Kapitel 11

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

 

Folgerungen, Konkretionen, Vertiefungen:

Die neue Religion Jesu: ein Ruf zum Leben!

 

Wir erinnern uns: „Erfüllt ist die Zeit. Gekommen ist das Reich Gottes. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Das war für sie etwas völlig Neues. Und das war für sie so wichtig, dass sie es unbedingt weitersagen wollten, diese Jesus- oder Reich-Gottes-Leute, deren Stimme wir hier wahrscheinlich vernehmen. Was bislang völlig selbstverständlich war: „Das Reich Gottes ist nur und ausschließlich ein Gegenstand der Hoffnung, ist Zukunftsmusik, die jetzt noch niemand hören kann“, das hatte für Jesus keine Gültigkeit mehr. Wenn es sich bestätigen sollte, dass jene, die sich in Markus 1,15 zu Wort melden, die Jesusbotschaft im Grundsatz noch richtig verstanden haben, dann wäre sie tatsächlich ein völlig neuer Stoff, ein bislang noch nicht gekosteter neuer Wein. Es gäbe nichts mehr zu erwarten, zu erbitten, zu erhoffen, sondern hier und jetzt kann und soll man am Leben in seiner ganzen Fülle teilhaben. Ein Impuls oder das Eingreifen einer außerweltlichen Gottheit sind nicht erforderlich. Alles ist bereit. Wenn das Leben ein Fest sein kann und soll wie ein Hochzeitsfest, also unüberbietbar, dann bezöge sich diese wahrlich neue Religion Jesu voll und ganz auf diese Welt und dieses Leben. Es gäbe nichts und es wäre auch nichts erforderlich, was in der Zukunft noch eintreffen müsste, um das Leben noch zu steigern oder zu vervollkommnen.

„Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion, sondern zum Leben“, schreibt Dietrich Bonhoeffer am 18. Juli 1944 an seinen Freund Eberhard Bethge. Doch muss dies ein Gegensatz sein, ein Widerspruch? Wenn für Jesus die Lebensfreude und der Lebensgenuss an die Stelle der religiösen Übung des Fastens tritt, die zum Inventar sehr vieler Religionen gehört, also der Einschränkung von Leben, dann ist dies Ausdruck einer ganz anderen, einer ganz neuen Art von Religion. Keine Religion unter vielen anderen, sondern eine Religion, die allen Menschen gemäß wäre. Bei dieser Religion käme es nicht darauf an, bestimmte Regeln oder Riten zu beachten, bestimmte Glaubenssätze anzuerkennen, um „richtig“ zu leben, worin sich praktisch sämtliche Religionen ähneln, wodurch sie sich allerdings auch voneinander unterscheiden, oftmals einen Absolutheitsanspruch begründen und immer nur von einem Teil der Menschheit praktiziert werden. Die neue Religion Jesu geht alle Menschen an und spricht alle Menschen an, einfach in ihrem Mensch-Sein. Das scheint geradezu das Kennzeichen dieser neuen Religion zu sein, dass sie zum Leben ruft und sagt, wie man es finden kann. Wenn Jesus mit seinem Bildwort vom neuen Stoff und neuen Wein tatsächlich seine neue Botschaft meint, was man wohl kaum in Abrede stellen kann, dann heißt das letztlich: Ich rufe zum Leben. Das ist meine neue Religion. Aber das bedeutet dann wohl auch, dass man das wirkliche, echte, richtige, gute Leben nur finden kann, wenn man die neue Religion nicht mehr mit der bisherigen zu harmonisieren versucht oder mit ihr vermischt. Es gibt keine Verbindung zu ihr. Keines ihrer Gefäße kann die neue Botschaft fassen.

Sollte sich unsere Arbeitshypothese bestätigen, gälte dies auch und erst recht für den zentralen Begriff, den Jesus im Zusammenhang mit seiner Botschaft aufgreift, was im Zuge unserer Durchsicht bislang, jedenfalls wortwörtlich, noch nicht der Fall gewesen ist: „Reich Gottes“. Er würde dann zwar auf einen alten, bekannten Begriff rekurrieren, aber nur und vielleicht gerade deshalb, um ihn aus seinem alten Bedeutungszusammenhang völlig zu lösen und ganz neu zu füllen. Er wäre jetzt in keiner Weise – sozusagen mit keiner Silbe, mit keinem Buchstaben mehr – alter Stoff und alter Wein, sondern bezeichnete etwas völlig Neues. „Reich Gottes“ bezieht sich in Markus 1,15 ja eben nicht mehr auf die Zukunft, ist nicht mehr an ein von außen erfolgendes Eingreifen Gottes geknüpft, meint nicht mehr das Ende der jetzigen alten und den Anbruch einer künftigen neuen Weltzeit. Wenn es da ist, wenn es Gegenwart ist, muss es hier und jetzt erfahrbar sein, zum Beispiel so, dass man in der Lage ist, am Leben teilzuhaben wie an einem Hochzeitsfest.

Doch das sich nach dem Tod Jesu entwickelnde Christentum hat nicht nur den Brauch des Fastens wieder aufgenommen. Viel gravierender noch, weil es das Zentrum des jesuanischen Evangeliums betrifft, ist die Rückkehr zur Reich-Gottes-Erwartung. Kennzeichnend dafür ist das Vaterunser, das oftmals liturgisch durch den Hinweis eingeleitet wird, es sei „das vom Herrn Jesus Christus selber geschenkte Gebet“ o.ä. Wenn aber unsere nun schon durch erste Jesusworte bestätigte Hypothese zutrifft, dass der Kern der Jesusbotschaft mit den Worten „Erfüllt ist die Zeit, gekommen ist das Reich Gottes“ in Markus 1,15 grundsätzlich zutreffend wiedergegeben wird, dann kann die Bitte „dein Reich komme“ unmöglich auf Jesus zurückgehen, wohl aber auf eine nachjesuanisch-restaurative Theologie, die wieder die alte, vom Täufer Johannes aktualisierte Hoffnung vertritt, Gott werde alsbald die irdischen Verhältnisse durch ein übermächtiges, grundstürzendes Eingreifen zugleich mit der Wiederkunft Christi als Friedenskönig in einen ewig paradiesischen Zustand verwandeln.

Es verhält sich mit dem Vaterunser und ebenso mit den anderen Texten, in denen uns ein betender Jesus begegnet, wohl so ähnlich wie mit dem Fasten: Man hat ihn selbst die alten Stoffe, die alten Gefäße zur Hand nehmen oder ihre Wiederverwendung durch seine eigenen Worte vorhersagen lassen, um damit ihren Gebrauch in den frühen Gemeinden sozusagen von höchster Stelle, wenn auch in völligem Widerspruch zu seiner eigenen Botschaft, zu legitimieren. Und für das sich nach Jesu Tod entwickelnde christologische und soteriologische Evangelium hat man wiederum alte Stoffe aufgegriffen, für den neuen Zweck etwas zurechtgeschnitten und ihn Jesus umgelegt: die Idee der Vergöttlichung bestimmter Menschen, die etwa bei den ägyptischen Pharaonen und den römischen Kaisern Gestalt annahm, nur eben jetzt in einzigartiger Weise für Jesus gelten sollte, und die Vorstellung des sühnenden Charakters eines Opfers, der jetzt in letzt- und endgültiger Weise dem Kreuzestod Jesu zugesprochen wurde.

Wir aber werden jetzt weiter nach den neuen Stoffen, dem neuen Wein Ausschau halten, nach Jesusworten, die sich auf diese Welt und dieses Leben beziehen und zu erkennen geben, wie uns hier und jetzt schon ein richtiges, ein gutes und erfülltes Leben zuteilwerden kann.

Claus Petersen


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