Kapitel 19

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

Folgerungen, Konkretionen, Vertiefungen:

Der Himmel – hier auf der Erde

 

Das winzige Senfkorn, „kleiner als alle Samen auf der Erde“ – „die Vögel des Himmels“, diesen entgrenzenden Bogen schlägt dieses kleine, großartige Gleichnis Jesu. Das Senfkorn verbindet die Erde mit dem Himmel, und der „nistet“ in Gestalt der Vögel auf der Erde. Wie also kommt der „Himmel“ auf die Erde? Indem jemand einen Samen auf die Erde streut, und sei es auch nur ein ganz kleines Senfkorn. Indem also jemand tut, was offenbar eben jetzt und gerade durch ihn oder sie getan werden muss. Indem jemand aufmerksam lebt, seine Mit-Welt wahrnimmt und den „Himmel“ in sich trägt, also merkt, was nicht gut ist, spürt, was jetzt zu geschehen hat – und das „Senfkorn“ ausstreut.

 

Drei Beispiele:

Die Schwarze Näherin Rosa Parks war nicht die Erste, die sich geweigert hat, ihren Platz in den hinteren Reihen eines Busses freiwillig für einen Weißen zu räumen. Aber an eben dem Tag, an dem gerade sie sich nicht mehr bereitfand, einer solchen Aufforderung Folge zu leisten, wurde sie zur „Mutter der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung“: Der auf ihren zivilen Ungehorsam folgende 381-tägige Busboykott endete erst, nachdem der Oberste US-Gerichtshof entschieden hatte, dass Segregationsgesetze in öffentlichen Einrichtungen und Verkehrsmitteln verfassungswidrig sind. Und Martin Luther King jr., der Organisator dieses Boykotts, wurde zum Anführer der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Rosa Parks handelte indes nicht völlig unvorbereitet und spontan. Vielmehr war sie schon lange in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung aktiv. Es ging ihr um ihre eigene Würde, aber ebenso auch um die Würde der Weißen, die sie durch ihr Verhalten selbst mit Füßen traten. Sie wusste, was sie tat, und sie spürte, dass dieser Augenblick jetzt, am 1. Dezember 1955, „ihre“ Stunde war.

Óscar Romero war nicht als „Priester an der Seite der Armen“ zum Erzbischof in San Salvador berufen worden. Anfangs vertrat er eine durchaus konservative Theologie und Kirchenpolitik. Zum „Senfkorn des Reiches Gottes“ aber wurde er, als am 12. März 1977 Pater Rutilio Grande im Auftrag von Großgrundbesitzern ermordet wurde. „Bei der Totenwache für meinen Freund Rutilio Grande im Dorf Aguilares habe ich mich zur Kirche der Armen bekehrt“, berichtete er später. Jetzt war ihm aufgegangen, wo genau sein Platz war in diesem Land und in dieser Situation, und er hat ihn eingenommen. Drei Jahre später wurde er selbst vor dem Altar erschossen. In seiner letzten Predigt am Tag zuvor hatte er die salvadorianischen Armee- und Polizeiangehörigen dazu aufgerufen, den „sündhaften“ Tötungsbefehlen ihrer Vorgesetzten nicht länger zu gehorchen. Wie viele hat dieser Anwalt der Gerechtigkeit und der Menschenwürde inspiriert! Das Senfkorn ist zu einer kraftvollen Pflanze geworden.

Eine Zeitlang gingen Freitag für Freitag in sehr vielen Ländern rund um den Globus Schülerinnen und Schüler statt in den Unterricht auf die Straße, um für ein entschiedenes Handeln gegen die von Menschen zu verantwortende und immer weiter fortschreitende Veränderung unseres Klimas zu demonstrieren. „Senfkorn“ dieser Bewegung ist bekanntlich die schwedische Schülerin Greta Thunberg. Sie hatte sich schon längere Zeit mit Umweltfragen befasst. Im Mai 2018 gewann sie einen Preis in einem Schreibwettbewerb zur Umweltpolitik. Und am 20. August 2018 dann, dem ersten Schultag nach den Ferien, platzierte sie sich mit einem Schild mit der Aufschrift „Skolstrejk för klimatet“ („Schulstreik für das Klima“) vor dem Schwedischen Reichstag in Stockholm. Dieses „Senfkorn“ hat sich mittlerweile zu der weltweiten Bewegung „Fridays for Future“ („Freitage für die Zukunft“) entwickelt.

Dies alles sind eher „prominente“ Beispiele. Doch das „Senfkorn“ wächst durchaus auch im kleineren Rahmen manchmal zu einer ganz erstaunlichen, von niemandem erwarteten „Pflanze“ heran. Unser Engagement zieht Kreise, steckt andere an. Die Basis dafür ist für uns immer das Bestreben nach einem „richtigen“ Leben und Handeln. Durchaus alles pflanzt sich fort, manches erscheint vergeblich, nicht alle „Samen“ finden fruchtbaren Boden und gehen auf. Letztlich aber tragen sie alle das Potenzial in sich, „den Himmel auf die Erde zu holen“. In jedem Fall bringen sie unsere Verbundenheit mit der Welt wieder neu zum Ausdruck und stärken sie. Und ist diese Art und Weise zu leben, nämlich im beständigen Kontakt mit der Welt, nicht immer so etwas wie „der Himmel auf Erden“? „Heaven‘s Here on Earth“, heißt das erste Lied auf der CD „New Beginning“ von Tracy Chapman aus dem Jahr 1995. Dieser Himmel ist nicht oben, nicht über uns, nicht außerhalb der Welt, sondern er ist „hier auf Erden“. Er ist nichts anderes als eine Metapher für eine Existenzweise, die, weil sie sich auf die Welt bezieht, das Leben mit Sinn, Erfüllung und Freude erfüllt.

Was dieses Senfkorn oder dieser Same für jeden Menschen ganz konkret sein könnte, wodurch sich seine Weltverbundenheit wohl in jedem Fall erweisen müsste, das werden die nächsten Jesusworte aufzeigen. Ihnen wollen wir uns nun zuwenden.

Claus Petersen


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