Kapitel 13

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

Folgerungen, Konkretionen, Vertiefungen:

Der besondere Charakter des siebten Wochentags: Strukturelement eines guten Lebens, Erfahrungsraum des „Reiches Gottes“

 

Auch wenn über die Gründe bislang nur spekuliert werden kann: Der Sieben-Tage-Rhythmus scheint ein universales Gesetz zu sein. Und ebenso die Hervorhebung eines dieser sieben Tage als ein von den übrigen sechs abgehobenen und klar von ihnen unterschiedenen Ruhetages. Dass auf sechs Arbeitstage ein Tag der Ruhe folgt, muss – und offensichtlich in genau dieser Abfolge, in diesem Verhältnis – ein allgemein menschliches Bedürfnis erfüllen. Immer wieder hat sich bestätigt, dass uns dieser Rhythmus guttut, dass er unsere Lebenszeit wohltuend gliedert. Es scheint sich um ein Strukturelement des guten Lebens zu handeln, das wir nicht preisgeben dürfen.

Immer muss es an diesem Tag um das Wohl des Menschen gehen. Deshalb gibt es diesen Tag, deshalb hat sich die Menschheit mit ihm „beschenkt“. Er erinnert uns immer neu daran, was wir nie vergessen sollten: Es soll uns gut gehen, wir sollen zufrieden sein, nicht nur dieser Tag, das ganze Leben ist ein Geschenk. Genau dafür steht dieser besondere siebte Wochentag. Er darf weder zu einem Tag werden, an dem es darauf ankommt, uns von anderen auferlegte Vorschriften oder Gebote zu erfüllen, noch ist er dazu da, um an diesem arbeitsfreien Tag „in Ruhe einzukaufen“ – und ihn eben deshalb für so viele Menschen doch wieder zu einem Arbeitstag zu machen. Die Tendenz geht ja dahin, auch den Sonntag dem Profitstreben auszuliefern. Seit 2006 setzt sich die kirchlich-gewerkschaftliche Allianz für den Freien Sonntag und seit 2011 die European Sunday Alliance für den Erhalt des arbeitsfreien Sonntags ein.

Vielleicht gibt Jesus diesem Tag auch deshalb in so entschiedenen und klaren Worten seinen ursprünglichen Sinn zurück, weil er einen ganz besonderen und unverzichtbaren Erfahrungsraum des richtigen Lebens darstellt, dessen, was er mit dem Terminus „Reich Gottes“ gemeint haben muss. Zumindest an diesem Tag soll es möglich sein, frei von Zwängen zu leben, wieder zu sich selbst zu kommen und die tiefe Verbundenheit mit unserer Mitwelt wieder wahrzunehmen. Und es wäre ein Tag, wahrscheinlich sogar der Tag, an dem wir unsere Weltverbundenheit miteinander feiern und unseren Kompass wieder neu an ihr ausrichten könnten.

Dazu ein Impuls des Rabbiners Abraham Joshua Heschel (1907–1972): „Der Sabbat ist eine Verkörperung des Glaubens, dass alle Menschen gleich sind und dass die Gleichheit der Menschen ihren Adel ausmacht.“

Könnte dieser „heilige“ siebte Tag der Woche vielleicht sogar bewirken, dass wir unser gesamtes Leben menschenfreundlicher gestalten? Könnte er uns nicht Gelegenheit geben, die Entfremdungen in unserem Alltag zu erkennen und möglicherweise Ansätze zu finden, sie zu überwinden? Könnte dieser „Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“ dazu beitragen, dass wir uns „erheben“ gegen jene Alltagszwänge, die uns einschränken und belasten? Dass wir ihre Ursachen aufdecken und daran gehen, sie zu überwinden? Dieser besondere siebte Tag der Woche: Stachel im Fleisch des Falschen oder – anders und schöner gesagt – noch nicht ausgerotteter Same eines anderen Lebens und Zusammenlebens! Gerade der Sonntag könnte die Wohltat und Schönheit eines guten Lebens im Miteinander und im Einklang mit unserer Mitwelt immer wieder aufleuchten lassen. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf den Aufsatz „Reich Gottes und freie Geselligkeit“, in dem Ralf Stroh, Theologischer Referent für Wirtschafts- und Sozialethik im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung (ZGV) der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), sehr eindrücklich die Bedeutung des Sonntags im Kontext der Reich-Gottes-Botschaft Jesu entfaltet (erschienen in der Arbeitshilfe zum Tag der Arbeit 2016 des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt im Evangelischen Verband Kirche–Wirtschaft–Arbeitswelt, KWA).

Wäre es nicht ein schöner Gedanke, wenn die Menschheit sich weltweit auf den siebten Wochentag als Ruhetag verständigen könnte (was hieße, dass dieser siebte Tag nicht insgeheim nach christlichem Verständnis als erster, an die Auferstehung Christi erinnernder Wochentag gälte), sodass „die ganze Erde“ an diesem letzten Tag der Woche zur Ruhe käme und ihr Leben und Zusammenleben wieder richtig stellte?

„Stille und Ruhe bringen die ganze Welt ins rechte Maß zurück“, heißt es im Tao-Te-King des Lao Tse (aus Kapitel 45)

 

Anhang: Institutionalisierte Feste im Jahreslauf, Feste des Lebens, Institutionen

Institutionen wie der Ruhetag am Ende der Woche sorgen für einen uns wohltuenden Lebensrhythmus. Selbstverständlich gehört dazu – in Klammern gesagt – auch unsere biologische, auf den Rhythmus von Tag und Nacht abgestimmte innere Uhr, die den Schlaf-Wach-Zustand steuert. So steigt das Hormon Melatonin, das uns müde werden lässt, am Abend an und fällt morgens wieder ab. „Mittag“ empfinden wir dann, wenn die Sonne im Zenit steht – völlig unabhängig von der geltenden Uhrzeit. Auch dieser gewissermaßen von der Natur institutionalisierte Biorhythmus wird immer häufiger ignoriert – durch unseren Lebensstil, aber auch zum Beispiel durch jene Art von Nachtarbeit, die nicht Menschen dient, sondern allein Profitinteressen geschuldet ist, ebenso durch die durch die Verstellung der Uhrzeit künstlich geschaffene „Sommerzeit“. Die Konsequenzen sind körperliche und auch psychische Beschwerden.

Feste im Jahreslauf

An die Besonderheiten und den Rhythmus der Jahreszeiten erinnert ein in vielen Kulturen institutionalisierter Festkalender, der sich an kosmischen Koordinaten beziehungsweise an den davon abhängigen Prozessen in der Natur orientiert: So wird in vielen Ländern am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond das Osterfest gefeiert (das altgermanische Austro, „Morgenröte“ bezeichnete eventuell ein germanisches Frühlingsfest), sieben Wochen später, wenn die zu Ostern noch knospenden Blumen und Bäume zur vollen Blüte gekommen sind, ist Pfingsten (abgeleitet vom griechischen pentäkostǽ [häméra] „fünfzigster Tag“, ursprünglich die griechische Bezeichnung des jüdischen Wochenfestes, das den Abschluss der Weizenernte markiert); vielerorts wird die Sommersonnenwende festlich begangen, und ein Erntefest zum Beispiel feiert den Herbst; der Termin des Weihnachtsfestes bezieht sich auf die Wintersonnenwende. Immer wieder erinnern uns diese Feste an den wunderbaren Weltzusammenhang, in den unser Leben eingebettet ist, und feiert ihn.

Feste des Lebens

Weitere Feiern beziehungsweise Rituale ergeben sich aus den Höhe- und oft auch Wendepunkten unseres je eigenen Lebens. Kommt ein Mensch zur Welt, so wird dies noch immer und wohl für alle Zeit als ein Wunder, wie ein unbeschreibliches Glück empfunden. Eine Geburt ist weit mehr als ein rein persönlich-familiäres Ereignis. Sie hat mit dem Ganzen des Lebens und der Welt zu tun und verlangt geradezu nach einer institutionalisierten Feier, damit dies alles noch einmal ans Licht und auch für andere zum Leuchten kommt.

„Auf ihr, Sonne, Mond und Sterne, ihr alle, / die ihr euch in den Himmeln bewegt. / Ich bitt euch, hört mich: / In eure Mitte ist ein neues Leben eingetreten,“ heißt es in einem Lied der Omaha-Indianer zur Geburt eines Kindes.

Wenn aus Kindern Erwachsene zu werden beginnen, ist dies ein markanter, der Begleitung bedürftiger Übergang im Leben jedes Menschen. Gerade in dieser Zeit der Unsicherheit, der Selbstzweifel, aber auch der Neuorientierung und Selbstvergewisserung ist die Stärkung des Selbstwertgefühls, der Zuspruch, einen Platz nicht nur in der Familie, in Verwandtschaft und Freundschaft, sondern in der Welt zu haben, von zentraler Bedeutung. So ruft diese ganz besondere Phase im Leben jedes Menschen wiederum gleichsam von selbst nach einer institutionalisierten Feier.

Da spüren zwei Menschen, dass sie zusammengehören, wundern sich und staunen darüber, wie sie in ihrem jeweiligen Lebens- und Weltzusammenhang zueinander gefunden haben. Hat sich daraus für sie ergeben, dass sie ihren Weg gemeinsam gehen wollen, ist das Hochzeitsfest wohl immer noch eine Selbstverständlichkeit. All das, was zu einem solchen Tag geführt hat, muss noch einmal betrachtet und gefeiert und viele andere wollen und sollen in diese Freude und dieses Glück hineingezogen werden. Diese Liebe erschöpft sich ja nicht in der Zweierbeziehung allein, sondern setzt Kräfte frei, um nun miteinander für das Leben und das Wohl der Welt da zu sein.

Ist das Leben eines Menschen zu Ende gegangen, heißt es nicht nur, Abschied zu nehmen und der Trauer Raum zu geben. Jetzt sollte auch noch einmal zum Leuchten kommen, was die Einmaligkeit, die Kostbarkeit, die unverlierbare Qualität dieses Lebens ausgemacht hat, das, was es gewesen ist und für immer bleiben wird. Man braucht dazu Zeit, man braucht einen Raum, es bedarf institutionalisierter Rituale, an die man sich in solchen Zeiten halten kann und die helfen, sich dem Leben und der Welt wieder zuzuwenden.

Institutionen

Kommen wir noch einmal auf die von Jesus aufgestellte Grundsatzerklärung über den Sinn der Einrichtung des Sabbats zurück. Im Grunde müsste sie für sämtliche Institutionen gelten: Sie alle beziehen ihre Existenzberechtigung allein aus den Bedürfnissen der Menschen. Es verhält sich nicht etwa umgekehrt, dass die Menschen ihnen zu dienen und ihren Vorgaben zu entsprechen hätten. Sie dürfen nicht zu Machtinstrumenten werden, sind aber unerlässlich, um ein gutes Leben für alle auf einen festen und dauerhaften Grund zu stellen.

Ein Beispiel: Thomas Gebauer, Mitbegründer der „Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen“ (ICBL), die im Jahr 1997 zum Abschluss des Vertrages von Ottawa führte, der Einsatz, Produktion, Lagerung und Weiterverkauf von Antipersonenminen verbietet, schreibt rückblickend anlässlich des „Internationalen Tages zur Aufklärung über die Minengefahr und zur Unterstützung bei Antiminenprogrammen“ unter der Überschrift „Bürokratie, die Leben rettet“ in der Frankfurter Rundschau vom 4. April 2022: „Von verlässlichen, dem Gemeinwohl verpflichteten Institutionen gab es vor 30 Jahren noch keine Spur. Im Gegenteil: es war die skandalöse Tatenlosigkeit der Staatenwelt, auf die NGOs mit privaten Hilfsprojekten und schließlich auch mit der Minen-Kampagne reagierten.“ „Der Druck, den die ICBL in den zurückliegenden drei Jahrzehnten entfaltet hat, führte eben nicht nur zur Setzung einer neuen internationalen Norm – der völkerrechtlichen Ächtung von Minen. Er hat auch hat auch jene administrativ-institutionelle Struktur entstehen lassen, ohne die das Zurückdrängen der Minengefahren nicht möglich gewesen wäre. Administration klingt wenig spektakulär, nicht sonderlich attraktiv und doch steht außer Frage, dass für die Verwirklichung eines menschenwürdigen Lebens neben entsprechenden gesellschaftlichen Übereinkünften auch verlässliche gesellschaftliche Institutionen notwendig sind. Das galt und gilt auch für das Ottawa-Abkommen. Zu den Institutionen, die sich seit seiner Unterzeichnung herausgebildet haben, zählen regelmäßig tagende Vertragsstaaten-Konferenzen, die sich um die politische Umsetzung der Bestimmungen kümmern. Parallel wachen zivilgesellschaftliche Watch-Dienste wie der „Landmine Monitor“ über die Einhaltung der Beschlüsse. Bei den Vereinten Nationen wurde der „UN Mines Action Service“ (UNMAS) eingerichtet, der die weltweite Minenaufklärungs- und Minenräumarbeit koordiniert. Die dabei einzuhaltenden „Standard Operation Procedures“ und Qualitätsstandards liefert das in der Schweiz ansässige zwischenstaatliche „Geneva International Center for Humanitarian Demining“ (GICHD). Vieles davon mag nach lästiger Bürokratie klingen, entscheidet am Ende aber doch über Leben und Tod.“

Claus Petersen


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