel ist ein kooperatives Spiel geworden. Wem auch immer es gelingt, zwei zueinander passende Kärtchen aufzudecken – immer freuen sich beide darüber. Die Freundinnen sind beim Miteinander geblieben. Es ist ihnen nicht nur gelungen, es gegen die entfremdende Spielregel, die sie zu Konkurrentinnen machen wollte, zu verteidigen. Jetzt dient das Spiel dazu, ihr Miteinander sogar noch zu stärken und zu vertiefen – und sollte darin nicht vielleicht der Sinn eines jeden Spiels bestehen? Liegt uns und stärkt uns das Austricksen, das Übervorteilen, das Triumphieren denn wirklich?

 

Drittes Beispiel: Helfen

Friederike Habermann berichtet in ihrem Aufsatz „Wir werden nicht als Egoisten geboren“ (in: Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, herausgegeben von Silke Helfrichs und der Heinrich-Böll-Stiftung, Bielefeld 2012, S. 39–44) von der durch Experimente bestätigten Beobachtung, dass kleine Kinder einem Erwachsenen, dem ein Gegenstand heruntergefallen ist, ganz selbstverständlich dabei behilflich sind, ihn wieder aufzuheben. Erhalten die Kinder allerdings eine Belohnung, helfen sie überwiegend nur noch dann, wenn ein Entgelt in Aussicht steht. Damit ändert sich praktisch alles. Der materielle Anreiz vergiftet, ja zerstört die ganz natürliche Art und Weise ihres bisherigen Verhaltens. Jetzt wird das eigentlich Normale zum Außergewöhnlichen und Besonderen. Ihre ganz natürliche Weltverbundenheit wird damit zerstört und löst sich auf. Jetzt sind sie – und zwar weil die Erwachsenen sich zu ihren Lehrmeister*innen aufgespielt haben – in die Leistungs- und Konsumgesellschaft hinübergewechselt.

 

Ein Perspektivenwechsel, in zweifacher Hinsicht

Doch was wäre, wenn wir uns nicht mehr über die Kinder stellen, sie er-ziehen, sie herziehen, sie auf unsere Seite – diese so oft schon verfremdete, falschen Prinzipien gehorchende Seite des Lebens – zögen? Was, wenn die Kinder – wie offensichtlich für Jesus, so auch für uns – im Mittelpunkt stünden und der Maßstab wären, nach dem wir uns zu richten hätten? Die gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen Folgen wären geradezu unabsehbar. Es wäre eine Revolution von unten. Doch ruft Jesus mit seinem Wort von den Kindern nicht im Grunde genau dazu auf? So viel schon vorweg: Diese Vermutung wird sich durchaus bestätigen.

Eines jedenfalls lässt sich schon jetzt nicht bestreiten: „Wie es den Kindern geht, so geht es der Welt“, so Papst Franziskus im Mai 2014 nach seiner Begegnung mit palästinensischen Flüchtlingskindern im Camp Deheische. Leider ist es um das Wohl sowohl der einen als auch der anderen nicht allzu gut bestellt. Damit die Welt nicht so bleibt, wie sie ist, sollten wir vielleicht zuallererst den Kindern viel mehr Aufmerksamkeit schenken.

An dieser Stelle drängt sich – jetzt im übertragenen Sinn – eine geradezu globale Parallele auf: Wie lange verstanden und verstehen sich die Länder des „entwickelten“ Nordens oftmals bis heute wie die „Erwachsenen“, die den „Kindern“ im „unterentwickelten“ Süden unter die Arme zu greifen und auf ihr Niveau heraufzuziehen hätten! Doch wer hat denn die menschengemachte Klimaveränderung, die größte Bedrohung der Menschheit, die es je gegeben hat, zu verantworten? Ist „unser“ Entwicklungsmodell damit nicht vollkommen gescheitert?

„Wenn wir nicht auf die Standardindikatoren Wirtschaftsleistung, Lebenserwartung und Schulbildung schauen, sondern Faktoren wie Rassismus, Selbstmordraten, Zufriedenheit oder den ökologischen Fußabdruck miteinbeziehen, ist es nicht mehr weit her mit der Überlegenheit der modernen Industriegesellschaften. Hier wäre zu fragen, was der Norden vielleicht vom Süden lernen könnte.“ Dieser Einspruch von Aram Ziai, Politikwissenschaftler und Professor an der Universität Kassel und dort Leiter des Fachgebiets Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien, in der Frankfurter Rundschau vom 21. April 2022 ist doch wohl mehr als berechtigt. Wir werden versuchen, auch in dieser Hinsicht einen Perspektivwechsel vorzunehmen, und unseren Blick immer wieder gen Süden richten.

 

Und noch ein letztes Beispiel…

…in diesem Zusammenhang, dessen Thematik uns nicht mehr loslassen wird, wenn wir den Jesusworten auf der Spur bleiben. Kein Kind käme von sich aus auf die Idee, Reichtümer anzuhäufen. Der Künstler und Illustrator Tomi Ungerer erzählt dazu die Geschichte von den drei Räubern (Die drei Räuber. Deutsch von Tilde Michels, Zürich 1963). Diese überfielen nachts Reisende in ihren Kutschen, raubten sie aus und versteckten ihre Beute in einer Höhle in den Bergen. Einmal machten sie sich über eine Kutsche her, in der sich nichts befand außer einem kleinen Mädchen, das allerdings überhaupt keine Angst vor ihnen hatte. Statt der Beute brachten sie dieses Kind in ihre Räuberhöhle. Als es am nächsten Morgen erwachte und all die Schätze um es herum erblickte, fragte es die drei Räuber, was sie denn damit vorhätten. Darüber hatten die Räuber noch niemals nachgedacht. Aber das kleine Mädchen brachte sie auf eine sehr gute Idee…

Dass es keineswegs unmöglich ist, zu dieser so natürlichen, freundlichen, und doch nicht nur den Kindern, sondern uns allen gemäßen Art und Weise zurückzufinden, mit unserer Mitwelt zu kooperieren, ist wohl kaum zu bestreiten. Und noch mehr: Wenn Jesus behauptet, dass dies überhaupt der einzige Weg ist, am „Reich Gottes“ teilhaben, also uns in dieser Welt zu Hause, in ihr geborgen und zugleich als Teil dieses großen Zusammenspiels zu fühlen, wird man ihm nicht widersprechen. Und ebenso wenig, wenn er denn auch in aller Schärfe klarstellt, unter welchen Umständen diese Teilhabe am „Reich Gottes“, also am wirklichen Leben selbst, definitiv ausgeschlossen ist. Offensichtlich an oberster Stelle steht für ihn eine damals wie heute sehr verbreitete oder von vielen geradezu erträumte Lebensorientierung. Aber diesen Menschen ist nicht klar, dass sie sie zu Räubern macht, dass sie ihren Weltzusammenhang vollkommen zerreißt.

Jesus stellte dies in einem schon fast zu einem Sprichwort gewordenen, jedenfalls weit über den engeren kirchlichen Bereich hinaus bekannten, da ausgesprochen bildhaften Satz unmissverständlich und gleichsam ein für allemal klar. Lassen wir uns im nächsten Kapitel darauf ein!

Claus Petersen


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