Kapitel 1

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

 

 

Zeitenwende

 

„Der Weltenmaler“

war der Zeitungsartikel überschrieben, durch den ich auf Peter Gehre aufmerksam wurde. Vor 21 Jahren, so las ich, hatte er die Vision von einem Gemälde, das die ganze Welt abbildet. Bis zum 22. Februar 2022 wollte er sie umgesetzt haben, was ihm denn auch gelungen ist: Allen 192 unabhängigen Staaten, die es im Jahr 2000 auf der Erde gab, ist je ein Bild gewidmet, und da alle Länder gleichberechtigt sind, sind alle Motive gleich groß, genau 70 auf 100 Zentimeter, und alle so gemalt, dass sie ineinander übergehen. „Die Verbindung und die Verbundenheit sind meine Vision von einer friedlichen Zukunft“, sagte der Künstler über seine Idee. Nun würde er diese aneinandergereihten Länderportraits, laut Gehre das längste Gemälde der Welt, gerne ausstellen und der Öffentlichkeit zugänglich machen.

„The World Union Vision“ hat er sein Werk genannt. „Vision“ kommt von dem lateinischen Verb vidēre, „sehen“. Was ist das für ein „Sehen“? Das Wort „Vision“ weist bereits darauf hin, dass damit mehr gemeint sein muss als ein bloßes Draufschauen, Drübersehen. Der Künstler „sieht“ mehr als die Welt, wie sie ihm vorliegt, die Welt mit ihren Grenzen, aufgeteilt in einzelne Staaten ganz unterschiedlicher Größe. So liegt sie vor ihm, das heißt aber zugleich: außerhalb von ihm. So aber malt er die Welt gerade nicht. Sein Bild ist kein Welt-Atlas, den man aufschlagen und in dem man bestimmte Einzelheiten identifizieren kann. Und trotzdem malt er die Welt „richtig“, nur in einer ganz anderen Weise.

Die Wörter „Verbindung“ und „Verbundenheit“, die er selbst gebraucht, bringen uns auf die Spur. Beziehen sie sich wirklich nur auf die „friedliche(n) Zukunft“? Kennzeichnen sie nicht auch schon die Art und Weise, wie er die Welt jetzt schon „sieht“? Jedenfalls macht er sie mit seinem Gemälde in einer Weise sichtbar, wie man sie tatsächlich eben auch wahrnehmen kann, nicht von außen, wie ein fremdes Objekt, sondern als jemand, der mit ihr in Verbindung steht, ja mit ihr existenziell verbunden ist: durch die Luft, die er ein- und ausatmet und die ihn überhaupt erst leben lässt, aber auch durch die Sonne, durch das Wasser, durch die Erde und das, was auf ihr gedeiht, und nicht zuletzt durch all die Menschen auf dem ganzen Globus, auf die er angewiesen ist. So „gesehen“, wird alles auf der Welt gleich wichtig und gleich wertvoll – alle Länder sind gleich groß –, jetzt werden alle Grenzen durchlässig, die Länder gehen ineinander über, alles steht miteinander in Verbindung. Sein Bild ist keine Projektion der Welt in die Zukunft, sondern stellt sie dar, wie sie in Wahrheit ist. Nicht, wie sie dem Künstler vor-liegt, sondern wie er sie in seiner Verbundenheit mit ihr wahr-nimmt.

Ich vermute, dass eben dies, diese ganz andere „Sichtweise“, die Wahrnehmung der Welt aus der Perspektive der Verbundenheit mit ihr, den Kern, das Neue, das Revolutionäre und Befreiende der Botschaft, mehr noch: des Lebensmodells ausmacht, dem wir uns jetzt zuwenden wollen. Vor gut 2000 Jahren ist es im von den Römern besetzten Palästina mit Jesus von Nazaret (der Name eines Dorfes im Norden Palästinas, in dem er wahrscheinlich geboren und aufgewachsen ist) in Erscheinung getreten. Für ihn markierte diese ganz neue Art von Religion, die Orientierung gab und vor allem gelebt werden wollte und gelebt werden konnte, nichts weniger als eine Zeitenwende, ja eine Weltenwende. Sie unterscheidet sich – das sei gleich hier betont – fundamental von der Religion des Christentums, obgleich die Quelle, die uns die jesuanische Religion erschließt, dieselbe ist, auf die auch dieses sich bezieht: das Neue Testament.

 

„Welt-Religion“

Um es hier schon vorwegzunehmen: Die Lebensorientierung, die es zurückzugewinnen gilt, die andere, die neue Existenzweise, die bei Jesus und seinen Leuten erkennbar wird, sind Ausdruck einer anderen, neuen Art von Religion. Das, was sie grundlegend kennzeichnet, ist die Wahrnehmung, mit unserem ganzen Menschsein auf die Welt, die uns umgibt und deren Teil wir sind, bezogen und existenziell mit ihr verbunden zu sein. Diese Verbundenheit zu leben, ganz konkret, schenkt Sinn, Erfüllung, Seligkeit, und zwar hier und jetzt. Man könnte diese allumfassende Daseins- und Lebensorientierung somit als „Welt-Religion“ bezeichnen.

Der Bindestrich soll verdeutlichen, dass nicht etwa eine Weltreligion im herkömmlichen Sinn, also eine zwar über größere Teile der Erde verbreitete, gleichwohl aber nur eine unter anderen Religionen gemeint ist. Die Religion, um die es hier geht, schließt nicht einen Teil der Menschheit ein und den anderen aus. Sie hat gerade keinen exklusiven, sondern inklusiven, keinen partikularen, sondern universalen Charakter. Sie gehört, so wird hier vermutet, zur habituellen Ausstattung eines jeden Menschen. Sie wohnt in uns allen.

Es geht hier also nicht – um dies schon hier unmissverständlich klarzustellen – um einen reformatorischen Impuls zur Erneuerung des Christentums. Zwar beruft sich diese Weltreligion auf die Bibel als ihre „Heilige Schrift“, die die entscheidende Quelle auch des hier vorgelegten Entwurfs darstellt. Doch hat das Christentum im Grunde die Botschaft jenes Jesus von Nazaret, die sein ganzes Leben bestimmte und all seine Worte durchtränkt, gerade nicht aufgenommen. Nicht diese Botschaft steht im Zentrum der christlichen Religion, sondern eine bestimmte Deutung seiner Person: dass er nämlich nicht ein Mensch war wie wir, sondern sich durch sein gottähnliches oder göttliches Wesen prinzipiell und grundlegend von der Menschheit unterscheidet und abhebt und dass er eben als dieser Christus und Gottessohn zum Erlöser der Menschheit geworden sei.

„Gegenstand“ der Religion Jesu aber ist nicht er selbst als der Christus, ist auch nicht Gott, sondern die Welt. Jesu Welt-Religion bezieht sich nicht auf ein Jenseits, sondern meint ganz und gar das Diesseits. Ausdrucksform dieser Religion ist nicht ein „Glaube“, sind nicht Glaubenssätze oder Dogmen, sondern es ist eine bestimmte Art, nämlich richtig und gut, zu leben. Dass dies nicht nur möglich ist, sondern auch so sein soll, das ist Jesu eigentliches Anliegen, darin besteht seine revolutionäre Botschaft. Diese Welt-Religion eröffnet uns und jedem Menschen eine Lebensweise, die täglich gefeiert werden kann, weil sie jeder und jedem Einzelnen, uns allen und der Welt guttut. Sie unterscheidet sich damit kategorial von der Art zu leben, die heute so viel Gewalt, Elend, Zerstörung und existenzielles Unglück im Gefolge hat. Die Wiederentdeckung jener durch Jesus von Nazaret ans Licht gebrachten Welt-Religion könnte somit wahrhaftig eine globale Umorientierung und in der Tat eine Zeitenwende einläuten.

 

Zeitenwende

Und tatsächlich ist ja unsere Zeitrechnung, unsere heute weltweit gebräuchliche Benennung der Jahre, Jahrzehnte etc. mit dem Auftreten jenes Jesus verbunden. Allerdings bezieht sich die übliche Formel, die wir dafür verwenden – „vor Christus“ (v. Chr.) bzw. „nach Christus“ (n. Chr.) – , nicht auf den Menschen Jesus von Nazaret, sondern auf ihn als eine übermenschliche, gottähnliche Gestalt, eben den „Christus“, den „Gesalbten“, den „Messias“. Durch seinen Tod am Kreuz habe dieser Gottessohn die Sündenschuld der Menschheit ein für alle Mal gebüßt und sie dadurch aus ihrer Gottesferne erlöst. Insofern ist die Zeitrechnung „vor Christus“ (v. Chr.) bzw. „nach Christus“ (n. Chr.) im Grunde an das christliche Glaubensbekenntnis gebunden.

Nun ist allerdings auch noch eine andere Formel für jene Zeitenwende gebräuchlich. Sie wird verwendet, um den speziell christlichen Bezug in den Hintergrund zu rücken, und lautet: v. d. Z. (vor der Zeitrechnung/vor der Zeitenwende) beziehungsweise n. d. Z. (nach der Zeitrechnung/nach der Zeitenwende). Diese Formel werden wir verwenden, um einerseits zu betonen, dass die Zeitenwende, von der hier die Rede ist, sich zwar ebenfalls auf die Zeit des Auftretens Jesu bezieht, aber andererseits klarzustellen, dass nicht ein „Jesus dem Christus“ zugeschriebenes Heilsgeschehen, sondern seine neue Art zu leben den Begriff „Zeitenwende“ qualifiziert.

Dass es nicht wirklich gut ist, wie wir als Weltgesellschaft im Augenblick leben, zusammenleben und wie wir mit der Welt umgehen, ist offensichtlich. Die Probleme scheinen sich immer mehr zuzuspitzen, Unsicherheit und Angst nehmen zu. Sicher: Da ist auch immer das andere: Hilfsbereitschaft, Einsatz für die Einhaltung der Menschenrechte und die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen. Aber ein wirklicher Durchbruch zu „Verbindung und Verbundenheit“, um diese beiden Stichwörter noch einmal aufzugreifen, ist nicht zu erkennen. Immer scheinen individuelle oder Partikularinteressen alles andere abzuwürgen.

Was könnte da eine Wende bringen? Jedenfalls sicherlich nichts, was uns von außen oder gar von oben oktroyiert würde. Es müsste etwas sein, was in uns allen wohnt, vielleicht verschüttet ist, aber wieder ans Licht geholt werden kann. Vielleicht ist es ganz tief verborgen, vielleicht schon lange nicht mehr wahrgenommen, doch wenn wir es wiederentdeckten, müsste es uns sogleich vertraut sein.

Und dann müssten sich doch eigentlich Zeichen, Äußerungen, Regungen dieser anderen Sichtweise des Lebens und der Welt überall auf unserem Planeten ausfindig machen lassen, Kennzeichen, Charakteristika, Merkmale einer Existenzweise, die dem, was hier präsentiert werden soll, vielleicht nicht völlig gleichen, ihm aber auch nicht total widersprechen. Keinesfalls darf der Eindruck entstehen, dass jetzt etwas ganz und gar Neues oder gar Fremdes angeboten werden soll, das alles andere abqualifiziert. Das Gegenteil ist der Fall. Es geht um Verbindungen, um Anschlüsse, um ein weltweites Netz. So werden wir jetzt, bevor wir uns einer ganz speziellen Ausformung dieser Lebens- und Daseinsorientierung zuwenden, nach Ansätzen Ausschau halten, die etwa in dieselbe Richtung weisen, wie wir es von demjenigen Impuls erwarten, dem dann unsere besondere Aufmerksamkeit gelten soll.

Claus Petersen


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