Das Reich Gottes jetzt und hier – Paradies auf Erden?
Überlegungen zur Vision vom Reich Gottes als Strukturen für die Gesellschaft
Ausgangsfrage: Wie könnte sich die Menschengemeinschaft zukunftsfähig gestalten und dabei den Nachhaltigkeitsanspruch auch im strengen Sinn erfüllen?
Als Leitbild hierzu scheint Albert Schweitzers Ethik der “Ehrfurcht vor dem Leben”geeignet, welche die transkonfessionelle Vernetzung unter Einbeziehung von Agnostikern ermöglicht:
Nicht (mehr) geduldet wird all das, was Leben vernichtet, schädigt oder behindert. Gefragt sind stattdessen intelligente Konzeptionen, auch Theorien/Modelle, wie Leben umfassend gefördert wird und wie es sich bestmöglich entfalten kann. Schweitzers Ethik besitzt nicht die Reife eines ausdifferenzierten Entwurfes für eine “lebensethische” zukunftsfähige Gesellschaft. Doch verspricht der strukturelle Aufbau eines Gesellschaftsform-Modells auf dieser Ethik die Verheissung zur Gestaltung einer die Schöpfung bewahrenden Zukunft mit Entwürfen “Gott-gemässer” Lebensstile – ist die erste These als Versuch einer Antwort.
Befindet sich die Welt bereits in dem Zustand, wie sie sein soll? Wir dürfen hoffen, dass die Welt zum Reich Gottes bestimmt, dass sie hierzu “angelegt” ist. Diese Aussage dürfte nicht im Widerspruch dazu stehen, dass Jesus wohl als erster “Berufener” verinnerlichte, dass das Reich Gottes bereits zu seiner Zeit existierte, zumindest bereits angebrochen war. Nächste These: Bis zur Gegenwart existiert es nur vereinzelt, quasi in Nischen. Von einer Entfaltung in Fülle und noch dazu weltweit kann also keinesfalls die Rede sein – auch wenn es bereits zur Zeit Jesu vorhanden war. Deshalb wäre es eine lohnende Aufgabe für Nachforschungen seitens der Historiker, ob es “Reich Gottes verinnerlichte Gesellschaften”, z.B. unter Konfuzius, Buddha, anderen Religionsführern, oder innerhalb von Naturstämmen bereits gab.
Als nächstes wäre zu fragen, welche Grundprinzipien für das Reich Gottes auf Erden gelten sollten. Provokanter Vorschlag ist, solche Prinzipien aus den Seligpreisungen der Bergpredigt abzuleiten. Es wird auf die Textfassung von Walter Jens zurückgegriffen:
Wohl denen, die
arm sind vor Gott und es wissen – ihnen gehört das Reich der Himmel.
- Leiden erfahren – Trost ist ihnen gewiss.
- gewaltlos sind und Freundlichkeit üben – erben werden sie das Land.
- hungrig und durstig nach Gerechtigkeit sind – ihr Hunger und Durst wird gestillt.
- barmherzig sind – sie werden Barmherzigkeit finden.
- aufrichtig sind in ihrem Herzen – sie werden Gott sehen.
- Frieden bringen – Gottes Kinder werden sie heissen.
- verfolgt werden – ihnen gehört das Reich der Himmel.
Ist auf dieser Basis die “Kunst” einer lebensfreundlichen Politik vorstellbar?
1. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
Sie seien als Prinzip vorangestellt und sollten auch aus dem Blickwinkel: “Vermeidung objektivierbarer” Ungerechtigkeit interpretiert werden.
Als Hauptziel wird gesehen, jedem Erdenbürger jetzt und später menschenwürdige Daseinsbedingungen unter praktizierter Achtung von allem Leben zu sichern. Hierzu braucht es ein radikal neues Gesellschaftskonzept – mit einem politisches System, dem seine Bürger vorbehaltlos vertrauen. Eine Gesellschaft, in der Menschenwürde gelebt werden kann, Verunsicherungen und Ängste keinen Nährboden (mehr) finden. Menschenwürdiges Dasein heisst, die Grundbedürfnisse Nahrung, Kleidung, Obdach, Grundenergie, Gesundheit, Bildung, Arbeit, Unversehrtheit jedem einzelnen “unantastbar” und mit höchster gesellschaftlicher Priorität zu sichern. Zur Gerechtigkeit zählt auch, dass jedem nicht nur die gleichen Rechte und Pflichten zukommen, sondern in umfassender Verwirklichung des Solidaritätsprinzips (Barmherzigkeit) Hilfsbedürftigen Hilfe angemessen zuteil wird.
2. Aufrichtigkeit
Dem Bemühen um Wahrhaftigkeit entspricht Ehrlichkeit in Politik, Handel, bei Wissenschaftlern und Technikern, Handwerkern und Dienstleistern, die Offenlegung von redlichen Absichten, insbesondere seitens der politischen Entscheidungsträger.
3. Gewaltfreiheit und Frieden
Gewaltfreiheit ist die Voraussetzung für dauerhaften Frieden in einer Weltordnung ohne Kriege. Sie liesse sich durch die Eigenschaften Güte und Barmherzigkeit erweitern – Grundlage für umfassende Solidarkonzepte.
4. Armut
Armut wird interpretiert als ein bescheidener Lebensstil mit einsichtiger Selbstbeschränkung auf die materiellen Güter und Dienste, die wirklich gebraucht werden und die im Hinblick auf Mitmenschen, Enkel und allem Leben verantwortbar sind. Das Vermitteln von “nachhaltigen” Lebensstilen wird als Schlüsselaufgabe des Zusammenlebens im Reich Gottes gesehen, .
5. Leid
Durch Menschen verursachtes Leiden dürfte sich in der Frühphase des Umbaus wegen der Langzeitauswirkungen bisher praktizierten lebensfeindlichen Handelns nicht sogleich und umfassend überwinden lassen. Allein wegen des anthropogenen Klimawandels muss eine längere “Phase der Drangsal” durchgestanden werden. Dabei könnte “Trost durch Hoffnung” neue Kräfte verleihen. Verfolgte kennt die neue Gesellschaft nicht.
Elemente einer “lebensethischen” Reich-Gottes-Gemeinschaft:
A) Herrschaftsfreies Demokratiesystem:
Es ist repräsentativ strukturiert und enthält basisdemokratische Elemente: Wahl vertrauenswürdiger (Gesinnung, Kompetenz), nur ihrem Gewissen und Wissen verpflichteter Bürgervertreter, Kontroll-, Rechenschaftsmechanismen, Personenplebiszit begegnen Machtmissbrauch und Inkompetenz. Rückübertragung von Macht durch Bürgerbeteiligungen (Gesetze als Entwürfe mit Aufruf zu Korrekturen, Ergänzungen, Alternativen). Bedarf keiner Parteien, da intelligente Konzepte (parlamentarische) Mehrheiten finden. Politische Mitbestimmung im Rahmen vielfältiger Mitwirkungsformen auf Basis eines hohen Informiertheitsgrades zählt zu den erhabensten Bürgerrechten und Pflichten und gewährleistet den Souveränitätsanspruch der Bürger (alle Macht geht vom Volk aus).
B) Wirtschaft nach ökologischen und sozialen Kriterien “gebändigt”
Intelligente Ordnungspolitik setzt die Rahmenbedingungen entsprechend schöpfungsbewahrender (ökologischer) Notwendigkeiten, innerhalb derer auch Wettbewerb stattfindet. Daseinsvorsorgebereiche werden besonders geschützt. Als zweckmässig erweisen sich Non-Profit-Zentren, die wettbewerbsorientierte Aufgaben an private Unternehmen übertragen.
Ein kluges Ökosteuer-Konzept drängt lebensfeindliche Produkte, Techniken, Dienste zügig aus der Nutzung und ersetzt diese durch lebensfreundliche “sanfte” Alternativen. Es führt zu einer ressourcen- und energieschonenden Kreislaufwirtschaft mit hohem Recyclinganteil. Zwecks Klimaneutralität wird einzig auf Energieträger aus Erneuerbaren Quellen orientiert. Güter sind langlebig, reparaturfreundlich und energiesparend konzipiert.
C) Neutralgeldsystem
Es vermeidet leistungslose Einkünfte. Umlaufendes Geld “altert” durch dosierte Inflation (wenige Prozent pro Jahr, Angleich auch der Einkünfte in monatlichen “Schüben”). Keiner Alterung unterliegt mittelfristig auf Konten geparktes Geld mit Realzins 0 %. Anlagen in Aktien, Wertpapiere, “stille” Beteiligungen erzielen max. ca. 3 % Rendite.
Grund und Bodenschätze werden zu Generationeneigentum deklariert – “wir gehören der Erde” – was auch Spekulation und Ausweichen von Kapital in diese Bereiche verhindert.
D) Soziokultureller Existenzsockel (SKE) und libertärer Arbeitsmarkt
Der SKE gewährleistet die Gleichheit aller Menschen – die Reichen eingeschlossen – durch eine automatische Grundsicherung “von der Wiege bis zur Bahre” – zugeschnitten auf die o.g. Grundbedürfnisse entsprechend der regionalen Lebenshaltungskosten. Bereits die Leistungen des SKE sollen ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen. Jegliche Erwerbstätigkeit ermöglicht die Befriedigung von Zusatzbedürfnissen. Die mit Einkünften verbundenen Arbeitsmärkte sind deshalb “libertär” gestaltbar: keine zwingenden Tarifvorgaben, Kündigungsschutz, Lohnfortzahlung bei Krankheit, Ruhestandsregelungen… Resultierender Charme: Es lassen sich beliebig viele Arbeitsplätze einrichten, so dass es keine unfreiwillige Erwerbslosigkeit (gleichbedeutend mit Arbeitsgarantie) gibt. Wertschöpfung findet noch bis ins hohe Alter statt – zumindest dort, wo sie noch möglich ist. Häufig objektbezogene (statt zeitbezogene) Erwerbstätigkeit in oft gesplitteten Jobs beschränkt sich auf vielleicht 20 bis 25 Wochenstunden. Ehrenamtliche und Eigentätigkeit sind weitverbreitet. Die Finanzierung des SKE erfolgt durch nutzungsspezifische Bodenpachten, nach Grund- bis Luxusbedürfnissen differenzierte Konsum- sowie (lineare) Erwerbssteuern.
E) Dauerhafter Frieden durch gewaltfreie Konfliktbearbeitung
Dem berechtigten Bedürfnis nach Sicherheit wird mit einer Weltordnung ohne Duldung von Kriegen nachgekommen, in der Konflikte gewaltfrei bewältigt werden. Dieses Prinzip basiert in der Anfangszeit auf der Übertragung des staatlichen Gewaltmonopols ausschliesslich auf Polizeistrukturen. Es ermöglicht die Ächtung und Verschrottung schwerer Waffen sowie Transportmittel (Raketen und -Basen, Bomben-, Jagdflugzeuge, Schiffe…). Mit der “Alphabetisierung” gewaltfreier Konfliktbewältigungsstrategien werden die anfänglich verbliebenen leichten Waffen für ultima-ratio-Androhung/Anwendung nicht mehr gebraucht.
Auswirkungen & Ausblick
Unter den aufgezählten Bedingungen entfalten sich die Menschen hinsichtlich ihrer Talente und Fähigkeiten bestmöglich, fruchtbarer Boden für Eigen- und Nächstenliebe, Mitgefühl und Hilfswilligkeit, zur Verbundenheit mit allem Leben und letztlich mit Gottes Schöpfung führend. Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung breiten sich weltumspannend aus, nachdem Reich-Gottes-Bewegungen aus ihrer Region heraus mit vielfältigen “Vorbildern guter Beispiele” auf noch nicht beteiligte Regionen ausstrahlen. Die EU-Region wäre hierfür aus mehreren Gründen besonders geeignet. Von der Reich-Gottes-Idee inspirierte Christen könnten sich als “Salz der Erde” an der Spitze hochpolitisch-revolutionär-gewaltfreier Initiativen einfinden. Sie entwickeln Reich-Gottes-gemässe Lebensstile in verinnerlichter Nachfolge Jesu: Bescheidenheit im Konsum lenkt zu einer nachfrageorientiert-begrenzten Wirtschaft. Hierzu zählen CO2-neutrales Wohnen und Energiebezug, schademissionsfreie Mobilität, ökologische Ernährung, Landschaftspflege (z.B. blumenreiche Sommerwiesen)…
Zu Seiner weisen Schöpfung gehören neben dem in unserer Welt angelegten Reich Gottes das “Prinzip der geistigen Evolution” – dem verantworteten Umgang mit den eigenen Freiheiten als Lernprozess – hin zu schöpfungserhaltendem Handeln, dessen wir Menschen zur Annäherung an Gottes Ebenbildlichkeit bedürfen – ist meine Glaubens-bekennende Überzeugung.
Hans-Ulrich Oberländer, Jena, (letzte Überarbeitung März 2003)
