Glaubenserneuerung aus der Jesusbotschaft

von Eckart Emrich, Zweibrücken

veröffentlicht im Pfälzischen Pfarrerblatt, 108. Jahrgang, Nr. 12, Dezember 2019, S. 405–412

 

Jahr für Jahr erreichen uns die statistischen Fakten: Immer mehr Menschen verlassen die Kirchen, weil sie offenbar deren Verkündigung nicht mehr als relevant für ihr Leben empfinden.

Sonntag für Sonntag bemühen sich Pfarrerinnen, Pfarrer und Laienprediger*innen, das Gegenteil darzulegen, versuchen die vorgegebenen biblischen Texte zum Leuchten zu bringen, indem sie interessante Zugänge aufzeigen, persönliche Erfahrungen einbringen, oder auf aktuelle Vorgänge im örtlichen Bereich oder in der Welt Bezug nehmen, Dialoge einflechten usw.

Alles gut und schön – aber die Störfaktoren sind übermächtig. Da ist der festgelegte liturgische Rahmen, der für mitmenschliche, gar spontane Kommunikation keinen Raum vorgibt; da sind Lied- und Gebetstexte aus völlig anderen Zeiten, die selbst sangesfreudige Menschen oft zum Verstummen bringen. Das gemeinsam zu sprechende „apostolische“ Glaubensbekenntnis klingt von Jahr zu Jahr matter, weil auch die bestgemeinte Einleitung, etwa dass diese alten Worte die ganze Christenheit verbinden, nicht mehr ankommt gegen das Gefühl, dass man doch allenfalls noch mechanisch antiquierte Formeln mitmurmelt, und es deshalb ehrlicherweise besser bleiben ließe. Auch der freundliche Hinweis nutzt da wenig, dass das Bekenntnis „ganz hinten im Gesangbuch“ abgedruckt steht… – Ein Blick in die Runde, auf die Größe und Altersstruktur der Versammlung – d.h. auch auf die vielen leeren Plätze – tut ein übriges; die früher noch häufiger zu hörende Frage „Wo ist denn die Jugend?!“ wird schon gar nicht mehr gestellt. Eher schon die leise innere Frage: Warum tu ich mir das eigentlich noch an? – Selbst positive Einzelerfahrungen, die es natürlich auch gibt, können den deprimierenden Gesamteindruck kaum widerlegen, dass unsere Volkskirche zur Nachhut der Gesellschaft geworden ist. Wieso aber?

Soziologische Antwortversuche gibt es viele. Gebracht haben sie wenig. Darum finde ich, es ist höchste Zeit, dass wir uns der Tatsache stellen: Die Misere hängt mit dem Kern unserer Botschaft zusammen. Was aber ist dieser Kern?

Zum 500. Reformationsjubiläum 2017 hat die EKD in einem „Grundlagentext“ noch einmal versucht, aus den reformatorischen Einsichten Luthers zündende Funken für die Gegenwart zu schlagen: „Für uns gestorben“ heißt die Schrift. Doch trotz der geballten Kompetenz der Mitglieder der „Kammer für Theologie“ der EKD, die den Text verantwortet, taugt das Buch allenfalls für brave Studenten zur Examensvorbereitung im Fach Christologie. Auf die hier nochmals breit dargestellte Lehre, dass Christus für unsere Sünden gestorben sei, reagieren immer mehr Zeitgenossen inzwischen mit Abwehr. Verständlich, denke ich; denn immer neu festgelegt zu werden auf einen grausamen Hinrichtungstod vor 2000 Jahren, und dass daran mein „Seelenheil“ hänge, hat in der Vergangenheit schon viel zu viele Menschenseelen deformiert. Eine so belastete Doktrin taugt mit Sicherheit nicht dazu, etwa angesichts der höchst bedrohlichen Klimakrise Menschen zum entschlossenen Umsteuern zu bewegen…

Ganz andere Perspektiven tun sich jedoch auf, wenn wir von der Botschaft des lebendigen Jesus reden (die in dem EKD -„Grundlagentext“ mit keinem Wort erwähnt wird!). Da begegnet uns der Rabbi, der sagt: „Das Reich Gottes ! ist  mitten unter euch!!“, (Lk 17,21, s.u. Anhang 2 Ziff.21). Diese Erkenntnis, sagt Jesus, löst unmittelbare Freude aus (Ziff.1), wie wenn jemand beim Graben auf dem Feld oder im Garten überraschend auf einen verborgenen Schatz stößt (Ziff.17). – Kinder in ihrer Natürlichkeit, sagt Jesus, leben noch unmittelbar im Reich Gottes (Ziff.7). Erwachsene, die es nicht erkennen, verweist er zum einen auf die Schöpfung, die uns zuverlässig versorgt (wachsende Senfstaude, Ziff.6), deren fast automatische Selbsttätigkeit uns staunen lässt (Ziff.5), und deren Schönheit wir vielfach bewundern können (Blumen, Vögel, Mt 6, 26.28). Heilungen sind allemal Reich-Gottes-Erfahrungen, so wie die ärztliche Kunst, die dabei entscheidend helfen kann (Ziff.14). Zum andern wird das Reich Gottes erfahrbar in sozialen Beziehungen, so wie in den Begegnungen Jesu mit unterschiedlichsten Menschen. Dies unterstreicht sein Gleichnis vom Festmahl: Die Einladung zum Fest des Reiches Gottes gilt allen („Kommt, denn es ist schon  bereit!“, Ziff.16), doch wer anderes für wichtiger hält, verpasst das Fest. Dies gilt vor allem für das Streben nach Reichtum, der unzweifelhaft vom Reich Gottes ausschließt (Ziff.8), oder auch für eine Haltung, die nur einer aktuellen Mode zu folgen sucht (Ziff.13), während besitzlose Menschen, die vertrauensvoll von Tag zu Tag und „von der Hand in den Mund“ leben, des Reiches teilhaftig werden (Ziff.10). – Wer dies erkennt, weiß zugleich, dass er zum Dienen berufen ist, nicht zum Herrschen (Ziff.9), dies aber in der Gewissheit, dass das „Böse“ in der Welt grundsätzlich schon entmachtet ist (Ziff.20). Daraus wächst die Bereitschaft, auf Gewalt nicht mit Gewalt zu antworten (Ziff.11)  Er/sie lebt vielmehr in der Zuversicht, dass auch kleine Beiträge große Wirkung haben können (Ziff.15), auch wenn ein Großteil der Bemühungen zeitweise scheinbar wirkungslos bleibt (Ziff.4). Der Blick im Reich Gottes ist nach vorne, auf die Möglichkeiten Gottes gerichtet (Ziff.19); Rückfall in überholte Konventionen kann von dem entscheidend Neuen ablenken (Ziff.12), denn dieses Neue braucht auch neue Formen (Ziff.2). Konventionen sind deshalb zu prüfen, ob sie dem Reich Gottes dienen (Ziff.3), und können auch radikal verändert werden, um ein auskömmliches Leben für alle Menschen zu ermöglichen (Ziff.18). Das ist das neue Kriterium.

Dreierlei mag bis hierher auffallen:

(1) Auch ohne eine genaue Definition wird im vorangehenden Absatz verständlich, was Jesus mit „REICH GOTTES“ meint – diesem zentralen Begriff, der heutzutage in der Alltagssprache kaum vorkommt (so wie er auch in den offiziellen Glaubensbekenntnissen der Kirchen völlig fehlt!). Gleichsam selbsterklärend wird aber in der vorstehenden Darlegung deutlich: Ein gelingendes Leben in der Gegenwart ist möglich, gerade auch da, wo Menschen nicht materiell privilegiert sind. Reich Gottes ist somit erfahrbare Wirklichkeit, und keinesfalls ein utopisches Wunschbild für eine nebulöse Zukunft.

(2) Die Situationen, die Jesus vor 2000 Jahren anspricht, sind heute verblüffend aktuell: Not und Überfluss, Gewalt und Machtlosigkeit, Bosheit und ihre Überwindung, neue Wertschätzung der Natur/Schöpfung, Herrschen oder Dienen, neue Lebensformen, von einengenden Konventionen befreit, einfache Ideen für eine gerechtere Gesellschaft.

(3) Insofern wird erkennbar, dass diese Botschaft in hohem Maße anschlussfähig ist für heutige Probleme und Fragestellungen. Und im Bereich der Religion bietet der Rabbi Jeschua mit seiner Reich-Gottes-Botschaft auch für den heute nötigen interreligiösen Dialog, z.B. mit dem Islam, verheißungsvolle Ansatzpunkte (vgl. Perry Schmidt-Leukel, Wahrheit in Vielfalt. Vom religiösen Pluralismus zur interreligiösen Theologie, 2019)

Selbstverständlich stellen die angeführten 20 Textstellen nur eine Auswahl aus der Fülle der biblisch überlieferten Jesusworte dar, und zwar nur aus den ersten drei („synoptischen“) Evangelien. Das Johannes-Evangelium bleibt hier außen vor; denn die darin enthaltenen, oft zu ganzen Reden komponierten „Christusworte“ sind sicher nicht Originalsprache, sondern theologisch dem Christus in den Mund gelegte Gedanken aus der Zeit um 100 unserer Zeitrechnung.

Hinter der obigen Auswahl aber steckt eine Menge gewissenhafter Auslegungsarbeit („Exegese“). Denn auch in den drei synoptischen Evangelien ist nicht davon auszugehen, dass alle Aussprüche Jesu bei Markus, Matthäus und Lukas wirklich von Jesus stammen. Das hängt damit zusammen, dass es nach der Kreuzigung Jesu rund 40 Jahre gedauert hat, bis erst mal das Markusevangelium, das früheste und kürzeste, schriftlich vorlag; Matthäus und Lukas folgten ca. 10-20 Jahre später und sind deutlich umfangreicher an Text.

In diesen 60-70 Jahren (wenn man Johannes mit einbezieht), hat sich also „die Kunde von Jesus“ enorm verändert. Aus dem unbekannten Zimmermannssohn aus Nazareth, der von der römischen Besatzungsmacht als Umstürzler verdächtigt und daher am Kreuz hingerichtet worden war, wurde in der Einschätzung seiner Anhänger und gemäß ihrem Bekenntnis zunächst der Messias (griechisch: Christus), sowie der „Sohn Gottes“; dessen „Menschwerdung“ wurde legendär verklärt als übernatürliche Zeugung; weiter wurde er zum kommenden Weltenrichter erhöht – und der Anfang des Johannes-Evangeliums verklärt ihn sogar zu dem schöpferischen WORT GOTTES von der Weltschöpfung an, also gleich ewig wie Gott selbst.

Dieser Prozess einer fortgesetzten Vergöttlichung Jesu lässt sich im Neuen Testament in ihrer Abfolge genau ablesen. Paulus, der früheste schriftliche Zeuge, lässt in der Einleitung zum Römerbrief (ca. im Jahr 60) in Kap. 1,3f Jesus noch Mensch sein, „aus dem Geschlecht Davids“, aber nach seinem Tod „eingesetzt zum Sohn Gottes … in der Auferstehung“. – Markus, ca. im Jahr 70, verlegt die göttliche Adoption weiter nach vorn, geschehen durch die Himmelsstimme bei der Taufe des erwachsenen Jesus, noch vor seinem öffentlichen Wirken. Matthäus und Lukas (ca. 80-90) kolportieren in ihren erfundenen Geburtslegenden (in total unterschiedlichen Erzählungen!), dass Jesus dank übernatürlicher Zeugung bereits im Mutterleib Gottes Sohn war. Und für Johannes (um 100) war er dies schon, bevor die Welt erschaffen wurde… (Bereits vor Mk. muss es eine – uns nicht erhaltene – Sammlung von Jesusworten (griech. Logien) gegeben haben, die Mk nicht kannte, aus der aber Mt. und Lk schöpften, s.Ziff.10-16; sie wird „Logienquelle“ oder auch „Quelle Q“ genannt.)

Zweifellos hat sich diese zunehmende Vergöttlichung auch auf die Berichterstattung der Evangelisten niedergeschlagen: Die geschilderte Lehrautorität Jesu wird gesteigert, da er selbst angeblich bereits seine göttliche Identität schon kennt. Wundergeschichten nehmen zu an Zahl und Größe; Jesus besitzt bereits Vorauswissen über seinen Tod und seine Auferstehung, und in Mt 25,31-46 outet er sich selbst als der kommende Weltenrichter! So sind die Evangelien weithin übermalt worden durch die Jesus mittlerweile zugeschriebene Glorie – und dieser Prozess setzte sich fort in der frühen Kirche, in der Bekenntnisbildung, der Dogmengeschichte, ja in der katholischen Kirche sogar bis in unsere Zeit, siehe Mariendogmen.

Darum muss, wer wieder die irdische Menschenstimme Jesu hören will, diesen Prozess der Vergöttlichung gedanklich rückgängig vollziehen. Dies hat exemplarisch Pfarrer Dr. Claus Petersen (Nürnberg) geleistet. Er hat das doppelte Differenzkriterium der anerkannten historisch-kritischen Bibelauslegung angewandt, um aus der Fülle von Worten, die angeblich Jesus gesagt hat, diejenigen herauszufiltern, die mit hoher Wahrscheinlichkeit echte Jesusworte sind, und ist dabei auf 21 Texte (siehe Anhang 2) gekommen, zu denen die oben angeführten 20 alle gehören. Das genannte „Differenzkriterium“ besagt, dass diejenigen Worte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf den historischen Jesus zurückgehen, die sich einerseits von den zeitgenössischen Lehren des Judentums abheben, als auch andererseits sich nicht aus der Situation der frühchristlichen Gemeinden heraus erklären lassen.

Im Ergebnis haben wir dann den eindrucksvollen Glaubenslehrer Jeschua vor uns, der ganz und gar Menschenbruder ist, erfüllt von der Botschaft, dass wir Menschen hier, im Diesseits, bereits im „Reich Gottes“ leben und dies auch erfahren werden, je mehr wir uns auf die „Spielregeln“ des Reiches Gottes einlassen. Einfachheit, Friedfertigkeit, Schöpfungsverbundenheit, materielle Anspruchslosigkeit und Solidarität mit allen anderen „Armen“ sind die Voraussetzungen, um des Reiches Gottes überhaupt inne zu werden.(„Freude, Einfachheit und Barmherzigkeit“ – so fasste Roger Schutz, der Gründer der Kommunität von Taizé, diese Lebenshaltung zusammen.) Und es bedarf keiner Gedankenakrobatik, um grundsätzlich Jesus zustimmen zu können: Je mehr Menschen auf dieser Erde ihr Leben in diesem Sinne leben, desto besser werden die Chancen, dass die Erde ein bewohnbarer Planet bleibt. Eine wahrhaft einfache Glaubenslehre, die auf übernatürliche Geschehnisse völlig verzichten kann!

„WeltReligion“ ist darum auch der Titel des zweiten Buches von Claus Petersen, erschienen 2016, nachdem sein erstes Buch „Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes. Aufruf zum Neubeginn“ vergriffen war. In „WeltReligion“ sind die Auslegungen der 21 Texte auch sehr anschaulich nachzulesen. Weitere Konsequenzen signalisiert der lange Untertitel: „Von der paulinisch-lutherischen Kreuzestheologie zur Botschaft Jesu von der Gegenwart des Reiches Gottes. Von den Strukturen der Gewalt zu einer Kultur des Friedens.“ Das Buch hat 226 Seiten, die ISBN 978-3-7345-2159-1, ist im Buchhandel zu bestellen und kostet broschiert 12,95 €. Der Untertitel deutet an, dass eine Rückkehr zur ursprünglichen Jesusbotschaft – sofern sich unsere Kirche diesem Weg öffnet – gravierende Akzentverschiebungen mit sich bringen wird – und ich bin gewiss: auch eine ganz neue, positive Ausstrahlung.

Deshalb ist mein Anliegen: Vorfahrt für die Jesus-Botschaft! Und zwar in einer „aufgeklärten“ Weise, die zu unterscheiden lernt zwischen seiner ursprünglichen Botschaft an die Menschen seiner Zeitund allem, was ihm in den späteren Schichten des NT an Erhöhung, Glorifizierung und Vergottung „zuteil wurde“. Dazu zähle ich auch z.B. die beiden „Christushymnen“ Phil. 2,6-11 und Kol. 1,15-20, sowie die Sühnetod-Theologie. Ich halte all diese Traditionsbildung für verständlich als lang anhaltende Reaktion auf den Schock der Kreuzigung, verkenne auch nicht ihre hymnische Schönheit und ihre Intention höchsten Gotteslobes. Deshalb seien sie nach gut pfälzischer Tradition auch „in gebührender Achtung“ gehalten. Doch unsere eigentliche Verkündigung heute sollte sich derlei mythischer Sprache und „hoher Christologie“, ebenso wie auch hoher und „trinitarischer“ Theo-logie“  enthalten – aus einem einfachen Grund: Jesus hätte derlei sicher nicht gewollt! Nach Mt. 19,16 hat er schon das Prädikat „gut“ allein Gott vorbehalten, und nach Lk 6,46 auch die Anrede „Kyrios/Herr“ zurückgewiesen. Mögen just diese Beispiele auch keine authentischen Vorgänge schildern, so zeigen sie immerhin, dass es auch zur Zeit von Mt und Lk noch ein Wissen gab, dass Jesus hymnische Anreden nicht mochte, weil sie von seiner eigentlichen Botschaft ablenkten. Das muss auch heute, in der Zeit der akuten Bedrohung einer für Menschen noch bewohnbaren Erde, ohne Abstriche gelten, so lange wir nicht das Äußerste für ihre Bewahrung getan haben.

Ich schließe mit einem Versuch jesuanischen Betens bzw. solcher Kontemplation:

kommm bruder jesus/mach hell unsre nacht

du bruder jesus/ machst hell unsre nacht

lass leuchten die botschaft/ die du uns gebracht

lässt leuchten die botschaft/ die du uns gebracht

die welt als reich gottes/so lehr sie uns sehn

die welt als reich gottes/ so lehrst du uns sehn

und gott als vollkommene liebe verstehn. amen

und gott als vollkommene liebe verstehn. amen

 

 

ANHÄNGE

 

(1) Zur Entstehung der Ökumenischen Initiative Reich Gottes – jetzt!

 

Die „Ökumenische Initiative Reich Gottes – jetzt!“ ist ein Zusammenschluss von evangelisch-lutherischen, römisch-katholischen und altkatholischen Christen, aber auch von Menschen, die keiner christlichen Konfession (mehr) angehören. Sie plädiert für ein Christentum, das wieder an der Botschaft Jesu von der Gegenwart des Reiches Gottes anknüpft (Markus 1,15) und dieses jesuanische Evangelium entschlossen ins Zentrum von Theologie und Kirche rückt. Die Anfänge der Initiative gehen auf einen Aufsatz zurück, den Claus Petersen, promovierter Theologe und Pfarrer der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, in die „Baustelle Jesus“ der Zeitschrift Publik-Forum eingebracht hat und der im Jahr 2000 unter dem Titel: „Wie Jesus an das Reich Gottes glauben. Diese Erde ist Himmel, und sie kann es auch sein. Was die Kirche schaffen könnte, wenn sie von der ‚Christus-Rede’ abließe“ veröffentlicht worden ist. Daraufhin haben sich Leserinnen und Leser gemeldet und es wurde ein Treffen vereinbart, bei dem die Idee entstanden ist, eine Reich-Gottes-Initiative zu gründen.

Offiziell konstituierte sich die „Ökumenische Initiative Reich Gottes – jetzt!“ am 21. Juli 2002 auf einer Tagung in Stein (bei Nürnberg) und trat mit einem Positionspapier an die Öffentlichkeit, dessen programmatischer erster Satz lautet: „Wir wünschen uns eine Reform der Kirchen auf der Basis der Reich-Gottes-Botschaft des Jesus von Nazaret.“

Die Initiative veranstaltet in der Regel jährlich eine theologische Studientagung und präsentierte sich auf dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin (2003) und auf dem 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden (2011) auf dem Markt der Möglichkeiten.

Von 2003 bis 2005 lud die Initiative unter dem Titel „Heaven on Earth. Der andere Gottesdienst“ immer wieder zu Gottesdiensten in eine Kirche in Nürnberg ein, in der das jesuanische Evangelium von der Gegenwart des Reiches Gottes im Zentrum stand. Am 16. Januar 2009 wurde in der Sebalduskirche in Nürnberg der erste „Reich-Gottes-Gottesdienst“ gefeiert; zu ihm hatte nicht die Initiative, sondern die evangelisch-lutherische Kirche in Nürnberg eingeladen. Diese Gottesdienste fanden seitdem in der Regel dreimal jährlich in der Nürnberger Jakobskirche statt. Am 24. November 2017 endete die Reihe.

Geplant und organisiert werden die Aktivitäten der Initiative von einem Koordinierungskreis, für besondere Projekte engagiert sich ein über den Koordinierungskreis hinausgehendes größeres Team. Die theologischen Studientagungen sind gleichzeitig die Jahrestreffen der Initiative, auf denen alle aktuellen Fragen und Anliegen gemeinsam besprochen werden.

Eine große Materialsammlung zum Thema des gegenwärtigen Reiches Gottes biete die Homepage der Ökumenischen Initiative: www.reich-gottes-jetzt.de

 

(2) Die 21 Texte in der vermutlich ursprünglichen Form, nach Dr. Claus Petersen

 

Die Jesusworte*

1    Können denn Hochzeitsgäste fasten?

Markus 2,19a

2    Niemand näht einen Flicken aus neuem Stoff auf ein altes Gewand.
Sonst reißt das Füllstück von ihm ab,
und der Riss wird schlimmer.
Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche.
Sonst zerreißt der Wein die Schläuche,
und der Wein geht verloren mitsamt den Schläuchen.

Markus 2,21–22 (ohne verstärkenden Zusatz)

 

3    Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht worden
und nicht der Mensch um des Sabbats willen.

Markus 2,27

 

4    Siehe, ein Sämann ging aus, um zu säen.
Beim Säen geschah folgendes:
Einiges fiel auf den Weg; und es kamen die Vögel und fraßen es auf.
Anderes fiel auf Steine; und als die Sonne aufging, wurde es versengt.
Wieder anderes fiel unter Dornpflanzen; und die Dornpflanzen wuchsen auf und erstickten es.
Alles Übrige aber fällt auf guten Boden; und es gibt Frucht,
nachdem es aufgegangen und gewachsen ist, und trägt dreißigfach.

Markus 4,3–8 (ohne nachträgliche Erweiterungen)

 

5    Mit dem Reich Gottes verhält es sich so,
wie wenn ein Mensch Samen auf die Erde gestreut hat, und er schläft ein und er erwacht, Nacht und Tag,
und der Same sprosst und wird groß – er weiß selbst nicht wie.
Von selbst bringt die Erde Frucht: zuerst den Halm, dann die Ähre,
schließlich das voll ausgereifte Korn in der Ähre.

Markus 4,26–28

 

6    Womit könnte man das Reich Gottes vergleichen oder in welchem Gleichnis könnte man es darstellen?
Es ist wie ein Senfkorn, das, wenn es auf die Erde gesät wurde, kleiner ist als alle Samenkörner auf Erden,
und, wenn es gesät wurde, aufgeht und größer wird als alle Gartengewächse und große Zweige bildet,
so dass unter seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.

Markus 4,30–32

 

7    …solcher [der Kinder] ist das Reich Gottes.
Amen, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der kommt nicht hinein.

Markus 10,14b–15

 

8    Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes gelangt.

Markus 10,25

 

9    Wer unter euch groß sein will, soll euer Diener sein,
und wer unter euch Erster sein will, soll der Knecht aller sein.

Markus 10,43b–44

 

10  Selig sind die Armen; ihrer ist das Reich Gottes.

Matthäus 5,3 / Lukas 6,20b

 

11  Dem, der dich auf die Wange schlägt, halte auch die andere hin!

Matthäus 5,39b / Lukas 6,29a

12  Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

Matthäus 8,22 / Lukas 9,60

 

13  Das Gesetz und die Propheten: bis Johannes.
Von da an wird das Reich Gottes verkündigt, und jeder drängt sich hinein.

(Matthäus 11,12f.) / Lukas 16,16

 

14  Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann hat euch doch das Reich Gottes erreicht.

Matthäus 12,28 / Lukas 11,20

 

15  Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Sauerteig, den eine Frau nahm und in drei Sat [= ca. 40 Kilogramm] Weizenmehl verbarg, bis er das Ganze
durchsäuert hatte.

Matthäus 13,33 / Lukas 13,21

 

16  Ein Mensch veranstaltete ein großes Gastmahl, lud viele dazu ein und schickte, als es soweit war, seinen Diener aus, der den Eingeladenen sagen sollte:
„Kommt, denn es ist schon bereit!“
Da fingen alle ohne Ausnahme an sich zu entschuldigen.
Der erste sagte zu ihm: „Ich habe einen Acker gekauft und muss ihn unbedingt besichtigen gehen;
ich bitte dich: Betrachte mich als entschuldigt.“
Der nächste sagte: „Ich habe fünf Ochsengespanne gekauft und bin gerade auf dem Weg, um sie mir genauer anzusehen;
ich bitte dich: Betrachte mich als entschuldigt.“
Der dritte sagte: „Ich habe geheiratet und kann deshalb nicht kommen.“
Der Diener kehrte zurück und berichtete seinem Herrn davon.
Da wurde der Hausherr zornig und sagte zu seinem Diener:
„Geh schnell hinaus auf die Plätze und Straßen der Stadt und bring die Armen hierher.“

(Matthäus 22,1–9) / Lukas 14,16–21a

 

17  Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker verborgen war.
Ein Mensch fand ihn und verbarg ihn wieder. Und in seiner Freude geht er hin, verkauft alles, was er besitzt, und kauft jenen Acker.

Matthäus 13,44

 

18  Mit dem Reich Gottes verhält es sich so:
Ein Gutsbesitzer ging gleich am frühen Morgen hinaus, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Nachdem er mit den Arbeitern um einen Tageslohn
von einem Denar übereingekommen war, schickte er sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem
Marktplatz stehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: „Geht auch ihr in den Weinberg. Ich werde euch geben, was recht ist.“ Und sie gingen hin.
Um die sechste und um die neunte Stunde ging er nochmals hinaus und tat genauso. Als er um die elfte Stunde hinausging, fand er andere dastehen und
sagte zu ihnen: „Was steht ihr hier den ganzen Tag ohne Arbeit?“ Sie antworteten ihm: „Weil uns niemand angeworben hat.“ Da sagte er zu ihnen: „Geht
auch ihr in den Weinberg.“
Als es Abend geworden war, sagte der Weinbergbesitzer zu seinem Verwalter: „Rufe die Arbeiter und zahle ihnen ihren Lohn aus. Beginne bei den Letzten
bis zu den Ersten.“ Da kamen die, die um die elfte Stunde eingestellt worden waren, und erhielten jeweils einen Denar. Als dann die Ersten kamen, meinten
sie, dass sie mehr erhalten würden. Aber auch sie erhielten jeweils einen Denar. Als sie ihn erhielten, empörten sie sich über den Gutsbesitzer und sagten:
„Diese letzten haben eine einzige Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgemacht, die wir die Last des Tages und die Hitze ertragen haben.“ Er aber
antwortete einem von ihnen: „Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht. Bist du nicht um einen Denar mit mir übereingekommen? So nimm das Deine und
geh. Ich will diesem Letzten das gleiche geben wie dir.“

Matthäus 20,1–14

 

19  Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt,
ist geschickt für das Reich Gottes.

Lukas 9,62

 

20  Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.

Lukas 10,18

 

21  Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte;
man wird auch nicht sagen: siehe, hier! oder: dort!
Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Lukas 17,20b–21

 

* Die Texte sind in folgender Reihenfolge aufgeführt: (1) Traditionen im Markusevangelium, (2) in  der Logienquelle, (3) im Sondergut des Matthäusevangeliums, (4) im Sondergut des Lukasevangeliums. In Matthäus 13,44 und Matthäus 20,1 wurde das matthäische „Himmelreich“ stillschweigend durch das ursprünglichere „Reich Gottes“ ersetzt.

(Die Nummerierung ist eingefügt zur schnelleren Verständigung über ein gemeintes Wort, EE)

 

(3) Positionspapier der Ökumenischen Initiative Reich Gottes – jetzt!  (2002)

 

(1) Wir wünschen uns eine Reform der Kirchen auf der Basis der Reich-Gottes-Botschaft des Jesus von Nazaret.

(2) Wir möchten erreichen und dazu beitragen, dass unsere Kirchen sich auf ihre jesuanischen Wurzeln zurückbesinnen.

(3) Wir glauben, dass in der Botschaft Jesu Heilung und Befreiung liegen. Er hat diese Botschaft konsequent gelebt. Seine Hinrichtung am Kreuz hat nicht verhindern können, dass seine Botschaft vom Reich Gottes weiterlebt.

(4) Zentrale Inhalte seiner Botschaft sind:

  • Das Reich Gottes ist angebrochen.
  • Die Erde ist im Begriff, zum „Himmel“ zu werden.
  • Es geht um diese Welt und dieses Leben.
  • Es gilt, in allem dem Reich Gottes zu entsprechen.

(5) Daraus folgt für uns:

  • Die Welt ist von ihrer Anlage her „sehr gut“, heilig, das heißt, sie gehört Gott.
  • Alles, was wir brauchen, um die Welt zu gestalten, ist uns schon gegeben.
  • Wir müssen nicht resignieren, sondern wir glauben, dass Lebensfeindlichkeit und Stagnation überwunden werden können.
  • Wir können Jesu befreiender Botschaft in unserem Leben Raum geben und so in unserer Welt für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung wirken.

(6) Die wichtigsten ethischen Folgerungen aus dem Reich-Gottes-Glauben bestehen für uns in Einfachheit und in der Ehrfurcht vor allem Leben.

(7) Wir erwarten, dass diese Botschaft vom Reich Gottes in den Kirchen als legitimer Ausdruck jesuanischen Glaubens anerkannt wird und liturgisch gefeiert werden kann.

(8) In den traditionellen Glaubensbekenntnissen und in der überkommenen Liturgie des Abendmahls bzw. der Eucharistie hat der Reich-Gottes-Glauben keinen Ausdruck gefunden.

(9) Es muss daher in unseren Kirchen Platz sein, unseren Glauben an das Reich Gottes zu bekennen und zu feiern.

(10) Wir laden zum Gespräch über unsere Thesen und zur Mitarbeit im Reich Gottes ein.


RSS