21 Jesusworte als exegetische Basis

In allen Kulturen und Religionen finden sich Worte, die in zutreffender Weise vermitteln, was die Jesus-Überlieferung gleichfalls beschreibt: eine Welt des Friedens und der Gerechtigkeit, ein einfaches und solidarisches Leben, eben das Reich Gottes. Alle diese Worte bringen uns das Gottesreich nahe, und insofern ist da keines bedeutsamer als das andere.

Für Christen sind dennoch jene Worte von besonderem Interesse, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf den historischen Jesus zurückgehen. Wenn man als Christ nicht einfach glauben, sondern aus gutem Grund glauben möchte, so ist es doch von hohem Rang, was für Nachrichten uns dieser Jesus hinterließ – damals als er real unter uns war! Es ist demnach sinnvoll, unsere Glaubensinhalte mit dem heutigen Wissen über die Jesusworte abzugleichen. Und im theologischen Verständnis ist ein solcher Abgleich längst zur Pflicht erhoben. Denn wo die Schrift als Norm gilt, dort werden die in der Schrift erkennbaren Fakten zur Basis. 

Die erkennbare Grundlage

Können wir überhaupt etwas über Jesusworte wissen? Lange Zeit galt die Überlieferung als vollständig überformt durch das Verständnis derer, die sie aufgeschrieben haben. Erst die Forschung der letzten Jahrzehnte ermöglicht neue Einsichten: Aus den synoptischen Evangelien schimmern Worte hervor, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit Jesus zuschreiben lassen. Sie zu erkennen gibt es verschiedene Mittel, zwei davon seien hier kurz skizziert:

1) Das Unvergleichlichkeits-Kriterium: Worte, deren Inhalt sich weder aus dem damaligen Judentum noch dem Urchristentum erklären lassen (die damit unvergleichlich sind), könnten auf Jesus zurückgehen. Das Kriterium ist Gegenstand bissiger Kritik, die bisweilen gar unterstellt, es solle ein Keil zwischen Jesus und das Judentum getrieben werden. Das ist unsinnig, weil ja tatsächlich Worte überliefert sind, die deutlich vom damaligen jüdischen und urchristlichen Verständnis abweichen. Und das ist doch ein bedenkenswerter Umstand.

2) Das Kohärenz-Kriterium: Worte, die inhaltlich nicht zueinander passen (die nicht kohärent sind) können vermutlich nicht auf die gleiche Quelle – also nicht zugleich auf Jesus zurückgehen. Auch dieses Kriterium wird kritisiert: Jesus könnte gegen Ende seines Lebens zu gegenteiligen Einsichten gelangt sein, oder er habe eben einfach mal dieses und mal jenes gesagt. Doch angesichts der in sich völlig stimmigen Jesus-Botschaft erscheinen solche Einwände weniger plausibel als die Annahme unterschiedlicher Quellen.

Im Zusammenspiel dieser und anderer Kriterien ergeben sich Methoden, die mit guter Wahrscheinlichkeit (nicht mit Sicherheit!) auf tatsächliche Jesusworte schließen lassen. C. Petersen hat sie auf den griechischen Urtext der synoptischen Evangelien angewandt und gelangt zu 21 Worten, die er Jesus zuschreibt.[1] Einzig diese nutzt er als exegetische Basis. Aber können denn 21 Worte die Jesus-Botschaft zutreffend und restlos vollständig beschreiben?

Nicht genau, sondern mindestens 21

Die 21 Worte (vgl. Papier „Exegetische Grundlagen“) erfüllen die Kriterien der kritischen Bibelwissenschaft, insbes. gibt es zwischen ihnen keine inhaltlichen Brüche. Auch viele andere Exegeten halten sie für jesuanisch (allerdings ohne sich auf eine Anzahl festzulegen). Ein wichtiges Argument ist z.B., dass sich der Inhalt dieser Worte in frühen Textschichten findet, die nach wissenschaftlicher Auffassung näher am historischen Jesus sind als die synoptischen Evangelien. Alles in allem gibt es gute Gründe für die Annahme, dass diese 21 Worte die Jesus-Botschaft wahrscheinlich zutreffend wiedergeben.

Die Frage aber, ob sie denn die Jesus-Botschaft restlos vollständig wiedergeben, ist nicht zu klären. Denn die genannten Kriterien lassen keinen Nachweis der Vollständigkeit zu. Es scheint deshalb angeraten, die exegetische Basis offen zu halten für etwaige weitere Worte, deren jesuanischer Ursprung aber im Einzelfall belegt werden müsste – wie bei den 21 Worten auch. Man ist geneigt zu meinen, es werden sich noch viele weitere Jesusworte finden lassen. Aber so einfach ist das nicht.

Zum Beispiel:  Dein Reich komme?

Der Ursprung der Vaterunser-Bitte ist nach christlicher Überzeugung über jeden Zweifel erhaben. Doch die Bitte findet sich nicht unter den 21 Worten. Ist das richtig oder falsch?

Manche Theologen sehen unser menschliches Engagement für das Reich Gottes darauf beschränkt, um dessen Kommen zu bitten. Für sie gilt das Vaterunser als Hauptbeleg der jenseitigen Reich-Gottes-Auffassung: „Jesu Basileia ist eine eschatologische, und zwar noch zukünftige Größe, die herbeigewünscht wird“ – so schreibt  H. Schürmann über die Bitte „Vater es komme dein Reich“.[2]  J.M. Robinson macht dagegen geltend, dass solcherart Erwartung im krassen Widerspruch zu anderen Jesusworten steht: „Jesus lehnte es ab, irgendeinen bestimmten Ort zu benennen, an dem das Kommen des Reichs irgendwann in der Zukunft erwartet werden kann, denn es ist ja bereits gegenwärtig im Hier und Jetzt. … Der springende Punkt ist, dass das Reich nicht irgendwo und nicht irgendwann erscheinen wird, sondern es ist bereits da – in der gegenwärtigen Erfahrung der Menschen heute“.[3] Hier liefert also das Kohärenz-Kriterium ein klares Ergebnis: Im Sinne des Hoffens auf ein zukünftig-jenseitiges Gottesreich passt die Vaterunser-Bitte eindeutig nicht zur übrigen Jesus-Botschaft.

Könnte das Gebet nicht dennoch von Jesus stammen und das gegenwärtige Gottesreich meinen: sein „Kommen“ im Sinne weiteren Wachsens? Tatsächlich geht es im Kern offenbar um die Gegenwartssorgen der Menschen, die Bitten um das Kommen des Gottesreiches und um das tägliche Brot geschehen in einem Atemzug. Aber warum sollte Jesus um das Wachsen von Gottes Reich bitten, wenn er doch überzeugt war, dass es automatisch wächst (Mk 4,26)? Passt denn eine solche Bitte zu seiner Gewissheit, dass es so unaufhaltsam wachsen wird, wie der Sauerteig das Brot durchsäuert (Lk 13,21)? Die Bitte passt nicht, und deshalb gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Vaterunser-Gebet auch im gegenwärtigen Verständnis nicht auf Jesus zurückgeht, sondern auf frühchristliche Wanderprediger (die in der Tat nicht wussten, woher ihr Brot heute kommen würde). Freileich bleibt mit einer Rest-Wahrscheinlichkeit auch ein zweiter Aspekt denkbar: Jesus könnte seine Zuhörer angehalten haben, die Gewissheit der Wachstumsgleichnisse im Gebet zu verinnerlichen, etwa im Sinne von: Lass sich ausbreiten deine Herrschaft. Das würde weder dieser Gewissheit noch Jesu Einladung zum Umdenken zuwiderlaufen, sondern hätte deren Bestärkung zum Ziele. In diesem Sinne könnte das Gebet auf Jesus zurückgehen – zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Abschließend lässt sich hier wohl nicht urteilen.

Dennoch scheint klar: Im zukünftig-jenseitigen Sinne kann die Vaterunser-Bitte gar nicht auf Jesus zurückgehen, und im Sinne des gegenwärtigen Reichs nur unter gleichzeitigen Gegenargumenten. Deshalb ist sie wohl nicht im gleichen Status wie die 21 Worte, welche sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Jesus zurückführen lassen – ohne erkennbare Gegenargumente.

Fragliche Jesusworte

Wenn für ein untersuchtes Wort das Kohärenz-Kriterium gravierende inhaltliche Brüche anzeigt, so ist dies sicherlich kein Jesuswort. Gibt es dagegen solche Brüche nicht, so wären die sonstigen Merkmale zu untersuchen. Dabei sind drei Ergebnisse denkbar: Lassen sich die Merkmale relativ sicher als jesuanisch bestimmen, so handelt es sich wahrscheinlich um ein Jesuswort. Lassen sie sich nicht abschließend klären, so muss der Ursprung des Wortes fraglich bleiben. Und lassen sich die Merkmale relativ sicher einem anderen Umfeld zuordnen – zum Beispiel dem nachösterlichen Gemeindeglauben –,  so handelt es sich wahrscheinlich um kein direktes Jesuswort (und auch solche Worte verdienen aber Beachtung als frühchristliches Zeugnis, das dem Geist der Jesusworte nahesteht!).

Neben den relativ gut gesicherten 21 Worten müssen wir also zumindest auch fragliche Jesusworte unter Vorbehalt gelten lassen. Werden diese dann die exegetische Basis verwässern? Im obigen Beispiel: Was würde davon anders, wenn Jesus ein Gebet über die Ausbreitung des gegenwärtigen Gottesreiches gelehrt hätte? Wohl nichts Entscheidendes. Fragliche Jesusworte werden allenfalls ergänzende Aspekte beibringen. Sie können gar nicht zu wesentlichen inhaltlichen Veränderungen führen – denn in solchem Falle hätte das Kohärenz-Kriterium das Wort von vornherein nicht zugelassen!

Ist das nicht ein Zirkelschluss, wenn das Kohärenz-Kriterium „nicht genehme“ Worte einfach ausblendet? Und stellt nicht überhaupt die Auswahl von Worten eine unzulässige Verkürzung des Evangeliums dar? Beides ist nicht zutreffend. Die 21 Worte sind realer Bestandteil der Überlieferung und es gibt gute Gründe, sie Jesus zuzusprechen. Doch wenn man das tut, sollte man nicht Worte ganz anderen Inhalts gleichfalls für jesuanisch halten. Jesus kann wohl nicht einerseits gesagt haben: Kommt, das Reich Gottes ist schon bereit (Lk 14,17) – und zugleich: Wartet noch, das Reich Gottes wird erst mit dem Kommen des Menschensohns beginnen (Mt 24,29ff). Wenn wir nicht meinen wollen, Jesus „sei schizophren gewesen“, so müssen wir die kohärenten (die inhaltlich zusammengehörigen) Worte auswählen.

Fazit

Ob wir den 21 Jesusworten weitere fragliche Worte zur Seite stellen oder nicht – das Entscheidende ist wohl dies: Bereits die 21 Worte bilden ein Kontinuum, ein stimmiges Bild der Jesus-Botschaft, wie sie in Markus 1,15 zusammengefasst ist. Sie liefern eine homogene und ausreichende exegetische Basis. Falls sich weitere Jesusworte frei von Gegenargumenten finden lassen, so wäre das ein Plus. Und falls nicht, so wäre das kein Minus.


[1]Claus Petersen: Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes, Kreuz 2005
[2] Heinz Schürmann: Gottes Reich – Jesu Geschick, Herder 1983, S.103
[3] James M. Robinson: Jesus und die Suche nach dem ursprünglichen Evangelium, Vandenhoek & Rupprecht 2007, S.166ff

Autor: Klaus Simon


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