39. Kalenderwoche (26. September – 2. Oktober 2022)

 

Herbst Tau
Mangrovenwälder
Laubfärbung Vogelzug (2), Vogelschwarm
Monarchfalter Leid

 

 

Montag

Herbst

 

Die Jahreszeiten sind der geheime Motor allen Lebens auf der Erde. Seit Ende der Eiszeit prägen sie den Rhythmus der Natur. Menschen, Tiere und Pflanzen richten sich nach ihnen.

 

Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält:
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel (1813–1863, deutscher Dramatiker und Lyriker)

 

In 365 Tagen läuft die Erde einmal um die Sonne. Da die Erdachse um 23,5 Grad geneigt ist, fällt das Sonnenlicht im Verlauf des Jahres mit unterschiedlichem Winkel auf die Erde. Dadurch entstehen die Jahreszeiten.

 

Dienstag

Tau

 

Tau ist ein beschlagender Niederschlag aus flüssigem Wasser. Durch Abkühlung der Luft unter den Taupunkt kondensiert der Wasserdampf der Luft an bodennahen Objekten. Dies geschieht besonders am frühen Morgen, da dann die Temperaturen wegen der fortgeschrittenen nächtlichen Wärmeabstrahlung der Erde am tiefsten sind (Morgentau). Kommt es anschließend zu einem Gefrieren der Tropfen, so spricht man von gefrorenem Tau, bei der Resublimation von Wasserdampf zu Eis spricht man von Raureif, der zu Reif oder Raueis (Raufrost) übergehen kann.

Seine besondere Bedeutung erhält der Tau dadurch, dass er sich bevorzugt an der Vegetationsoberfläche bildet und deren Wasserversorgung dadurch trotz der eher geringen Absolutmengen verbessern kann.

 

Mittwoch

Mangrovenwälder – „Kinderstube“ des Meeres

 

Mangrovenwälder sind ein sensibles Ökosystem an der Schnittstelle zwischen Wasser und Land. Sie stabilisieren die Küste und verhindern Erosion und Überschwemmungen, sie bilden einen wichtigen Lebensraum für eine Vielzahl von Lebewesen unter und über Wasser: Reptilien, Wasservögel, Säugetiere, Muscheln, Krabben und Fische. Mangrovenwälder setzen sich aus immergrünen salzresistenten Sträuchern und Bäumen zusammen, die zu unterschiedlichen Pflanzenfamilien gehören. Allen Arten ist jedoch gemeinsam, dass sie an die extremen Lebensbedingungen im Gezeitenbereich durch die Entwicklung spezieller Strukturen und physiologischer Prozesse angepasst sind. Neben Korallenriffen und den tropischen Regenwäldern zählen Mangrovenwälder zu den bioaktivsten Regionen der Welt. Wo sie intakt sind, leuchtet der Boden tiefbraun und fettig und ist voll von nährstoffreichen Ablagerungen, von denen sich der Laich und die Jungtiere zahlreicher Organismen ernähren, bevor sie aufs offene Meer ziehen. In den Kronen des Mangrovenwaldes leben Reptilien und Säugetiere. Viele Wasservögel nutzen das reiche Nahrungsangebot und nisten in den Baumkronen. Das dichte Wurzelwerk der Mangroven bietet einer großen Zahl von Organismen auf engem Raum eine hohe Zahl kleinster Habitate. Die mit 10.000 Quadratkilometern größten Mangrovenwälder der Welt vor der Küste von Bangladesch sind die Heimat Hunderter bedrohter Arten, darunter Tiger, Delfine, Schlangen, Krokodile und Vögel.

Mangrovenwälder entlang tropischer Küsten können riesige Mengen Treibhausgas speichern, folgern Forscher um Daniel C. Donato vom US-amerikanischen Forest Service (USDA) auf Hawaii in ihrer Studie, die sie in der Fachzeitschrift „Nature Geoscience“ veröffentlicht haben. Der Kohlenstoff findet sich nicht nur in den Bäumen, sondern zum Großteil im überschwemmten Boden bis in drei Meter Tiefe. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam, das 25 Mangrovenwälder im indo-pazifischen Raum untersucht hat. Bis zu 98 Prozent der Speicherkapazität geht auf organisches Material im Boden zurück, folgern die Forscher in ihrer Studie. Die weltweit etwa 15 Millionen Hektar Mangrovenwälder zählen zu den kohlenstoffreichsten Wäldern in den Tropen. Die größten Mangrovenwälder der Erde sind die Sundarbans (wörtlich „schöner Wald“). Sie verbinden den indischen Bundesstaat Westbangalen mit Bangladesch und umfassen ein Gebiet von etwa 10.000 Quadratkilometern.

Mangroven fungieren als natürliche Wellenbrecher und sind ein höchst wirksamer Schutz vor Überschwemmungen. Laut der Studie The Global Value of Mangroves for Risk Reduction and Resilience kann ein Mangrovenwald von 500 Metern Breite Wellenhöhen um 50 bis 100 Prozent senken.

Uralte, abgestorbene Mangrovenwälder können vor zerstörerischen Erdbebenwellen schützen. Zu diesem Ergebnis kamen französische Forscher, die auf der Karibikinsel Guadeloupe die Wirkung von Erdbeben analysiert haben (ihre Studie wurde im Jahr 2011 im Fachblatt „Bulletin of Seismological Society of America“ veröffentlicht). Sie bohrten an mehreren Stellen bis in 40 Meter Tiefe. Mit Sensoren ermittelten sie die Ausbreitung von Bebenwellen und stellten fest, dass diese durch eine Schicht abgestorbener Mangrovenwälder effizient gedämpft wurden.

Zwischen 1980 und 2005 sind weltweit 20 Prozent der Mangrovenwälder durch menschliche Eingriffe zerstört worden, mehr als die Hälfte davon (52 Prozent) wegen der Errichtung von Aquakulturen. Allein auf den Philippinen sind wegen Shrimpsfarmen zwei Drittel der Mangrovenwälder abgeholzt worden.

 

Donnerstag

Laubfärbung

 

Romantiker vergleichen den Herbst mit einem Maler. Vor allem aber ist er der große Dynamiker unter den Jahreszeiten. Erst produziert er Millionen Tonnen Früchte, dann die glühendsten Farben und dann trifft er auch noch, äußerst raffiniert, Vorsorge für ein Überleben der Pflanzen im Winter.
Noch nicht lange kennt man den chemischen Prozess der Frostschutzmaßnahmen in allen Einzelheiten, der dazu führt, dass jetzt die Natur in den heißesten Farben glüht: Erst ziehen die Bäume den grünen Farbstoff Chlorophyll aus ihren Blättern ab, um die darin enthaltenen Nährstoffe in Ästen, Stamm und Wurzeln bis zum Frühjahr zu speichern. In den Blättern bleiben zunächst Substanzen wie Anthocyane oder Carotine, die, je nach Konzentration, die Blätter rot, gelb oder orange färben – feuerfarben eben. Zwischen Blatt und Zweig bildet sich etwas Kork, der die Nährstoffzufuhr kappt und als Sollbruchstelle dient. Wenn das verfärbte Blatt vertrocknet, fällt es deshalb, anders als früher angenommen, ohne einen Windhauch.
(Aus: Evelyn Scherfenberg, Natur in Flammen. Der Herbst, die Zeit der reifen Leistungen, Nürnberger Nachrichten vom 21./22. November 2000)

 

Freitag

Vogelzug (2), Vogelschwarm

 

Mehr als 100 Millionen Zugvögel verlassen im Herbst ihre Brutgebiete in Deutschland, um eine Reise in wärmere Gefilde anzutreten – in großen Schwärmen oder auch allein. Eine noch weitaus größere Zahl überquert unser Land, tankt an geeigneten Rastplätzen wie dem Wattenmeer oder dem Niederrhein auf, um dann weiterzuziehen, oder aber macht den Winter über bei uns Station. Die meisten Singvögel brechen bei sternenklarem Nachthimmel zwischen Dämmerung und Mitternacht auf und fliegen, von den meisten Menschen unbemerkt, im Schutz der Dunkelheit. Greifvögel wie Wespenbussard oder Rotmilan dagegen fliegen am Tag, da sie die Thermik zum Aufsteigen nutzen, um dann in großen Höhen gegen Süden zu ziehen.

14. Mai und 8. Oktober 2022: Weltzugvogeltag

Hier stellt der Naturschutzbund Deutschland (NABU) zum Birdwatch einige der bekanntesten Zugvögel sowie Herbst- und Wintergäste in Deutschland vor.

Erstes Wochenende im Oktober: EuroBirdwatch

 

Im Herbst kann man beeindruckende Schwarmformationen von Tausenden Staren beobachten: perfekt aufeinander abgestimmt, gleiten sie in hohem Tempo durch die Luft. Wie ein dunkler, transparenter Chiffonschal im Wind schwebt der Schwarm am Abendhimmel, ballt sich zu einer schwarzen Kugel, stürzt in Form eines Tornadowirbels dem Erdboden entgegen und schwingt sich wieder als leichte Wolke empor. Nachdem die Stare tagsüber in kleineren Trupps auf Nahrungssuche geflogen sind, sammeln sie sich abends, bevor sie ihre Schlafplätze aufsuchen, oft zu riesigen Schwärmen und vollführen rasch wechselnde, halsbrecherisch anmutende Flugübungen. Dann erscheinen sie wie ein einziges großes Lebewesen. Im Jahr 2016 wurden bei Freiburg in Baden-Württemberg Schwärme vom 100.000 Staren gesehen, in Schleswig-Holstein bei Gotteskoogsee zwischen Niebüll und der deutsch-dänischen Grenze waren es 220.000 Stare. Die größten Schwärme von über einer Million Stare gibt es in Rom und anderen Orten ihrer Überwinterungsgebiete.

In der Biologie bezeichnet der Begriff „Vogelschwarm“ eine Gruppe von Vögeln, deren Mitglieder sich untereinander nicht individuell kennen, die aber gemeinsam einen Superorganismus bilden. Wissenschaftler auf der ganzen Welt versuchen, hinter das Geheimnis der sogenannten Schwarm-Intelligenz zu kommen.

 

Samstag

Monarchfalter

 

Der Monarchfalter ist ein auffällig orange und schwarz gezeichneter Schmetterling aus der Familie der Edelfalter. Er ist in Amerika weit verbreitet und hat sich im 18. Jahrhundert über den Südpazifik bis nach Australien ausgebreitet. Der Monarchfalter ist der am besten erforschte Schmetterling Nordamerikas und ein berühmter Wanderfalter. Einzelne Tiere legen bei Wanderungen im Herbst in Nordamerika bis zu 3600 Kilometer zurück.

Schwärme von Monarchfaltern sind jeden Herbst ein grandioser Anblick in Orange und Schwarz: Zu Millionen fliegen sie von Kanada und den USA aus zum Überwintern nach Mexiko. Die östliche Population in Nordamerika überwintert mit mehreren 100 Millionen Tieren auf wenigen Hektar in der mexikanischen Sierra Nevada. Alljährlich im November wird das mexikanische Michoacán-Hochland von einem schwarz-gelben Teppich überzogen. Mehrere 100 Millionen, möglicherweise bis zu einer Milliarde Monarchfalter legen dann die letzten Meter ihrer Reise zurück, die sie von Südkanada über die USA bis nach Mexiko führte. Unter den faszinierten Blicken der Einwohner und Touristen nehmen die ein halbes Gramm wiegenden Tagfalter in den Wipfeln der Oyamel-Tannen Platz, um im milden Klima der zentralmexikanischen Hochlandwälder zu überwintern und Mitte April die Rückreise nach Kanada anzutreten. Einem der Winterquartiere des Monarchfalters, dem Biosphärenreservat Mariposa Monarca an der Grenze zwischen den mexikanischen Bundesstaaten Michoacán und México, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Mexiko-Stadt, verlieh die Unesco im Jahr 2008 den Rang eines Naturerbes. Obwohl das Gebiet streng geschützt ist, werden allerdings immer mehr „Überwinterungsbäume“ abgeholzt.

Seit in den USA infolge der Ausbreitung gentechnisch veränderter Pflanzen auch der Verbrauch von Totalherbiziden drastisch angestiegen ist, bricht die imposante Population des Falters ein. Denn die Herbizide vernichten nicht nur Unkraut in Soja- oder Maisäckern, sie dezimieren auch die Futterpflanze seiner Raupen. Die Population des Monarchfalters ist deshalb auf einem Tiefpunkt angelangt.

Laut der am 21. Juli 2022 von der Weltnaturschutzunion IUCN vorgestellten Aktualisierung der Roten Liste der bedrohten Tier- und Pflanzenarten wurde der Wandernde Monarchfalter als stark gefährdet eingestuft. Die Unterart des Monarchfalters wurde zum ersten Mal untersucht. Die Wanderung der orangenen Schmetterlinge von Kanada und den USA nach Mexiko und Kalifornien ist ein Naturphänomen in Gefahr: Vor allem der westliche Bestand steht vor dem Aus. Von geschätzten zehn Millionen Schmetterlingen in den 1980ern verbleiben dort nur noch um die 1.900.

Auch viele Falter Mitteleuropas begeben sich im Herbst auf lange Wanderungen, zum Beispiel der Distelfalter, der Admiral, der Postillon, der Totenkopfschwärmer, der Windenschwärmer, das Taubenschwänzchen, der Hummelschwärmer und die Gamma-Eule. Sogar Kohlweißlinge, Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs und andere Falterarten begeben sich auf Reisen, allerdings legen sie nur Kurzstrecken zurück. Wenn sich also im Herbst die Schwalben auf den Telegrafenleitungen versammeln und am Himmel die ersten Kraniche auf ihrem Weg nach Süden auftauchen, sollte man seinen Blick auch einmal ein paar Etagen tiefer lenken. Denn dort sind in nur wenigen Metern Höhe zahlreiche wandernde Schmetterlinge auf ihrem Weg in die Überwinterungsquartiere unterwegs.

 

Sonntag

Leid

 

Es gibt kein fremdes Leid,
mit dem wir nichts zu tun hätten.

Dorothee Sölle (1929–2003, Theologin und Pazifistin)


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