Verletzungen der Welt. 16. KW: Tierversuche

Unter der Rubrik Verletzungen der Welt werden die wohl gravierendsten Verletzungen der Welt aufgeführt. Zu Beginn wird die jeweilige Thematik in den Reich-Gottes-Zusammenhang gerückt, es folgen grundsätzliche Informationen, sodann Beispiele für ein sich der entsprechenden Verletzung widmendes heilendes Engagement. Ein letzter Punkt weist schließlich darauf hin, dass die Realisierung unserer Weltverbundenheit bzw. eine Reich-Gottes-Spiritualität dem verletzenden Handeln selbst den Boden entziehen, aber vielleicht auch die stärksten und nachhaltigsten Kräfte zur Heilung der Welt freisetzen würde. Die Seiten werden kontinuierlich überarbeitet und aktualisiert.
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24. April: Internationaler Tag des Versuchstiers

 

Tierversuche

 

Einen tiefen Graben
Hat der Mensch gezogen
Tiere sind nur Mittel
Ziele zu erreichen

Sie denken, sprechen nicht wie wir
Doch Hunger, Durst und Appetit
Gefühl, da ist kein Unterschied
Sie freuen sich, empfinden Schmerz

Mit Versuchen sie zu quälen
Müssen wir uns selbst betäuben
Um so etwas eiskalt ertragen zu können
Bedarf es schon seelischer Anästhesie

Doch ungerührt die Wissenschaft
Glaubt fest an Objektivität
Die Selbstnarkose aufzugeben
Würd‘ eine Dimension eröffnen

Hans Bischlager

(jetzt veröffentlicht in: Hans Bischlager, Entschieden wird im Untergrund. Politische Gedichte, Hamburg 2017, Seite 23)

 

„We have also parks and enclosures of all sorts of beasts and birds which we use not only for view or rareness, but likewise for dissections and trials; that thereby we may take light what may be wrought upon the body of man.  Wherein we find many strange effects; as continuing life in them, though divers parts, which you account vital, be perished and taken forth; resuscitating of some that seem dead in appearance; and the like.  We try also all poisons and other medicines upon them, as well of chirurgery, as physic.  By art likewise, we make them greater or taller than their kind is; and contrariwise dwarf them, and stay their growth: we make them more fruitful and bearing than their kind is; and contrariwise barren and not generative.  Also we make them differ in colour, shape, activity, many ways.  We find means to make commixtures and copulations of different kinds; which have produced many new kinds, and them not barren, as the general opinion is.  We make a number of kinds of serpents, worms, flies, fishes, of putrefaction; whereof some are advanced (in effect) to be perfect creatures, like bests or birds; and have sexes, and do propagate. Neither do we this by chance, but we know beforehand, of what matter and commixture what kind of those creatures will arise.
„We have also particular pools, where we make trials upon fishes, as we have said before of beasts and birds.
„We have also places for breed and generation of those kinds of worms and flies which are of special use; such as are with you your silk-worms and bees.
(Aus: Francis Bacon, The New Atlantis, 1624)

„Zwischen Maschinen und Tieren ist kein Unterschied, auch wenn es Maschinen gäbe, welche die Organe und äußere Gestalt eines Affen besäßen, (…) so sind diese Maschinen in nichts von den Automaten zu unterscheiden, (…) denn allein der Mensch verfügt über Vernunft und Sprache, die nicht an die Disposition der Organe gebunden sind.“ (René Descartes, Abhandlungen über die Methode, Reclam Verlag, Stuttgart 2001, 105 [5. Kapitel]).

„Der Tierversuch ist das schwärzeste aller schwarzen Verbrechen.“ (Mahatma Gandhi)

 

INFORMATIONEN

 

Nicht nur Medikamente werden vor der Markteinführung in Tierversuchen getestet, sondern auch Reinigungsmittel, Pflanzenschutzmittel, viele Kosmetika und andere Alltagsprodukte. 100.000.000 Tiere werden Schätzungen zufolge jedes Jahr weltweit für Tierversuche verwendet. Meist Mäuse und Ratten, aber auch Primaten.

Europaweit werden jedes Jahr an mindestens zwölf Millionen Tieren Versuche durchgeführt, Tendenz steigend.

In Deutschland sind im Jahr 2019 nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) vom 8. Dezember 2020 2.902.348 Tiere in Versuchen „verwendet“ worden. Davon wurden 699.756 Tiere „zu wissenschaftlichen Zwecken“ getötet. Bei etwa 75 Prozent der eingesetzten Versuchstiere handelte es sich um Nagetiere, vor allem Mäuse und Ratten, wobei Mäuse etwa 65 Prozent der eingesetzten Tiere ausmachten. Circa 16 Prozent der Tiere waren Fische, rund vier Prozent Kaninchen und etwa 2 Prozent Vögel. 3.276 Affen und Halbaffen wurden verwendet. Etwa 955.000 Tiere waren genetisch verändert.

Informationen zu Tierversuchen in der Bundeswehr finden sich in der Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Kleine Anfrage, Drucksache 19/27012 des Deutschen Bundestages vom 25. Februar 2021.

Wie die Neue Osnabrücker Zeitung unter Berufung auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen am 23. April 2020 berichtete, wurden in deutschen Forschungseinrichtungen im Jahr 2017 3,9 Millionen Versuchstiere gezüchtet und ohne wissenschaftliche Verwendung getötet. Die Zahlen seien in dieser Form zum ersten Mal erhoben und an die EU-Kommission gemeldet worden. Bisher habe die Bundesregierung lediglich angegeben, wie viele Tiere für Versuche genutzt oder zum Beispiel für den Zweck der Organentnahme getötet wurden. 2017 seien das etwa 2,8 Millionen Tiere gewesen. Ein Grund für die Tötung könne sein, dass die Tiere im Zuge der Zucht nicht die Eigenschaften hätten, die für den jeweiligen Versuch benötigt werden. Europaweit wurden 2017 nach Angaben der Bundesregierung 12,6 Millionen Versuchstiere getötet, ohne dass sie für die Forschung genutzt wurden.

Jedes Jahr werden in Deutschland laut „Ärzte gegen Tierversuche“ 2,7 Milliarden Euro für Tierversuche ausgegeben, während der tierversuchsfreien Forschung im Jahr lediglich etwa fünf Millionen Euro zur Verfügung stehen. Deutschland ist in der Europäischen Union nach Frankreich und Großbritannien einer der Hauptverbraucher von Versuchstieren.

Weil sie eine Methode entwickelt haben, wie Tiere konstruiert werden können, die ähnliche Gendefekte haben wie der Mensch, erhielten die Forscher Mario Capecchi, Oliver Smithies und Martin Evans im Jahr 2007 den Nobelpreis für Medizin. An diesen „Tiermodellen“, das heißt bewusst hergestellten genetisch defekten Tieren, sollen stellvertretend für den menschlichen Patienten neue Therapien entwickelt werden. So wurde etwa an „Knockout-Mäusen“ das auf einer defekten Erbanlage beruhende Atemleiden Mukoviszidose gezielt nachgebaut. Inzwischen (2007) gibt es mehr als 10.000 Knock-out-Mäusestämme. In „naher Zukunft“, so hieß es seinerzeit beim Karolinska-Institut, werden alle Mausgene einmal ausgeschaltet sein. Dabei kommt es erwartungsgemäß auch zu schwersten Fehlbildungen, deformierten Skeletten, versagenden Organen oder fehlenden Muskeln. Noch ein weiteres Beispiel: Ein internationales Forscherteam hat gentechnisch veränderte Mäuse mit einem Putzzwang geschaffen. Die putzbesessenen Nager könnten künftig als Modelltier zur Erforschung von Zwangserkrankungen des Menschen dienen, meinen die Wissenschaftler. Sie hoffen, mit Hilfe der Mäuse die Entstehung der psychischen Erkrankung besser verstehen und neue Therapien entwickeln zu können (Nature, Bd. 488).

In Deutschland gibt es nach Angaben von Tierschützern seit zehn Jahren einen massiven Anstieg von Versuchen mit gentechnisch veränderten Tieren. Laut einer Antwort der Bundesregierung auf Anfrage der Bundestagsfraktion der Bündnisgrünen vom Juni 2015 stieg die Anzahl der Tiere von 317.777 im Jahr 2004 auf 947.019 im Jahr 2013, wie der Bundesverband der Tierversuchsgegner mitteilte. Besonders betroffen seien Mäuse mit einem Anstieg um knapp 600.000 sowie Fische mit einem Plus von über 37.000 Tiere. Die Tiere werden gentechnisch verändert, um menschliche Krankheiten nachzuahmen. Dabei erfassten diese Zahlen längst nicht alle gentechnisch veränderten Versuchstiere, so der Bundesverband. So würden bisher Nachkommen der Tiere kaum oder gar nicht erfasst. Eine entsprechende Nachweispflicht gelte erst seit 2014.

Botox und Tierversuche: Weil »Botox« aus der hochgiftigen Substanz Botulinumtoxin hergestellt wird, muss jede produzierte Charge getestet werden, bevor sie in den Handel kommt. Dabei ist der LD50-Test an Mäusen zugelassen. Bei diesem Test wird die letale Dosis ermittelt, indem einer Mäusepopulation exakt so viel Botox gespritzt wird, bis 50 Prozent der Tiere verendet sind. Der Todeskampf der Mäuse zieht sich über drei bis vier Tage. Der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ schätzt, dass trotz der Umstellung auf Zellkulturtests noch 600.000 Mäuse pro Jahr für Botox sterben zum einen, weil der Chargen-Test nicht der einzige Tierversuch im Produktionsablauf von Botox ist, zum anderen, weil immer mehr Anbieter auf den Markt treten und die Firmen jeweils leicht abgewandelte Botox-Produkte anbieten, für die sie eigene Zellkulturen entwickeln müssen.

Bei den Experimenten des Bremer Hirnforschers Andreas Kreiter werden zwei Dutzend Makaken-Affen stundenlang in einem Versuchsstuhl fixiert und müssen auf Computerbilder reagieren. An den Versuchstagen bekommen sie nur zu trinken, wenn sie die Aufgaben lösen. Die Versuche dienen der Grundlagenforschung, sollen aber auch Anstöße für die Epilepsie-Behandlung oder zur Steuerung von Prothesen geben. Seit 2008 versucht die Bremer Tierschutzbehörde, Kreiters Versuche zu unterbinden. Nach jahrelangem Rechtsstreit in allen Instanzen hat das Leipziger Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) ein Urteil des Bremer Oberverwaltungsgerichts (OVG) bestätigt, wonach die Tierversuche „ethisch vertretbar“ seien und deshalb von der Tierschutzbehörde des Bremer Senats hätten genehmigt werden müssen, die nun, wie sie am 4. Februar 2014 erklärte, ihren Widerstand gegen die bundesweit umstrittenen Affenversuche an der Uni Bremen aufgibt. Am 14. November 2014 genehmigte die Bremer Gesundheitsbehörde den Antrag der Universität Bremen, die Makakenversuche drei weitere Jahre fortzusetzen.

Ein Münchner Forscherteam hat Herzen von genmodifizierten Schweinen in Paviane transplantiert. In einer Versuchsgruppe mit fünf Pavianen starb ein Tier nach 51 Tagen an einer Thrombose. Bei den vier anderen Pavianen funktionierten die Schweineorgane mindestens drei Monate lang, bei zwei Affen sogar länger als sechs Monate, bevor sie getötet wurden, berichten die Wissenschaftler um Bruno Reichart von der Ludwig-Maximilians-Universität München im Dezember 2018 im Fachmagazin „Nature“.

Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf den Film Unter Menschen, der das erschütternde Schicksal von Schimpansen nach jahrzehntelangen Laborversuchen für die Pharma-Forschung erzählt.

Licht in der Nacht kann krank machen – das zeigt eine Analyse an Mäusen. Auf monatelanges Dauerlicht reagierten die Tiere mit Muskelschwund, Entzündungen und frühen Anzeichen von Osteoporose, haben niederländische Chronobiologen am University Medical Center in Leiden herausgefunden. Alle Veränderungen seien Anzeichen zunehmender Gebrechlichkeit, wie sie normalerweise erst im Alter entsteht. Als die Tiere wieder einem natürlichen Hell-Dunkel-Rhythmus ausgesetzt waren, schwanden die Symptome binnen zwei Wochen wieder. (Nürnberger Nachrichten vom 6./7. August 2016)

Weitere Beispiele finden Sie hier.

Auf einer am 7. September 2016 freigeschalteten Internetplattform will die neue Initiative Tierversuche verstehen. Eine Informationsinitiative der Wissenschaft, ein Zusammenschluss von zehn deutschen Wissenschaftsorganisationen, umfassend und transparent über Tierversuche informieren.

 

Literatur:

  • Bernhard Rambeck, Mythos Tierversuch. Eine wissenschaftskritische Untersuchung, Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1994

 

ENGAGEMENT

 

  • Am 11. Mai 2010 verständigten sich die EU-Regierungen auf eine neue Tierversuchsrichtlinie, nach der Versuche an Menschenaffen wie Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans in Europa künftig grundsätzlich verboten sind. Experimente mit Menschenaffen sind nur noch zulässig, wenn in der Bevölkerung unversehens eine lebensbedrohliche Krankheit ausbricht. Die Bundesregierung enthielt sich bei der Entscheidung der Stimme. Laut dem Bundesverband „Menschen für Tierrechte“ verfolgt die Richtlinie langfristig das Ende aller Tierversuche.
  • Am 11. März 2013 trat in der EU ein vollständiges Verkaufsverbot für Kosmetika in Kraft, die an Tieren erprobt worden sind. Das gilt auch für eingeführte Pflegemittel. Betroffen von dem aktuellen Verbot sind allerdings nur Substanzen, die ausschließlich in Kosmetikprodukten verwendet werden.
  • Die europäische Bürgerinitiative „Stop Vivisection Stoppt Tierversuche hat in den EU-Staaten 1,7 Millionen Unterschriften für ein Verbot von Tierversuchen gesammelt. Erste Folge war eine Anhörung am 11. Mai 2015 im Europäischen Parlament.
  • Im bundesdeutschen Tierschutzgesetz von 1972 heißt es gleich in Paragraf 1: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Und seit dem 1. August 2002 ist der Tierschutz im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland als Staatsziel verankert.
  • Menschen für Tierrechte. Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
  • Nach der Absichtsbekundung der Europäischen Union, sämtliche Kosmetikprodukte und deren Bestandteile erneut an Tieren zu testen, wird im Jahr 1990 von den führenden Tierschutz- und Tierversuchsgegnerorganisationen die Europäische Koalition zur Beendigung von Kosmetik-Tierversuchen mit dem Ziel gegründet, Kosmetik-Tierversuche in der EU abzuschaffen (später European Coalition to End Animal Experiments, ECEAE).
  • Ärzte gegen Tierversuche e.V. Für eine moderne, tierversuchsfreie Wissenschaft. Die Vereinigung besteht seit 1979 und hat mehr als 1700 Mitglieder, davon rund die Hälfte Ärzte, Tierärzte, im medizinischen Bereich tätige Naturwissenschaftler und Psychologen. Ziel ist die Abschaffung aller Tierversuche und damit eine ethisch vertretbare, am Menschen orientierte Medizin eine Wissenschaft, die durch moderne, tierversuchsfreie Testmethoden zu wirklich relevanten Ergebnissen gelangt.
  • Deutscher Tierschutzbund e.V.
  • Am 24. April 2010 initiierte der Deutsche Tierschutzbund anlässlich des Internationalen Tages des Versuchstieres die Kampagne „Entwürdigt. Entstellt. Entsorgt. Tiere in Versuchen“.
  • In Konstanz befindet sich der bundesweit erste Lehrstuhl für Ersatzmethoden, dessen Inhaber Thomas Hartung im Jahr 2010 die Leitung des neuen Center for Alternatives to Animal Testing (CAAT) in Europa übernommen hat.

Die Ökumenische Initiative Reich Gottes – jetzt! erinnert an die Botschaft Jesu von der Gegenwart des Reiches Gottes, von der Heiligkeit der Welt, in die wir eingebunden sind. Diese Weltverbundenheit befreit unmittelbar zu einem Lebensstil der Einfachheit, des Genug, des „Soviel du brauchst“.

 


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