„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr…“. Reichtum und Reich Gottes schließen einander aus

Aufsatz von Claus Petersen in: CuS. Christin und Sozialistin/Christ und Sozialist. Kreuz und Rose. Blätter des Bundes der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands, Heft 4/17, Seite 4-7:

Die Botschaft Jesu scharf zu konturieren oder gar auf den Punkt zu bringen, ist angesichts der schwierigen Quellenlage nicht gerade einfach (nicht wenige halten ein solches Unterfangen deshalb sogar für aussichtslos), eines aber ist sonnenklar: Reichtum ist für Jesus mit dem Reich Gottes – und zwar definitiv – unvereinbar. Ausschließlich die Armen, nämlich die, die nicht mehr haben, als sie brauchen, haben daran teil. Man hat sogar den Eindruck, dies sei der einzige, jedenfalls der entscheidende Grund dafür, dass nur diese Menschen „richtig“ leben. Die beiden – und zwar, wie sich noch zeigen wird, nicht nur, was Jesu Haltung zum Besitz, sondern sein Evangelium selber angeht, entscheidenden – Sätze lauten: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes gelangt“ (Markus 10,25, von Matthäus [19,24] und Lukas [18,25] praktisch wortwörtlich übernommen) und: „Selig sind die Armen (…); ihrer ist das Reich Gottes“ (Matthäus 5,3; das matthäische „Reich der Himmel“ wurde stillschweigend durch den ursprünglichen Terminus „Reich Gottes“ ersetzt; das bei Matthäus auf „die Armen“ folgende „in Bezug auf den Geist“ [die „geistlich“ Armen] ist ein spiritualisierender und damit die eigentliche Aussage schwerwiegend verfälschender Zusatz) bzw. „Selig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes“ (Lukas 6,20b; meist wird die matthäische Variante gegenüber der direkten Anrede bei Lukas als ursprünglicher angesehen).

Beide an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassenden Texte wurden – und ganz gewiss gerade deshalb! – von Anfang an, schon in vorneutestamentlicher Zeit, sodann durch die Evangelisten und schließlich all die Jahrhunderte hindurch bis heute entweder relativiert oder marginalisiert.

So wird Jesus bereits im selben 10. Kapitel des Markusevangeliums der vielzitierte Satz in den Mund gelegt: „Bei den Menschen ist es unmöglich, nicht aber bei Gott, denn alles ist möglich bei Gott.“ (Vers 27) Der Darstellung zufolge reagiert Jesus damit auf eine Anfrage, die das „Eingehen ins Reich Gottes“ als einen erst zukünftig-jenseitigen Vorgang missversteht: „Wer kann dann gerettet werden?“ (Vers 26b) Seiner fingierten Antwort zufolge wäre dies auch für einen Reichen nicht völlig ausgeschlossen. Bis in die Gegenwart beruft man sich auch gerne auf weitere Hypothesen, die diesem Wort seine Schärfe und Eindeutigkeit wieder nehmen. So wurde in wenigen und unbedeutenden Handschriften das Wort kámälos („Kamel“) durch die Veränderung eines Buchstabens in kámilos („Seil“) gefälscht und damit das Paradoxon aufgelöst. Bisweilen wird auch die haltlose, durch nichts begründete These vertreten, trümaliá rafídos („Nadelöhr“) sei der Name eines besonders engen Stadttors in Jerusalem gewesen. Die Tendenz all dieser Versuche liegt klar auf der Hand: Durch Abschwächung sollte die Unerbittlichkeit, die dieses Wort kennzeichnet, aufgeweicht, den Reichen eben doch ein Schlupfloch offen gelassen werden. Der Reichtum soll irgendwie doch als christlich vertretbar, als nicht völlig verwerflich erscheinen, auch den Reichen soll ein Platz in der christlichen Gemeinde zugestanden werden.

Und was die Seligpreisung der Armen bzw. die Reich-Gottes-Zusage an sie angeht, so wurde diese präsentische Aussage durch den Einfluss der sekundären, fälschlich Jesus in den Mund gelegten Hinzufügung der Seligpreisung der Hungernden und der Weinenden (und weiterer Seligpreisungen durch Matthäus) nachträglich umgebogen, ja geradezu auf den Kopf gestellt: Weil dort jeweils die Ablösung einer negativen Gegebenheit – Traurigkeit, Hunger – durch einen ins Gegenteil gewendeten positiven Zustand in der Zukunft verheißen, die Seligkeit also, ganz anders als in der ersten Seligpreisung, noch gar nicht zugesprochen, sondern lediglich in Aussicht gestellt wird, versteht man bis heute die Armut in der ersten Seligpreisung (sie allein geht auf Jesus von Nazaret zurück) nicht mehr als ein positives, und zwar als das alles entscheidende Merkmal der – natürlich gegenwärtigen, präsentischen, hier und jetzt sich realisierenden! – Reich-Gottes-Zugehörigkeit, sondern als eine zu überwindende Elendssituation (den Vogel schießt Joachim Jeremias ab: „Die Armen stehen Gott nahe. Denn die eschatologische Umkehr der Verhältnisse beginnt sich zu realisieren: die Armen werden reich.“ [Neutestamentliche Theologie. Erster Teil: Die Verkündigung Jesu, 1971, 213; Hervorhebung von mir]). In der ersten Seligpreisung geht es aber nicht um eine (zu erwartende) Umkehrung der Verhältnisse, sondern darum, wer am Reich Gottes teilhat und wer nicht. Ersteres aber gilt nur für die Armen, nämlich für die, die „einfach leben“, wie es das zeitgenössische Verständnis des griechischen ptochós durchaus zulässt. Man müsste Jesus schon Zynismus unterstellen, wenn er denen, die zu wenig zum Leben hätten, das Reich Gottes zuspräche. Ein bekanntes Lied bringt es völlig korrekt auf den Punkt: „Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.“

Es bleibt also bei der völlig eindeutigen Position Jesu: Reichtum ist mit dem Reich Gottes absolut unvereinbar, Reichtum und Reich Gottes schließen einander aus. Gemäß ist ihm einzig und allein ein Lebensstil der Einfachheit, des Genug. Alles, was darüber hinausgeht, verschließt die Tür zum Reich Gottes.

Die Relativierung der Botschaft Jesu gerade in diesem alles andere als belanglosen Punkt, ja das völlige Unverständnis seiner Haltung dem Reichtum gegenüber haben ein und dieselbe Ursache: die Verdrängung, Verdunklung, ja Vergiftung seiner Botschaft, das Unverständnis, das man ihr gegenüber an den Tag legt, bzw. das Desinteresse an ihr, dessen man schon die Verfasser der neutestamentlichen Schriften selbst bezichtigen muss. Von Anfang an ist das Neue Testament kein Dokument des jesuanischen Evangeliums, sondern ein Zeugnis seiner Verdrängung – ein Prozess, der seinerzeit zwar im Gange, glücklicherweise aber noch nicht abgeschlossen war, sodass einzelne Jesusworte noch auffindbar, ja die Jesusbotschaft selbst noch identifizierbar ist. Vieles spricht dafür, dass zumindest 21 in den synoptischen Evangelien überlieferte Worte und Gleichnisse mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf den historischen Jesus selbst zurückgehen. Wenn man sie strikt von ihrem in vielen Fällen entfremdenden oder gar verfälschenden Kontext isoliert und auch die sekundären Erweiterungen wieder entfernt, ergibt sich – grob skizziert – folgendes Bild, das wiederum auch Jesu Haltung dem Reichtum gegenüber nicht nur klar verständlich macht, sondern geradezu als zwingend erweist:

Im Zentrum der Botschaft Jesu steht die basileia tou theou, das Reich Gottes, nicht etwa ein neues Gottesbild. Es geht ihm auch nicht um seine eigene Person, schon gar nicht um die Heilsbedeutung seines Leidens und Sterbens. Das Reich Gottes aber – das ist der „neue Stoff“, der „neue Wein“ – kommt nicht erst, ist auch nicht angebrochen, sondern es ist „mitten unter euch“, allerdings nicht so, dass man es beobachten, mit dem Finger darauf zeigen, es dingfest machen könnte (Lukas 17,21). Alle Menschen sollen an ihm teilhaben, und zwar hier und jetzt. Der Tisch des Großen Gastmahls steht – und zwar jetzt schon! („Kommt, denn es ist schon bereit!“, Lukas 14,17, in der revidierten Lutherbibel jetzt endlich korrekt wiedergegeben) – allen Menschen offen. Aber nicht alle Menschen nehmen die Einladung an, manche sehen sich – das ist das Thema jenes Gleichnisses – tragischerweise dazu nicht in der Lage. Und zwar sind es in erster Linie die Reichen, die Besitzenden, die sich entschuldigen (müssen). Sie haben „Wichtigeres“ zu tun, in ihren Augen zumindest, obwohl es doch jetzt absolut nichts Wichtigeres und vor allem Schöneres gibt, als der Einladung zu folgen und sich am „Welt-Tisch“ des Reiches Gottes niederzulassen. Leben, und das ist offensichtlich die These Jesu, meint Verbundenheit – mit den Menschen, mit allen Menschen, ja mit der ganzen Welt, in der sich unser Leben ereignet und in die es eingebettet ist. Nur wer das Gottesgeschenk der Weltverbundenheit (wieder) annehmen kann (für die Kinder, für Jesus unsere Lehrmeister im Reich Gottes, ist das noch völlig selbstverständlich; Markus 10,15), findet das wahre Leben, erfährt Erfüllung und „Seligkeit“, mit anderen Worten: hat Teil am Reich Gottes.

Erst jetzt, vor dem Hintergrund der Lebensintention Jesu, wird verständlich, warum Reichtum und Reich Gottes unvereinbar sind – sodass der, der den Schatz des Reiches Gottes entdeckt, sofort „in seiner Freude“ hingeht und alles verkauft, was er besitzt. Anders ist der Schatz nicht zu gewinnen bzw., richtiger: Wer den Schatz entdeckt, spürt im selben Moment, dass jedes Zuviel die Weltverbundenheit nicht etwa nur erschweren, sondern zerstören, ihn selbst vom wahren Leben unüberbrückbar trennen würde. Reichtum ist also alles andere als Glück, sondern im Gegenteil ein – durchaus nicht im übertragenen Sinn!  – lebensgefährliches Defizit, eine schwere Krankheit, die aber nicht unheilbar ist.

Jeder Mensch hat einen, hat seinen Platz in dieser Gotteswelt – und auch die Tiere, die Pflanzen, die Landschaften, die Flüsse, die Meere, Erde, Wasser, Luft – ist darin eingebunden und eingebettet. Alles hängt mit allem zusammen. Niemand kann in einer solchen Welt mehr für sich beanspruchen, als er braucht, er muss es aber auch nicht, denn er kann sich darauf verlassen und muss sich darauf verlassen können, dass die Gesellschaft ihm jederzeit das zur Verfügung stellt, was er braucht. Auch das aber wird selbstverständlich so sein, wenn wir die Welt, in der wir leben, als „Reich Gottes“ wahrnehmen. Dann würden wir uns diese Erfahrung wie einen großen „Schatz“ unter allen Umständen bewahren, würden sofort, geradezu automatisch den dieser Erfahrung einzig gemäßen Lebensstil der Welt- bzw. Reich-Gottes-Verbundenheit, dessen entscheidendes Merkmal die Einfachheit ist, das Genug, gegen die alte weltentfremdete und permanent weltentfremdende Lebensweise tauschen, für die der Kapitalismus steht, die Mehrung des Privatbesitzes um (fast) jeden Preis. Weltverbundenheit statt Weltentfremdung, Reich Gottes mitten unter uns statt Reich-Gottes-Vergessenheit, das ist jetzt die Devise. Mehr zu haben, als man braucht, ist jetzt geradezu absurd.

Hinweis: Zur exegetischen Begründung meiner Interpretation des jesuanischen Evangeliums vgl. mein Buch „WeltReligion. Von der paulinisch-lutherischen Kreuzestheologie zur Botschaft Jesu von der Gegenwart des Reiches Gottes. Von den Strukturen der Gewalt zu einer Kultur des Friedens, Hamburg 2016 (dort finden sich auch detaillierte Exegesen der zitierten Jesusworte); siehe auch: http://www.reich-gottes-jetzt.de/aktuelles/der-skandal-des-reichtums/


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