Basiskurs Basileiologie. 38. Woche: „Sola scriptura“. Das reformatorische Schriftprinzip und die neutestamentliche Jesusüberlieferung

 

„Reich Gottes“ ist der Zentralbegriff des jesuanischen Evangeliums.
Im griechischen Urtext des Neuen Testaments lautet er „basiléia tou theoú“.
„Basileiologie“ bedeutet hier also „Lehre bzw. Rede vom Reich Gottes“.

 

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„Sola scriptura“. Das reformatorische Schriftprinzip und die neutestamentliche Jesusüberlieferung

 

Martin Luther war die „Stelle bei Paulus“ (Römer 1,17) „zu einer Pforte des Paradieses“ geworden („ita mihi iste locus Pauli fuit vere porta paradisi“, WA 54, S. 186, Z. 15f. [1545]). Hier war ihm, so hatte er es zutiefst empfunden, das Evangelium in seiner ursprünglichen, unverfälschten Form begegnet, nicht durch das Studium der Kirchenväter oder mittelalterlicher Evangelienkommentare, sondern im Wort der Schrift selbst. Und diese erschließt sich ihm jetzt ganz neu: Nicht nur der Römerbrief, nicht nur die Briefe des Paulus, so erscheint es ihm, sind von der Botschaft der uns nicht mit der Hölle drohenden, sondern aufgrund des Glaubens an die Kraft des für uns erlittenen, unsere Schuld sühnenden Kreuzestodes Christi rechtfertigenden Gerechtigkeit Gottes durchdrungen, sondern die gesamte Heilige Schrift laufe letztlich allein auf dieses Evangelium hinaus.

Unmittelbar, ohne Vermittlung durch kirchliche Instanzen, waren Luther bei seinem persönlichen Bibelstudium die Augen aufgegangen. Sicher auch aufgrund dieser Erfahrung (natürlich spielte der Humanismus mit seiner Rückbesinnung auf die jetzt endlich verfügbaren „Quellen“ mit eine Rolle) hat er nicht nur die Normativität der Tradition verworfen, sondern ebenso die in der Hochscholastik entwickelte Lehre vom sogenannten vierfachen Schriftsinn, wonach die Bibel neben dem Wortsinn (Literalsinn oder historischer Sinn) auch noch einen allegorischen (einen geistlich-übertragenen), einen tropologischen (ein moralisches Verhalten bezweckenden) und einen anagogischen (endzeitlich-eschatologischen) Textsinn besitzt. Luther ließ allein den ersten, den Wortsinn, gelten. Grundlage seiner auf der Wartburg vorgenommenen Übersetzung des Neuen Testaments war denn auch nicht nur die ihm bestens vertraute lateinische Bibelübersetzung (die Vulgata), sondern auch der griechische Urtext. Dieser lag seit dem 1. März 1516 erstmals im Druck vor, und zwar in Form einer von Erasmus herausgegebenen zweisprachigen griechisch-lateinischen Ausgabe (Erasmus betont in seiner Vorrede zur ersten Auflage: „Das sogenannte Neue Testament habe ich mit aller nur möglichen Sorgfalt und aller geziemenden Zuverlässigkeit textlich hergerichtet, und zwar zum ersten Male nach dem griechischen Original.“ [Erasmus von Rotterdam, Briefe. Verdeutscht und herausgegeben von Walther Köhler. Erweiterte Neuausgabe von Andreas Flitner, Carl Schünemann Verlag, Bremen o.J., 132f.]).

Allein die Schrift in ihrer ursprünglichen Aussageabsicht soll Maßstab und Richtschnur des Glaubens sein. Nicht das Bekenntnis legt fest, wie die Schrift zu verstehen sei, sondern umgekehrt: die Schrift normiert das Bekenntnis. Sie ist norma normans („normierender, festlegender Maßstab“), jenes norma normata („[von der Schrift] genormter, festgelegter Maßstab“). Dies stellt die auf Deutsch abgefasste Konkordienformel, die aus dem Jahr 1577 stammende und damit jüngste der drei Jahre später im Konkordienbuch zusammengestellten lutherischen Bekenntnistexte, gleich in den Prolegomena im ersten Absatz klar: „Wir gläuben, lehren und bekennen, daß die einige Regel und Richtschnur, nach welcher zugleich alle Lehren und Lehrer gerichtet und geurtheilet werden sollen, seind allein die prophetischen und apostolischen Schriften altes und neues Testament (…). Andere Schriften aber der alter oder neuen Lehrer, wie sie Namen haben, sollen der heiligen Schrift nicht gleich gehalten (…) werden.“ Und wenig später, im dritten Absatz, heißt es, dass „allein die heilige Schrift der einige Richter, Regel und Richtschnur (bleibt), nach welcher als dem einigen Probierstein sollen und müßen alle Lehren erkannt und geurtheilet werden, ob sie gut oder bös, recht oder unrecht sein“.

Genau so ist das reformatorische Schriftprinzip, das „sola scriptura, allein durch die Schrift“, gemeint. Natürlich war dabei als eine Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, dass dieses Prinzip niemals in einen Widerspruch zum reformatorischen Evangelium von der Rechtfertigung allein aus Gnaden durch den Glauben an die sühnende Kraft des Kreuzestodes geraten, dieses vielmehr allein sichern und vor den Gefährdungen durch anders gelagerte kirchliche Traditionen bewahren werde. Grundsätzlich aber gilt: Sollten sich in der Bibel neue Aspekte auftun, sollten gewichtige Traditionen erkennbar werden, die, aus welchen Gründen auch immer, bislang ein Schattendasein führten, kann und darf dies nicht ohne Folgen für Botschaft und Gestalt der Kirche sein.

Nun aber sind wir durch die Methoden der durch Reformation und Humanismus angeregten historisch-kritischen Exegese auf einen Zusammenhang von Texten gestoßen, die nicht nur allesamt ein sehr hohes Alter aufweisen, sondern auch eine ganz eigenständige Aussageintention erkennen lassen. Zwar weicht sie von der Grundlinie der die neutestamentlichen Schriften bestimmenden Theologie und Christologie in geradezu fundamentaler Weise ab, ja ist mit ihr im Grunde unvereinbar, doch spricht alles dafür, dass gerade diese wenigen, aber markanten Texte es sind, die uns die Jesusbotschaft selber erschließen: sein Evangelium von der Gegenwart des Reiches Gottes. Das jesuanische Evangelium ist das älteste, das tiefste Fundament des Neuen Testaments. Mit ihm hat einmal alles begonnen – und es überzeugt aus sich selbst heraus. Dem Schriftprinzip zu folgen kann deshalb heute nur heißen, der Jesusbotschaft und ihr allein normative Bedeutung zuzuerkennen.

 


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