Verletzungen der Welt. 29. KW: Überbevölkerung, Übernutzung der Erde

Unter der Rubrik Verletzungen der Welt werden die wohl gravierendsten Verletzungen der Welt aufgeführt. Zu Beginn wird die jeweilige Thematik in den Reich-Gottes-Zusammenhang gerückt, es folgen grundsätzliche Informationen, sodann Beispiele für ein sich der entsprechenden Verletzung widmendes heilendes Engagement. Ein letzter Punkt weist schließlich darauf hin, dass die Realisierung unserer Weltverbundenheit bzw. eine Reich-Gottes-Spiritualität dem verletzenden Handeln selbst den Boden entziehen, aber vielleicht auch die stärksten und nachhaltigsten Kräfte zur Heilung der Welt freisetzen würde. Die Seiten werden kontinuierlich überarbeitet und aktualisiert.
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3. Mai 2019: Deutscher Erdüberlastungstag
11. Juli: Weltbevölkerungstag
29. Juli 2019: Globaler Erdüberlastungstag

ÜBERBEVÖLKERUNG, ÜBERNUTZUNG DER ERDE

Bevölkern zu viele Menschen die Erde?
Vor einer Antwort sind andere Fragen
Wie viele Menschen verträgt denn die Erde?
Welche Sorte von Mensch ist am besten erträglich?

Die großen Ressourcenverbraucher, die Reichen
Machen ihr schwer zu schaffen
Sie nehmen vom Reichtum der Erde allein
Was zehn oder zwanzig versorgen würde

Zwei Dollar am Tag nur zum Leben, man weiß
Die Frauen wünschten sich weniger Kinder
Sozial nicht gesichert, nicht selbstbestimmt
So findet das Elend kein Ende

Zu viele sind immer die andern
In Asien, Afrika – doch nicht wir
Das Konto der Erde zeigt es ganz anders
Zu viele sind wir, die Privilegierten

Erdengeschöpf, aus Erde geformt
Schon von Geburt an verbunden mit ihr
Könnte die Erde verstehen und spüren
Was sie verträgt und was sie zerstört

Hans Bischlager

(jetzt veröffentlicht in: Hans Bischlager, Entschieden wird im Untergrund. Politische Gedichte, Verlag tredition GmbH, Hamburg 2017, Seite 50) 

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„Der Mensch soll seinen Fußabdruck wieder mitnehmen.“ (Samen, indigenes Volk im Norden Fennoskandinaviens)

„Anstatt die Probleme der Armen zu lösen und an eine andere Welt zu denken, haben einige nichts anderes vorzuschlagen als eine Reduzierung der Geburtenrate. Es fehlt nicht an internationalem Druck auf die Entwicklungsländer, indem wirtschaftliche Hilfen von gewissen politischen Entscheidungen zugunsten der ‚Fortpflanzungsgesundheit‘ abhängig gemacht werden. Doch ‚wenn es zutrifft, dass die ungleiche Verteilung der Bevölkerung und der verfügbaren Ressourcen die Entwicklung und den vertretbaren Umgang mit der Umwelt behindern, muss auch anerkannt werden, dass eine wachsende Bevölkerung mit einer umfassenden und solidarischen Entwicklung voll und ganz zu vereinbaren ist‘ [Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, Freiburg 2006, 483]. Die Schuld dem Bevölkerungszuwachs und nicht dem extremen und selektiven Konsumverhalten einiger anzulasten, ist eine Art, sich den Problemen nicht zu stellen. Es ist der Versuch, auf diese Weise das gegenwärtige Modell der Verteilung zu legitimieren, in dem eine Minderheit sich für berechtigt hält, in einem Verhältnis zu konsumieren, das unmöglich verallgemeinert werden könnte, denn der Planet wäre nicht einmal imstande, die Abfälle eines solchen Konsums zu fassen.“ (Papst Franziskus, Enzyklika „Laudato si“, 2015, aus Nr. 50)

 

INFORMATIONEN

 

Unter dem Begriff der Überbevölkerung wird grundsätzlich der unerwünschte Zustand verstanden, bei dem die Anzahl der Lebewesen die Tragfähigkeit ihres Lebensraums überschreitet.

Wie die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) anlässlich des Weltbevölkerungstags am 11. Juli 2019 bekanntgab, haben die Vereinten Nationen (UN) Mitte Juni 2019 ihre langfristigen Projektionen für das Wachstum der Weltbevölkerung leicht nach unten korrigiert. Im Jahr 2100 soll demnach die Bevölkerung von heute 7,7 Milliarden Menschen auf 10,9 Milliarden anwachsen – nicht wie bislang angenommen auf 11,2 Milliarden. Grund hierfür ist, dass die UN einen steten Fall der weltweiten Geburtenrate prognostiziert.  Besonders in Afrika südlich der Sahara ist die Fertilitätsrate mit 4,6 Kindern pro Frau jedoch auch weiterhin hoch und liegt deutlich über dem weltweiten Durchschnitt von 2,5 Kindern pro Frau. Das führt zu einem starken Bevölkerungswachstum in Afrika, von jetzt 1,3 Milliarden Menschen zu 1,5 Milliarden in 2050 und 4,3 Milliarden Menschen in 2100. Dieses Wachstum – trotz der angenommenen sinkenden Kinderzahl pro Frau – behindert Entwicklung. Auf der Website der DSW kann das rasante Wachstum der Weltbevölkerung abgelesen werden.

Als Hauptgrund für den Bevölkerungszuwachs gilt die hohe Zahl ungewollter Schwangerschaften. Rund 214 Millionen Frauen und Mädchen weltweit haben keinen Zugang zu modernen Verhütungsmitteln. Das ist jede vierte Frau im gebärfähigen Alter in den Entwicklungsländern, wie aus dem am 10. April 2019 in Berlin vorgesellten UNFPA-Weltbevölkerungsbericht 2019 „Unfinished business – Reproduktive Rechte und Entscheidungsfreiheit für alle“ hervorgeht. Hauptgrund ist die fehlende Geschlechtergerechtigkeit. Im weltweiten Durchschnitt bekomme eine Frau 2,5 Kinder; Mitte der 1960er Jahre waren es noch doppelt so viele.

Wie aus dem am 17. Oktober 2018 veröffentlichten UNFPA-Weltbevölkerungsbericht 2018 „Die Macht der freien Entscheidung – reproduktive Rechte und der demografische Wandel“ hervorgeht, bekommt eine Frau heute im weltweiten Durchschnitt 2,5 Kinder – das sind halb so viele wie noch Mitte der 1960er-Jahre. Allerdings bekomme eine Frau in den ärmsten Ländern der Welt im Durchschnitt vier Kinder – oftmals mehr, als sie sich wünsche.

Weltweit ist die Ungleichheit in und zwischen Ländern groß, was sich unter anderem bei der Geburtenrate in Entwicklungsländern zeigt. Sie ist bei Mädchen und jungen Frauen aus den ärmsten 20 Prozent der Haushalte etwa dreimal so hoch wie bei ihren Altersgenossinnen aus den reichsten 20 Prozent der Haushalte. Weitere Benachteiligungen zeigen sich bezüglich des Geschlechts. So verdienen Frauen im weltweiten Durchschnitt nur 77 Prozent dessen, was Männer verdienen. Und rund zwei Drittel (63 Prozent) aller Analphabeten sind Frauen. Das geht aus dem am 17. Oktober 2017 veröffentlichten UNFPA-Weltbevölkerungsbericht 2017Gespaltene Welt – Reproduktive Gesundheit und Rechte in Zeiten der Ungleichheit“ hervor. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen legt jedes Jahr einen Weltbevölkerungsbericht vor.

Seit Anfang der 1970er-Jahre werden weltweit pro Jahr mehr Ressourcen verbraucht, als sich in einem Jahr wieder neu bilden können. Ob die Erde überbevölkert bzw. übernutzt wird, hängt entscheidend vom „ökologischen Fußabdruck“ ab, den der Mensch auf ihr hinterlässt. Der ökologische Fußabdruck misst den Verbrauch an biologisch produktiver Erdoberfläche (Felder, Wälder und andere Flächen), die nötig ist, um den Bedarf eines Menschen an Energie, Wohnraum, Lebensmitteln und anderen Gütern zu decken. Er zeigt an, wann die biologischen Kapazitäten überlastet sind und in welchem Ausmaß. (Nach übereinstimmender Ansicht der Experten beginnt die exponentielle Zunahme des Abdrucks der menschlichen Aktivität auf dem Planeten nach dem Zweiten Weltkrieg.) Gemessen wird der ökologische Fußabdruck in globalen Hektar. Im Unterschied zum normalen Flächenmaß umfasst ein globaler Hektar nicht allein die Größe einer Fläche. Auch ihre Produktivität zählt. Wüsten etwa sind weniger produktiv als Ackerland oder Meere. Nach Daten des Global Footprint Network und der European Environment Agency überschreitet die weltweite Inanspruchnahme derzeit die Kapazität der verfügbaren Flächen um insgesamt 50 Prozent. Danach werden gegenwärtig pro Person weltweit durchschnittlich 2,7 Hektar verbraucht, es stehen allerdings lediglich 1,8 Hektar zur Verfügung. Dabei verteilt sich die Inanspruchnahme der Fläche allerdings sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Regionen: So beläuft sich der durchschnittliche ökologische Fußabdruck in den Ländern des Nordens auf 6,4 Hektar, in den Ländern des Südens hingegen auf lediglich 0,8 Hektar pro Person. Zum Beispiel unter www.myfootprint.org oder https://uba.co2-rechner.de oder www.mym2.de kann sich jeder seinen ökologischen Fußabdruck im Internet selbst errechnen. Die Rechner sind unterschiedlich genau, alle geben hinterher Tipps für eine nachhaltigere Lebensweise und wie viel Kohlendioxid sich einsparen ließe. Jeder Deutsche verbraucht pro Jahr im Schnitt mehr als doppelt so viele Ressourcen, wie ihm im globalen Mittel zustünden. Neugier und Lust auf eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema will „Brot für die Welt mit dem Angebot http://www.fussabdruck.de/ wecken.
Der am 27. Oktober 2016 veröffentlichte Living Planet Report 2016 der Naturschutzorganisation WWF zeigt: Die Menschheit verbraucht 60 Prozent mehr, als die Erde bereithält.
Der Living Planet Report 2018 belegt: Die Menschheit nutzt seit 40 Jahren mehr natürliche Ressourcen, als die Erde erneuern kann. Der ökologische Fußabdruck der Menschheit wird permanent größer. Die Regenerationskapazität der Erde ist überschritten. 1,7 Erden bräuchte es momentan, um den Ressourcenverbrauch zu decken.
„Europa ist der Kontinent, der am stärksten von Land außerhalb seiner Grenzen abhängig ist. Der ‚Land-Fußabdruck‘ der Europäischen Union beträgt schätzungsweise 640 Millionen Hektar pro Jahr, also eineinhalb Mal so viel wie die Fläche aller 28 Mitgliedsstaaten zusammen. Dieses Land liegt in anderen Erdteilen, einschließlich China, der Mongolei, Russland, Brasilien und anderen Staaten, von denen einige nicht einmal ihre eigenen Staatsbürger mit Grundnahrungsmitteln und Gütern versorgen können.“ (Bodenatlas. Daten und Fakten über Acker, Fläche und Erde, 2015, S. 24)

Jeder Erdbürgerin und jedem Erdbürger stehen etwa 2000 Quadratmeter des „Weltackers“ zur Verfügung. Damit kommen wir in der EU allerdings nicht aus: Wir beanspruchen pro Person eine zusätzliche Fläche von 700 Quadratmetern speziell in Latein- und Nordamerika, aber auch Asien. Sie dient hauptsächlich dem Anbau von Soja als Futter für die Massentierhaltung. Mehr dazu finden Sie hier.

Laut der im März 2015 erschienenen Studie Das große Fressen. Wie unsere Ernährungsgewohnheiten den Planeten verändern der Umweltstiftung WWF befindet sich ein Viertel der rund 20 Millionen Hektar Flächen, die für die Erzeugung von Nahrungsmitteln, inklusive Tierfutter, für den deutschen Bedarf beansprucht werden, im Ausland, vor allem in Südamerika; dort wachsen etwa Soja-, Kakao- und Kaffeebohnen. Für den Fleischkonsum jedes einzelnen Bürgers in Deutschland werden in Brasilien laut WWF etwa 300 Quadratmeter Land bewirtschaftet.

Am 1. August 2018 war die Gesamtleistung der Natur für das Jahr 2018 aufgebraucht. Von diesem Tag, dem Welterschöpfungstag (Earth Overshoot Day), an nimmt sich die Menschheit mehr von der Erde, als diese jährlich an natürlichen Ressourcen erneuern und an Treibhausgasen aufnehmen kann.

Werner Boote befasst sich in seinem Film „Population Boom“ (AUT 2013, Kinostart: 27.3.2014) mit einem bekannten Horrorszenario: Sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Schwindende Res­sourcen, giftige Müllberge, Hunger und Klima­wandel – eine Folge der Überbevölkerung? Wer behauptet eigentlich, dass die Welt übervölkert ist? Und wer von uns ist zu viel? Werner Boote untersucht für seinen Film ein jahrzehntelang festgefahrenes Weltbild. Für ihn stellt sich eine völlig andere Frage: Wer oder was treibt dieses Katastrophenszenario an? Seine These: Die Welt ist nicht überbevölkert, sondern an manchen Orten überfüllt. Fazit: Soziale Gleichheit ist das Gebot der Stunde.

 

ENGAGEMENT

 

  • Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW), eine Partnerorganisation der Vereinten Nationen, will nach eigener Auskunft Menschen helfen, sich selbst aus Armut zu befreien; sie unterstützt Familienplanungs- und Aufklärungsprojekte in Afrika und Asien und unterhält vier Länderbüros in Äthiopien, Kenia, Tansania und Uganda und ein Büro in Brüssel.

Die Ökumenische Initiative Reich Gottes – jetzt! erinnert an die Botschaft Jesu von der Gegenwart des Reiches Gottes, von der Heiligkeit der Welt, in die wir eingebunden sind. Diese Weltverbundenheit befreit unmittelbar zu einem Lebensstil der Einfachheit, des Genug, des „Soviel du brauchst“.

 


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