Grundstrukturen des jesuanischen Evangeliums

Praktisch alle 21 mit hoher Wahrscheinlichkeit authentischen Jesusworte handeln in irgendeiner Weise vom Reich Gottes. Dieser Terminus zieht sich wie ein roter Faden durch sie hindurch. In der wissenschaftlichen Theologie ist es denn auch unbestritten, dass der Terminus „Reich Gottes“ das charakteristische Leitwort und das große Thema der Verkündigung Jesu darstellt. Jesus hat diesen zentralen Begriff nicht selbst geprägt, sondern aus der Tradition übernommen, jedoch völlig neu gefüllt. Besonders auffällig sind zunächst in vielen jesuanischen Reich-Gottes-Texten die temporalen Aussagen. Sie scheinen für Jesus von besonderer Bedeutung gewesen zu sein:

  • Jetzt ist die Zeit der Hochzeitsfreude.
  • Der Same, die Saat, das Senfkorn sind ausgestreut.
  • Den Armen gehört jetzt das Reich Gottes.
  • Wenn die Dämonen vertrieben werden, dann hat die Menschen das Reich Gottes tatsächlich erreicht.
  • Der Sauerteig wird dem Mehl beigemengt.
  • Das Gastmahl steht schon bereit.
  • Der Schatz liegt bereit und „wartet“ auf seine Entdeckung.
  • Das Reich Gottes „ist mitten unter euch“.

Damit trifft Jesus über das Reich Gottes eine völlig neue Aussage: Er muss die wahrhaft bahnbrechende Überzeugung gewonnen haben, dass das Reich Gottes jetzt da ist! Für Jesus ist das Reich Gottes nicht mehr Zukunft, sondern Gegenwart. Aber nicht alle Menschen haben an ihm teil. So vielen bleibt es verschlossen, obwohl sie „mitten darin“ leben. Sie verspüren es nicht. Sie haben den Schatz noch nicht entdeckt, sie sehen sich außerstande, die Einladung zum Gastmahl anzunehmen, oder sie haben zwar „die Hand an den Pflug gelegt“, blicken aber zurück und kommen aus der Spur und aus dem Tritt. Es geht Jesus also nicht allein um den Glauben, dass das Reich Gottes Gegenwart, dass es tatsächlich da ist. Alles kommt vielmehr darauf an, am Reich Gottes teilzuhaben, also

  • am Tisch des Gastmahls Platz zu nehmen,
  • den Schatz zu finden und ihn sich anzueignen,
  • wie ein Kind das Reich Gottes anzunehmen,
  • sich nicht zu kasteien, sondern wie ein Hochzeitsgast am Fest des Lebens teilzunehmen,
  • sich durch eine einfache Lebensweise als des Reiches Gottes teilhaftig zu erweisen,
  • zu verspüren, dass einen dann, wenn die Dämonen ihre Macht verloren haben, das Reich Gottes erfasst, in sich hineingezogen hat,
  • der Gegenwart des Reiches Gottes „mitten unter uns“ inne zu werden, und zugleich damit die Vorstellung abzulegen, es sei eine zukünftige bzw. objektiv zu beschreibende Größe.

Wenn aber der heilige, göttliche Zusammenhang der Welt unsere Existenz umfängt und birgt, tritt sie gleichzeitig in eine umfassende Beziehung zur Welt in all ihren Erscheinungsformen. Leben, wirkliches Leben geschieht in und aus diesem Zusammenhang heraus. Die ganze Lebensweise, der Lebensstil des in der Reich-Gottes-Welt beheimateten Menschen wird ganz selbstverständlich dieser Weltverbundenheit entsprechen. Die als Reich Gottes erfahrene Welt ist ja nun mit der eigenen Existenz aufs engste verknüpft. Das Wohl und Wehe der Welt ist mit der eigenen Befindlichkeit untrennbar verbunden. Wem sich die Welt, in der er eben jetzt lebt, als Reich Gottes öffnet, den erfüllt Freude, der erlebt, wie etwas „von selbst“ wächst und gedeiht, „er weiß selbst nicht wie“, den nennt Jesus „selig“, sein Leben füllt sich und erfüllt sich immer wieder neu.

„Ihrer ist das Reich Gottes“ – diese Worte drücken aus, worin die Bestimmung des Menschen letztlich und wesentlich besteht: dem Reich Gottes zuzugehören, im Reich Gottes zu existieren. Das ist Seligkeit schlechthin. Das ist der Kern des jesuanischen Evangeliums. Jesus war der erste, der diesen „neuen Wein“, diesen „neuen Stoff“ ans Licht gebracht hat. Diesen völlig neuen Gedanken auszubreiten, sah Jesus sich berufen. Darin besteht sein Evangelium.

Claus Petersen


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