Basiskurs Basileiologie. 46. Woche: „…bebel- und auch bibelfest“. Die Reich-Gottes-Praxis Christoph Blumhardts (1842–1919)

 

„Reich Gottes“ ist der Zentralbegriff des jesuanischen Evangeliums.
Im griechischen Urtext des Neuen Testaments lautet er „basiléia tou theoú“.
„Basileiologie“ bedeutet hier also „Lehre bzw. Rede vom Reich Gottes“.

 

Das gesamte Jahresprogramm finden Sie hier.

„…bebel- und auch bibelfest“. Die Reich-Gottes-Praxis Christoph Blumhardts (1842–1919)

  

 

„Reich Gottes“ – das war das Schlüsselwort des Glaubens und Lebens Christoph Blumhardts. Für ihn bezog es sich allerdings nicht allein auf das innerliche wie äußerliche Heil des Individuums, sondern vor allem auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, nicht allein auf das Jenseits, sondern vor allem auf das Diesseits und nicht nur auf die Kirche, sondern auf die ganze Welt. Er engagierte sich in der Arbeiterbewegung und trat im Jahr 1899 der SPD bei. Er berief sich dabei auf Jesus und seine Jünger: »Jesus starb als Sozialist. Die Apostel waren Proletarier.« In einem Brief an seine Freunde begründete er seinen Schritt:

»Mein Auftreten in Arbeiterkreisen und speziell die Handreichung, die ich der Sozialdemokratie tue, hat viele, die ich kenne, geängstet. Man hat sich gewöhnt, Sozialdemokratie und Gottlosigkeit zusammen zu rechnen […]. Was in mir lebt von Christus, was ich zeitlebens von einem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit auf Erden glaube und erstrebe, drückt sich auch in dieser meiner Verbindung mit der großen, um ihr Leben ringenden Arbeiterklasse aus. Ich musste ihr die Hand reichen im Geiste schon lange, öffentlich jetzt, je mehr ich sehe, dass ein Verfolgungsgeist gegen diese Klasse mehr und mehr sich ausbilden will. In dem Streben aber, welches die Sozialdemokratie vertritt und welches überall Tausende von Herzen entzündet, sehe ich ein Christuszeichen, denn auch Christus will eine Menschheit, in welcher Gerechtigkeit und Wahrheit, Liebe und Leben alles durchdringt. Im Geiste Christi verbinde ich mich mit diesem Streben […]. Wer aber um äußerer Unvollkommenheiten willen glaubt richten zu sollen, der schlage an seine Brust. Was man von Gottlosigkeit, Umsturzbestrebungen, Beeinträchtigung von Besitzenden sagt, sind Dinge, die wir in allen Klassen finden. Lasset uns nicht richten! Bewegungen, ja wohl auch Umsturz muss kommen. Fürchtet euch nicht!«

Die SPD schickte die ihn denn auch gleich als Bewerber für ein Mandat in den anstehenden Landtagswahlkampf. Peter Gassenhauer reimte darauf: »Und es ist sein Manifest: Bebel- und auch bibelfest.« Mit dem Slogan »bebel- und auch bibelfest« wird er in einer Stichwahl gegen einen bekannten und einflussreichen Fabrikanten in den königlichen Landtag in Stuttgart gewählt, dem er bis 1906 angehörte.

Für Christoph Blumhardt äußert sich der Reich-Gottes-Glaube ganz selbstverständlich im konkreten Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, in einem rücksichtsvollen Umgang mit der Erde. Dies belegen die folgenden Zitate:

»Das Ziel war ein irdisches, zunächst nicht, wie wir Christen meinen, ein himmlisches, sondern ein himmlisches auf Erden […], dass auf Erden Gottes Name geheiligt werde, dass auf Erden Gottes Reich sei und auf Erden sein Wille geschehe. Die Erde soll das ewige Leben verkündigen […]. Gott auf Erden. Ich habe keinen Gott im Himmel, den haben die Engel, ich will da unten beten. Ich muss Gott da haben. Die Erde ist der Schauplatz des Reiches Gottes […]. Denn das Reich Gottes steht in direkter Beziehung zur Erde; das lebt jetzt mit der Erde […]. Der Heiland im Diesseits. Das Ziel Gottes ist das Diesseits. Jesus ist der Trotz gegen die Armut, Sünde und alles Elend.«

»Sind wir Salz, so sind wir es nicht für uns, sondern wir sind es für die Erde.»

»[…] es müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse so werden, dass man nicht immer zittert, weil’s einem an Geld fehlt!«

»Ich denke an eine völlig neue Gesellschaft. Schon frühe fand ich, dass für mich eine Religion keinen Wert hat, wenn sie nicht die Gesellschaft ändert, wenn sie mir nicht schon das Glück auf Erden verschafft.«

»Was ich tue, das tue ich in der Kraft Gottes und des Christus, der gesagt hat: Es kommt mein Reich; das Kapitalreich geht zugrunde; Himmel und Erde müssen neu werden, dass eine göttliche, eine glückliche, eine selige Welt sei!«

»Glaubst du an Gottes Reich? Dann musst du unruhig werden […].. Wir stehen im Kampf gegen das finstere Wesen des Todes und der Hölle. Wir stehen an der Seite Jesu, der auch auf Erden Kämpfer und Sieger werden wird.«

»Wir wollen nach innen freie Menschen sein, nach außen wollen wir Kämpfer sein, die sich der Elenden und der Armen annehmen nicht bloß aus Wohltätigkeitssinn – denn die Wohltätigkeit kann nicht helfen –, sondern aus Gerechtigkeitssinn für die Armen, für die Unterdrückten, auch für die Fremden.«

»Die Natur ist der Schoß Gottes. Aus der Erde wird Gott uns wieder entgegenkommen. Aber es ist noch so, dass wir gar keine Gemeinschaft mit der Natur haben. Wir bewundern sie, treten sie aber vielfach nieder, nützen sie in unvernünftiger Weise aus. So steht uns die Natur noch eiskalt gegenüber, fühlt sich uns fremd. […] Die Harmonie zwischen Mensch und Natur muss kommen. Dann findet jeder Befriedigung. Und das wird die Lösung der sozialen Frage sein.«


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