Basiskurs Basileiologie. 47. Woche: Christentum und Reich Gottes – Albert Schweitzer (1875–1965)

 

„Reich Gottes“ ist der Zentralbegriff des jesuanischen Evangeliums.
Im griechischen Urtext des Neuen Testaments lautet er „basiléia tou theoú“.
„Basileiologie“ bedeutet hier also „Lehre bzw. Rede vom Reich Gottes“.

 

Das gesamte Jahresprogramm finden Sie hier.

 

Christentum und Reich Gottes – Albert Schweitzer (1875–1965)

 

„Das Christentum ist seinem Wesen nach Religion des Glaubens an das Kommen des Reiches Gottes.“ (Albert Schweitzer, Reich Gottes und Christentum. Herausgegeben von Ulrich Luz, Ulrich Neuenschwander und Johann Zürcher, Verlag C.H.Beck, München 1995, S. 36) „Wir müssen uns…bemühen, dass es Reich Gottes in uns werde oder der Geist des Reiches Gottes durch uns zur Wirkung in der Welt komme, in Vorbereitung auf das Reich, das Gott anbrechen lassen wird.“ (Ebd. S. 25, aus einem Brief Albert Schweitzers vom 5. Mai 1953 an Hugo Gerdes) Diese beiden Sätze verdeutlichen schlaglichtartig die zentrale Bedeutung der Reich-Gottes-Thematik für die Theologie und die Lebenspraxis Albert Schweitzers.

Als Theologe bekannt und berühmt geworden ist Schweitzer durch sein grundlegendes und bahnbrechendes Werk „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“. Es ist weit mehr als ein Forschungsbericht über 150 Jahre neutestamentliche Jesusforschung „Von Reimarus bis Wrede“, wie die erste, 1906 erschienene Auflage noch tituliert war, und markiert zugleich das Ende der so genannten Leben-Jesu-Forschung. Es ist die Geschichte ihres Scheiterns. Sie ist an ihrem eigenen Anspruch zerbrochen und musste an ihm zerbrechen. Gerade ihre Wahrhaftigkeit – und sie machte die Würde der Leben-Jesu-Forschung aus – musste sie erkennen lassen, dass sich ihre Intention schließlich als irrig und unerfüllbar erwies, ein wesentlich undogmatisches Glaubensverständnis auf den historischen Jesus zurückzuführen und mit ihm zu begründen. Heinz Zahrnt fasst diesen „neuhumanistischen Mythos“, wie er ihn nennt, mit folgenden Worten zusammen: „‘Das Reich Gottes ist inwendig in euch‘ – das war das Wort Jesu, das man besonders liebte und an das man sich hielt. Und so wird das Reich Gottes, das Jesus verkündigt, zu einem inneren Reich der Werte, des Wahren, Guten und Schönen. Getragen von den Menschen, die in diesem Sinne den Willen Gottes tun, entfaltet es sich als eine innerweltliche Größe in allmählichem Fortschritt zu immer höherer Vollendung.“ (Heinz Zahrnt, Die Sache mit Gott. Die protestantische Theologie im 20. Jahrhundert, Evangelische Buchgemeinde, Stuttgart 1966, S. 66)

Albert Schweitzer wies in seinem Werk nach, dass alle Autoren eines „Lebens Jesu“ bei aller ehrlichen Wahrheitssuche schließlich doch immer ihr Verständnis des christlichen Glaubens in ihre Darstellungen eingetragen, auf den geschichtlichen Jesus übertragen und ihn deshalb nicht wirklich in den Blick bekommen hätten. Dieser, so Schweitzer, sei eine uns neuzeitlichen Menschen in Wahrheit sehr fremde Gestalt gewesen. Er habe durchaus nicht an ein langsam in der Geschichte wachsendes und sich schließlich vollendendes Reich Gottes geglaubt, vielmehr mit einem apokalyptischen Ereignis gerechnet, das Gott schon sehr bald, noch zu seinen Lebzeiten heraufführen werde. Eine glühende Naherwartung habe ihn erfüllt, die Gewissheit, dass das Ende der Geschichte und der Anbruch einer neuen Welt, eben des Reiches Gottes, unmittelbar bevorstünden. Darauf hätten die Menschen nun all ihre Gedanken auszurichten. Von allen, die sich seiner Reich-Gottes-Naherwartung anschließen, erwartet er, dass sie sich von der Welt lösen, deren Ende in kürzester Frist bevorstünde. Deshalb sei es weder möglich noch sinnvoll, durch ethisches Handeln diese Welt verändern zu wollen. Lediglich „tätiges ethisches Verhalten von Mensch zu Mensch“ sei noch geboten (Albert Schweitzer, Reich Gottes und Christentum, a.a.O., S. 122).

Nachdem Jesus zu der Überzeugung gelangt sei, dass Gott den Menschen die „vormessianische Drangsal“ ersparen würde, die vor dem Anbruch des Reiches Gottes notwendig noch hereinbrechen müsse, wenn er selbst sie stellvertretend erleide, habe er freiwillig den Kreuzestod auf sich genommen. Dadurch, dass er die Drangsal damit gleichsam selbst herbeiführt, sie erduldet und stirbt (jedoch in der Gewissheit, sogleich danach aller Welt als „Messias-Menschensohn“ offenbar zu werden), würde und müsse das Reich Gottes tatsächlich und endlich anbrechen.

Darin aber habe sich Jesus geirrt. In dieser Beziehung sei Jesus ein Kind seiner Zeit geblieben, und deshalb gelte: „In der besonderen Bestimmtheit seiner Vorstellungen und seines Handelns erkannt, wird er (Jesus; C.P.) für unsere Zeit immer etwas Fremdes und Rätselhaftes behalten“ (Albert Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Band I und II, Siebenstern Taschenbuch Verlag, München und Hamburg 1966, S. 620).

Man merkt: Das Pendel schlägt jetzt zur anderen Seite aus. Jesus rückt nun eher weit in die Ferne. Von vornherein und grundsätzlich soll dadurch die Gefahr abgewehrt und gebannt werden, ihn letztlich unkritisch – bei allem noch so ernsthaften historisch-kritischen Bemühen – für die eigene Position in Anspruch zu nehmen.

Dennoch gelingt es Schweitzer, seine Ethik des Reiches Gottes, von ihm als Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben formuliert, mit der Botschaft Jesu zu verknüpfen. Denn bei aller Fremdartigkeit und auch dem, so Schweitzer, historisch-theologischem Irrtum des bevorstehenden Beginns des Reiches Gottes war Jesus – und das allein ist entscheidend – durch und durch vom Reich-Gottes-Gedanken bestimmt, durchglüht, und zwar verstanden als Vollendung der Welt und nicht, wie in der liberalen Theologie vorherrschend, als einer innerseelischen Größe: „…dies ist das Charakteristische an Jesus, dass er über die Vollendung und Seligkeit des Einzelnen hinaus auf eine Vollendung und Seligkeit der Welt und einer erwählten Menschheit ausschaut. Er ist von dem Wollen und Hoffen auf das Reich Gottes hin erfüllt und bestimmt“  (ebd. 623).

Es war ein wegen der eschatologischen Endzeitsituation ungemein starker und leidenschaftlicher Glaube an das Reich Gottes. Ihm gälte es heute dadurch zu entsprechen, dass unser Wollen, Hoffen und Handeln genauso stark und leidenschaftlich und mit höchstem Einsatz und Engagement, wie es bei Jesus auf die bevorstehende Endzeit bezogen war, jetzt auf die ethische Weltvollendung ausgerichtet sein müsse. Dieses Allumfassende und Totale, der Gedanke der Vollendung der ganzen Welt zu etwas Gutem und Heilvollem sei der entscheidende, in der zeitgenössischen Theologie und Kirche (bis heute!) viel zu kurz kommende übergreifende, letztlich auf Jesus zurückgehende Gedanke.

Gerade auch der Umstand, dass Jesus, da er eine Veränderung der Welt durch ethisches Handeln zu seiner Zeit für nicht mehr geboten hielt, ganz allein die innere Einstellung des Menschen in den Mittelpunkt stellt, die „reine Ethik des Vollkommen-Werdens“, habe „eine ungeheure Bedeutung in der Geistesgeschichte der Menschheit“: „Jesus nötigt uns fort und fort, von dem, was wir im ethischen Wirken wollen und leisten, abzusehen und uns Rechenschaft von uns selbst zu geben. Nur in dem Maße, als wir suchen, wahrhaft ethisch zu werden, sind wir bereitet, in der rechten Weise ethisch zu wirken.“ (Albert Schweitzer, Reich Gottes und Christentum, a.a.O., S. 122)

Dies sei noch durch einen Text verdeutlicht, der fast als eine Art Glaubensbekenntnis Albert Schweitzers bezeichnet werden könnte: „Diejenigen, die sehen, wohin wir treiben und sich nicht abstumpfen lassen, sondern die Angst und das Weh um die Zukunft der Welt immer wieder von neuem erleben, sind bereitet, den historischen Jesus zu begreifen und zu verstehen, was er bei aller Fremdheit seiner Sprache uns zu sagen hat. Sie erfassen mit ihm, der in der Erkenntnisweise seiner Zeit ähnliche Angst und ähnliches Weh erlebt hat, dass wir uns aus den gegenwärtigen Zuständen durch ein gewaltiges, den Dingen, wie wir sie sehen, Hohn bietendes Hoffen und Wollen des Reiches Gottes erlösen, in dem Glauben an die unüberwindliche Macht des sittlichen Geistes Halt, Freiheit und Frieden finden, diesen Glauben und die ihm entsprechende tätige Gesinnung um uns herum verbreiten, in dem Reich Gottes das höchste Gut finden und dafür leben müssen.“

Ergänzend hinzugefügt seien noch zwei weitere Absätze aus den posthum veröffentlichten Texten zu „Reich Gottes und Christentum“:

„Der Glaube an das Reich Gottes ist das Größte und Schwerste, was der christliche Glaube zu leisten hat. Er verlangt von uns, dass wir das unmöglich Scheinende des Überwältigtwerdens des Geistes der Welt durch den Geist Gottes für möglich halten. Wir vertrauen auf das Wunder, welches der Geist vollbringen wird. Durch solchen Glauben wahren wir dem Evangelium Jesu die Treue; durch ihn sind wir wieder Christen im evangelischen Sinne. Das Feuer des Glaubens an das Reich Gottes, das Jesus entzündet hat, lodert in dem unseren in neuer Flamme auf.

Nur in einem Christentum, in dem das Reich Gottes im Mittelpunkt des Glaubens steht und alle Glaubensüberzeugungen in sich begreift, ist der Geist Jesu lebendig und völlig vorhanden. Auch für es gilt sein Wort: ‚Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes‘ [Mt. 6,33].“

Für Albert Schweitzer haben wir das Reich Gottes zu bauen, das mit Jesu Tod eben noch nicht angebrochen ist. Durch Jesus ist es uns aber für alle Zeit als das religiöse Thema vorgegeben. Gewarnt durch die Vereinnahmungstendenzen der „Leben-Jesu-Forscher“ und deswegen auf größte Distanz bedacht, aber auch aufgrund mangelnder historisch-kritischer Differenzierung beim Umgang mit der neutestamentlichen Jesusüberlieferung sieht er nicht, dass Jesus die Apokalyptik gerade überwunden bzw. „aufgehoben“ hat.

 


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