Basiskurs Basileiologie. 4. Woche: Jesu Begegnung mit Johannes dem Täufer und seine Abkehr von ihm

 

„Reich Gottes“ ist der Zentralbegriff des jesuanischen Evangeliums.
Im griechischen Urtext des Neuen Testaments lautet er „basiléia tou theoú“.
„Basileiologie“ bedeutet hier also „Lehre bzw. Rede vom Reich Gottes“.

 

Das gesamte Jahresprogramm finden Sie hier.

Jesu Begegnung mit Johannes dem Täufer und seine Abkehr von ihm

 

Das erste historisch sicher verbürgte und höchst bedeutsame Ereignis im Leben Jesu von Nazaret war seine Begegnung mit Johannes dem Täufer. Dieser führte im damaligen Peräa auf der anderen Seite des Jordans gegenüber von Jericho ein äußerst einfaches, ja karges Leben. Laut durchaus glaubwürdiger biblischer Überlieferung war er mit einem Gewand aus Kamelhaaren bekleidet, das von einem ledernen Gürtel zusammengehalten wurde, und ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig (Matthäus 3,4). Er rief die Menschen, die aus der Zivilisation zu ihm kamen, zu einer radikalen Umkehr auf, denn: „Die Axt ist den Bäumen schon an die Wurzel gelegt. Darum: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Matthäus 3,10 = Lukas 3,9) Johannes erwartete das Kommen Gottes zum Weltgericht in allernächster Zukunft. Alle, die seiner Botschaft Glauben schenkten und die Umkehr vollziehen wollten, wurden von ihm im Jordan getauft und damit gleichsam für das erwartete Gericht „versiegelt“.

Die Botschaft des Johannes und Lebensweise müssen Jesus, so ist zu vermuten, stark beeindruckt und angezogen haben. Er ist zu ihm in die Wüste gezogen und hat sich von ihm taufen lassen. Zunächst wird er dessen glühende Naherwartung vom Kommen Gottes geteilt und dessen radikal-asketische Lebensweise eine Zeitlang für sich übernommen haben. Später jedoch erweist Jesus sich geradezu als Antipode seines einstigen Lehrers: Er fastet nicht, lehnt eine asketische Lebensweise sogar grundsätzlich ab, wird vielmehr gar ein „Fresser und Weinsäufer“ (Matthäus 11,19 = Lukas 7,34) genannt. Er wirkt nicht mehr, wie Johannes, am Rande oder jenseits der zivilisierten Welt, in der Wüste, sondern in der Landschaft am See Genezaret in Galiläa. Und hier wartet er nicht auf die Menschen, um ihnen seine Botschaft zu überbringen, sondern er geht auf sie zu, um mit ihnen zu leben und zu feiern. Jesus von Nazaret hat von Anfang an Gemeinschaft gestiftet.

Worin liegt der Grund für diese Abkehr von Johannes? Warum und inwiefern ist der einstige Schüler über seinen Meister hinausgewachsen und hat einen völlig anderen, eigenen Weg eingeschlagen? Es muss in der Zeit nach der Begegnung Jesu mit Johannes zu einer fundamentalen Wende in seinem Leben gekommen sein, zu einem Durchbruch in eine ganz und gar neue spirituell-religiöse Dimension, und infolgedessen zu einem Lebensstil, der nichts mehr mit dem seines ehemaligen Lehrers gemein hatte. Während Johannes der Täufer noch im „Warteraum der Zukunft“ lebt, die er aber gewinnen will und auf die er sich entsprechend vorbereitet, ist für Jesus von Nazaret die „Zukunft“ längst da, ist das, was Johannes erwartete, die „Gottesherrschaft“, jetzt schon, ja immer schon Gegenwart. Vom Charakter dieser Freudenzeit ist deshalb auch sein eigenes Verhalten bestimmt.


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