„‚Was für ein Vertrauen‘ 2. Könige 18,19“. Zur Losung des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2019

 

Was für ein Vertrauen wird da gestiftet!

 

Von Claus Petersen

 

„‘Was für ein Vertrauen‘ 2. Könige 18,19“, so lautet die Losung für den Kirchentag in Dortmund – ohne Satzzeichen, nur diese vier Wörter und die Bibelstelle. Wie ist sie gemeint, wie soll sie verstanden werden? Vermutlich doch so, dass man in Gedanken ein Ausrufezeichen setzt: So groß ist unser Vertrauen bzw. sollte, könnte es sein. Aber es bleibt eine Vermutung.

Oder ist es des biblischen Kontextes wegen bewusst offengehalten worden? Der Satz, dem die Losung entnommen ist, ist jedenfalls ganz eindeutig eine Frage: „Was ist das für ein Vertrauen, das du da hast?“ Und diese Frage ist vollauf berechtigt. Der judäische König Hiskia wollte sich partout nicht, wie alle anderen Kleinstaaten ringsum, der wiedererstarkten Macht der Assyrer unterwerfen. Auch alle Städte in Judäa, einschließlich der zweitgrößten Stadt Lachisch, hatte der assyrische König Sanherib bereits eingenommen – bis auf Jerusalem. Kurz vor der Eroberung auch dieser Stadt war er dann aus historisch nicht mehr sicher rekonstruierbaren Gründen gezwungen, seine Soldaten abzuziehen und nach Mesopotamien zurückzukehren. Es ist gewiss verständlich, dass die Bewahrung der Souveränität Jerusalems und damit des Reiches Juda sozusagen in letzter Minute der Macht und Überlegenheit Jahwes zugeschrieben wurde. Nicht nur fragwürdig, sondern indiskutabel ist allerdings die nachträgliche Konstruktion, Hiskia habe im sicheren Vertrauen auf diesen Ausgang, im Vertrauen auf die durch Jahwe selbst garantierte Unantastbarkeit der Gottesstadt das Ansinnen der Gesandten Sanheribs, er möge sich schleunigst unterwerfen und Jerusalem der assyrischen Herrschaft unterstellen, strikt zurückgewiesen. Eigentlich völlig zu Recht fragt einer der Gesandten, was das denn für ein Vertrauen sei. Hätte sich alles tatsächlich so abgespielt wie berichtet – Hiskia wäre also von der realen Lage ausgegangen, ohne schon von dem wider Erwarten glücklichen Ausgang zu wissen –, er hätte ganz und gar unverantwortlich gehandelt, ein blindes, durch nichts begründetes Vertrauen an den Tag gelegt und das drohende Verderben nicht nur riskiert, sondern sehenden Auges in Kauf genommen. Es wäre das Vertrauen eines Hasardeurs gewesen. Hiskia hätte gepokert bis zum Schluss und – aus letztlich nicht bekannten Gründen – das „Spiel“ gewonnen.

Da als Quelle der Kirchentagslosung jene Erzählung im zweiten Buch der Könige angegeben ist, müsste sie also zwingend mit einem Fragezeichen versehen werden. Denn der Bote hatte Recht. Was ist das für ein Vertrauen? Es ist ein blindes, ein zurückzuweisendes leeres Vertrauen. Vor einem solchen magischen Verständnis der eigenen Religion, wie es hier an den Tag gelegt wird, kann man nur warnen. Mit einem derartigen „Vertrauen“ lassen sich die schweren Krisen der Gegenwart gewiss nicht bewältigen. Ganz im Gegenteil: Es würde uns in eine völlig illusorische Sicherheit wiegen. Als ob letztlich schon alles gut gehen wird. Oder zumindest: Ganz so schlimm wird es schon nicht kommen. Gott sitzt doch im Regiment und wird seine Welt nicht der Vernichtung ausliefern. Nein, so geht es nicht.

Und doch möchten wir so gerne Vertrauen entwickeln, können doch nur wirklich leben, wenn wir nicht ständig in Existenzängsten schweben. Gibt es eine Möglichkeit, das Fragezeichen vielleicht doch noch in ein – ja sicher intendiertes – Ausrufezeichen zu verwandeln? Die Bibelstelle in Klammern auf dem Kirchentagsplakat wäre auf jeden Fall zu löschen – aber man könnte sie durch eine andere ersetzen, zum Beispiel durch Matthäus 20,1-14. Ich denke in unserem Zusammenhang besonders an diese Szene in jenem Reich-Gottes-Gleichnis Jesu: Da warten einige Menschen seit sechs Uhr morgens auf dem Marktplatz der Stadt auf eine Arbeitsgelegenheit. Eigentlich hätten sie allerdings einen ganzen Tagesverdienst gebraucht, um ihre Familien ernähren zu können. Inzwischen ist es 17 Uhr, als ihnen doch noch jemand eine Chance gibt. Eine Stunde lang können sie noch bei der Weinlese helfen. Für „Lohnverhandlungen“ war es allerdings bereits zu spät. Wahrscheinlich mussten auch sie sich mit den Worten des Verwalters begnügen: Ich werde euch geben, was Recht ist.

Wir kennen die überraschende Entwicklung der Geschichte. Was trotz der Einstundenarbeit fatal hätte enden können, nämlich mit der Auszahlung eines Lohnes, der hinten und vorn nicht zum Leben reicht, kommt es ganz anders: Alle erhalten, was sie brauchen – völlig unabhängig von der erbrachten Leistung (allerdings nicht von der Leistungsbereitschaft selbst).

Angesichts des auch in diesem Fall ganz überraschend-unerwarteten Ausgangs könnte man auch hier – allerdings in ganz anderer Weise als im zweiten Königsbuch  – noch einmal zurückblenden und das Gleichnis als eine Geschichte erzählen, in der wahrhaftes Vertrauen von Anfang an die Beziehungen der Menschen untereinander bestimmt. Es ist ein Vertrauen, das vom letzten Satz getragen wird: dem Schlussakkord und ursprünglichen Ende des Gleichnisses: „Ich will diesem Letzen das gleiche geben wie dir.“ Dies wäre jetzt der Ausgangspunkt: eine Welt und Gesellschaft, in der sich alle Menschen fest darauf verlassen können, dass ihnen zukommen wird, was sie brauchen. Ganz selbstverständlich gilt das natürlich auch für die Einstundenarbeiter. Sie haben darauf keinen „gesetzlichen Anspruch“, den sie im Zweifelsfall erst einklagen müssten. Der Grund ihres Vertrauens ist vielmehr der selbstverständliche Wunsch der ganzen Gesellschaft, dass es eben so sein und bleiben soll in unserer Welt: Niemand darf und will zu viel besitzen, aber auch niemand soll zu wenig haben. Darauf muss sich jeder hundertprozentig verlassen können. Seine Arbeit aber ist von seinem Einkommen entkoppelt. Sie hat ihren Wert in sich (oder sie hat eben keinen). Das ist eine (Welt-)Gesellschaft, in der die Menschen weltverbunden leben, in der sich durch ihre Reich-Gottes-Praxis, nämlich zum Beispiel jedem Menschen das zukommen zu lassen, was er braucht, ihre Teilhabe am Reich Gottes immer neu realisiert. Es ist eine Welt und Gesellschaft, in der das Vertrauen wirklich einen unerschütterlichen Grund und einen festen Boden hat. Eine Kirche, die für diese Reich-Gottes-Welt steht und einsteht, könnte, ja müsste zwingend nach den Worten der Kirchentagslosung ein Ausrufezeichen setzen: „Was für ein Vertrauen!“ Was für ein Vertrauen ist möglich in einer Welt, in der die Menschen von der Vertrauen bildenden und dieses Vertrauen auch tragenden Reich-Gottes-Botschaft des Genug-für-Alle so berührt werden, dass sie sie auch leben. Jesus formuliert mit seinem Gleichnis kein Programm, sondern stellt – provokativ, aber letztlich vollkommen einleuchtend – fest, dass es so und nicht anders sein muss in unserer Welt – wie in Matthäus 20 so auch bei uns und für immer.

Dieser Aufsatz ist zusammen mit anderen Artikeln zur Kirchentagslosung in der aktuellen Nummer der Zeitschrift CuS (Christin und Sozialistin. Christ und Sozialist) des Bundes der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands e.V. (BRSD) erschienen.


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