Basiskurs Basileiologie. 48. Woche: „Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittelpunkt von allem?“ – Die Weltbezogenheit der Theologie Dietrich Bonhoeffers (1906–1945)

 

„Reich Gottes“ ist der Zentralbegriff des jesuanischen Evangeliums.
Im griechischen Urtext des Neuen Testaments lautet er „basiléia tou theoú“.
„Basileiologie“ bedeutet hier also „Lehre bzw. Rede vom Reich Gottes“.

 

Das gesamte Jahresprogramm finden Sie hier.

 

„Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittelpunkt von allem?“ – Die Weltbezogenheit der Theologie Dietrich Bonhoeffers (1906–1945)

 

„Nichts kennzeichnet die Veränderung in Bonhoeffers Denken besser als die Tatsache, dass die Begriffe ‚Erde‘ und ‚Wirklichkeit‘ vom Herbst 1939 an mehr und mehr in den Mittelpunkt seines Denkens rücken und dass der Begriff ‚Welt‘ in seiner negativen Bedeutung als der bösen und gottfeindlichen Welt zurücktritt und die ‚von Gott geliebte Welt‘ in den Vordergrund rückt. Es ist kein Zufall, dass uns der Begriff ‚Wirklichkeit‘ in der Folgezeit fast doppelt so oft und der Begriff ‚Erde‘ etwa dreimal so oft begegnet wie in der Zeit davor.“ (Ferdinand Schlingensiepen, Dietrich Bonhoeffer 19061945. Eine Biographie, Verlag C. H. Beck, München 2007, 4. Auflage, S. 309)

Diese Tendenz deutet sich allerdings bereits sehr früh an. So heißt es aus dem Mund Dietrich Bonhoeffers in einem Gemeindevortrag aus seiner Vikarszeit in Barcelona (1928/29): „Der Mensch, der die Erde verlassen will, der heraus will aus der Not der Gegenwart, der verliert die Kraft, die ihn durch ewige geheimnisvolle Kräfte immer noch hält. Die Erde bleibt unsere Mutter, wie Gott unser Vater bleibt…“.

In einer Predigt zu Kolosser 1,3-4 am 19. Juni 1932 in Berlin führt er aus: „Bleibt der Erde treu, trachtet nach dem, was auf Erden ist. Das ist zahllosen Menschen ein heiliges Anliegen – und wir begreifen ihren Eifer. Wir begreifen ihre Eifersucht, mit der sie Planen und Wirken und Streben der Menschen an diese Erde ketten wollen. Denn wir sind ja an diese Erde gekettet. Sie ist der Ort, wo wir stehen und fallen. Was auf Erden geschieht, davon wird Rechenschaft gefordert. Und wehe uns Christen, wenn wir da zuschanden werden sollten. (…) Daran entscheidet sich heute Gewaltiges, ob wir Christen Kraft genug haben, der Welt zu bezeugen, daß wir keine Träumer und Wolkenwandler sind. Daß wir nicht die Dinge kommen und gehen lassen, wie sie nun einmal sind. Daß unser Glaube wirklich nicht das Opium ist, das uns zufrieden sein läßt inmitten einer ungerechten Welt. Sondern daß wir, gerade weil wir trachten nach dem, was droben ist (Kolosser 3, 2), nur umso hartnäckiger und zielbewußter protestieren auf dieser Erde. Protestieren mit Worten und Taten, um um jeden Preis voranzuführen. Muß es denn so sein, daß das Christentum, das einstmals so ungeheuer revolutionär begonnen, nun für alle Zeiten konservativ ist? Daß jede neue Bewegung ohne die Kirche sich Bahn brechen muß, daß die Kirche immer erst zwanzig Jahre hinterher einsieht, was eigentlich geschehen ist? Muß dem wirklich so sein?

Mit den Worten „Trachtet nach dem, was auf Erden ist!“ wendet er sich im Grunde frontal gegen das übliche Verständnis von Kolosser 3: „Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. [Von hier an in der Luther-Bibel fett gedruckt] Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit“ = im Himmel, im Jenseits (V. 1–4). Diese Worte sind tatsächlich ganz anders gemeint, als Bonhoeffer sie verstehen möchte.

Gottes Reich ist das Reich der Auferstehung auf Erden“, betont Dietrich Bonhoeffer 1932 in einem Vortrag über die Bitte „Dein Reich komme“. In einem Brief an seinen Bruder Karl-Friedrich aus dem Jahr 1935 „übersetzt“ er „Christus“ mit „Friede und soziale Gerechtigkeit“: „Es gibt doch nun einmal Dinge, für die es sich lohnt, kompromisslos einzustehen. Und mir scheint, der Friede und soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus, sei so etwas.

Wenn Gott in Jesus Christus Raum in der Welt beansprucht – und sei es nur in einem Stalle, weil sonst kein Raum in der Herberge war – so fasst er in diesem engen Raum zugleich die ganze Wirklichkeit der Welt zusammen und offenbart ihren letzten Grund“, lesen wir in seiner „Ethik“ (1941).

So ist Dietrich Bonhoeffer schließlich das jesuanische Evangelium von der Gegenwart des Reiches Gottes selber aufgegangen. Wahrscheinlich weil er von seiner bahnbrechenden Entdeckung noch ganz überrascht ist, formuliert er in einem Brief vom 5. Mai 1944 aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel an seinen Freund Eberhard Bethge gleichsam ungläubig-staunend in Frageform: „Ist nicht die individualistische Frage nach dem persönlichen Seelenheil uns allen fast völlig entschwunden? Stehen wir nicht wirklich unter dem Eindruck, dass es wichtigere Dinge gibt als diese Frage (…)? Ich weiß, dass es ziemlich ungeheuerlich klingt, dies zu sagen. Aber ist es nicht im Grunde sogar biblisch? Gibt es im Alten Testament die Frage nach dem Seelenheil überhaupt? Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittelpunkt von allem? (…) Nicht um das Jenseits, sondern um diese Welt (…) geht es doch.“

Es geht um das Diesseits, um diese Welt, um dieses Leben. „Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben“, heißt es in einem Brief vom 18. Juli 1944 an Eberhard Bethge, und in einem weiteren Brief an ihn vom 21. Juli 1944, der so etwas wie sein Vermächtnis ist, lesen wir: „Ich habe in den letzten Jahren mehr und mehr die tiefe Diesseitigkeit des Christentums kennen und verstehen gelernt. Nicht ein homo religiosus, sondern ein Mensch schlechthin ist der Christ, wie Jesus Mensch war (…) Ich dachte, ich könnte glauben lernen, indem ich so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuchte (…) Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt.

 


RSS