Verletzungen der Welt. 47. KW: Gewalt gegen Frauen

Unter der Rubrik Verletzungen der Welt werden die wohl gravierendsten Verletzungen der Welt aufgeführt. Zu Beginn wird die jeweilige Thematik in den Reich-Gottes-Zusammenhang gerückt, es folgen grundsätzliche Informationen, sodann Beispiele für ein sich der entsprechenden Verletzung widmendes heilendes Engagement. Ein letzter Punkt weist schließlich darauf hin, dass die Realisierung unserer Weltverbundenheit bzw. eine Reich-Gottes-Spiritualität dem verletzenden Handeln selbst den Boden entziehen, aber vielleicht auch die stärksten und nachhaltigsten Kräfte zur Heilung der Welt freisetzen würde. Die Seiten werden kontinuierlich überarbeitet und aktualisiert.
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14. Februar (Valentinstag): Aktion „One Billion Rising“
25. November: Internationaler Tag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

GEWALT GEGEN FRAUEN

Es ist noch nicht so lange her
Dass es offen hieß, die Frau sei
Mehr Natur und Tier als Mensch
Trieb, Verführung, Sünde, böse

Es sitzt noch fest in Traditionen
Natur und Geist sind aufgeteilt
Natur die Frau und Geist der Mann
Gewalt und Zwang sind da nicht fern

Naturbeherrscher Mann
Leib- und körperloses Wesen
Idee, Projekt und Superwaffe
Muss auch die Frau-Natur beherrschen

Vom echten Leben losgerissen
Die kalt gewordne Existenz
Zerstört, was sie verzweifelt sucht
Wozu sie keinen Zugang hat

Seinen Ursprung wiederfinden
In sich selbst Natur erfahren
Befreit wär‘ dann Herr Mann
Sich ewig groß zu inszenieren

Hans Bischlager

(jetzt veröffentlicht in: Hans Bischlager, Entschieden wird im Untergrund. Politische Gedichte, Verlag tredition GmbH, Hamburg 2017, Seite 44)  

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Die Ehe darf nur auf Grund der freien und vollen Willenserklärung der zukünftigen Ehegatten geschlossen werden. (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 16, Absatz 2)

 

INFORMATIONEN

 

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom Juni 2013 haben weltweit etwa 30 Prozent der Frauen in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner erlitten. Besonders häufig seien Übergriffe in großen Teilen Asiens und im Nahen Osten. Dort sind zwischen 37 und 38 Prozent aller Frauen betroffen, in Europa, den USA und anderen Wohlstandsregionen gut 23 Prozent. Die WHO kritisierte das Fehlen von Normen in vielen Gesellschaften, die eine Ächtung der Gewalt gegen Frauen zum Ziel haben. In einigen Gesellschaften gehöre Gewalt gegen Frauen sogar zum sozialen Regelwerk. Laut einer Studie der Vereinten Nationen leben über 603 Millionen Frauen in Ländern, in denen häusliche Gewalt kein Verbrechen ist. Laut Amnesty International ist sexuelle Gewalt gegen Frauen die häufigste Menschenrechtsverletzung überhaupt.

Wie aus einem am 8. Juli 2019 veröffentlichten Bericht des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in Wien hervorgeht, starben im Jahr 2017 weltweit 87.000 Frauen durch ein Tötungsdelikt. Rund 50.000 Frauen sind nach dieser Studie von ihrem Partner oder von Familienangehörigen getötet worden. In vielen Ländern werde Gewalt gegen Frauen oft gar nicht angezeigt, so der Bericht. Die Opfer zögerten aus Furcht, nicht die Täter, sondern sie würden für die sexuelle Gewalt verantwortlich gemacht.

Wie eine neue, Anfang März 2014 veröffentlichten Studie der europäischen Grundrechteagentur (FRA) zeigt, hat jede dritte der in der EU lebenden Frauen seit ihrer Jugend schon körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt – in absoluten Zahlen sind das 62 Millionen. Fünf Prozent davon seien vergewaltigt worden.

Nach Angaben von Terre des Femmes erleidet in Deutschland jede vierte Frau im Alter von 26 bis 85 Jahren mindestens einmal körperliche und/oder sexuelle Übergriffe durch einen Beziehungspartner. Wie die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) berichtet, suchen rund 20.000 Frauen und fast genauso viele Kinder jedes Jahr Zuflucht in einem der bundesweit 350 Frauenhäuser. Nach Zahlen des Bundeskriminalamts (BKA) versucht im Schnitt jeden Tag ein Mann in Deutschland, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten, jeden dritten Tag gelingt es einem. Im Jahr 2017 starben dabei 147 Frauen. Hinzu kommen Tausende Fälle von Vergewaltigung, Körperverletzung, Stalking und sexueller Nötigung. 138.893 Fälle von Gewalt in der Partnerschaft wurden 2017 angezeigt, 82 Prozent der Betroffenen waren Frauen (131.965). Fast die Hälfte von ihnen – 49,1 Prozent – lebte mit dem Täter in einem Haushalt. Studien zufolge bringen nur etwa 20 Prozent der Betroffenen die Gewalt zur Anzeige und damit Ermittlungen gegen die Täter ins Rollen. Die aktuell (2018) verfügbaren rund 6000 Stellen in Frauenhäusern reichen laut Familienministerium bei einem Durchlauf von 30.000 Frauen und Kindern bei weitem nicht aus.

Das Bundesfamilienministerium veröffentlichte im Jahr 2005 die umfassende Studie Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland, auf die bis heute in vielen Untersuchungen und Berichten Bezug genommen wird. Es handelt sich um die erste repräsentative Befragung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland.

Die Zwangsverheiratung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung, in Deutschland mittlerweile sogar ein eigener Straftatbestand, dennoch wird sie auch hier tausendfach praktiziert. Junge Frauen und Männer, in der Regel aus streng religiösen, muslimischen Familien werden – oft unter Androhung von Gewalt – zur Ehe gezwungen. Viele dieser Ehen werden in den Herkunftsländern der Betroffenen geschlossen. Dem Tatbestand der schweren Nötigung folgen somit noch die Freiheitsberaubung und Verschleppung. Der UN-Bevölkerungsfonds (United Nations Population Fund UNFPA) hat in seinem Bericht von 2012 Marrying too young. End child marriage darauf hingewiesen, dass ein Drittel der Mädchen in Entwicklungsländern (außer China) verheiratet sein werden, bevor sie 18 Jahre alt sind. Eines von neun Mädchen wird sogar noch nicht einmal 15 Jahre alt sein. Einer Schätzung des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen zufolge sollen im nächsten Jahrzehnt jährlich 14,2 Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet werden. Das sind täglich 39.000 Mädchen, die dadurch in ihren Rechten beschnitten werden, wie sie in der UN-Kinderrechtskonvention festgehalten sind. Wegen des starken Bevölkerungswachstums in Afrika werden dort nach einem am 26. November 2015 veröffentlichten Unicef-Bericht immer mehr Mädchen schon als Kinder zwangsverheiratet. Wenn der Trend anhalte, werde sich die Zahl der zu Ehen gezwungenen Minderjährigen bis 2050 von derzeit 125 Millionen auf 310 Millionen mehr als verdoppeln. Laut einem am 7. Juni 2019 veröffentlichten Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef ist der Anteil der Frauen, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet waren, im vergangenen Jahrzehnt von 25 auf 21 Prozent gefallen. Insgesamt gebe es rund 765 Millionen minderjährig verheiratete Eheleute. Davon seien etwa 650 Millionen Mädchen. Etwa 115 Millionen der heute 20 bis 24 Jahre alten Männer seien bei ihrer Hochzeit Kinder gewesen. Etwa ein Fünftel (23 Millionen) sei damals 15 Jahre oder jünger gewesen.

„Ehrenmorde“ liegen dann vor, wenn ein Familienmitglied aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus getötet werden soll, um der Familienehre gerecht zu werden. Durchgängige Ursachen sind die starre Verwurzelung in vormodernen agrarischen Wirtschafts- und Sozialstrukturen und das damit verbundene extrem patriarchalische Familienverständnis. Das Verständnis der Rolle der Frau ist in diesen Familienstrukturen teilweise mit Unterdrückung und extremer Reglementierung verbunden.  Für das Jahr 2000 erfassten die UN etwa 5000 „Ehrenmorde“ weltweit, wobei jede offizielle Zahl wohl nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Die tatsächliche Zahl liegt weit höher, Schätzungen reichen 10.000 bis 100.000 solcher Morde. Denn nur die wenigsten Fälle kommen vor Gericht. Für Deutschland hat das Bundeskriminalamt für den Zeitraum von 1996 bis 2005 55 Fälle von Ehrenmord erfasst.

Literatur:

Nach Angaben der Stiftung für Säure-Überlebende in Indien gibt es jährlich Hunderte Säureattacken. Meistens sind die Opfer Frauen, die wegen ausgeschlagener Heiratsanträge, fehlender Mitgift oder dem Verdacht der Untreue von ihren Freunden oder den eigenen Ehemännern angegriffen werden. Die Bewegung „Stop Acid Attacks“ („Stoppt die Säureattentate“) schätzt, dass in Indien mindestens 1000 Frauen im Jahr von Männern mit Säure überschüttet werden.  Ebenso viele sind es in Pakistan. Dessen Menschenrechtskommission registrierte 2013 ebenfalls knapp 1000 Fälle. Kolumbien ist nach Angaben des Internet-Portals Feminicidio.net, gemessen an der Zahl der Einwohnerinnen, das Land mit den meisten Säureattacken. In dem von Drogengewalt und Guerillakrieg gezeichneten südamerikanischen Land ist die Zahl von Säureangriffen auf Frauen in den vergangenen Jahren stark gestiegen. In Bangladesch wurden seit 2002 mehr als 3000 Frauen mit Säure getötet oder entstellt, berichtete die Organisation Acid Survivors Foundation (ASF) im August 2013.

Literatur:

  • Ann-Christine Woehrl, Laura Salm-Reifferscheidt, Un/Sichtbar In/Visible, Lammerhuber Verlag, Wien 2014.

Film:

  • Sharmeen Obaid-Chinoy, A Girl in the River – The Price of Forgiveness.

Vergewaltigung im Krieg ist nicht nur eine besonders perverse Form der Kriegführung, sondern eine erschreckende, traumatisierende Alltagserfahrung von Frauen in vielen Ländern weltweit. Der Gynäkologe Denis Mukwege aus der Demokratischen Republik Kongo, der im Jahr 2013 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wird, hat sein Leben dem Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigung als Kriegsmittel gewidmet. „Diejenigen, die diese Verbrechen begehen, zerstören das Leben in seinem Ursprung“, betont Mukwege. Oft könnten die Opfer keine Kinder mehr bekommen, würden mit Aids infiziert, ihre Ehemänner würden gedemütigt. „So zerstören die Verbrecher das soziale Gefüge ihrer Feinde, ohne die Frau selbst zu töten.“

 

ENGAGEMENT

 

  • Am 20. Dezember 1993 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Erklärung über die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen (Declaration on the Elimination of Violence Against Women). In der Folge wurde das Amt eines UN-Sonderberichterstatters zu Gewalt gegen Frauen, deren Gründe und Konsequenzen eingeführt.
  • Am 15. März 2013 hat die UN-Frauenkonferenz eine Deklaration zum Schutz von Frauen vor Gewalt verabschiedet. Darin wird die Gewalt gegen Frauen und Mädchen verurteilt. Die Aufmerksamkeit soll erhöht und Maßnahmen zum Schutz sollen ausgebaut werden.
  • Der britische Außenminister William Hague und Angelina Jolie, Sonderbotschafterin der UN für Flüchtlinge, haben für den 10. bis 14. Juni 2014 zu einem Weltgipfel gegen sexuelle Gewalt in Konflikten nach London eingeladen.
  • Am 1. August 2014 ist das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbul-Konvention) in Kraft getreten. Es ist das erste übergreifende, rechtlich bindende Instrument in Europa und stellt somit einen Meilenstein in der Bekämpfung aller Arten von Gewalt gegen Frauen dar.
  • Der Verein UN Women Nationales Komitee Deutschland e.V. ruft mit der Kampagne Say NO – UNITE to end violence agaist women seit November 2012 die Regierungen der Weltgemeinschaft zu konkreten Verpflichtungen zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen auf. Die Website der Kampagne informiert tagesaktuell, welche Regierungen sich bereits verpflichtet haben.
  • Die globale ökumenische Kampagne Donnerstags in Schwarz (Thursdays in Black) macht auf geschlechtsbezogene Gewalt aufmerksam und lehnt sich gegen Haltungen und Handlungen auf, die Vergewaltigung und Gewalt dulden.
  • Am 18. September 2018 kam der Runde Tisch gegen Gewalt an Frauen erstmals in Berlin zusammen. Ziel der Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Gemeinden ist der Ausbau und die finanzielle Absicherung der Arbeit von Frauenhäusern und ambulanten Hilfs- und Betreuungseinrichtungen. Derzeit gibt es bundesweit über 6000 Plätze in Frauenhäusern und Schutzwohnungen. Dazu kommen über 600 Beratungs- und Interventionsstellen.
  • Die Frauenrechtsorganisation medica mondiale e.V. unterstützt traumatisierte Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten.
  • Im Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) sind mehr als 160 Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe zusammengeschlossen. Seit mehr als 30 Jahren finden Frauen und Mädchen, die von Gewalt betroffenen sind, durch diese unkompliziert und wohnortnah Hilfe.
  • Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist im März 2013 gestartet. Unter der Nummer 08000 116 016 wird Betroffenen eine 24-Stunden-Beratung angeboten, kostenlos, anonym und in 15 Sprachen. Im Jahr 2018 ist die Zahl der Beratungen um zwölf Prozent auf insgesamt 42.000 gestiegen. Seit der Einrichtung des Angebots nimmt die Zahl der Kontakte kontinuierlich zu.
  • Frauenhäuser bieten Frauen und ihren Kindern im Falle von häuslicher Gewalt Hilfe, Beratung und vorübergehend eine geschützte Unterkunft an.
  • Verein Terre des Femmes. Menschenrechte für die Frau.
  • Nach der tödlichen Gruppenvergewaltigung einer Studentin im Dezember 2012 wurden in Indien zahlreiche Gesetze verschärft, darunter auch für Säure-Attentäter. Sie müssen jetzt mindestens zehn Jahre hinter Gitter. Am 18. Juli 2013 hat das höchste Gericht Indiens den Verkauf von Schwefelsäure eingeschränkt. Künftig müssen Käufer ihren Ausweis zeigen, die Adresse angeben und einen Verwendungszweck nennen. Diese Informationen müssen die Verkäufer an die Polizei weitergeben. Außerdem habe die Regierung den Opfern von Säureattacken umgerechnet rund 3800 Euro Entschädigung zu zahlen. In Bangladesch droht Angreifern seit 2002 die Todesstrafe. Auch darf die ätzende Flüssigkeit – oft Schwefel- oder Salzsäure – nur noch mit Lizenz gekauft werden. Außerdem wurde in Schulen massiv über das Problem aufgeklärt. Die Zahlen sinken seitdem. In Pakistan werden Säureattacken seit 2011 als Akt gegen den Staat gewertet – in der jüngsten Entscheidung habe ein Gericht den Täter zu 42 Jahren Haft verurteilt, erklärte die dortige Stiftung für Säure-Überlebende im Oktober 2013.

Die Ökumenische Initiative Reich Gottes – jetzt! erinnert an die Botschaft Jesu von der Gegenwart des Reiches Gottes, von der Heiligkeit der Welt, in die wir eingebunden sind. Diese Weltverbundenheit befreit unmittelbar zu einem Lebensstil der Einfachheit, des Genug, des „Soviel du brauchst“.

 


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