Exkurs 3

RICHTIG LEBEN – HIER UND JETZT

DIE WELT-RELIGION JESU

BASISKURS BASILEIOLOGIE

 

 

Der Text des Neuen Testaments

 

Auf welche Weise in einem längeren Prozess der Umfang der Bibel festgelegt wurde, haben wir im Exkurs 1 behandelt. Was das Neue Testament angeht, haben sich im 4. Jahrhundert nach der Zeitenwende schließlich die 27 jetzt im Neuen Testament enthaltenen Bücher bzw. Briefe als kanonisch durchgesetzt. Wurde damit zugleich auch der Text all dieser Schriften eindeutig fixiert? Keineswegs! Klar, wenn wir das Neue Testament zur Hand nehmen, handelt es sich in der Regel um eine Übersetzung, die natürlich variieren kann, weil für die im hier zugrunde liegenden griechischen Text verwendeten Wörter fast immer eine gewisse Bandbreite von Übertragungsmöglichkeiten zur Verfügung steht. Doch selbst der griechische Wortlaut dieser oft als „Urtext“ bezeichneten neutestamentlichen Schriften steht keineswegs eindeutig fest, denn kein einziges dieser Bücher liegt uns im Original vor. Wir haben beispielsweise keine Ausgabe etwa des Markusevangeliums, von der wir sagen können, dass sie sozusagen „vom Autor“ ist. Wir verfügen ausschließlich über Abschriften und Abschriften von Abschriften. Diese sind nicht nur unterschiedlich alt, sondern auch von sehr unterschiedlicher Qualität, je nachdem, wie sorgfältig die Schreiber der Texte waren oder welche Interessen sie beim Abschreiben leiteten. Keine einzige Handschrift zum Beispiel des Markusevangeliums gleicht darum einer anderen. Sie weichen im Wortlaut zum Teil erheblich voneinander ab, und man kann immer nur versuchen, dem „Urtext“ durch die kritische Analyse der unterschiedlichen Handschriften so nahe wie möglich zu kommen; ob man die Quelle eventuell tatsächlich doch erreicht hat, muss prinzipiell offenbleiben. Dabei spielt das Alter dieser Handschriften eine ganz entscheidende Rolle. Die griechische Handschrift, die Martin Luther für seine Übersetzung des Neuen Testaments benutzte, stammt zum Beispiel erst aus dem 12. Jahrhundert, ist also ein sehr „spät“ abgeschriebener Text. Inzwischen stehen uns sehr viel ältere zur Verfügung.

So besteht inzwischen kein Zweifel mehr, dass größere Abschnitte oder einzelne Verse der als kanonisch, das heißt als verbindlich erklärten Heiligen Schrift nicht von Anfang an Teil der in ihnen enthaltenen Schriften waren, sondern erst in späterer Zeit in sie eingefügt worden sind. Meist wird in den Bibelübersetzungen auch darauf hingewiesen. Drei Beispiele: An den Text des Markusevangeliums sind erst im 2. Jahrhundert nach der Zeitenwende die Erzählungen von den Erscheinungen des Auferstandenen sowie seiner Himmelfahrt angehängt worden (Kapitel 16, Vers 9–20) – vielleicht, um den ursprünglichen Abschluss des Evangeliums („Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich“, Kapitel 16, Vers 8b) abzumildern oder um das Markusevangelium an die anderen Evangelien anzugleichen. Auch die bekannte Erzählung von Jesus und der Ehebrecherin in Johannes 7,53–8,11 ist in den ältesten Handschriften dieses Evangeliums nicht enthalten, sondern erst nachträglich hinzugefügt worden. Gleiches gilt für den Abschluss des Vaterunsers, wie es das Matthäusevangelium in Kapitel 6, Vers 9–13 überliefert: Der zweite Teil des 13. Verses („Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen“) fehlt in den ältesten Handschriften, ist also mit hoher Wahrscheinlichkeit erst später ergänzt worden.

Doch auch die alten oder „frühen“ Handschriften weichen zum Teil erheblich voneinander ab, und das selbst dann, wenn man davon ausgehen kann, dass sie etwa um dieselbe Zeit herum entstanden sind. Die Frage ist auch da: Was ist ursprünglich, was Ergänzung? Die historisch-kritische Bibelwissenschaft hat, um diese Fragen zu beantworten, die Methode der sogenannten Textkritik entwickelt. Heutige Bibelübersetzungen fußen auf deren Ergebnissen, setzen diese wissenschaftliche Vorgehensweise also ganz selbstverständlich voraus, meist ohne darüber im Einzelnen genauere Auskunft zu geben. Gemeint ist mit „Kritik“ dabei nicht so etwas wie ein „Herummäkeln“. Das Wort kommt vom griechischen Verb krínëin, was so viel wie „scheiden, unterscheiden“ bedeutet. Es geht bei der Textkritik also darum, ältere Texte von jüngeren Veränderungen oder Hinzufügungen zu unterscheiden, wobei sich gewisse Unsicherheiten wohl nie ganz werden ausräumen lassen.

Die beiden wichtigsten Regeln, nach denen diese Unterscheidungen vorgenommen werden, seien noch kurz erwähnt. Sie greifen immer dann, wenn ein bestimmter biblischer Textabschnitt in Handschriften, die etwa gleich alt oder von in etwa gleicher Bedeutung sind, in unterschiedlicher Weise wiedergegeben wird. Grundsätzlich gilt dann, dass die kürzere Lesart aller Wahrscheinlichkeit nach die ursprünglichere ist. Wie man leicht nachvollziehen kann, sind in späterer Zeit viel eher Wörter oder Sätze in eine Vorlage eingefügt worden, als dass man den Text einfach gekürzt hätte. Die zweite Regel lautet: Wenn ein Text in der einen Handschrift leichter zu verstehen ist als an derselben Stelle in einer anderen, ist die schwierigere Lesart in den meisten Fällen die ursprünglichere. Viel eher dürfte nämlich ein Abschreiber eine schwierige Formulierung geglättet und den Text damit „lesbarer“ gemacht haben, als dass er in umgekehrter Weise vorgegangen wäre.

So ist also der Text der Bibel, wie er uns heute vorliegt, ganz entscheidend von den Ergebnissen der historisch-kritischen Wissenschaft mit bestimmt. Damit hat die Bibelwissenschaft ihre Aufgabe aber noch keineswegs erfüllt. Sie ist heute auch in der Lage, nicht nur dem „Urtext“ der biblischen Bücher möglichst nahezukommen, sondern auch zu erklären, wie einzelne biblische Textabschnitte selbst entstanden beziehungsweise aus welchen Elementen sie zusammengestellt worden sind. Manche Textabschnitte erweisen sich aus ganz bestimmten Gründen als älter als andere. Hier handelt es sich dann nicht mehr um Textkritik, sondern Überlieferungskritik. Gerade sie ist bei unserer Frage nach den höchstwahrscheinlich authentischen Jesusworten von kaum zu überschätzender Bedeutung. Aber die Texte, mit denen wir uns befassen werden, fordern, wie wir noch sehen werden, solche überlieferungsgeschichtlichen Überlegungen geradezu heraus.

Claus Petersen


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