Basiskurs Basileiologie. 3. Woche: Die Fastenfrage (Markus 2,19a)

 

„Reich Gottes“ ist der Zentralbegriff des jesuanischen Evangeliums.
Im griechischen Urtext des Neuen Testaments lautet er „basiléia tou theoú“.
„Basileiologie“ bedeutet hier also „Lehre bzw. Rede vom Reich Gottes“.

 

Das gesamte Jahresprogramm finden Sie hier.

 

Die Fastenfrage (Markus 2,19a)

 

„Hochzeitsgäste können doch nicht fasten.“

(Markus 2,19a)

 

Jesus antwortet hier offensichtlich auf den Vorwurf, dass er und seine Leute nicht fasten, also nicht aus religiösen Gründen zu bestimmten Zeiten auf Nahrung verzichten. Jesus antwortet mit dem Bild einer Hochzeit: Kann man fasten, wenn es doch gilt, „Hochzeit zu feiern“? (Wörtlich ist nicht von „Hochzeitsgästen“, sondern von den „Söhnen des Brautgemachs“ die Rede. „‘Die Söhne des Brautgemachs‘ sind die Freunde des Bräutigams, die den engsten Kreis der Hochzeitsgäste darstellen und den Ehevollzug zu bestätigen haben“, so Jürgen Becker, Jesus von Nazaret, 149. In einem engeren Sinne noch als die „Gäste“ sind sie gewissermaßen an der Hochzeit selbst beteiligt.*) Offensichtlich versteht Jesus das Leben wie ein großes, ja wie das größte Fest überhaupt. Das Leben selbst ist es, das zum Fest einlädt. Alle sind eingeladen, es mitzufeiern, in es einzutauchen und es zu genießen. Welchen Sinn sollten Selbstkasteiung und Askese jetzt noch haben? Gerade das Bild von der Hochzeit, dem Lebensfest schlechthin, schließt im Übrigen die Annahme aus, Jesus hätte darüber hinaus noch mit einem größeren oder gar dem eigentlichen Fest gerechnet, das erst in einer näheren oder ferneren Zukunft stattfinden würde. Nein, es ereignet sich hier und jetzt. Wer fastet, wer asketisch lebt, verweigert dem Leben seine uneingeschränkte Zustimmung, zu der es uns doch ruft. Es macht keinerlei Sinn, wohltuende Lebensvollzüge zu meiden. Vielmehr kommt alles darauf an, sie in der Weise zu vollziehen, dass sie wirklich wohl-tun, dass sie dem „Hochzeitsfest“ entsprechen.

Dass es Menschen gab, die Jesus einen „Fresser und Weinsäufer“ nannten (Matthäus 11,19 = Lukas 7,34), zeigt einerseits, wie verstörend, ja provokativ seine Lebensfreude, ja sein Lebensgenuss auf viele seiner Zeitgenossen gewirkt haben muss, macht andererseits aber auch schlaglichtartig deutlich, dass sie ein ganz wesentliches, unübersehbares Element seiner Botschaft selber gewesen sein mussten. Jesus unterschied sich auch in dieser Hinsicht fundamental von der Lebensweise seines einstigen Lehrers Johannes dem Täufer.

* Im griechisch-deutschen Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur von Walter Bauer, 1988 (6., völlig neu bearbeitete Auflage) wird der Ausdruck hoi hyioi tou nymphōnos mit „die Hochzeiter, die Hochzeitsgesellen, der dem Bräutigam am nächsten stehende, für die Ausführung des Festzeremoniells unentbehrliche Teil der Gäste“ wiedergegeben (Spalte 1103).

Eine erste Erweiterung des Jesusworts in Vers 19a („während der Bräutigam bei ihnen ist“, Vers 19a) ist schon in der Rückschau (auf die Zeit, in der der Bräutigam – noch – bei ihnen ist) formuliert und führt ein nachjesuanisch-christologisches Element ein: Sie entnimmt dem Bild der Hochzeit die Gestalt des Bräutigams, um ihn zugleich allegorisch mit der Person Jesu zu identifizieren. Die später hinzugefügten und ebenfalls Jesus nachträglich in den Mund gelegten Verse 19b und 20 („Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten. Es werden aber Tage kommen, wo der Bräutigam von ihnen genommen sein wird; dann werden sie fasten an jenem Tag.“) begründen, warum in der frühen Kirche das Fasten – im Gegensatz zur Praxis Jesu und seiner Gemeinschaft – wieder aufgenommen worden ist. Gerade dieser Widerspruch zwischen dem ganz ungewöhnlichen und offenbar als anstößig empfundenen Verhalten Jesu und dem Brauch der christlichen Gemeinde spricht entschieden für die Authentizität dieses Jesuswortes.

Das Matthäus- und das Lukasevangelium haben diese Tradition übernommen (Matthäus 9,15a; Lukas 5,34a). Im Johannesevangelium und in den übrigen Schriften des Neuen Testaments hat sie keine Spuren hinterlassen.

 


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