39. Kalenderwoche (21.–27. September 2020)

 

Herbst  Tau
Mangrovenwälder
Laubfärbung  Bakterien Monarchfalter Leid

 

 

Montag

Herbst

 

Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält:
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel (1813–1863, deutscher Dramatiker und Lyriker)

In 365 Tagen läuft die Erde einmal um die Sonne. Da die Erdachse um 23,5 Grad geneigt ist, fällt das Sonnenlicht im Verlauf des Jahres mit unterschiedlichem Winkel auf die Erde. Dadurch entstehen die Jahreszeiten.

Nach Einbruch der Dunkelheit dominieren weiterhin Jupiter und Saturn, die beiden größten Planeten des Sonnensystems, das Himmelsgeschehen. Am späteren Abend erscheint der rötliche Mars am Osthimmel. Er wird deutlich heller und übertrifft im Laufe des Monats sogar Jupiter an Glanz. Am 25. September bietet sich abends die wohl schönste Konstellation des Monats: Der gut halb beleuchtete Mond bildet dann mit Jupiter und Saturn ein kleines Dreieck.

Dienstag, 22. September 2020: astronomischer Herbstanfang auf der Nordhalbkugel

 

Dienstag

Tau

 

Tau ist ein beschlagender Niederschlag aus flüssigem Wasser. Durch Abkühlung der Luft unter den Taupunkt kondensiert der Wasserdampf der Luft an bodennahen Objekten. Dies geschieht besonders am frühen Morgen, da dann die Temperaturen wegen der fortgeschrittenen nächtlichen Wärmeabstrahlung der Erde am tiefsten sind (Morgentau). Kommt es anschließend zu einem Gefrieren der Tropfen, so spricht man von gefrorenem Tau, bei der Resublimation von Wasserdampf zu Eis spricht man von Raureif, der zu Reif oder Raueis (Raufrost) übergehen kann.

Seine besondere Bedeutung erhält der Tau dadurch, dass er sich bevorzugt an der Vegetationsoberfläche bildet und deren Wasserversorgung dadurch trotz der eher geringen Absolutmengen verbessern kann.

22. September 2020: astronomischer Herbstanfang auf der Nordhalbkugel

 

 

Mittwoch

Mangrovenwälder – „Kinderstube“ des Meeres

 

Mangrovenwälder sind ein sensibles Ökosystem an der Schnittstelle zwischen Wasser und Land. Sie stabilisieren die Küste und verhindern Erosion und Überschwemmungen, sie bilden einen wichtigen Lebensraum für eine Vielzahl von Lebewesen unter und über Wasser: Reptilien, Wasservögel, Säugetiere, Muscheln, Krabben und Fische. Mangrovenwälder setzen sich aus immergrünen salzresistenten Sträuchern und Bäumen zusammen, die zu unterschiedlichen Pflanzenfamilien gehören. Allen Arten ist jedoch gemeinsam, dass sie an die extremen Lebensbedingungen im Gezeitenbereich durch die Entwicklung spezieller Strukturen und physiologischer Prozesse angepasst sind. Neben Korallenriffen und den tropischen Regenwäldern zählen Mangrovenwälder zu den bioaktivsten Regionen der Welt. Wo sie intakt sind, leuchtet der Boden tiefbraun und fettig und ist voll von nährstoffreichen Ablagerungen, von denen sich der Laich und die Jungtiere zahlreicher Organismen ernähren, bevor sie aufs offene Meer ziehen. In den Kronen des Mangrovenwaldes leben Reptilien und Säugetiere. Viele Wasservögel nutzen das reiche Nahrungsangebot und nisten in den Baumkronen. Das dichte Wurzelwerk der Mangroven bietet einer großen Zahl von Organismen auf engem Raum eine hohe Zahl kleinster Habitate. Die mit 10.000 Quadratkilometern größten Mangrovenwälder der Welt vor der Küste von Bangladesch sind die Heimat Hunderter bedrohter Arten, darunter Tiger, Delfine, Schlangen, Krokodile und Vögel.

Mangrovenwälder entlang tropischer Küsten können riesige Mengen Treibhausgas speichern, folgern Forscher um Daniel C. Donato vom US-amerikanischen Forest Service (USDA) auf Hawaii in ihrer Studie, die sie in der Fachzeitschrift „Nature Geoscience“ veröffentlicht haben. Der Kohlenstoff findet sich nicht nur in den Bäumen, sondern zum Großteil im überschwemmten Boden bis in drei Meter Tiefe. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam, das 25 Mangrovenwälder im indo-pazifischen Raum untersucht hat. Bis zu 98 Prozent der Speicherkapazität geht auf organisches Material im Boden zurück, folgern die Forscher in ihrer Studie. Die weltweit etwa 15 Millionen Hektar Mangrovenwälder zählen zu den kohlenstoffreichsten Wäldern in den Tropen. Die größten Mangrovenwälder der Erde sind die Sundarbans (wörtlich „schöner Wald“). Sie verbinden den indischen Bundesstaat Westbangalen mit Bangladesch und umfassen ein Gebiet von etwa 10.000 Quadratkilometern.

Uralte, abgestorbene Mangrovenwälder können vor zerstörerischen Erdbebenwellen schützen. Zu diesem Ergebnis kamen französische Forscher, die auf der Karibikinsel Guadeloupe die Wirkung von Erdbeben analysiert haben (ihre Studie wurde im Jahr 2011 im Fachblatt „Bulletin of Seismological Society of America“ veröffentlicht). Sie bohrten an mehreren Stellen bis in 40 Meter Tiefe. Mit Sensoren ermittelten sie die Ausbreitung von Bebenwellen und stellten fest, dass diese durch eine Schicht abgestorbener Mangrovenwälder effizient gedämpft wurden.

Zwischen 1980 und 2005 sind weltweit 20 Prozent der Mangrovenwälder durch menschliche Eingriffe zerstört worden, mehr als die Hälfte davon (52 Prozent) wegen der Errichtung von Aquakulturen. Allein auf den Philippinen sind wegen Shrimpsfarmen zwei Drittel der Mangrovenwälder abgeholzt worden.

 

Donnerstag

Laubfärbung

 

Romantiker vergleichen den Herbst mit einem Maler. Vor allem aber ist er der große Dynamiker unter den Jahreszeiten. Erst produziert er Millionen Tonnen Früchte, dann die glühendsten Farben und dann trifft er auch noch, äußerst raffiniert, Vorsorge für ein Überleben der Pflanzen im Winter.
Noch nicht lange kennt man den chemischen Prozess der Frostschutzmaßnahmen in allen Einzelheiten, der dazu führt, dass jetzt die Natur in den heißesten Farben glüht: Erst ziehen die Bäume den grünen Farbstoff Chlorophyll aus ihren Blättern ab, um die darin enthaltenen Nährstoffe in Ästen, Stamm und Wurzeln bis zum Frühjahr zu speichern. In den Blättern bleiben zunächst Substanzen wie Anthocyane oder Carotine, die, je nach Konzentration, die Blätter rot, gelb oder orange färben – feuerfarben eben. Zwischen Blatt und Zweig bildet sich etwas Kork, der die Nährstoffzufuhr kappt und als Sollbruchstelle dient. Wenn das verfärbte Blatt vertrocknet, fällt es deshalb, anders als früher angenommen, ohne einen Windhauch.
(Aus: Evelyn Scherfenberg, Natur in Flammen. Der Herbst, die Zeit der reifen Leistungen, Nürnberger Nachrichten vom 21./22. November 2000)

 

Freitag

Bakterien

 

Bakterien sind seit mehr als drei Milliarden Jahren auf der Erde und somit die ersten Lebewesen überhaupt. Sie leben selbst in einer Tiefe von 1,6 Kilometern unter dem Meeresboden unter schier unwirtlichen Bedingungen bei Temperaturen von bis zu 100 Grad Celsius in Millionen Jahre alten Sedimenten. Damit stecken sie tiefer im Meeresboden als jede andere zuvor entdeckte Population. Sie ernähren sich dort unter anderem von Erdgas (Methan).
Bakterien spielen im menschlichen Körper eine große Rolle. So lebt im menschlichen Darm eine Vielzahl von Bakterien, die zusammen die verdauungsfördernde Darmflora bilden. Die Haut des gesunden Menschen ist von harmlosen Bakterien besiedelt, die die Hautflora bilden. Eine besonders hohe Anzahl von Bakterien befindet sich auf den Zähnen. Bakterien können aber auch als Krankheitserreger wirken.
Unverzichtbar für bedeutende geochemische Stoffkreisläufe sind viele Bodenbakterien, die als Destruenten wirken beziehungsweise Nährsalze für die Pflanzen verfügbar machen.
Über dreihundert Jahre nach der ersten Beschreibung von Bakterien und trotz unzähliger schon beschriebener und katalogisierter Arten ist nach heutigem Kenntnisstand anzunehmen, dass die große Mehrheit (ca. 95 bis 99 Prozent) aller auf unserem Planeten existierenden Bakterienarten bisher weder näher bekannt ist noch beschrieben wurde. Daher kommt es immer wieder zu neuen Entdeckungen.

Heute bietet sich abends die wohl schönste Konstellation des Monats: Der gut halb beleuchtete Mond bildet dann mit Jupiter und Saturn ein kleines Dreieck.

 

Samstag

Monarchfalter

 

Der Monarchfalter ist ein auffällig orange und schwarz gezeichneter Schmetterling aus der Familie der Edelfalter. Er ist in Amerika weit verbreitet und hat sich im 18. Jahrhundert über den Südpazifik bis nach Australien ausgebreitet. Der Monarchfalter ist der am besten erforschte Schmetterling Nordamerikas und ein berühmter Wanderfalter. Einzelne Tiere legen bei Wanderungen im Herbst in Nordamerika bis zu 3600 Kilometer zurück.

Schwärme von Monarchfaltern sind jeden Herbst ein grandioser Anblick in Orange und Schwarz: Zu Millionen fliegen sie von Kanada und den USA aus zum Überwintern nach Mexiko. Die östliche Population in Nordamerika überwintert mit mehreren 100 Millionen Tieren auf wenigen Hektar in der mexikanischen Sierra Nevada. Alljährlich im November wird das mexikanische Michoacán-Hochland von einem schwarz-gelben Teppich überzogen. Mehrere 100 Millionen, möglicherweise bis zu einer Milliarde Monarchfalter legen dann die letzten Meter ihrer Reise zurück, die sie von Südkanada über die USA bis nach Mexiko führte. Unter den faszinierten Blicken der Einwohner und Touristen nehmen die ein halbes Gramm wiegenden Tagfalter in den Wipfeln der Oyamel-Tannen Platz, um im milden Klima der zentralmexikanischen Hochlandwälder zu überwintern und Mitte April die Rückreise nach Kanada anzutreten. Einem der Winterquartiere des Monarchfalters, dem Biosphärenreservat Mariposa Monarca an der Grenze zwischen den mexikanischen Bundesstaaten Michoacán und México, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Mexiko-Stadt, verlieh die Unesco im Jahr 2008 den Rang eines Naturerbes. Obwohl das Gebiet streng geschützt ist, werden allerdings immer mehr „Überwinterungsbäume“ abgeholzt.

Seit in den USA infolge der Ausbreitung gentechnisch veränderter Pflanzen auch der Verbrauch von Totalherbiziden drastisch angestiegen ist, bricht die imposante Population des Falters ein. Denn die Herbizide vernichten nicht nur Unkraut in Soja- oder Maisäckern, sie dezimieren auch die Futterpflanze seiner Raupen. Die Population des Monarchfalters ist deshalb auf einem Tiefpunkt angelangt.

Auch viele Falter Mitteleuropas begeben sich im Herbst auf lange Wanderungen, zum Beispiel der Distelfalter, der Admiral, der Postillon, der Totenkopfschwärmer, der Windenschwärmer, das Taubenschwänzchen, der Hummelschwärmer und die Gamma-Eule. Sogar Kohlweißlinge, Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs und andere Falterarten begeben sich auf Reisen, allerdings legen sie nur Kurzstrecken zurück. Wenn sich also im Herbst die Schwalben auf den Telegrafenleitungen versammeln und am Himmel die ersten Kraniche auf ihrem Weg nach Süden auftauchen, sollte man seinen Blick auch einmal ein paar Etagen tiefer lenken. Denn dort sind in nur wenigen Metern Höhe zahlreiche wandernde Schmetterlinge auf ihrem Weg in die Überwinterungsquartiere unterwegs.

 

Sonntag

Leid

 

Es gibt kein fremdes Leid,
mit dem wir nichts zu tun hätten.

Dorothee Sölle (1929–2003, Theologin und Pazifistin)


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