Verletzungen der Welt. 38. KW: Lichtverschmutzung, Verlust der Nacht

Unter der Rubrik Verletzungen der Welt werden die wohl schlimmsten Verletzungen der Welt aufgeführt. Zu Beginn wird die jeweilige Thematik in den Reich-Gottes-Zusammenhang gerückt, es folgen grundsätzliche Informationen, sodann Beispiele für ein sich der entsprechenden Verletzung widmendes heilendes Engagement. Ein letzter Punkt weist schließlich darauf hin, dass die Realisierung unserer Weltverbundenheit bzw. eine Reich-Gottes-Spiritualität dem verletzenden Handeln selbst den Boden entziehen, aber vielleicht auch die stärksten und nachhaltigsten Kräfte zur Heilung der Welt freisetzen würde. Die Seiten werden kontinuierlich überarbeitet und aktualisiert.
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20. März 2017, 22. September 2017: Äquinoktium (Tagundnachtgleiche)

LICHTVERSCHMUTZUNG, VERLUST DER NACHT

„Wir sind dabei, eine unserer ältesten Verbindungen zur Natur zu verlieren: die Fähigkeit, zu den Sternen zu schauen.“

Andreas Hänel (Astronom)

„Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war, und Gott schied zwischen dem Licht und der Dunkelheit. Und Gott nannte das Licht „Tag“ und die Dunkelheit nannte er „Nacht“. Und es wurde Abend und es wurde Morgen: der erste Tag.“ (1. Mose 1,3-5)

„Die dunkle Nacht hat ihre Zeit, und der lichte Tag hat seine Zeit.“ (Nach Prediger Salomo 3)

„Es werde Nacht…“ (Thema einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing über „Lichtverschmutzung, Biodiversität und Möglichkeiten zum Handeln“ vom 2. bis 4. Dezember 2011).

Die Frau und das Kind kriechen aus dem Zelt. Sie sind verschlafen, es ist schließlich zwei Uhr nachts. Doch das Kind muss mal. Mit halb geschlossenen Augen wanken beide über die Wiese, hin zur Toilettenanlage des Platzes. Dann geht plötzlich ein Ruck durch den kleinen Körper auf dem Arm der Frau: „Schau mal, die Sterne! Wie die leuchten!“ Das Kind ist mit einem Mal hellwach und schier sprachlos. So etwas hat es noch nie zuvor gesehen. (Aus dem Artikel „Rettet die Dunkelheit!“ von Martina Hildebrand in den Nürnberger Nachrichten vom 14./15.12.2013)

„Am späten Abend, in meinem Quartier im Dorf Kykotsmovi, gehe ich nach draußen und blicke hoch zu den Sternen. Wiederum bin ich überwältigt von der Pracht dieser Natur. Kein künstliches Licht stört die Reinheit des Lichtes aus dem Kosmos. Keine Luftfeuchtigkeit und kein Dunst dämpfen die Brillanz der Sterne. Ich scheine ihnen unendlich nahegerückt. Zum ersten Mal erlebe ich die Sterne als Teil dieser meiner Welt; zum ersten Mal erlebe ich sie gestaffelt in der Tiefe; einige zum Greifen nahe, andere unendlich fern. Und auch zwischen den strahlenden Brillanten erkenne ich große Lichtfelder. Sommertags schlafen Hopi-Indianer gern auf ihren Hausdächern: Welche Bilder prägt ein solcher Sternenhimmel dann in ihre Seelen?!“ (Rudolf Kaiser, Meine Hände halten den Himmel in diesem kleinen Stein. Der Indianer sieht nicht den großen Graben zwischen Natur und Mensch, in: Publik-Forum Nr. 15 vom 27.7.1990, 24-29[25])

 

INFORMATIONEN

 

Der Begriff „Lichtverschmutzung“ bezeichnet die massive und zunehmende Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen, deren Licht in den Luftschichten der Erdatmosphäre gestreut wird und wodurch Flora und Fauna in ihrem natürlichen Hell-Dunkel-Rhythmus gestört werden.

80 Prozent der Weltbevölkerung lebt bereits unter einem Himmel, der auch nachts beleuchtet ist. In Europa sind es sogar 99 Prozent. Ein Drittel der Weltbevölkerung kann die Milchstraße nicht mehr erkennen. Das sind die Ergebnisse einer Forschungsprojekts zur globalen Lichtverschmutzung, das Forscher aus den USA, Italien, Israel und Deutschland nicht nur am 10. Juni 2016 im Wissenschaftsmagazin Science Advances publiziert, sondern auch als interaktive Weltkarte zugänglich gemacht haben.

Einem Fachartikel im Magazin „Ecology and Society“ zufolge wächst die Lichtverschmutzung in Deutschland jährlich um sechs Prozent. Experten wie Dietrich Henckel, der an der TU Berlin lehrt und gleichzeitig Projektleiter im Forschungsverbund Verlust der Nacht ist, sprechen von einer „Kolonisierung der Nacht“.

Die Lichtverschmutzung nimmt immer mehr zu und hat für Mensch und Tier dramatische Folgen. Viele Tiere reagieren gereizt auf die nächtliche Lichtüberflutung. Die Artenvielfalt der Nachtfalter hat bereits abgenommen, weil die Tiere durch das künstliche Licht die Orientierung verlieren und so lange um Lampen flattern, bis sie völlig erschöpft sind. Man schätzt, dass jedes Jahr etwa 150 Billionen nachtaktive Insekten allein an Deutschlands Straßenlaternen verenden. Aber auch der Mensch ist betroffen. Wissenschaftliche Untersuchungen stützen die Vermutung, das Kunstlicht ähnlich wie Schichtarbeit den Ausstoß des Hormons Melatonin stark beeinflusst, damit den Tag-und-Nacht-Rhythmus, den grundlegendsten Rhythmus des Lebens, durcheinanderbringt und so die Gesundheit beeinträchtigt. Die Weltgesundheitsorganisation stuft Nachtarbeit wegen des Kunstlichts als möglicherweise krebserregend ein.

Laut einer am 2. August 2017 in der Zeitschrift „Nature“ veröffentlichten Untersuchung eines Teams von Wissenschaftlern der Universität Bern verringert künstliche Beleuchtung die nächtliche Bestäubung von Pflanzen durch Insekten deutlich. Auch Tagbestäuber wie Bienen glichen das Defizit nicht aus.

Literatur:

Film:

 

ENGAGEMENT

 

  • Slowenien ist das einzige Land der Welt, das (im Jahr 2007) ein Gesetz gegen Lichtverschmutzung erlassen hat – dank des Engagements des Fotografen Andrej Mohar. Lichtverschmutzungsverordnungen gibt es inzwischen auch in Lichtenstein und Tirol.
  • Die International Dark-Sky Association (IDA) widmet sich dem Kampf gegen die Lichtverschmutzung. 2001 wurde Flagstaff; Arizona, von der IDA zur weltweit ersten “Stadt des dunklen Himmels” erklärt. Seit 2007 verleiht die IDA den Titel „Dark Sky Parc“ („Sternen-Lichtpark“); ein Sternen-Lichtpark verpflichtet sich „zum Erhalt oder zur Wiederherstellung eines natürlichen Nachthimmels, zum Schutz nachtaktiven Lebens und zur Förderung der öffentliche Freude und Teilhabe an einem natürlichen Sternenhimmel durch entsprechende Begleitprogramme“, so das Statut. Die beiden ersten in Europa anerkannten Sternen-Lichtparks der IDA liegen in Ungarn; in Deutschland sind bislang – als erster Ort in Deutschland – der Naturpark Westhavelland in Brandenburg (am 9. Februar 2014),  der Nationalpark Eifel (im Februar 2014) und Teile des Biosphärenreservats Rhön (im August 2014, 243.000 Hektar) als „Internationaler Sternenpark“ anerkannt worden.
  • Die Fachgruppe Dark Sky. Initiative gegen Lichtverschmutzung, eine Partnerorganisation der IDA, hat sich das Ziel gesetzt, über die Problematik der Lichtverschmutzung aufzuklären und Denkanstöße zu geben für den Weg zu einem dunkleren Himmel.
  • In dem interdisziplinären Projekt „Verlust der Nacht“ untersuchen Wissenschaftler die ökologischen, gesundheitlichen sowie kulturellen und sozioökonomischen Auswirkungen, aber auch die Ursachen für die zunehmende Beleuchtung der Nacht. Auf Grundlage dieser Forschungsergebnisse sollen Lösungsansätze für moderne Beleuchtungskonzepte und nachhaltige Techniken entstehen.
  • Am 27. April 2015 verkündete der demokratische Senator des Staates New York, Andrew Cuomo, dass die helle Außenbeleuchtung zwischen 23 Uhr nachts und der Morgendämmerung in der Vogelzugsaison im Frühjahr und Herbst auszubleiben habe. Damit gesellt sich New York zu den Städten Baltimore, Chicago, Minneapolis, San Francisco und Washington, die alle an der Lights Out-Initiative zum Schutz der Zugvögel teilnehmen.

Die Ökumenische Initiative Reich Gottes – jetzt! erinnert an die Botschaft Jesu von der Gegenwart des Reiches Gottes, von der Heiligkeit der Welt, in die wir eingebunden sind. Diese Weltverbundenheit befreit unmittelbar zu einem Lebensstil der Einfachheit, des Genug, des „Soviel du brauchst“.

 


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