Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes

Basiskurs Basileiologie

 

„Die Botschaft vom Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit für die Erde“ – Leonhard Ragaz (18681945)

 

 

„Die Botschaft vom Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit für die Erde“, das war das Lebensmotto, dem sich Leonhard Ragaz, reformierter Theologe und Mitbegründer der religiös-sozialen Bewegung in der Schweiz, ganz und gar verschrieben hat. Für ihn war es das gemeinsame Thema aller biblischen Schriften. „Der einzige Inhalt der Bibel ist der lebendige Gott und sein sich offenbarendes und entfaltendes Reich mit seiner Gerechtigkeit für die Erde.“ (Leonhard Ragaz, Sollen und können wir die Bibel lesen und wie?, Zürich 19482, 5 (Hervorhebung im Original). Dessen ganze Kraft und Dynamik sollen in den christlichen Kirchen endlich wieder zur Geltung kommen, dafür hat sich Leonhard Ragaz sein Leben lang eingesetzt, zunächst als Pfarrer und Universitätsprofessor, dann in der Arbeiterbildung, für die er 1921 seinen Zürcher Lehrstuhl für systematische und praktische Theologie aufgegeben hat, darüber hinaus als politisch engagierter Sozialist und Antimilitarist.

Ragaz stellt sich das Reich Gottes wesentlich als eine anarchistische Ordnung vor, was ihn einerseits zur Kritik des Staates, andererseits zur Förderung des Genossenschaftswesens veranlasst, in dem das Reich Gottes schon Gestalt anzunehmen beginnt. Und ihm ist bewusst, dass das Reich Gottes nicht nur auf die Menschenwelt bezogen ist, sondern auch eine heile Natur meint, die ebenso wie die menschliche Gesellschaft dem Reich Gottes entgegengehe und vom Menschen zu achten sei. In seiner ganzen Fülle und Vollendung werde es zwar erst von Gott heraufgeführt und dies sei deshalb ganz gewiss, weil es durch die Erlösung in Jesus Christus bereits präsent gewesen sei. Aber uns Menschen käme die eine große Aufgabe zu, ihm hier auf Erden gleichsam entgegenzuarbeiten, die irdischen Verhältnisse am Maßstab des Reiches Gottes zu messen und an ihm auszurichten. So würde es immer mehr wachsen, der Vollendung entgegenreifen, die dann aber von Gott selbst realisiert werden wird. Wir Menschen lebten grundsätzlich in einer noch nicht vollendeten Welt, was uns zur Kritik aller vordergründigen Heilslehren befähige.

Den Kirchen hält Ragaz vor, dass sie das Heil ganz und gar auf die Seele des Einzelnen bezogen und damit in unerträglicher und ganz unbiblischer Weise verkürzt haben. Gerade in diesem Punkt greift er das Christentum seiner Zeit scharf an, ja spricht ihm geradezu ab, sich noch der Botschaft Jesu verpflichtet zu wissen: „Diese Sache (die Sache Christi, nämlich die Botschaft vom Reich Gottes; C.P.) ist infolge falscher Weichenstellung auf ein anderes Geleise geraten, als es in ihrem echten und ursprünglichen Sinne lag und liegt. Anders ausgedrückt: diese Sache ist auf einen Abweg geraten… Es ist aus dem Reiche Gottes, wie es Jesus verkündigt und verkörpert hat, das Christentum geworden.“ (Leonhard Ragaz, Die Geschichte der Sache Christi. Ein Versuch, Bern 1945, 112 (Hervorhebung im Original) Plakativ gesagt: An die Stelle der Bergpredigt – für Ragaz das Zentrum der Bibel – ist der Römerbrief in den Mittelpunkt gerückt. Das Christentum ist verbürgerlicht, das Heil privatisiert worden.

Das Reich Gottes sei aber kein hehres Ideal, sondern verlange nach Konkretion, verlange sie von Gesellschaft und Politik, verlange sie aber auch von der Lebensführung jedes Einzelnen. Wie gesagt, Ragaz selbst hat damit Ernst gemacht. Er schreibt in einem seiner Briefe: „Ich möchte ein Leben führen, das schon äußerlich, in seiner ganzen Form sichtbar und greifbar, wenn auch in höchster Anspruchslosigkeit und Freiheit von aller Sensation und Reklame, eine Verwirklichung dessen sein will, was wir alle bekennen und was doch bloß Wort und Schemen bleibt und dadurch verächtlich wird.“ Ragaz hat um der Wahrhaftigkeit willen seinen theologischen Lehrstuhl aufgegeben und damit große materielle Unsicherheit in Kauf genommen. Als entschiedener Kriegsgegner und Friedensaktivist sind ihm schwere Anfeindungen nicht erspart geblieben. Seinen Glauben zu bekennen heißt für Ragaz nichts anderes als sich zum Reich Gottes zu bekennen, aber dies nicht nur durch das Wort, sondern vor allem auch durch die Tat.

Ein ganz und gar am Reich Gottes ausgerichtetes Leben sei Wagnis, Kampf, bedeute Ungesichertheit und Gefährdung. Zuversicht und Gewissheit beziehe es allein aus dem Glauben an das in Jesus Christus bereits verwirklichte und deshalb gewiss einmal ganz vollendete Reich Gottes. Das von Jesus Christus verkündigte und mit ihm schon hereingebrochene Reich Gottes ermögliche gleichsam unseren Reich-Gottes-Glauben und unsere Reich-Gottes-Gewissheit. Dies begründet Ragaz weniger mit der Botschaft Jesu als mit seiner Gottessohnschaft. In der Passion Jesu habe sich Gott ganz in das Leid der Welt hineinziehen lassen und verbürge durch die Auferweckung die kommende universale Vollendung des Reiches Gottes. Seit Christus befinde sich das Reich Gottes beständig im Kampf mit den Gegenmächten, verwirkliche sich aber auch immer wieder in der Geschichte und leuchte ermutigend aus ihr hervor. Genau darum müsse es auch uns zu tun sein: trotz aller Begrenzung und um alle Vorläufigkeit wohl wissend, möglichst viel „Reich Gottes“ zu verwirklichen. Nicht auf die Zustimmung zu bestimmten Glaubensaussagen oder Dogmen komme es an, sondern auf die ganz konkrete Nachfolge Jesu, um das Tun des Willens Gottes, nicht auf Orthodoxie, sondern auf Orthopraxie.

Folgenden Worten – sie finden sich 1914 in seinem Aufsatz „Religiös und sozial“ in der Zeitschrift „Neue Wege“, in dem er die Entstehung der religiös-sozialen Bewegung beschreibt, die er im Jahr 1906 zusammen mit anderen gegründet hat – merkt man die Freude über eine ganz neue Entdeckung, ja geradezu Offenbarung noch deutlich an:

„Mit steigender Klarheit und steigender Gewissheit, nicht ohne lange Wanderung durch die Wüste, nicht ohne ein bitteres Sterben vieles Alten und Liebgewordenen, gewannen wir die selige Erkenntnis: Es ist doch möglich, ja es ist eine sichere Sache, dass Gott Wirklichkeit wird auf Erden, im Gottesreich auf Erden! …unsere Seligkeit war, dass das Reich Gottes aus einem leeren Wort uns die Sonne des Lebens, der Mittelpunkt alles religiösen Denkens, der Schlüssel zum Verständnis Gottes und der Welt, die Enthüllung des einfachen und herrlichen Sinnes der Erscheinung Christi wurde… Eine völlige Erneuerung des Christentums, die in gewissem Sinn seine Überwindung ist, tauchte vor uns auf, eine neue Offenbarung des Gottesreiches, die freilich nur eine Entfaltung der alten ist.“

Quellen dieses Abschnitts sind im Wesentlichen eine Monografie und ein Aufsatz von Manfred Böhm:

  • Gottes Reich und Gesellschaftsveränderung. Traditionen einer befreienden Theologie im Spätwerk von Leonhard Ragaz, Münster 1988
  • Gott ergreift Partei – Der Religiöse Sozialismus des Leonhard Ragaz, in: Reich Gottes für diese Welt – Theologie gegen den Strich. Erbe der Väter: Auftrag für heute – Hoffnung für morgen, herausgegeben von Wieland Zademach, Waltrop 2001, 17-67.

Für Leonhard Ragaz ist das Reich Gottes mit Jesus als dem Christus schon präsent gewesen; dies ist gleichsam die Garantie für seine zukünftige und universale Vollendung. Allerdings verkennt er die die Eigenständigkeit und Widerständigkeit der jesuanischen Reich-Gottes-Botschaft gegenüber der frühkirchlichen Theologie.

 

 


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