Auf das Leben! 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

 

„Durch ein reichsweit gültiges Gesetz erlauben wir allen Stadträten, dass Juden in den Stadtrat berufen werden“, verfügte der römische Kaiser Konstantin im Jahr 321. Köln war damals eine römische Kolonie mit dem Namen Colonia Claudia Ara Agrippinensium in der Provinz Germania Inferior (Niedergermanien) des Römischen Reiches.

Dass wir davon wissen, verdanken wir der frühmittelalterlichen Abschrift des an den „Kölner“ Stadtrat gerichteten Kaiserlichen Erlasses, der im Codex Theodosianus, einer Gesetzessammlung, enthalten war. Sie wird ausgerechnet in den Archiven des Vatikans aufbewahrt. Dieses Dokument ist der älteste Beleg dafür, dass Juden nördlich der Alpen lebten. Allem Anschein nach hatten sie schon damals als Einzelne oder Gemeinde einen gesellschaftlichen Status, der ihnen (kommunal)politische Kompetenzen und Verantwortung einräumte. Man kann wohl davon ausgehen, dass sich jüdische und christliche Gemeinden ungefähr um dieselbe Zeit im nordwestlichen Teil des römischen Imperiums ansiedelten. So erwähnt eine Urkunde aus dem Jahr 313 den (ersten?) Kölner Bischof Maternus.

Aus Anlass dieser ersten urkundlichen Erwähnung unserer „älteren Geschwister im Glauben“ – die schöne, leicht abgewandelte Bezeichnung der Juden als unsere „älteren Brüder“ stammt von Papst Johannes Paul II. – im Gebiet des heutigen Deutschland gab das Bundesfinanzministerium am 4. Februar 2021 eine Sonderbriefmarke (80 ct) heraus. Sie zeigt in hebräischer Schrift das Wort „Chai“ = Leben, lebendig, und bringt zum Ausdruck, dass Juden längst in unseren Breiten heimisch waren, ehe man von deutschen Ländern, ja von Deutschland als einem einheitlichen staatlichen Gebilde sprechen konnte. Sie sind es geblieben durch all die Jahrhunderte hindurch, oft verfolgt, gedemütigt, enteignet und vertrieben. Doch selbst die von Deutschland im letzten Jahrhundert systematisch betriebene Ausrottung nicht nur der deutschen Juden, sondern des jüdischen Volkes überhaupt konnte das jüdische Leben bei uns nicht auslöschen. Es kam in den letzten Jahrzehnten sogar wieder zu einer Zuwanderung von Juden nach Deutschland und jüdische Gemeinden nahmen wieder zu an Zahl und Mitgliedern. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern, gab der Briefmarke das Motto: „Wir sind da und wir bleiben da!“

Doch erneut wird das Lebensrecht jüdischer Menschen in Deutschland von populistischen und rechten Kreisen angefochten, angefeindet, ja massiv bedroht, wie das unfassbare Attentat auf die Synagoge in Halle/Saale im Oktober als bisher letzter Höhepunkt antisemitistischer Gewalttaten zeigt.

Um jüdisches Leben als zugehörig und bereichernd für Deutschland darzustellen, begann im Februar unter dem Titel #2021JLID ein deutsch-jüdisches Festjahr unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten, für das über 1000 Veranstaltungen geplant sind. (https://2021jlid.de/). Mitmachen ist möglich, Projekte können angemeldet werden.

Der Bundesbeauftragte für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, Dr. Felix Klein, sagte zu dem Festjahr: „…Deswegen müssen wir alles tun, um jüdisches Leben zu erhalten. Es ist nicht nur im Interesse der jüdischen Gemeinschaft, sondern im Interesse von uns allen. Das ist Teil unserer deutschen kulturellen Identität, der Vielfalt. Und das wollen wir auch feiern“. Er betonte auch, dass die ganze Gesellschaft aufgefordert sei, sich gegen Antisemitismus, Hass und Hetze gegen Juden einzusetzen. Das gilt besonders auch für die christlichen Gemeinden.

Auf Euer Leben! Auf Euer gutes, geachtetes, sicheres Leben unter uns, liebe jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Veit Schäfer

 


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