Basiskurs Basileiologie. 33. Woche: Von der Präsenz des Reiches Gottes (Lukas 17,20b–21)

 

„Reich Gottes“ ist der Zentralbegriff des jesuanischen Evangeliums.
Im griechischen Urtext des Neuen Testaments lautet er „basiléia tou theoú“.
„Basileiologie“ bedeutet hier also „Lehre bzw. Rede vom Reich Gottes“.

 

Das gesamte Jahresprogramm finden Sie hier.

Von der Präsenz des Reiches Gottes

 

„Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte;
man wird auch nicht sagen: siehe, hier! oder: dort!
Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

(Lukas 17,20b–21)

 

Das hohe Alter dieser Überlieferung macht allein schon die Beobachtung wahrscheinlich, dass die Eindeutigkeit ihrer entscheidenden Aussage, nämlich dass das „Reich Gottes“ da, dass es Gegenwart ist, bereits im Neuen Testament selbst beinahe wie ein Fremdkörper wirkt. Weithin bleibt es dort bei dem Vorverständnis, obgleich dieses hier gerade korrigiert wird, dass das „Reich Gottes“ prinzipiell eine zukünftige Größe sei.

Der Kontext, die Pharisäerfrage, wann denn das Reich Gottes komme, dürfte sekundär sein. Er lässt sich gut aus der nachjesuanischen Gemeindesituation heraus erklären, in der das Reich Gottes wieder als zukünftige Größe (miss-)verstanden wurde.

Jesus proklamiert hier die Aktualität und Gegenwart des Reiches Gottes. Es steht nicht aus, sondern es ist Gegenwart. Man kann es nicht aus der Distanz heraus beobachten bzw. gleichsam mit dem Finger darauf zeigen als einer objektiven und objektivierbaren Tatsache. Jesus definiert das Reich Gottes mit seiner durch ein „siehe“ eingeleiteten und damit einerseits besonders hervorgehobenen, andererseits aber auch die zitierten gängigen Vorstellungen unterlaufenden Aussage denn auch nicht. Er gibt gerade keine objektive Auskunft, sondern spricht vom Reich Gottes als einer Größe, die in enger, unauflöslicher Beziehung zu den Menschen steht, an die er sich wendet. Das aber heißt: Das mit „Reich Gottes“ Gemeinte enthüllt sich nur, wenn Menschen sich ihm öffnen, wenn sie das „mitten unter euch“ verspüren, wenn ihnen aufgeht: Immer schon befinden und bewegen wir uns mitten im Reich Gottes.

Nicht um den Glauben an die Gegenwart des Reiches Gottes geht es Jesus, sondern um die existenzielle Erfahrung, nicht nur von ihm umfangen zu sein, sondern ihm selber zuzugehören. Nur dann wären wir mit der Welt wirklich vertraut, würden, gleichsam von innen heraus, um sie wissen, wenn sie sich als unser Lebens-Raum, als unsere Heimat schlechthin öffnet beziehungsweise – es ist ein und dasselbe – wenn wir uns öffnen für sie. „Mitten unter uns“ ist das Reich Gottes, wenn wir entdecken, dass wir mit der Welt verbunden, gleichsam durch tausend Fäden auf innigste, vielfältigste Weise verknüpft sind. Diesen Welt-Zusammenhang als geradezu lebenskonstitutiv zu empfinden, ihn in seiner ganzen Tiefe zu erfühlen und zugleich, was sich geradezu zwangsläufig daraus ergäbe und gar nicht mehr anders vorstellbar wäre, als zutiefst beglückend, ja beseligend, als heilig, als etwas Göttliches wahrzunehmen, dies und im Grunde nur dies muss Jesus mit dem entòs hymōn („mitten unter euch“) der Basileia gemeint haben. „Reich Gottes“ bezeichnet weder eine transzendente Welt noch aber auch eine bestimmte Qualität der Welt, in der wir leben Welt. Es geht gerade nicht um die Welt als eine uns Menschen gegenüberstehende, von außen zu beurteilende, zu beeinflussende oder gar herstellbare Größe. Entscheidend für das Reich-Gottes-Verständnis ist das „mitten unter euch“, eben jene Verbundenheit unserer individuellen Existenz mit dem großen Zusammenhang, in den sie eingebettet ist, in dem und mit dem sie sich entfaltet. „Für einen außenstehenden Zuschauer ist das Reich Gottes nicht sichtbar. Nur dem Beteiligten ist es erfahrbar. Wer mitten in ihm lebt, nimmt es wahr.” (Hans Bischlager)

Die Bedeutung „inwendig in euch“, wie Martin Luther das entòs hymōn übersetzt, „kann…mit Sicherheit ausgeschieden werden. Nirgendwo im antiken Judentum noch sonst im Neuen Testament finden wir die Vorstellung, dass die Königsherrschaft Gottes inwendig im Menschen, etwas im Herzen Befindliches sei; ein solches spiritualistisches Verständnis ist sowohl für Jesus als auch für die urchristliche Überlieferung ausgeschlossen.“ (Joachim Jeremias, Neutestamentliche Theologie. Erster Teil: Die Verkündigung Jesu, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1971, 104)

Auch die Ineinssetzung der Basileia, also des Reiches Gottes, mit der Person Jesu ist völlig spekulativ, die Interpretation also, dass das Reich Gottes mit der Gestalt Jesu und nur in ihr seinerzeit inmitten der Menschen präsent gewesen sei. Seit Origenes ist der Text immer wieder im Sinn einer solchen „Autobasileia“ Jesu missverstanden worden.


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