Basiskurs Basileiologie. 30. Woche: Ein existenzsicherndes Einkommen für jeden Menschen – unabhängig von Arbeitszeit und Arbeitsleistung

 

„Reich Gottes“ ist der Zentralbegriff des jesuanischen Evangeliums.
Im griechischen Urtext des Neuen Testaments lautet er „basiléia tou theoú“.
„Basileiologie“ bedeutet hier also „Lehre bzw. Rede vom Reich Gottes“.

 

Das gesamte Jahresprogramm finden Sie hier.

 

Ein existenzsicherndes Einkommen für jeden Menschen – unabhängig von Arbeitszeit und Arbeitsleistung

 

Im „Reich Gottes“ soll sich das Leben eines Menschen entfalten, im Universum des Lebendigen soll das Unverwechselbare dieses Lebens zum Leuchten und zur Geltung kommen. Darin ja liegt seine „Bedeutung“: in der besonderen Art und Weise, in der sich seine Weltverbundenheit in seiner Arbeit, seinem Tätigsein im „Reich Gottes“ manifestiert (im „Reich Gottes“ gibt es deshalb nur „sinnvolle“, eben weltverbundene, und keine die Welt missbrauchende, da nicht aus der Verbundenheit mit ihr entwickelte Arbeit).

Der Sinn liegt in der Arbeit selbst. Ihre Sakralität besteht darin, dass sich in ihr und durch sie der „Reich-Gottes“-Bezug des Menschen ausdrückt und darstellt. Jede Tätigkeit ist eine Ehre – für den Handelnden und für die Welt, in deren Zusammenhang sie geschieht, sie ist ein „Ehrenamt“. Bezahlung oder Belohnung würden diesen die Arbeit ja gerade ausmachenden, ihr Würde und Wert verleihenden Bezug korrumpieren und zerstören.

Sophie Latour sieht in der Unbezahlbarkeit der menschlichen Arbeit den Kern des franziskanischen Arbeitsethos (Arbeitsethos und Naturverhältnis des Franz von Assisi, Zeitschrift für Ganzheitsforschung, Neue Folge, 30. Jahrgang, Wien II/1986, 63-72). Zu arbeiten sei für Franziskus und seine Gemeinschaft selbstverständlich, doch spiele die Entlohnung dabei keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle. „Jene Brüder, denen der Herr die Gnade gegeben hat, arbeiten zu können, sollen in Treue und Hingabe arbeiten, so dass sie zwar den Müßiggang, den Feind der Seele, ausschließen, aber den Geist des heiligen Gebetes und der Hingabe nicht auslöschen, dem alle übrigen zeitlichen Dinge dienen müssen. Was aber den Lohn der Arbeit angeht, so mögen sie für sich und ihre Brüder das zum leiblichen Unterhalt Notwendige annehmen, außer Münzen oder Geld; und dies demütig, wie es sich für Knechte Gottes und Anhänger der heiligsten Armut geziemt“, lautet Kapitel 5 („Von der Art zu arbeiten“) der Regula bullata von 1223. „Die menschenwürdige Entlohnung, zu der sich die Gesellschaft zu verpflichten hätte, ginge also nicht mehr vom Arbeitsvorgang und der Arbeitsleistung aus (…), sondern müsste nach den Forderungen der Billigkeit und der Gerechtigkeit geregelt sein.“ (Ebd. 68) Und in seinem zwischen Mai und September 1226 abfassten Testament schreibt Franziskus: „Ich arbeitete mit meinen Händen und will arbeiten; und es ist mein fester Wille, dass alle anderen Brüder eine Handarbeit verrichten, wie es sich ziemt. Die es nicht können, sollen es lernen, nicht aus dem Verlangen, Lohn für die Arbeit zu erhalten, sondern um ein gutes Beispiel zu geben und den Müßiggang zu vertreiben. Und wenn uns einmal der Arbeitslohn nicht gegeben würde, so lasst uns zum Tisch des Herrn Zuflucht nehmen, indem wir Almosen erbitten von Tür zur Tür.“ Damit wird „die Würde der Arbeit betont: sie ist sowenig käuflich oder verkäuflich wie der Mensch selbst“. Der Mensch müsse sich folglich „weigern, die Kräfte seiner Persönlichkeit zur Ware zu machen“ (ebd. 67f.).

Über die Parabel von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20,1-14), die am Ende des Tages das erhalten, was sie zum Leben brauchen, unabhängig vom Maß ihrer Leistung, hinaus wäre es, um dem „Reich-Gottes“-Zusammenhang des Lebens zu entsprechen, unausweichlich, ja zwingend nötig, Arbeit und Einkommen voneinander zu trennen. Unabhängig von ihrer Leistung wären die Menschen mit allem für sie Lebensnotwendigen auszustatten, also mit einem ein gutes Leben ermöglichenden bedingungslosen Einkommen, das für jeden Haushalt, abhängig natürlich von seiner Größe und eventuellen besonderen Herausforderungen, in etwa gleich ist. Niemand käme in einer solchen wohltuend-egalitären Gesellschaft auf die Idee, ein privates Vermögen anzuhäufen. Noch vorhandene Besitztümer würden der Gesellschaft wieder zur Verfügung gestellt. Am treffendsten hat immer noch Karl Marx dieses „Reich-Gottes“-Prinzip auf den Punkt gebracht: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“

(Aus: Claus Petersen, WeltReligion. Von der paulinisch-lutherischen Kreuzestheologie zur Botschaft Jesu von der Gegenwart des Reiches Gottes. Von den Strukturen der Gewalt zu einer Kultur des Friedens, Hamburg 2016, 165-167)

 


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