Erste Zugänge auf der Basis der 21 Jesusworte

Mit der Welt in ihrer Heiligkeit in Berührung kommen und mit ihr verbunden bleiben, also weltverbunden leben.

Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes.

 

In einem seiner Gleichnisse erzählt Jesus, wie ein Mensch ganz plötzlich und überraschend, „auf das Reich Gottes trifft“ (Matthäus 13,44): Unvermittelt stößt er beim Gang über ein Feld auf einen Schatz und macht offensichtlich in diesem Augenblick die Entdeckung seines Lebens: Alles, was er bisher besaß, tauscht er ein, um diesen Schatz zu gewinnen. Das Gleichnis erweckt den Eindruck, als sei für diesen Menschen endlich das Rätsel gelöst, der Schlüssel gefunden. Es war etwas Unvorhersehbares und doch auf seine Entdeckung geradezu Wartendes, etwas Unerwartetes und dennoch gleichzeitig wie etwas schon lange Ersehntes.

Aber offensichtlich auch etwas völlig Neues, etwas mit allem Gängigen und als selbstverständlich, ja „natürlich“ Erachteten in keiner Weise Kompatibles, ein wahrhaft neuer Stoff, neuer Wein (Markus 2,21–22). Jetzt kommt alles darauf an, gerade diesen Schatz zu gewinnen, dieses wirklich neue Kleid anzulegen, den mit dem alten in keiner Weise in Berührung gekommenen neuen Wein zu kosten, mit anderen Worten: teilzuhaben am Reich Gottes, hineinzukommen, einzugehen in es. Da gibt es offensichtlich keinen Mittelweg und keine Kompromisse. Wer sich von der bisherigen Existenzweise nicht gänzlich löst, dem wird es nicht gelingen (Lukas 9,62).

Es ist wie bei einem Fest, wie bei einem großen Gastmahl, das schon längst bereit steht, wie bei einer Tischgemeinschaft, zu der alle eingeladen sind: Die erhebende Festfreude erfährt immer nur der, der teilnimmt, der Platz nimmt, den die Festfreude erfassen und in das Fest hineinziehen kann. In einem anderen Gleichnis Jesu (Lukas 14,16-21a) gelingt das „ohne Ausnahme“ keinem einzigen der zuerst Eingeladenen. Ihr Besitz – Grundstücke, Produktionsmittel – oder familiäre Bindungen halten sie am alten Leben fest und wie gefangen. Die neue Existenzweise, das Glück der Weltverbundenheit ist zum Greifen nahe, aber sie sind wie gelähmt.

Für Jesus gab es offensichtlich keine größere Zugangsbarriere als das Zuviel: Was an sich schlechthin schon ein Ding der Unmöglichkeit ist, nämlich dass ein Kamel durch ein Nadelöhr schlüpft – noch „unmöglicher“, eben voll und ganz und absolut ausgeschlossen ist es, dass ein Reicher einen Zugang findet zum Reich Gottes, also zu einem Leben, das wahrhaft „Leben“ genannt zu werden verdient (Markus 10,25). Er gelangt nicht – nie und nimmer – an den Tisch der Verbundenheit, kann sich nicht einfinden an ihm. Alles, was hinausgeht über das Genug, blockiert jeden Zugang zum Netz eines heilvollen Miteinanders, eines nur auf dem gleichen Grundniveau allen Seins möglichen hin- und herfließenden Austauschs, einer lebendigen Kommunikation.

Nicht so die „Armen“, die, die nicht mehr haben, als sie brauchen, die, die einfach leben. Jesus spricht ihnen, ohne irgendeine weitere Voraussetzung zu nennen, die Teilhabe am, das „Drinsein“ im Reich Gottes unmittelbar zu (Matthäus 5,3 = Lukas 6,20b). Die Einfachheit wäre nicht ein Element, sie wäre das eigentliche Element, das Basiselement eines Lebens im Reich Gottes (Armut bedeutet hier Einfachheit, meint das Genug-zum-Leben und ist strikt zu unterscheiden vom Zuwenig, vom Elend, von einem Leben unter unwürdigen Bedingungen!). „Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.“ „Selig“ hier und jetzt. Den Armen „ist“ das Reich Gottes, für sie ist es ausdrücklich und vorbehaltlos Gegenwart. Sich im Reich Gottes zu bewegen, das ist eine Existenzweise, die keine Wünsche mehr offen lässt, in der alles erfüllt, nichts Größeres mehr zu erwarten ist.

Und doch: Alle – alle! – hatten einmal teil an dieser Existenzweise, waren in ihr zu Hause, ja sie war ihr erstes Zuhause. Nämlich als sie Kinder waren. Nicht nur den Armen, auch den Kindern spricht Jesus das Reich Gottes unmittelbar zu: „Ihrer ist das Reich Gottes“ (Markus 10,14b). Was die Kinder für diese Zusage „qualifiziert“, ist offensichtlich einzig und allein die Tatsache, dass sie Kinder sind und wie sie es sind, es ist ihre noch ganz selbstverständliche und nicht entfremdete Art und Weise, in der Welt zu sein, die Welt als „Mit-Welt“ wahrzunehmen und sich in ihr zu bewegen. Kinder empfinden die Welt als „ihre Welt“, als etwas zu ihnen Gehörendes, als etwas unmittelbar auf sie Bezogenes. Sie bewegen sich in ihr „wie ein Fisch im Wasser“. Sie erleben die Welt wie einen sie bergenden Lebensraum. Er schenkt ihnen „selbstverständlich“ alles, was sie brauchen – an erster Stelle durch ihre Mutter, die sie in der Welt empfangen hat und von der getragen sie sich langsam immer weiter in sie hineinbewegen. Zuerst durch sie erfahren sie die Welt als etwas Freundliches, Entgegenkommendes, ihnen Einleuchtendes, wie eine Quelle, die immer wieder für sie zu strömen beginnt.

Genau dies muss es sein, dieser grundlegende Weltzusammenhang, diese geradezu existenzielle Weltverbundenheit in ihrer Heiligkeit, Schönheit, Einzigartigkeit, die das ausmacht, was Jesus „Reich Gottes“ nennt. Dass wir Menschen sie erfahren, unser Leben sich in ihr entfalten lassen, uns als Teil des Kosmos, der harmonia mundi, dieses göttlichen Universums erleben, des Reiches Gottes, das auch durch uns, in uns, mit uns neue Blüten treibt, darauf kam es ihm an.

Wem das gelingt, wem sich diese Welt- und Tiefendimension seines Lebens wieder öffnet, der macht unerwartete, ja ungeahnte Erfahrungen. Aus seinem Weltkontakt heraus, auf Grund seiner Verbundenheit mit dieser heiligen Reich-Gottes-Welt merkt er, was jetzt dran ist, was genau jetzt getan werden muss, spürt, dass ihm, gerade ihm ihr Ruf jetzt gilt. Und dann kann es ihm ergehen wie einem Bauern, der zur rechten Zeit das Getreide aussät: dass sich daraus etwas Wunderbares entwickelt, manchmal wie automatisch, ganz von selbst (Markus 4,26-28), oder auch etwas ganz überraschend Wirkungsvolles, als ob aus einem winzigen Senfkorn eine riesige Staude geworden ist (Markus 4,30-32), als ob ein wenig Sauerteig eine gewaltige Menge Mehl durchsäuert hat (Matthäus 13,33 = Lukas 13,21). Aber es gilt auch das andere. Selbst wenn man getan hat, was man musste, was man meinte tun zu müssen, zu sollen, erweist sich so manches dennoch als vergeblich, blüht nicht auf, trägt keine Frucht. Doch auch dies ist letztlich ganz „normal“. So wie beim Säen „natürlich“ nicht jeder ausgestreute Same Frucht bringt, so verhält es sich auch im Reich Gottes. Entscheidend ist letztlich allein, dass das allermeiste dann doch aufgeht, gedeiht und Frucht bringt. Und eben auch dies ist ganz „normal“. Darauf ist fester Verlass – es „kann“ gar nicht anders sein (Markus 4,3-8*).

Die Reich-Gottes-Dynamik setzt ungeahnte Kräfte frei, wirkt heilend und eröffnet ganz neue Horizonte. So schließt die Reich-Gottes-Verbundenheit einerseits aus, Gewalt mit Gewalt zu vergelten, vermag andererseits jedoch genau diesen Teufelskreis zu durchbrechen (Matthäus 5,39b = Lukas 6,29a), ja überhaupt die Dämonen zu vertreiben, das heißt dem Reich-Gottes-Charakter der Welt nicht gemäße Denk- und Handlungsweisen zu überwinden; genau dadurch aber erweist sich das Reich Gottes als wirkmächtig und präsent (Matthäus 12,28 = Lukas 11,20). Einerseits lässt es der Reich-Gottes-Zusammenhang nicht zu, dass sich einer über alle anderen erhebt, andererseits eröffnet er ihm die sinnstiftende Möglichkeit, für alle anderen da zu sein (Markus 10,43b–44). In seinem Bannkreis geht es nicht an, dem einen mehr, dem anderen weniger Lohn zu bezahlen; vielmehr müssen alle genau das erhalten, was für ein Leben in Würde unerlässlich ist (Matthäus 20,1–14). Wer käme in einer festlichen Atmosphäre noch auf die Idee zu fasten? Nein, wie bei einer Hochzeitsfeier wollen die Gaben der Erde voll Freude genossen werden (Markus 2,19a)!

Denn das Reich Gottes ist ja mitten unter uns (Lukas 17,21), wir sind mitten darin – nur ist so vielen Menschen das Gespür dafür so früh schon verloren gegangen. Es kommt darauf an, dass es wieder wachgerufen wird in uns. Einladen, ja hineinziehen wollte Jesus die Menschen ins Reich Gottes, sie erleben lassen, dass schon jetzt alles bereit ist. Seine Botschaft führt uns zum Ursprung, zum Urgrund unserer Existenz zurück, sie öffnet unsere Sinne für ein wahrhaft göttliches Medium, in dem alle atmen und alle leben können. Deshalb leuchtet sie noch immer aus seinen Worten hervor, die frohe Botschaft, das wahrhafte Evangelium vom Reich Gottes hier und jetzt. Es wartet gleichsam nur darauf, dass wir uns in es hineinziehen lassen, dass uns die Heiligkeit, ja Göttlichkeit der Welt aufgehe. Ist es aber geschehen, werden wir selbst – und auch das kann gar nicht anders sein – zu Botschaftern des Reiches Gottes. Dann gibt es nichts Wichtigeres mehr als dies (Matthäus 8,22 = Lukas 9,60).

Claus Petersen


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