Basiskurs Basileiologie. 21. Woche: Gewaltfreiheit

 

„Reich Gottes“ ist der Zentralbegriff des jesuanischen Evangeliums.
Im griechischen Urtext des Neuen Testaments lautet er „basiléia tou theoú“.
„Basileiologie“ bedeutet hier also „Lehre bzw. Rede vom Reich Gottes“.

 

Das gesamte Jahresprogramm finden Sie hier.

 

Gewaltfreiheit

 

(…) Es gibt drei mögliche Reaktionen auf das Böse: 1. Passivität, 2. Gegengewalt – oder 3. den Weg militanter Gewaltlosigkeit, wie ihn Jesus gefordert und vorgelebt hat. Die Entwicklung der Menschheit hat uns nur für die Ersten beiden Möglichkeiten konditioniert: Flucht oder Kampf.
»Kampf« war die Parole jener Galiläer gewesen, die – nur zwei Jahrzehnte, bevor Jesus auftrat – erfolglos gegen Rom rebelliert hatten. Jesus und viele seiner Zuhörerinnen und Zuhörer hatten zweifellos mit angesehen, wie zweitausend ihrer Landsleute von den Römern an den Straßenrändern gekreuzigt worden waren. Oder sie hatten Einwohner von Sapphortis gekannt (einem Ort, der nur 25 Kilometer nördlich von Nazareth lag), die in die Sklaverei verkauft worden waren, weil sie den Anschlag der Aufständischen auf das dortige Zeughaus unterstützt hatten. Für diese Menschen hatte es keinen Dritten Weg gegeben. Unterwerfung oder Revolte – darin erschöpfte sich das Vokabular ihrer Möglichkeiten im Widerstand gegen die Unterdrückung. (…)
Jesus lehnt Passivität und Gewalt als Antwort auf das Böse gleichermaßen ab. Seine Alternative beschreibt einen Dritten Weg, der von diesen ersten beiden Möglichkeiten nicht einmal berührt wird. (…)
Weshalb empfiehlt Jesus diesen – ohnehin genügend gedemütigten – Menschen, die andere Backe hinzuhalten? Weil genau dies den Unterdrücker seiner Möglichkeit beraubt, sie zu demütigen! Die Person, die die andere Backe hinhält, sagt damit: »Versuch es noch einmal! Dein erster Schlag hat sein eigentliches Ziel verfehlt. Ich verweigere dir das Recht, mich zu demütigen. Ich bin ein Mensch wie du. Dein Status (Geld, Geschlecht, Rasse, Alter) ändert nichts an dieser Tatsache. Du kannst mich nicht entwürdigen.« (…) Der Angreifer ist gegen seinen Willen gezwungen worden, sein Gegenüber als gleichwertigen Mitmenschen zu betrachten. Ihm ist die Macht genommen, sein Opfer zu entwürdigen.
Anstatt jener zwei Möglichkeiten, die – nach Millionen von Jahren unreflektierter roher Gewalt gegenüber den natürlichen Bedrohungen der Umwelt – tief in uns verwurzelt sind (Kampf oder Flucht!), bietet uns Jesus seinen Dritten Weg an. Dieser neue Weg markiert einen Entwicklungsschritt in der Menschheitsentwicklung, der historische Dimensionen hat. (…) Mit Jesus eröffnet sich ein Weg und eine Möglichkeit, wie dem Bösen widerstanden werden kann, ohne es einfach nur selbst widerzuspiegeln.

„Steht für euch selbst ein, trotzt euren Herren, behauptet eure Menschlichkeit, zahlt aber dem Unterdrücker nicht mit selber Münze heim. Sucht einen neuen, dritten Weg, der weder feige Unterwerfung noch gewaltsame Vergeltung bedeutet.“

Aus: Walter Wink, Angesichts des Feindes. Der Dritte Weg Jesu in Südafrika und anderswo (1988), und Walter Wink, Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit. Herausgegeben von Thomas Nauerth und Georg Steins und übersetzt unter Mitwirkung von Anka Schneider und Anja Mehrmann, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2014

 


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